Lektion 6

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Lektion 6

Die Vergangenheitsform

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

I

Die vorangegangene Lektion behandelte die Gegenwartsform in Quenya, die normalerweise benutzt wird, um eine soeben stattfindende, gegenwärtige Aktion zu beschreiben. Doch Quenya kennt verschiedene Zeitformen, die die gesamte Dreiheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abdecken, und wenn wir vergangene Ereignisse wiedergeben, benutzen wir normalerweise die Vergangenheitsform.

Im Englischen werden viele Vergangenheitsformen mit Hilfe der Endung -ed gebildet; im Deutschen ist es bei regulären Verben die Endung -te, wie zum Beispiel füllte als Vergangenheitsform des Verbs füllen. In Quenya werden die meisten Vergangenheitsformen ähnlich gebildet, mit Hilfe einer Endung, die man an den Stamm des Verbs anhängt. So weit wir wissen enden alle Verben in der Vergangenheitsform mit dem Vokal (obwohl weitere Endungen, wie die Pluralendung -r, die bei einem Subjekt in der Pluralform benutzt wird, nach dem Vokal folgen können). In vielen Fällen ist dieser Vokal Teil der Endung -në, das scheint allgemeinste Vergangenheitsendung in Quenya zu sein.

Wie in der vorangegangenen Lektion besprochen sind die meisten Quenya-Verben A-Stämme, was bedeutet dass sie auf den Vokal -a enden. Die Vergangenheitsform dieser Verben wird typischerweise gebildet, indem man einfach die Endung -në anfügt. Die Etymologies nennen zum Beispiel ein Verb orta- "steigen, aufsteigen, erheben" (siehe Eintrag ORO), und im Namárië im HdR kann man es in seiner Vergangenheitsform ortanë sehen. (Die einfachste Übersetzung von ortanë ist natürlich "aufgestiegen"; die etwas freiere Interpretation im HdR übersetzt stattdessen "hat erhoben", aber Tolkiens zwischen die Zeilen eingefügte Übersetzung in RGEO:67 lautet "lifted up", "erhob"). Andere Beispiele von Tolkiens Aufzeichnungen:

ora-

drängen, bedrängen

Vergangenheit:

oranë

bedrängte (VT41:13, 18)

hehta-

ausschließen

Vergangenheit:

hehtanë

schloss aus (WJ:365)

ulya-

gießen, eingießen

Vergangenheit:

ulyanë

goss ein (Etym, Eintrag ULU)

sinta-

schwach werden

Vergangenheit:

sintanë

wurde schwach (Etym, Eintrag THIN)

Wir könnten das Verb ahyanë "änderte" (oder "änderte sich") hinzufügen, nur attestiert in eben dieser Vergangenheitsform, als Teil der Frage manen lambë Quendion ahyanë [?] "wie änderte sich die Sprache der Elben?" (PM:395). Das Wort "ändern, sich ändern" scheint ahya- zu sein.

Hinsichtlich des Verbs ava- (offensichtlich mit der Bedeutung "verweigern, verbieten") notierte Tolkien, dass seine Vergangenheitsform avanë enthüllte, dass es vom Ursprung her kein „starker“ oder oder urverbaler (grundlegender) Stamm war. Letzteres scheint mehr oder weniger dasselbe zu sein wie ein Primärverb. Er nannte ananë eine "schwache" Vergangenheitsform (WJ:370). Das gilt vielleicht für alle Vergangenheitsformen, die wir bis jetzt angesprochen haben. (Was Tolkien eine "starke" Vergangenheitsform nennen würde, ist nicht so klar. Vielleicht würde er diesen Ausdruck benutzen für jene Vergangenheitsformen, die mit  nasalem Infix (nasaler Einfügung) gebildet werden - siehe unten.)

Wir müssen auch die "grundlegenden" oder "Primärverben" betrachten, jene ohne Endung: Verben, die im Gegensatz zu den A-Stämmen keinen finalen Vokal haben: Verben wie sil- "scheinen"; tir- "beschützen, (be-)wachen", mat- "essen".
Es scheint, dass die Endung -në auch für die Vergangenheitsform einiger Primärverben benutzt werden kann. Tolkien erwähnte tirnë als Vergangenheitsform des Verbs tir- „bewachen“ (Etym, Eintrag TIR), und er zitierte auch tamnë als Vergangenheitsform des Verbs tam- "anklopfen, pochen" (Etym, Eintrag TAM). In diesen Fällen entstehen durch das Anfügen der Endung -në an die Stämme der Verben keine unerlaubten Konsonantenhäufungen: sowohl rn als auch mn sind in der Lautlehre von Quenya erlaubt. Deshalb kann die Endung -në vielleicht auch an Verbenstämme angehängt werden, die auf -n enden, denn auch Doppel-nn ist eine absolut akzeptable Kombination in Quenya. Die Vergangenheitsform des Verbs cen- "sehen" ist vermutlich cennë "sah", obwohl wir kein attestiertes Beispiel für die Vergangenheitsform eines Verbs dieser Form haben.

Aber wo immer der Stamm eines Primärverbs auf einen anderen Konsonanten als eben -m, -n oder -r endet, würde das einfache Anhängen der Endung -në Konsonantenhäufungen produzieren, die es in Quenya nicht gibt. Die Vergangenheitsform von Verben wie mat- "essen", top- "bedecken" oder tac- "befestigen" können nicht **matnë, **topnë, **tacnë sein, denn Häufungen wie tn, pn, cn sind in der Sprache nicht zu finden. Was geschieht also?

Die schwierigere Art zu beschreiben, was geschieht, ist zu sagen dass das n vor der Endung -në ersetzt wird durch nasalen Infix vor dem letzten Konsonanten des Verbenstammes. Was bedeutet Infix? Wir haben schon Suffixe erwähnt, Nachsilben, Elemente, die an das Ende eines Wortes angehängt werden (wie die Pluralendung -r, angehängt an das Hauptwort Elda in seiner Pluralform Eldar), und Präfixe, Vorsilben, Elemente, die am Anfang eines Wortes angefügt werden (wie die Vorsilbe an- für den Superlativ, angefügt an das Adjektiv calima- "hell" in seiner Superlativ-Form ancalima "hellster". Wenn Sie an ein Wort etwas anfügen wollen, gibt es keine weiteren Möglichkeiten als die genannten Stellen; wenn sie es nicht danach oder davor anhängen wollen, ist die letzte Option, es einzufügen in das Wort als "Zwischensilbe", Infix. Das Wort mat- "essen" hat die Vergangenheitsform mantë "aß" (VT39:7), ein Infix, ein eingefügtes n, taucht auf vor dem letzten Konsonanten des Stammverbs (aus t wird nt). Ähnlich hat das Verb hat- "auseinander brechen" die Vergangenheitsform hantë (Etym, Eintrag SKAT).

Vor dem Konsonanten p nimmt das Infix statt n die Form m an, so dass die Vergangenheitsform von top- "bedecken" tompë ist (Etym, Eintrag TOP). Vor c erscheint das Infix als n (oder ñ, siehe unten), so dass die Vergangenheitsform von tac- "befestigen" tancë ist (Etym, Eintrag TAK). Die verschiedenen Formen des Infix - n, m oder ñ, je nach Umfeld - sind allesamt Nasale, Laute, die ausgesprochen werden, indem der Luftstrom aus der Lunge eher durch die Nase entweicht statt durch den Mund. Somit ist nasales Infix der passende Ausdruck für diesen phonologischen Vorgang.

Wie ich sagte, das war der schwierigere Weg, zu erklären, was passiert. Einfacher gesagt: wenn das Anhängen der Vergangenheitsendung -në an ein Primärverb zu einem der nicht erlaubten Konsonantenhäufungen tn, cn, pn führt tauschen das n und der Konsonant den Platz. tn und cn werden einfach nt und nc; was zu np würde ändert sich zu mp, um die Aussprache zu erleichtern. (Genaugenommen würde das, was nc ist, eigentlich zu ñc, mit ñ für ng wie in König geschrieben, wie Tolkien es manchmal tat - aber entsprechend den hier benutzten Vereinbarungen zur Schreibweise wird ñc einfach dargestellt als nc.)


Also:

mat- essen Vergangenheitsform (**matnë >) mantë
top- bedecken Vergangenheitsform (**topnë > **tonpë) tompë bedeckte
tac- befestigen Vergangenheitsform (**tacnë >) tancë befestigte

 

Das ist zumindest unter pädagogischem Aspekt ein leichter Weg, sich den Vorgang vorzustellen. Wir können nicht mit Sicherheit wissen, ob Tolkien das so als tatsächliche Entwicklung im Sinn hatte - auf einer früheren Stufe eine Form wie matnë, die später durch Tausch der Konsonanten t und n zu mantë wurde. Der linguistische Fachbegriff für die Umstellung zweier Laute heißt Metathesis, und es gibt weitere Beispiele von umgestellten Konsonanten in der imaginären Entwicklung von Tolkiens Sprachen (beachten Sie zum Beispiel die Etymologies, Eintrag KEL-). Einige Anhaltspunkte scheinen jedoch nahe zu legen, dass Tolkien  sich das Auftauchen dieser "echten" Nasal-Infixe schon für das Ur-Elbisch vorstellte, nicht nur als spätere Umstellung der Konsonanten. Darüber hinaus ließ er einen seiner Charaktere beobachten, dass "nasales Infix in Avallonisch von beachtlicher Wichtigkeit ist" (SD:433; Avallonisch ist ein anderer Ausdruck für Quenya). Aber das ist eine akademische Frage.

Primärverben mit -l als finalem Konsonanten müssen wir besondere Aufmerksamkeit widmen. Vom Verb vil- "fliegen" heißt es, es habe die Vergangenheitsform villë (Etym, Eintrag WIL). Dieses Doppel-ll steht möglicherweise für eine Kombination von l und n. Vielleicht steht villë für das ältere wilnë mit der normalen Vergangenheitsendung (beachten Sie in diesem Fall, dass v von dem älteren w kommt: Wurzel WIL), wobei in Quenya aus der Gruppe ln ein ll wurde. Andere Beispiele lassen jedoch vermuten, dass das ältere ln in Quenya eher zu ld werden würde. Es kann gut sein, dass villë für das ältere winlë stehen sollte, das wäre eine Variante des Verbes wil- mit nasalem Infix (da nl später in Quenya ebenfalls zu ll wurde;  zum Beispiel soll das Hauptwort nellë "Bach" von dem älteren nen-le kommen: Etym, Eintrag NEN). Welche Entwicklung auch immer Tolkien vorschwebte, Primärverben mit l als finalem Konsonanten scheinen ihre Vergangenheitsform durch Anfügen von -lë zu bilden.

Anmerkung: Im Telerin, der Schwestersprache von Quenya im Segensreich, heißt es von einem Verb aus der Wurzel DEL ("gehen"), dass es die Vergangenheitsform delle habe: WJ:364. Wie Alan Bican herausstellt, kommt diese Form möglicherweise von dem älteren delne (mit nasalem Infix). Wenn es von delne abgeleitet ist, wäre es in Telerin vermutlich unverändert geblieben, da der Cluster ln in dieser Sprache erlaubt ist (vgl. ein Telerin-Wort wie elni "Sterne", WJ:362). Diese Beobachtung unterstützt die Sichtweise, dass Vergangenheitsformen mit nasalem Infix bereits im Ur-Elbisch auftauchten.

Das oben dargelegte System ist das, was ich als "reguläre" Art der Vergangenheitsbildung eines Quenyaverbs bezeichnen würde. Das heißt, so lange ein Verb mit diesem System übereinstimmt, werde ich seine Vergangenheitsform nicht eigens auflisten, wenn ich es zum ersten Mal erwähne. All die Vergangenheitsformen in den Übungen weiter unten sind diesem System folgend gebildet, somit ist Ihre Aufgabe dieses Mal, die Regeln von oben zu verinnerlichen. Einige irreguläre Formen werden in späteren Lektionen behandelt werden, aber auch so werden wir hier einige "alternative" Vergangenheitsformen genauer betrachten (ihre Gegenüberstellung zu den reguläreren Formen kann hilfreich sein, sich das normale System einzuprägen - aber vom Studierenden wird nicht erwartet, sich den Überblick als solches einzuprägen). Blättern Sie also durch den folgenden Stoff und machen Sie mit den Übungen weiter, wenn Sie genug davon haben! 

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