Superlativ

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Mehr über Adjektive

Im Englischen oder in anderen europäischen Sprachen haben Adjektive spezielle Formen, die beim Vergleich benutzt werden: im Englischen und Deutschen eine Steigerungsform (Komparativ) durch Anfügen der Endung -er, und einen Superlativ, der gebildet wird im Englischen mit der Endung -est, im Deutschen mit der Endung -ste, -ster, -stes. Das Adjektiv klein hat zum Beispiel die Steigerungsform (Komparativ) kleiner und den Superlativ kleinster, kleinste, kleinstes bzw. mit Kopula am kleinsten. Die Funktion dieser Formen ist, den Vergleich zwischen den verschiedenen Beteiligten zu erleichtern. Wenn wir sagen wollen, dass eine Partei die beschriebene Eigenschaft in höherem Maß besitzt als eine andere, dann verwenden wir den Komparativ: "Peter ist kleiner als Paul." Der Superlativ wird benutzt, wenn wir ausdrücken wollen, dass eine Partei die fragliche Eigenschaft in höherem Maß als alle anderen Beteiligten besitzt: "Peter ist der kleinste Junge der Klasse."  

In der ersten Version dieser Quenya-Lektion, wie sie im Dezember 2000 veröffentlicht wurde, schrieb ich: "Aber wenn es um Quenya geht, gibt es nicht viel, was wir dazu sagen können. Das veröffentlichte Material enthält absolut keine Information über Vergleichsformen; wir kennen nicht einmal ein unabhängiges Wort für 'mehr'." Seit damals hat sich die Situation glücklicherweise geändert; 2001 erschien etwas mehr Information in den Journalen Tyali Tyelelliéva und Vinyar Tengwar. Nun kennen wir ein Wort für "mehr" (malda), und wir kennen auch eine spezielle Form, die beim Vergleich benutzt wird: "A ist heller als B" kann ausgedrückt werden mit "A ná calima lá B", wörtlich A ist hell über B hinaus" (VT42:32). Doch das Wort hat andere Bedeutungen neben "jenseits, über.. hinaus", und es wird praktikabler sein, seine Verwendung im Vergleich in einer späteren Lektion zu behandeln und anzuwenden ("Die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten von lá", Lektion 18).

Wir werden uns hier stattdessen auf den Superlativ von Adjektiven konzentrieren. Ein winziges Stückchen eines Zeugnisses war schon lange verfügbar: In Letters:278-279 erklärte Tolkien die Adjektivform ancalima, die im HdR auftaucht. Indem er es als "äußerst hell" übersetzt, erklärt er dass das calima "hell scheinend" ist, mit einem vorangestellten Element an-, letzteres als "Superlativ- oder Intensivierungs-Vorsilbe". Deshalb haben viele Schreiber die Vorsilbe an- benutzt als Äquivalent zu der deutschen Endung -ster, -ste, -stes, um den Superlativ von Adjektiven zu bilden - z. B. anvanya "schönste(-r, -s)" von vanya "schön" (aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass ancalima unser einziges attestiertes Beispiel für den Gebrauch von -an in diesem Sinn ist).

Man mag sich fragen, ob die Form, die gebildet wird mit der Vorsilbe an- , wirklich das Äquivalent eines deutschen Superlativs darstellt, d. h. einer Form des Adjektivs, die andeutet, dass etwas / jemand von einer Eigenschaft im Vergleich mit bestimmten anderen am meisten besitzt. Es sei angemerkt, dass Tolkien ancalima nicht mit "am hellsten" übersetzte, sondern mit "außerordentlich hell, sehr hell". Wenn er an- als eine "superlative oder intensivierende Vorsilbe" beschreibt, scheint es fast als meinte er "Superlativ oder ziemlich intensivierende Vorsilbe". Somit bedeutet an- vielleicht eher "sehr, außerordentlich" als "am meisten" im Vergleich mit anderen. Es sei dennoch angemerkt, dass der Kontext, in dem das Wort zu finden ist, in gewissem Maß auf einen "Vergleich" deutet: Im HdR taucht ancalima auf als Teil von Frodos "in Zungen sprechen" in Kankras Lauer (Teil 2, Buch 4, Kapitel 9): Aiya Eärendil Elenion Ancalima. Im HdR selbst wird keine Übersetzung gegeben, aber Tolkien erklärte später, dass dies "Heil Earendil, hellster der Sterne" bedeutet (Briefe:385). In Tolkiens Mythologie wurde Earendil, der den leuchtenden Silmaril trug, an den Himmel versetzt als hellster aller Sterne. Somit scheint hier die Bedeutung die eines echten Superlativ zu sein, "hellster" im vollen Sinn von "heller als alle anderen". In jedem Fall taucht in den veröffentlichten Schriften keine andere Information darüber auf, wie der Superlativ zu bilden ist, andere alternative Superlativformen betreffend.

Die Vorsilbe an- in dieser Form kann nicht automatisch vor jedes Quenya-Adjektiv gesetzt werden, sonst würden sich Konsonantencluster daraus ergeben, die Quenya nicht erlaubt. An- kann unverändert an Adjektive angefügt werden, die auf einem Vokal beginnen oder auf c-, n-, qu-, t-, v-, w- und y-.

an + alta

groß (Ausmaß)

= analta

größter

an + calima

hell

= ancalima

hellster (einziges attestiertes Beispiel!)

an + norna

robust, zäh

= annorna

robustester

an + quanta

voll

= anquanta

vollster

an + vanya

schön

= anvanya

schönster

an + wenya

grün

= anwenya

grünster

an + yára

alt

= anyára

ältester

Im Deutschen unterscheiden wir noch nach Geschlecht (hellster, hellste, hellstes), ich habe hier nur die männliche Form aufgeschrieben, doch unterscheidet Quenya hier nicht! anyára kann also auch "älteste" oder "ältestes" heißen!

Vielleicht können wir auch Adjektive auf f- und h- einschließen (keine Beispiele):

an + fána

weiß

= ?anfána

weißester

an + halla

groß

= ?anhalla

größter

 Was in den anderen Fällen passiert können wir nicht mit Sicherheit sagen. Entweder wird ein zusätzlicher Vokal (wahrscheinlich e oder a) zwischen die Vorsilbe und das Adjektiv eingefügt, um den ansonsten unmöglichen Cluster aufzubrechen, oder das finale -n der Vorsilbe verändert sich und wird dem ersten Konsonanten des Adjektivs ähnlicher (oder gleich). Eine solche Assimilation kann an anderen Stellen des Korpus beobachtet werden, somit kann das ebenso gut unsere bevorzugte Theorie sein hinsichtlich des Verhaltens von an-. Vor dem Konsonanten p- würde das n von an vermutlich mit geschlossenen Lippen ausgesprochen, weil die Aussprache von p einen solchen Lippenschluss auslöst; folglich würde aus n ein m. (Vergleichen Sie die Aussprache des Wortes Input, das ebenfalls oft Imput ausgesprochen wird.) Von pitya "klein" hätten wir somit ampitya für "kleinster", das unmögliche Wort anpitya umgearbeitet in eine zulässige Form (Quenya kennt kein np, aber der Cluster mp ist häufig selbst in selbständigen Wörtern).

Vor den Konsonanten l-, r-, s- und m- würde das finale n von an- vielleicht völlig assimiliert, das heißt es würde identisch mit dem folgenden Konsonanten:

an + lauca

warm

= allauca

wärmster

an + ringa

kalt

= arringa

kältester

an + sarda

hart

= assarda

härtester

an + moina

lieb

= ammoina

liebster

Vgl. attestierte Assimilationen wie nl zu ll in dem Verbund Númellótë "Blume des Westens" (UT:227, leicht zu erkennen als Verbund aus den gut bekannten Wörtern númen "Westen, westlich" und lótë "Blume"). Was die Gruppe nm zu mm betrifft, so ist diese Entwicklung ersichtlich aus dem Namen des Vanyarin-Elben Elemmírë, der im Silmarillion erwähnt wird: sein (ihr?) Name bedeutet offensichtlich "Sternenjuwel" (elen "Stern" + mírë "Juwel").