Lektion 8

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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Lektion 8

 Das Perfekt 
Pronomenendungen -n(yë), -l(yë), -s

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Das Perfekt

Tolkien schwebte sicher vor, dass das Quenya-Verb mehr Zeiten haben sollte als diejenigen, die in veröffentlichtem Material auftauchen, aber nur eine dieser bekannten Zeiten bleibt nun noch zu behandeln. Die letzte bekannte Quenya-Zeitform ist das Perfekt. (Es gibt noch andere Verbformen, die wir später zu besprechen haben, wie den Infinitiv, das Gerundium und den Imperativ, aber diese zählen nicht als Zeitformen.)

Linguistisch gesprochen hat Englisch kein Perfekt, so wie es auch keine Zukunft hat. Für das Deutsche gilt dasselbe. Doch wie die Sprache die Idee der Zukunft regelgerecht bildet mit Hilfe des Wortes "wird" bzw. "werden", so wird die Bedeutung eines richtigen Perfekt typischerweise ausgeführt mit einer Umschreibung mit den Verben "haben" oder "sein". Zum Beispiel sind typische deutsche Konstruktionen mit der Funktion eines Perfekt in folgenden Sätzen zu finden: "Peter ist gegangen", "die Gäste haben gegessen" (im Gegensatz zu einer einfachen Vergangenheit (Imperfekt): "Peter ging", "die Gäste aßen"). Das Perfekt beschreibt eine Aktion, die selbst vergangen ist, aber die Benutzung des Perfekts betont, dass diese vergangene Handlung irgendwie noch direkt relevant ist für den gegenwärtigen Augenblick: "Peter ist gegangen [und er ist noch weg]", "die Gäste haben gegessen [und sind hoffentlich noch satt wenn wir sprechen]", etc. - Zumindest im Englischen (aber das gilt nicht für das Deutsche) können solche Konstruktionen auch benutzt werden, um eine Handlung zu beschreiben, die in der Vergangenheit begann und sich im gegenwärtigen Moment immer noch fortsetzt: "The king has ruled (oder has been ruling) for many years." Übersetzt man wörtlich ins Deutsche: "Der König hat viele Jahre regiert", wird klar, dass bei uns im Normalfall ein abgeschlossener Vorgang gemeint ist. Dass der König immer noch regiert würden wir eher weniger daraus schließen.

Quenya hat im Gegensatz zum Englischen und Deutschen ein echtes Perfekt - eine einheitliche Verbform, die diese Bedeutung ausdrückt, ohne Umschreibungen und zusätzliche Verben. Einige Beispiele dieses Perfekts tauchen in HdR auf. Zwei von ihnen sind in dem Kapitel "Der Statthalter und der König" in Band 3 zu finden. Das erste Beispiel ist aus Elendils Erklärung, wiederholt von Aragorn während seiner Krönung. SIe lautet (ein Teil): Et Eärello Endorenna utúlien = "Aus dem Großen Meer bin ich nach Mittelerde gekommen." Entfernt man die Endung -n, die "ich" bedeutet, finden wir, dass das reine Perfekt "ist gekommen / sind gekommen" utúlië ist (nach der Übereinkunft zur Schreibweise, die wir am Anfang getroffen haben, fügen wir über dem finalen e die Diarese hinzu). Später im selben Kapitel findet Aragorn den Schößling des Weißen Baumes, und er ruft aus: Yé! utúvienyes! "Ich habe ihn gefunden!" (Das Wort wird nicht übersetzt; es ist offensichtlich einfach ein Ausruf "Ja!"). Utúvienyes kann zerlegt werden in utúvie-nye-s "habe gefunden-ich-es". Somit bleibt uns utúvië als Perfekt eines Verbs tuv- "finden". (Dieses Wort ist nirgendwo anders belegt, abgesehen davon, dass es mit einem Verb u- "erhalten" gleichgesetzt werden kann, zu finden in sehr frühem Material [1917], siehe GL:71. Ob dieses tuv- in der Bedeutung etwas differiert von hir-, können wir nicht wissen. In den Übungen dieses Kurses verwende ich für "finden" immer hir-).

Ein nach HdR datiertes Beispiel für ein Quenya-Perfekt ist in VT39:9 zu finden, wo Tolkien eine Form irícië "hat gedreht" erwähnt - offensichtlich das Perfekt eines Primärverbs ric- "drehen" (nicht anderweitig belegt, aber die Etymologies listen eine primitive Wurzel RIK(H) -"rucken, plötzlich bewegen" auf). Wie oben festgestellt scheint die Form utúvië "hat gefunden" ein Verb euv- "finden" als Grundlage, und utúlië "ist gekommen" ist das Perfekt eines Verbs tul- "kommen", das in den Etymologies (Eintrag TUL-) belegt ist. Aus diesen Beispielen wird klar, dass das Perfekt mit der Endung -ië gebildet wird, aber der Stamm des Wortes wird auch auf andere Art verändert. Im Fall von Primärverben zumindest wird der Stammvokal verlängert: utúvië, utúlië, irícië.

 Der heißhungrige Studierende wird sich daran erinnern dass eine ähnliche Verlängerung in der Gegenwartsform auftaucht (wir haben túva "findet", túla "kommt", ríca "dreht"), aber die Bildung des Perfekts unterscheidet sich von der Gegenwart nicht nur in der Tatsache, dass ersteres die Endung -ië erhält an Stelle von -a. Das Perfekt, als einzige aller bekannten Zeitformen in Quenya, erhält auch eine Art Vorsilbe. Diese Vorsilbe ist in der Form variabel, denn sie ist immer dasselbe wie der Stammvokal (aber kurz). So wird aus den Verben tuv- "finden" und tul- "kommen" utúvië und utúlië im Perfekt (die Vorsilbe ist unterstrichen)), da ihr Stammvokal u ist. Auf der anderen Seite wird aus dem Verb ric- "drehen" mit dem Stammvokal i irícië im Perfekt. Weitere Beispiele (von mir konstruiert, mit unterstrichenem Stammvokal und unterstrichener Vorsilbe):

Stammvokal A mat- essen vs. amátië hat gegessen
Stammvokal E cen- sehen vs. ecénië hat gesehen
Stammvokal I tir- beobachten, bewachen vs. itírië hat bewacht
Stammvokal O not- rechnen vs. onótië hat gerechnet
Stammvokal U tur- regieren vs. utúrië hat regiert

 Die Vorsilbe, die im Perfekt zu sehen ist, wird normalerweise Augment genannt. Es sei außerdem angemerkt, dass man den Vorgang des "Kopierens" oder "Wiederholens" eines Wortteiles, wie der hier zu sehende Stammvokal als Vorsilbe, mit einem linguistischen Fachbegriff Reduplizieren. Um so viele fantastische Wörter wie möglich zu benutzen: Es ist ein Grundzug des Quenya-Perfekts , dass als Augment ein reduplizierter Stammvokal als Prefix vorangestellt wird.

Bislang haben wir nur Beispiele benutzt, die Primärverben betrafen. Die Zeugnisse sind tatsächlich extrem spärlich hinsichtlich abgeleiteter (A-Stamm-) Verben. Allgemeine Prinzipien deuten darauf hin, dass sie ihr finales -a fallen lassen, bevor die Endung -ië angefügt wird. Zum Beispiel sind das Perfekt von lala- "lachen" oder mapa- "ergreifen" vermutlich alálië "hat gelacht" und amápië "hat ergriffen". (Wo ein solches Wort einen langen Stammvokal hat, bleibt er im Perfekt wahrscheinlich auch lang, wo er ohnehin verlängert sein würde. Das Augment sollte aber wahrscheinlich immer ein kurzer Vokal sein; so hat ein Wort móta- "sich plagen" wohl das Perfekt omótië "hat sich geplagt".)

Doch sehr viele A-Stämme haben eine Konsonantenhäufung nach dem Stammvokal, z. B. rn nach dem ersten A in einem Verb wie harna- "verwunden". Da man in Quenya unmittelbar vor Konsonantenhäufungen keine langen Vokale findet, müssen wir annehmen dass die Verlängerung des Stammvokals bei Verben dieser Form einfach nicht auftritt. Ansonsten wird das Perfekt wohl entsprechend den normalen Regeln gebildet: mit Reduplizieren des Stammvokals als Augment und durch Ersetzen des finalen -a durch die Endung -ië (somit wäre "hat verwundet" aharnië, nicht **ahárnië). Es scheint, dass wir einige belegte Beispiele von augmentlosen Perfektformen haben, die die Verlängerung des Stammvokals übergehen, wenn ihm eine Konsonantenhäufung folgt (siehe unten).

Die zahlreichen A-Stämme, die auf -ya enden, mögen ein spezieller Fall sein. Nehmen Sie ein Verb wie hanya- "verstehen": Entsprechend den soweit gegebenen Regeln sollte das Perfekt **ahanyië (oder sogar **ahányië mit verlängertem Vokal, da es relativ unsicher ist, ob ny hier als Konsonantenhäufung zählt oder als einzelner Konsonant - palatales n wie das spanische ñ). Aber eine solche Form ist unmöglich, denn die Kombination yi taucht in Quenya nicht auf.

Es könnte ein Beispiel geben, das uns führt: Im Namarië taucht ein Perfekt avánië "ist vergangen" auf (tatsächlich taucht es in der Pluralform auf: yéni avánier ve lintë yuldar lisse miruvóreva = "die langen Jahre sind vergangen wie rasche Schlucke des süßen Mets" - beachten Sie, dass das Perfekt, wie andere Zeitformen, die Endung -r erhält, wenn es mit einem Subjekt im Plural erscheint). In dem Essay  Quendi and Eldar von ca. 1960 erklärte Tolkien avánië (oder vánië ohne Augment) als das Perfekt des hoch unregelmäßigen Verbs auta- (WJ:366). Aber ein Vierteljahrhundert früher, in den Etymologies, listete er ein Verb vanya- "gehen, verlassen, verschwinden" auf (siehe den Eintrag WAN). Es ist durchaus möglich, dass er in den Vierzigern, als er das Namárië tatsächlich schrieb, immer noch an (a)vánië als Perfekt des Verbs vanya- dachte, obwohl er später mit einer anderen Erklärung aufwartete (vielleicht wollte er den Konflikt mit dem Adjektiv vanya "schön" ausmerzen, obwohl die Wörter im Kontext unschwer auseinander zu halten sein sollten?) Wenn ja, gab Tolkien damit auch preis, wie Verben auf -ya zu behandeln sind: Im Perfekt fällt die gesamte Endung -ya weg, bevor -ië angefügt wird, und was vom Verb bleibt wird behandelt als wäre es ein Primärverb. Das Perfekt würde somit beides zeigen: Augment und Verlängerung des Stammvokals, etwa wie folgt:

hanya- verstehen Perfekt ahánië hat verstanden
hilya- folgen Perfekt ihílië ist gefolgt
telya- beenden Perfekt etélië hat beendet
tulya- führen  Perfekt utúlië hat geführt

Natürlich können Sie aus den Perfektformen nicht mit Sicherheit ableiten, wie der ursprüngliche Stamm des Verbs aussieht. Zum Beispiel könnte ihílië ebenso das Perfekt eines Primärverbs **hil- sein oder ein kurzer A-Stamm **hila-. In diesem Fall ist uns kein solches existierendes Verb bekannt, aber utúlië wäre nicht nur das Perfekt von tulya- "führen", sondern auch von dem anderen, verschiedenen Verb tul- "kommen". Somit muss man sich auf den Kontext verlassen, um herauszufinden, ob das Perfekt utúlië gebildet wurde aus tulya- "führen" (so dass es bedeutet "hat geführt") oder aus tul- "kommen" (so dass es bedeutet "ist gekommen"). Dasselbe gilt für das Perfekt ahárië: Diese Form würde "hat besessen" bedeuten, wenn es aus harya- gebildet wurde, aber "ist gesessen", wenn es das Perfekt ist von har- ist (offensichtlich ein Primärverb "sitzen"; nur die Pluralform der Gegenwart, "sitzen", ist attestiert: hárar (UT:305, 317).

Verben, die Diphthonge enthalten
In einigen Fällen mag es etwas schwierig sein, festzustellen was der Stammvokal ist. Wo ein Verb einen Diphthong mit -i oder -u enthält, ist es wahrscheinlich der erste Vokal dieses Diphthongs, der im Perfekt als Augment fungiert. Das Perfekt von Verben wie taita- "verlängern, ausdehnen" oder roita- "verfolgen" z. B. wären vermutlich ataitië, oroitië, und das Perfekt von hauta- "aufhören, eine Pause einlegen" ist vermutlich ahautië. (Der Stammvokal kann schlecht verlängert werden, wenn er Teil eines Diphthongs ist, so erwarten wir nicht, **atáitië, **orótië, **aháutië zu sehen.) Die ursprünglichen Wurzeln dieser Verben sind in den Etymologies entsprechend gegeben mit TAY, ROY, KHAW; somit sind die reinen Stammvokale dieser Verben entsprechende zu erkennen als A, O, A. Das finale -i oder -u in den Quenya-Diphthongen scheint aus den ursprünglichen Konsonanten -y und -w zu entstehen, somit können sie nicht als Stammvokale gelten.

Perfektformen ohne Augment:  
Das Material enthält einige Beispiele von Verben im Perfekt, die nach den oben aufgestellten Regeln gebildet sind, aber mit der Ausnahme, dass kein Augment vorangestellt ist. MR:250 (eine Quelle nach HdR wiedergebend) erwähnt eine Form firië "hat ausgeatmet" oder in einer späteren Verwendung "ist gestorben"; das Argment fehlt, obwohl es keinen Grund dafür gibt anzunehmen, dass die volle Form ifírië falsch wäre. (Die tatsächliche Übersetzung von fírië, die in MR:350 gegeben wird, lautet "she hath breathed forth", aber es ist kein Element mit der Bedeutung "sie" auszumachen; es ist zweifellos so zu verstehen.) Das Verb avánier "sind vergangen", das im Namárië auftaucht, war tatsächlich in der ersten Ausgabe des HdR vánier mit keinem Augment; Tolkien ergänzte das Augment in der zweiten Ausgabe (1966). Davor, in dem Essay Quendi and Eldar von etwa 1960, erklärte er die Variante ohne Augment einfach als eine Variante "appearing in verse", die in Versform vorkommt (WJ:366). Wenn man eine Silbe hinzufügt, wie es Tolkien tat, als er die volle Form avánier in dem Gedicht 1966 vorstellte, passt das in das Versmaß (Metrum) im Namárië wirklich nicht besonders gut - aber offensichtlich entschied er sich, dass saubere Grammatik Priorität haben sollte.
                    In den anderen Perfektformen, die im HdR auftauchen (utúlien, utúvienyes) war das Augment auch schon in der ersten Ausgabe von 1954 - 55 präsent. Trotzdem scheint es, dass die ganze Idee des Augments bei Wörtern im Perfekt relativ spät in Tolkiens Entwicklung von Quenya auftauchte. In frühen Quellen fehlt das Augment. Zum Beispiel erscheint die Wendung "die Elben sind gekommen" als i-Eldar tulier in Tolkiens frühestem "Qenya" (LT1:114, 270). Das Perfekt von tul-, das hier auftaucht, verwendet dieselbe Endung -ie- wie im Quenya im Stil des HdR, aber das Augment, ebenso wie die Verlängerung des Stammvokals, haben noch keinen Eingang in die Sprache gefunden. Würde man ein Update dieses Satzes in HdR-mäßiges Quenya machen, indem man Tolkiens spätere Revisionen verwendet, käme wahrscheinlich Eldar utúlier heraus (mit Augment und keinem Artikel vor Eldar, wenn es sich auf die gesamte Rasse der Elben bezieht).
                    In viel späteren Quellen, die aber immer noch vor HdR zu datieren sind, finden wir lantië (im Plural lantier) als eine Form des Verbs lanta- "fallen": LR:56. Diese Formen scheinen ebenfalls Perfektformen ohne Augment zu sein, sie zeigen die charakteristische Endung -ië für diese Zeitform. Tolkien übersetzte diese Formen mit "fell" ("fiel") (lantië nu huinë "fiel unter Schatten", ëari lantier "Meere fallen"), als stünden sie für eine Art Vergangenheitsform (past tense, Präteritum, wir nennen sie auch 1. Vergangenheit) - nicht für das Perfekt "ist / sind gefallen". Doch er merkte später an, dass die Formen von Vergangenheit (Präteritum) und Perfekt zunehmend enger verbunden wurden in Quenya (WJ:366). Wenn das bedeutet, dass Quenya manchmal das Perfekt benutzt, wo Englisch eher ein past tense (Präteritum) einsetzen würde, können wir "fiel" statt "ist / sind gefallen" besser als mögliche Übersetzung von lantië / lantier verstehen. In SD:310, wo Christopher Tolkien eine spätere Version des fraglichen Textes behandelt, berichtet er, wie sein Vater lantier zu lantaner abänderte - und offensichtlich damit eine echte Vergangenheitsform für ein als 1. Vergangenheit benutztes Perfekt einsetzte. 
                    Wenn lantier, Einzahl lantië, tatsächlich als 1. Vergangenheit betrachtet werden kann, würde das bestätigen, dass der Stammvokal vor einem Konsonantencluster nicht verlängert werden kann (nicht **lántië). Ungefähr in dieser Phase hat Tolkien mit Sicherheit eine solche Verlängerung des Stammvokals im Perfekt eingeführt; Firiels Song enthält cárier für "machte" (oder "sie machten", wenn man die Pluralendung -r einschließt.) Diese Form des Verbs car- "machen, tun" scheint ein anderer Fall von einem als 1. Vergangenheit benutztem Perfekt zu sein, wenn man nach der Übersetzung urteilt. Da der Stammvokal in cárier verlängert ist, müssen wir schließen, dass er in lantier nur aus phonologischen Gründen kurz bleibt: vor Konsonantenhäufungen sind keine langen Vokale erlaubt. - Es mag sein, dass das Fehlen des Augments in einigen frühen Quellen einfach der Tatsache zu verdanken ist, dass Tolkien es noch nicht erfunden hatte; im Quenya im Stil des HdR würde ich alantië als Perfektform von lanta- und acárië als Perfektform von car- empfehlen.
                    Nichtsdestotrotz scheint das oben zitierte Beispiel fírië "hat ausgeatmet, ausgehaucht" aus einer Quelle nach HdR (MR:250) anzuzeigen, dass es sogar im Quenya im Stil des HdR zulässig ist, das Augment wegzulassen, und das Perfekt einfach mit den Mitteln der Endung -ië + Verlängerung des Stammvokals (wenn keine Konsonantenhäufung folgt) zu bilden. Möglicherweise sind Perfektformen ohne Augment gedacht als verbreitetere Form in der gesprochenen oder informellen Sprache, und in der Dichtung kann man das Augment dann weglassen, wenn es den Rhythmus des Gedichtes verdirbt (wie vánier für avánier im Namárië, obwohl Tolkien 1966 seine Meinung änderte und die volle Form einführte).

Verben, die mit Vokalen beginnen:
Verben, die mit einem Vokal beginnen, werfen ein Problem auf. Wo ein Verb eine Vorsilbe hat, die mit einem Vokal beginnt, kann das Augment zwischen die Vorsilbe und den Grundstamm des Verbs schlüpfen. Das Wort enyal- "sich erinnern, zurückrufen" ist ziemlich wörtlich en-yal "zurück rufen", wo yal- und nicht en- der ursprüngliche Wortstamm mit dem Stammvokal ist; in einem solchen Fall würde ich als Perfekt enayálië  erwarten. Aber einige Verben beginnen auch ohne Vorsilbe mit einem Vokal, zum Beispiel anta- "geben". In einem solchen Fall ist der erste Vokal auch der Stammvokal, der hier ohne irgend einen vorangehenden Konsonanten erscheint. Ein Verb kann auch eine Vorsilbe enthalten, die identisch ist mit dem Stammvokal, zum Beispiel onot- "zusammenzählen, aufaddieren" (gebildet aus not- "rechnen" mit einer Vorsilbe o- mit der Bedeutung "zusammen", somit bedeutet onot- wörtlich "zusammen rechnen"). Andere Verbstämme stellen den Stammvokal schon als Vorsilbe voran als eine Art Intensivierung, zum Beispiel atalta- "zusammenbrechen, einfallen" (gegenüber dem Verb talta- mit einer etwas weniger harten Bedeutung: "sich neigen, rutschen, hinunterrutschen"). In all diesen Fällen ist es schwierig, den Stammvokal im Perfekt als Augment voranzustellen. Wir können nicht gut a'antië bilden für "hat gegeben", o'onótië für "hat zusammengerechnet", a'ataltië für "ist zusammengefallen". Was sollen wir also statt dessen tun?
                    Eine verbreitete Annahme war in solchen Fällen war, die ganze erste Silbe als Augment zu reduplizieren: So wäre das Perfekt von anta- "geben" anantië (antantië?) und so weiter. Mit der Veröffentlichung von Vinyar Tengwar #41 im Juli 2000 wurde diese Theorie fast bestätigt. Es stellt heraus, dass Tolkien in einer späten Quelle orórië als Perfekt des Verbs ora- "drängen" auflistete (VT41:13, 18; in Wirklichkeit ist diese Form nicht ausdrücklich als Perfekt identifiziert, aber es kann kaum etwas anderes sein). Beachten Sie, dass die ganze erste Silbe (or-) im Perfekt redupliziert wird: Durch das Reduplizieren des Konsonanten, der dem Stammvokal folgt, zusammen mit dem Stammvokal selbst, wird die schreckliche Form **o'órië vermieden; in orórië hält der reduplizierte Konsonant r Augment und den am Anfang stehenden Stammvokal komfortabel auseinander. Gut und schön - das einzige Problem ist, dass Tolkien, nachdem er die Form orórië niedergeschrieben hatte, diese wieder ausstrich! Ob das bedeutet, dass wir wieder am Anfang stehen, oder ob Tolkien die Form orórië nicht ausstrich, um sie ungültig zu machen, sondern einfach weil ihm nicht danach war, das Perfekt des Verbs ora- da und dort zu diskutieren, kann niemand sagen.
                    Somit ist es ziemlich unklar, wie wir das Augment bei den meisten Verben mit einem Vokal am Anfang anfügen sollen. Ich habe einfach in den Übungen für diesen Kurs das Perfekt solcher Verben vermieden. Aber nachdem Perfektformen ohne Augment zulässig zu sein scheinen, muss die leichteste Lösung sein, im Fall solcher Verben einfach das Augment wegzulassen: anta- "geben" wird antië "hat gegeben", onot- "zusammenrechnen" wird onótië "hat zusammengerechnet" (obwohl das auch das Perfekt von not- "rechnen" ist!), und so weiter. Nach der verworfenen Form orórië schrieb Tolkien orië. War das ein Ersatz, ohne Augment? Ich würde órië erwarten, mit einem gedehnten Stammvokal; orië sieht viel eher aus wie eine andere Form des Verbs (ein Gerundium, in einer späteren Lektion zu behandeln). Dieses Wort mag es wert sein beachtet zu werden.

Bevor wir die Zeitform des Perfekts verlassen, sollte ich kurz etwas zu einer etwas fremdartigen Form sagen, die im Silmarillion, Kapitel 20, auftaucht. Hier finden wir den Ausruf utúlie'n aurë, übersetzt "der Tag ist gekommen". Utúlie (utúlië) ist eindeutig das Perfekt von tul- "kommen", wie die Übersetzung "ist gekommen" bestätigt. Doch das angefügte 'n ist irgendwie geheimnisvoll. Was macht dieser extra Konsonant hier? Die Form utúlie'n erinnert an utúlien "ich bin gekommen" in Elendils Erklärung im HdR, aber hier ist -n die Endung für das Pronomen "ich" (siehe den nächsten Abschnitt). In utulie'n kann keine solche Endung vorhanden sein nach Tolkiens gegebener Übersetzung. Der Apostroph ', der vor dem folgenden n eingefügt ist, zeigt vielleicht auch eine unterschiedliche Aussprache an; in utúlie'n soll der letzte Konsonant vielleicht wie eine eigene Silbe klingen. Es könnte sein, dass dieses n einfach aus Gründen des Wohlklangs angefügt wurde, um drei Vokale in Folge zu vermeiden (da auch das folgende Wort mit einem Vokal beginnt; wenn Sie den Diphthong au in aurë als zwei Vokale zählen wären es sogar vier aufeinander folgende Vokale). Wenn ein Perfekt ohne zusätzliche Endung an dem -ië erscheint und das nächste Wort mit einem Vokal beginnt, sollten wir dann immer 'n einfügen, um zu viele Vokale in Folge zu vermeiden? Ich habe ein solches System in wenigstens einer meiner eigenen Kompositionen benutzt, aber dieser Schluss ist extrem provisorisch: In den Übungen unten habe ich niemals dieses zusätzliche 'n verwendet, da niemand seine Funktion wirklich kennt. Manche glauben sogar, dass es eine alternative Erscheinungsform des Artikels darstellt (der normalerweise als i auftaucht): Immerhin verwendete Tolkien die Übersetzung "the day has com". Wäre somit utúlië'n aurë = ?utúlië en aurë oder ?utúlië in aurë "has come the day", "ist gekommen der Tag??? (Für einen möglicher Beleg von in als Quenyaartikel siehe PM:395). Wir können nur hoffen, dass zukünftige  Publikationen mehr Licht ins Dunkel bringen. Es sei angemerkt, dass Christopher Gilson, der Zugang zu unveröffentlichtem Tolkien-Material hat, für die 'n="der, die, das"-Interpretation spricht.