Stammvar

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Veränderungen des Wortstammes

Das ist eine Sache, der wir einige Abschnitte widmen sollten, konnten wir sie doch nicht einmal in dieser frühen Phase des Kurses gänzlich vermeiden. Ich werde hier etwas ins Detail gehen, aber Studierende können beruhigt aufatmen, denn von ihnen wird nicht erwartet, dass sie alle Wörter und Beispiele, die folgen, im Gedächtnis behalten. Versuchen Sie einfach ein Gefühl dafür zu bekommen, was eine Veränderung des Wortstammes, eine Stammvariation überhaupt ist!

Manchmal verändert sich die Form eines Quenyawortes leicht, wenn Sie ihm eine Endung geben. Zwei solche Wörter wurden weiter oben bereits erwähnt. Wenn Sie eine Endung an tál, "Fuß" anhängen, zum Beispiel das -i für den Plural oder das -u für den dualen Plural, verkürzt sich der lange Vokal á zu a. So ist der Plural "Füße" tali und nicht etwa **táli, der duale ("ein Fußpaar") heißt talu und nicht **tálu. In einem solchen Fall könnte man sagen, das Wort tál "Fuß" hat den Stamm tal-. Ähnlich hat das Wort hen "Auge" den Stamm hend-, denn der Plural lautet hendi und nicht etwa **heni. Die Stammform selbst taucht als Wort selbst nicht auf, aber sie ist die Form, an die Sie Endungen anhängen. Wenn ich einen Glossar präsentiere, werde ich diese Stammveränderung aufzeigen, indem ich zuerst die unabhängige Form aufliste, gefolgt von einer "Stammform" in Klammern und einem Bindestrich dort, wo die Endung folgt, zum Beispiel: tál (tal-) "Fuß", hén (hend-) Auge.

Im Fall von tál vs. tal- hängt die Veränderung offensichtlich mit der Tatsache zusammen, dass Vokale in Wörtern mit nur einer Silbe verlängert werden, aber wenn das Wort Endungen bekommt, hat das Wort offenkundig mehr als eine Silbe und somit taucht die Verlängerung nicht länger auf (ein anderes Beispiel dafür scheint nér "Mann" vs. neri "Männer", MR:213/LR/354). Ursprünglich war der Vokal in allen Formen kurz. Im allgemeinen zeigt die Stammform, wie das Wort in einer früheren Phase in der langen linguistischen Entwicklung aussah, die Tolkien bis in kleinste Einzelheiten erdachte.  hen "Auge" mit seinem Stamm hend- spiegelt den einfachen, ursprünglichen Ausgangspunkt KHEN-D-E wieder , von dem es sich ursprünglich ableitet (LR:364). Quenya kann am Wortende kein -nd haben und vereinfachte zu -n, wo das Wort für sich alleine steht (somit steht hen in gewisser Weise für die unmögliche vollständige Form hend). Wenn aber eine Endung folgt, ist nd nicht länger final und darf wirklich auftauchen. Sehr oft hat Stammveränderung zu tun mit Clustern oder Lauten, die am Wortende nicht erlaubt sind, aber überall sonst stehen dürfen. Nehmen wir ein Wort wie talan, "Fußboden". Der Plural "Fußböden" heißt nicht **talani, wie wir erwarten würden, sondern talami. Der Stamm lautet talam-, denn er kommt von TALAM (LR:390), seine Wurzel im Ur-Elbisch. Als Quenya sich dem Ur-Elbisch entwickelte kam eine Regel auf, die nur einige wenige Konsonanten am Wortende zulässt, und m gehörte nicht zu ihnen. Der nächste "zulässige" Konsonant war n, und so wurde aus dem alten Wort talam talan - in der Pluralform talami (und anderen Formen mit einer angefügten Endung), denn das m war nicht länger final und blieb somit unverändert. Ein anderer, ähnlich gelagerter Fall ist filit "kleiner Vogel". Er hat den Stamm filic- (zum Beispiel heißt die Mehrzahl filici, "kleine Vögel").  Die Wurzel im Ur-Elbischen ist PHILIK (LR:381), aber Quenya erlaubt am Wortende kein -k. Somit wurde es an dieser Position zum -t. Wo es nicht final war, blieb es k (hier c geschrieben).

In einigen Fällen ist die "unabhängige" Form eine vereinfachte oder verkürzte Form eines Wortes, während der Stamm die längere Form wiedergibt. Zum Beispiel dachte sich Tolkien offensichtlich, dass das Wort merendë "Fest, Feier" oft zu meren verkürzt wurde, aber der Stamm ist immer noch merend- (LR:372). Somit ist der Plural von meren merendi undnicht **mereni. Wenn es alleine steht, wird das Wort nissë "Frau" normalerweise reduziert zu nis (oder nís mit einem verlängerten Vokal), aber vor Endungen bleibt das Doppel-S erhalten: somit heißt der Plural "Frauen" nissi (LR:377, MR:213). Ein ähnlicher Fall ist Silmarillë, der Name eines der legendären Juwelen, die Fëanor kreierte; das wird normalerweise zu Silmaril verkürzt, aber vor Endungen bleibt das Doppel-L erhalten (Silmarill-); somit ist der Plural immer Silmarilli. Im Fall von zusammengesetzten Wörtern wird oft das zweite Element verkürzt, aber vor einer Endung taucht die längere Form auf. Zum Beispiel enthält das Wort Sindel "Grauelb" (WJ:384) -el als reduzierte Form von Elda  "Elb". Der Plural von Sindel heißt nicht etwa **Sindeli, sondern Sindeldi mit dem erhaltenen Cluster -ld- aus Elda. (Da das finale -a im Verbund verloren ging, können wir nicht den Plural **Sindeldar bilden.)

In einigen Fällen kann ein Wort zusammengezogen werden, wenn es Endungen erhält. In solchen Fällen zeigt die Stammform nicht die ältere, vollständigere Form des Wortes. Solche Kontraktionen tauchen oft in zweisilbigen Wörtern auf, die zwei gleiche Vokale enthalten. So wird zum Beispiel feren "Buche" zu fern zusammengezogen vor einer Endung, zum Beispiel im Plural ferni (statt **fereni). WJ:416 weist zum Beispiel darauf hin, dass laman "Tier" vor einer Endung zu lamn- zusammengezogen werden kann, also zum Beispiel zu lamni "Tiere", obwohl die nicht-reduzierte Form lamani ebenso in Gebrauch war. Gelegentlich erfahren die zusammengezogenen Formen weitere Veränderungen im Vergleich zu der nicht-reduzierten Form; als Plural von seler "Schwester" erwarten wir **selri, doch ist lr keine erlaubte Kombination in Quenya und wird verändert zu -ll. Der tatsächliche Plural "Schwestern" heißt selli (LR:392).

Eine andere Form der Stammveränderung ist nur spärlich attestiert, so fern es Hauptwörter angeht, aber es gibt Hinweise auf den Effekt, dass der finale Vokal einiger Wörter sich verändern kann, wenn man eine Endung anhängt. In Quenya kommen die finalen Vokale -o und manchmal von -u und -i im Ur-Elbischen. Auf einer Stufe seiner linguistischen Entwicklung wurde das ursprüngliche kurze -i zu -e, wenn der Vokal final war; unter denselben Bedingungen wurde aus -u ein -o. Beispielsweise entwickelte sich das ursprüngliche Wort tundu "Hügel" zu tundo in Quenya (LR:395). Aber da dieser Wechsel nur erschien, wenn der Vokal final war, ist es denkbar, dass seine ursprüngliche Form vor einer Endung erhalten bleibt. Der Plural "Hügel" lautet wohl tundur als tundor, obwohl keine Form attestiert ist. Laut SD:415 hat das Quenya-Hauptwort lómë "Nacht" den Stamm lómi-, was augenscheinlich bedeutet dass der finale Vokal zu -i wird, wenn man eine Endung anfügt. Fügt man zum Beispiel die Endung -t für den dualen Plural an lómë (um ein "Paar" von Nächten auszudrücken), kommt voraussichtlich dabei eher lómit als lómet dabei heraus. Das rührt daher, dass lómë aus dem Ur-Elbischen dômi kommt (LR:354), und -i wurde niemals zu -e es sei denn es war final. Manche denken, dass bestimmte Wörter im Namárië, lírinen und súrinen, attestierte Beispiele dieses Phänomens sind: Das sind Formen von lírë "Lied" und súrë "Wind" (letzteres ist direkt attestiert in MC:222; die Bedeutung der Endung -nen in den Wörtern lírinen und súrinen werden in einer späteren Lektion besprochen). Wenn das Wort ursprünglich auf ein -i endete, das später zu (und nur wenn es final war), kann das erklären, warum in diesem Wort anscheinend zu -i- wurde vor einer Endung. Wir könnten dann sagen, dass súrë den Stamm súri- hat.

Eine ähnliche Veränderung scheint es bei dem finalen Vokal -o zu geben, der in einigen Fällen von einem finalen -u im Ur-Elbischen abstammt; auch hier könnte die Urform des Vokals wieder zum Leben erwachen, wenn eine Endung angefügt wird. Rusco, "Fuchs" zum Beispiel hat den Stamm ruscu-, und wenn wir die Endung des dualen Plurals anhängen, um ein "Fuchspaar" zu bezeichnen,  resultiert daraus wahrscheinlich die Form ruscut eher als ruscot. Allerdings gibt es zu diesem Phänomen keine ausführliche Abhandlung in Tolkiens veröffentlichten Schriften; tatsächlich sind die Feststellungen in SD:415 und VT:41:10, dass lomë und rusco die Stämme lómi-, ruscu- haben, die engsten Referenzen, die wir dafür haben.

Der Lernende sollte nicht verzweifeln und meinen, dass all diese fremdartigen Dinge typischerweise passieren, wann immer man eine Endung an ein Quenya-Wort anhängt, so dass es eine Riesenfülle an Möglichkeiten gibt, peinliche Fehler zu machen (oder zumindest eine Menge Stoff, den man sich einprägen muss). Die meisten Quenya-Wörter scheinen sich "wohlerzogen" zu verhalten, ohne abweichenden Stamm, an den man denken muss; einfach Endung anhängen und fertig. Wo eine abweichende Stammform bekannt ist (oder wir guten Grund haben, das anzunehmen), wird das natürlich gesagt, wenn ich dieses Wort das erste Mal vorstelle und es für die Übungen relevant ist.