Lektion 7

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Lektion 7

 Zukunftsform 
Aorist

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Die Zukunft

In dieser Lektion werden wir zwei neue Zeitformen für das Verb einführen, die Zukunft und den Aorist. Wir werden einige Abschnitte darauf verwenden müssen, die Funktion des letzteren zu definieren, aber die Funktion der Zukunftsform ist leicht genug zu erfassen: Diese Zeitform wird verwendet bei Bezug auf zukünftige Aktionen.

Das Englische und Deutsche haben (im Gegensatz zum Beispiel zu Französisch) keine eigene Zukunftsform. Statt einer einheitlichen Beugungsform des Verbs, das sich auf zukünftige Aktionen bezieht, greifen das Englische und das Deutsche zurück auf zusätzliche Verben wie "wird" oder "werden": Eine Vergangenheitsform wie "kam" hat kein Gegenstück mit Zukunftsbezug in einem einzigen Wort, das eine echte Zukunftsform darstellen würde - wir finden nur Umschreibungen wie "wird kommen" (oder im Englischen, is going to come, ist dabei zu kommen). Es ist sogar möglich, die Gegenwart mit Bezug auf die Zukunft zu verwenden: "Er kommt morgen." Deshalb sprechen Linguisten von der englischen und deutschen Gegenwartsform als "Nicht-Vergangenheitsform" statt dessen: sie deckt in Wirklichkeit beides ab, Vergangenheit und Zukunft.

Diese in gewisser Weise asymetrischen Züge von Englisch und Deutsch werden in Tolkiens Elbisch vermieden. Sprachen wie Sindarin und Quenya besitzen echte Zukunftsformen des Verbs. Die Zukunftsform des Verbs hir- "finden" erscheint im Namárië nahe am Ende, in dem Satz nai elyë hiruva, "mag sein du wirst [es] finden".  Das Beispiel hiruva "wirst finden" enthält das, was den normalen - möglicherweise allgemeingültigen - Zukunftsmarker der Zukunft darstellt: die Endung -uva. Diese Vorlage wird durch das Markirya-Poem bestätigt, dass die Beispiele cenuva "wird achtgeben", tenuva "wird wachen" und hlaruva "wird hören" enthält (die Verben cen- "sehen, erblicken, beachten", tir- "beschützen, beobachten", hlar- "hören"). In LR:63 übersetzt Tolkien das Verb queluva als "hört auf, schwindet", aber das ist nur ein Beispiel für die Gegenwartsform als "Nicht-Vergangenheitsform", die die Zukunft ebenso einschließt. Der Kontext zeigt klar an, dass die fragliche Aktion, die das Verb ausdrückt, in die Zukunft gehört: Man tárë antáva nin Ilúvatar, Ilúvatar, enyarë tar i tyel írë Anarinya queluva? "Was wirst du, Ilúvatar, oh Ilúvatar, mir geben in den Tagen jenseits des Endes, wenn meine Sonne schwindet [wörtlich: schwinden wird?]?".

Die bis jetzt aufgezeigten Beispiele zeigen nur die Zukunftsform von "primären" oder endungslosen Verben. Es scheint, dass die Endung -uva auch im Fall der viel zahlreicheren A-Stämme verwendet wird, die aber ihre finales -a verlieren, bevor die Endung für die Zukunft angefügt wird (eine Ausnahme siehe Anmerkung unten). In einer Quelle datiert nach dem HdR erscheint die Zukunftsform des Verbs linda- "singen" als linduva (belegt mit einer weiteren Endung, die hier entfernt wurde; siehe Taum Santoski´s Artikel der Oktoberausgabe 1985 des Beyond Bree - Newsletters). Auch ist das, was offensichtlich die Zukunftsform des A-Stamm-Verbs ora- "(be)drängen, dringen auf, geltend machen, (an)treiben" ist, in einer anderen nach HdR datierten Quelle gegeben mit oruva (VT41:13, 18; Tolkien schrieb in Wirklichkeit oruv·, aber der Herausgeber legt dar, dass der Punkt ein versehentlich unvollständiges a darstelle: Kein Quenya-Wort kann auf -v enden.)

ANMERKUNG: Beachten Sie jedoch, dass das finale -a nicht vor der Endung -uva wegfällt, wenn dieses -a auch der einzige Vokal des A-Stammes ist. So ist die Zukunftsform der Kopula, entwickelt aus dem Stamm "sein" (vgl. "ist") nicht **nuva, sondern nauva: Dieses Wort für "wird sein" ist belegt in VT42:34.

Es könnte sein, dass Tolkien an einer Stelle ein etwas komplexeres System hinsichtlich der A-Stämme vorgeschwebt hatte. Oben zitierten wir eine Zeile aus der vor HdR datierten Quelle, die für gewöhnlich Fíriel's Song genannt wird, einschließlich antáva als Zukunftsform von anta- "geben" (LR:63, 72). Hier scheint Tolkien ein System zu verwenden, wo A-Stämme ihre Zukunft bilden mit Verlängerung des finalen -a zu und Hinzufügen der Endung -va (kürzere Variante von -uva?). Doch im Licht von den späteren  Beispielen linduva und oruva (anstelle von **lindáva, **oráva) betrachtet können wir schließen, dass Tolkien möglicherweise entschied, -uva zu der mehr oder weniger allgemeingültigen Zukunftsendung zu machen: Diese Endung bewirkt einfach, dass das finale -a der A-Stämme wegfällt. Meine bestmögliche Vorstellung ist, dass im Quenya im Stil des HdR die Zukunftsform von anta- eher antuva sein sollte statt antáva, denn es scheint dass Tolkien das System vereinfacht hat.

Doch gibt es eine mögliche Komplikation im Quenya im HdR-Stil, hinsichtlich der Primärverben. Im Namarië im HdR taucht die Zukunftsform enquantuva auf, "wird wieder füllen". Wenn wir die Vorsilbe en- für "wieder" weglassen erhalten wir quantuva für "wird füllen". Das ist als Zukunftsform des Verbs quanta- "füllen" zu sehen, verwandt mit dem Adjektiv quanta "voll". Tolkiens früheste "Qenya"-Wörterliste listet tatsächlich ein solches Verb auf (QL:78, dort qanta- geschrieben). 

Doch über ein halbes Jahrzehnt nach Veröffentlichung des HdR zitierte Tolkien augenscheinlich in dem Essay "Quendi and Eldar" das Quenyawort "füllen" als quat- (WJ:392). Das scheint als sei es ein Primärverb, mit der vermutlichen Vergangenheitsform quantë (die Vergangenheitsform "qante" ist tatsächlich in QL:78 gegeben, aber dort ist es offensichtlich nur gedacht als eine zulässige Verkürzung der Originalform "qantane"; die reguläre Vergangenheitsform eines Verbs quanta- wäre im späteren Quenya ebenso gut quantanë); Wenn Tolkien entschied, dass das Quenya-Verb "füllen" tatsächlich quat- war, und seine Zukunftsform quantuva, wie das Namarië anzuzeigen scheint, sollten wir daraus schließen, dass dieselben Verben, die ihre Vergangenheitsform mit nasalem Infix + Endung -ë bilden, ihre Zukunftsform ähnlich bilden mit nasalem Infix + Endung -uva? Sollten zum Beispiel die Zukunftsformen eines Verbs wie mat- "essen", top- "bedecken" und tac- "befestigen" mantuva "wird essen", tompuva "wird bedecken",  tancuva "wird befestigen" sein? (Vergleichen Sie das nasale Infix in den Vergangenheitsformen: mantë, tompë, tancë.) Oder sollten wir einfach die Endung -uva an den Verbstamm anhängen ohne weitere Manipulationen, also matuva, topuva, tacuva stattdessen? Die allgemeinen Grundsätze scheinen eher das letztere vermuten zu lassen, aber da bleibt das seltsame Beispiel von quantuva zu quat-. Wenn es bei den Zukunftsformen keinen nasalen Infix gibt, müssen wir akzeptieren dass das Verb "füllen" sowohl quant- als auch quat- sein kann, mit unterschiedlichen Zukunftsformen quantuva und quatuva.

Ich habe Zukunftsformen mit nasalem Infix in gewissen eigenen Kompositionen benutzt (und so taten es auch einige andere, die in meine sogenannte "Expertenmeinung" mehr Vertrauen legten als sie möglicherweise sollten). Aber es kann gut sein, dass Tolkien mit dem Erwähnen der Form quat- in WJ:392 dieses tatsächlich beabsichtigte als die einfachste Weise, wie sich die zugrunde liegende Wurzel KWATA in Quenya manifestiert. Der exakte Wortlaut in der Quelle bedient sich eines Bezus auf "den Verbstamm *KWATA, Q quat- 'füllen'." Wenn quat- nur der Weg ist, wie der alte Stamm KWATA in Quenya erscheint, könnte das echte Wort "füllen" immer noch quanta- sein mit der Zukunftsform quantuva. (Vergleichen Sie zum Beispiel den Eintrag PAT in den Etymologies, wo die Wurzel PAT das Quenyawort panta- "öffnen" bildet. Es gibt auch ein Adjektiv panta "offen", exakt parallel zu quanta "voll" neben dem Verb quanta- "füllen"; vielleicht ist in beiden Fällen das Verb in beiden Fällen von dem Adjektiv abgeleitet:)

Alternativ dazu ist quat- wirklich das Verb "füllen" und nicht einfach eine zugrunde liegende Wurzel, aber die Zukunftsform quantuva setzt noch immer einen längeren A-Stamm quanta voraus. Vielleicht hat Tolkien schlicht und einfach vergessen dass er schon eine Form des A-Stamm-Verbes quanta- "füllen" veröffentlicht hatte, so dass es ihm nicht länger frei stand, es in ein Primärverb quat- abzuändern (siehe PM:367-371 als ein Beispiel für Tolkiens Ausarbeitung einiger sorgfältig dargelegter linguistischer Erklärungen, die er ausrangieren musste, weil er entdeckte, dass sie mit einigem in Konflikt standen, das er schon in LotR veröffentlicht hatte - eine verhängnisvolle Fußnote in einem Anhang, die ihn zwang, seine netten neuen Ideen zu verwerfen!).

Somit erlaubt das gegenwärtig verfügbare Material keine sicheren Schlüsse in dieser Angelegenheit. Schreiber können gleichermaßen plausibel Verben, die in der Vergangenheit nasalen Infix zeigen, diesen auch in der Zukunftsform lassen (und von dem Paar quat-/quantuva ausgehend argumentieren, dass die Sprache auf diese Weise funktioniert), oder sich dafür entscheiden, quat- anders zu erklären und die Zukunftsform jedes primären Verbs mit Anfügen der Endung -uva bilden (wei in hir-/hiruva). Als Anwender von Quenya können wir vielleicht gut damit leben, dass es sich in diesem Detail um leicht unterschiedliche Dialekte handelt, bis zukünftige Veröffentlichungen uns hoffentlich erlauben, die richtige Erklärung zu finden.

Es muss angenommen werden, dass die Zukunftsform, wie alle anderen Zeitformen, die Endung -r erhält, wenn ein Subjekt im Plural auftaucht (z. B. elen siluva "ein Stern wird scheinen", aber im Plural eleni siluvar "Sterne werden scheinen").