Lektion 5

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Lektion 5

 Das Verb: 
 Gegenwart und Übereinstimmung im Numerus 
 Subjekt / Objekt 

 Der Superlativ von Adjektiven 

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Wie ich zu Beginn der vorgegangenen Lektion erwähnte kann das Vokabular einer jeden Sprache eingeteilt werden in verschiedene Wortarten oder "Satzteile". Bis jetzt haben wir im einzelnen die Hauptwörter durchgenommen, die Dinge bezeichnen, und Adjektive, die dazu benutzt werden, Hauptwörter zu beschreiben (Linguisten würden diese Definitionen als stark vereinfacht empfinden, aber für unseren Zweck werden sie ausreichen). Tatsächlich haben wir schon drei weitere Satzteile berührt, ohne auf sie im Detail einzugehen. Als Teil von Lektion 3 haben Sie sich hoffentlich das Wort nu "unter" eingeprägt, das eine Präposition darstellt; Präpositionen sind kleine Wörter oder "Teilchen" wie unter, bei, auf, in, zu, über usw., oft benutzt, um Informationen über räumliche Beziehungen zu vermitteln (z. B. "unter dem Baum" = nu i alda), obwohl sie oft in abstrakteren Zusammenhängen benutzt werden. Mit dem Wort ar "und" haben wir auch schon den typischsten Vertreter der Konjunktionen oder Bindewörter eingeschlossen. Diese Wörter werden benutzt, um andere Wörter, Ausdrücke oder Sätze zu verbinden, z. B. Anar ar Isil = "Sonne und Mond". Noch scheint eine gründliche Behandlung von Präpositionen oder Konjunktionen wie diese nicht notwendig: in Quenya scheinen sie sich ähnlich wie ihre englischen und deutschen Gegenstücke zu verhalten, so dass Sie in den meisten Fällen einfach nur die entsprechenden Quenya-Worte zu lernen brauchen. Sie werden normalerweise in keiner Weise gebeugt.

Ein anderer Satzteil, mit dem wir schon in Berührung gekommen sind, ist weitaus anspruchsvoller und fesselnder: das Verb. Wir sind in der vorangegangenen Lektion schon einem Verb begegnet: "ist", mit seiner Pluralform nar "sind". Dieses Beispiel ist für ein Verb nicht weiter aufregend: es wird einfach benutzt, um ein Hauptwort mit einem Prädikat zusammenzubringen, das uns sagt, was das Hauptwort "ist": Aran ná taura "ein König ist mächtig", tasar ná alda "eine Weide ist ein Baum". Wie ich in der vorangegangenen Lektion sagte, enthält die Kopula hier nicht besonders viel zusätzliche Information, außer die Beziehung zwischen den verschiedenen Satzteilen zu klären. Die meisten anderen Verben (tatsächlich fast alle anderen Verben) sind jedoch reich an Bedeutung. Sie sagen uns nicht einfach, was jemand oder etwas "ist", sondern was jemand oder etwas tut. Das Verb bringt Handlung in die Sprache.

In einem Satz wie "der Elb tanzt" ist es leicht, "tanzt" als das "Tun-Wort" zu identifizieren, das uns mitteilt, was hier stattfindet. Und mit Sicherheit ist "tanzt" eine Form des deutschen Wortes tanzen. Dieses Verb kann ebenso in anderen Formen auftauchen: an Stelle von "tanzt" könnten wir sagen "tanzte", was die Handlung in die Vergangenheit verlegt: "Der Elb tanzte". Das zeigt ein wichtiges Merkmal von Verben in europäischen Sprachen: die Form des Verbs gibt uns Informationen darüber, wann die angesprochene Handlung stattfand, in der Gegenwart oder in der Vergangenheit. Einige Sprachen kennen auch eigene Zukunftsformen. Tolkien baute alle diese Merkmale in Quenya ein.

Die verschiedenen "Zeitformen" des Verbs werden verschiedene Zeitformen, Tempi (EZ: Tempus) genannt; wir sprechen von Gegenwart(sform), Vergangenheit(sform) und Zukunft(sform). Wir werden uns in dieser Lektion nur mit der Gegenwartsform beschäftigen und auf die anderen zu einem späteren Zeitpunkt dieses Kurses zurückkommen. (die drei Formen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sind keine vollständige Liste aller Tempi, die es gibt. Wir werden uns insgesamt mit fünf verschiedenen Tempi befassen im Verlauf des Kurses, und ich wäre sehr überrascht, wenn nicht unveröffentlichtes Material sogar noch mehr Zeitformen beschreibt als die, die wir im Augenblick kennen.)

An dieser Stelle sollte ich eine Warnung anbringen: Wir haben wenig ausdrückliche Information über das Quenya-Verb. Im sogenannten Plotz-Brief, den Tolkien an Dick Plotz schrieb irgendwann in der Mitte der Sechziger, legte er die Deklination des Hauptwortes dar. Offensichtlich sollten ähnliche Informationen über das Verb folgen; aber sie kamen nie. Das ist natürlich höchst unglücklich. Nicht dass Tolkien diese Information mit ins Grab nahm; wir wissen, dass er über diese Angelegenheit schrieb, aber die diesbezüglichen Schriften wurden nicht veröffentlicht. Im Augenblick müssen wir zum größten Teil versuchen, die Grammatikregeln selbst heraus zu finden, wenn wir in unseren Gedichten Verben verwenden wollen. Was die Gegenwartsform (Präsens) betrifft, so tauchten glücklicherweise einige Häppchen auf in Vinyar Tengwar #41, Juli 2000. Wenn wir diese Information mit etwas linguistischer Herleitung verbinden, können wir vielleicht die Hauptelemente des Systems, das Tolkien vorschwebte, herausfinden.

So wie sie in verschiedenen Quellen auftauchen, scheinen Quenya-Verben in zwei Hauptkategorien zu zerfallen (obwohl es in unserem Korpus einige Stellen gibt, die noch nicht richtig hineinpassen, selbst wenn wir das frühe "Qenya"-Material beiseite lassen, wo einige wirklich verwirrende Dinge im System der Verben geschehen). Die erste und größte Kategorie ist jene, die man A-Stämme nennen könnte, denn sie enden alle auf -a. Ein anderer Ausdruck für dieselbe Sache ist abgeleitete Verben, denn diese Verben zeigen niemals eine bloßes primitives "Wurzelwort", aber sie werden abgeleitet, indem an diese Wurzel Endungen angehängt werden. Die häufigsten dieser Endungen sind -ya und -ta, weitaus weniger häufig finden wir auch -na oder einfach -a.
Beispiele:  

calya- beleuchten, erleuchten, erhellen (Wurzel KAL)
tulta- rufen, (auf)fordern, einberufen, berufen (Wurzel TUL)
harna- verwunden (Wurzel SKAR, das sk- aus dem Urelbischen am Wortanfang wurde in Quenya zu h-)
mapa- greifen, packen, erobern, begreifen, ergreifen (Wurzel MAP)

(Nach allgemeiner Konvention fügt man, wenn man Stämme von Verben auflistet, am Ende einen Bindestrich an; Tolkien verfährt in seinen Schriften für gewöhnlich so. Der "Stamm" eines Verbs ist eine Grundform, von der wir ausgehen, wenn wir andere Formen ableiten, wie verschiedene Zeiten.) 

Während diese A-Stämme "abgeleitete Verben" genannt werden können, besteht die andere Kategorie aus den "nicht abgeleiteten" oder Primärverben. Dabei handelt es sich um Verben, die keine solche Endungen wie -ya, -ta, -na oder -a aufweisen. Die Stämme dieser Verben können "Primär- oder Basisstämme" genannt werden, da sie im wesentlichen eine primitive Wurzel darstellen, ohne Anhängsel. Zum Beispiel kommt das Verb mat- "essen" direkt von der Wurzel MAT- mit ähnlicher Bedeutung. Tac- "befestigen" repräsentiert die Wurzel TAK- "befestigen, fest machen". Tul- "kommen" kann mit der Wurzel TUL- "kommen, sich nähern" (im Gegensatz dazu das abgeleitete Verb tulta- "rufen, (auf)fordern, einberufen, berufen" aus derselben Wurzel, abgeleitet mit Hilfe der Endung -ta).  Im Fall der Wurzeln MEL- "lieben" und SIR- "fließen" hielt sich Tolkien nicht einmal mehr damit auf, den Glossar für die Quenya-Verben mel- und sir- zu wiederholen (siehe LR:372, 385).

Wenn wir Quenya-Verben behandeln, müssen wir uns manchmal auf den Stammvokal beziehen. Das ist der Vokal der Wortwurzel, die dem Wort zugrunde liegt, so wie es in Quenya erscheint. Im Fall von Primärverben wie mel- "lieben" ist es leicht, den Stammvokal auszumachen, da e der einzige auftauchende Vokal ist (und mit Sicherheit ist das der Vokal der zugrunde liegenden Wurzel MEL-). Im Fall der abgeleiteten Verben wie pusta- "anhalten" oder ora- "(be)drängen, dringen auf, geltend machen, (an)treiben" zählen die Vokale der angehängten Endung (hier -ta und -a) nicht als Stammvokale. Pusta- zum Beispiel ist abgeleitet von einer Wurzel namens PUS-, und sein Stammvokal ist somit u und nicht a. In der überwiegenden Mehrheit dieser Fälle ist der Stammvokal einfach der erste Vokal des Verbs (aber nicht notwendigerweise, es kann auch eine Vorsilbe vorhanden sein).

Damit haben wir die notwendigen Grundbegriffe verfügbar und können schließlich mit der Bildung der Gegenwartsform, dem Präsens, beginnen. Um mit den Primärverben anzufangen: was die Gegenwartsform des Verbs mel- "lieben" darstellt ist in LR:61 attestiert, wo Elendil zu seinem Sohn Herendil sagt: Yonya inyë tye-méla, "Auch ich, mein Sohn, ich liebe Euch". Hier finden wir ein Verb, das die Gegenwart oder einen Vorgang in der Gegenwart beschreibt (in diesem Fall  einen mehr oder weniger andauernden Vorgang). Ein anderes Beispiel für ein primäres Verb in der Gegenwartsform kann im Herrn der Ringe selbst gefunden werden, in dem berühmten Gruß elen síla lúmenn' omentielvo, "ein Stern scheint auf die Stunde unserer Begegnung". Síla scheint die Gegenwartsform eines Verbes sil- "scheinen" (mit weißem oder silbernen Licht) zu sein, aufgelistet im Anhang zum Silmarillion. Méla- und síla- zeigen dieselbe Verwandtschaft mit den einfachen Verb-Stämmen mel- und sil-: die Gegenwartsformen sind hergeleitet durch Verlängerung des Stammvokals (natürlich durch den hinzugefügten Akzent angedeutet) und Anfügen der Endung -a. Dieser Schluss wird unterstützt durch ein Beispiel aus VT41:13: Das Verb quet- "sprechen, sagen" erscheint dort in der Gegenwartsform quéta "sagt".

Der folgende Abschnitt dreht sich um die Unterscheidung zwischen normaler Gegenwarts- und Verlaufsform, die wir im Deutschen so nicht kennen oder umschreiben müssten. Neben der "normalen" Form "ich sage" zum Beispiel kennt das Englische die Verlaufsform "ich bin sagend", die ausdrückt, dass es sich um eine andauernde Handlung handelt, wie es zum Beispiel noch deutlicher bei "die Sonne scheint" erklärbar ist: sie scheint, es ist eine andauernde Handlung. Im Englischen würde man hier die Verlaufsform "is shining", "ist scheinend" verwenden (ich füge diese im Deutschen eher ungewöhnliche Form der Vollständigkeit halber in Klammern mit an).  Diese Verlaufsform scheint auch Quenya zu kennen:

Obwohl Formen wie méla und síla gelegentlich im Englischen mit der einfachen Gegenwartsform übersetzt werden, wie "liebt" und "scheint", scheint es dass die Quenya-Präsensform eine andauernde Handlung anzeigt, die im Englischen am besten übersetzt wird mit "is ...-ing" wie im zitierten Beispiel quéta "is saying" statt "says". Der Schluss, dass das Präsens in Quenya andauernde Handlungen anzeigt wird auch durch einen anderen Fall gestützt: Die Quenya-Gegenwartsform des Primärverbs mat- "essen" ist nirgendwo im veröffentlichten Material attestiert. Doch Tolkien stellte die Regel auf, dass mâtâ den "Stamm der Verlaufsform" darstellte, was übersetzt werden kann mit "is eating" ("ist essend", was soviel heißt wie "isst gerade") (VT39:9; â steht hier für langes a, in Quenya á geschrieben). Da Tolkien vor mâtâ ein Sternchen * anfügte, um es als "nicht attestierte" Form zu kennzeichnen, sollte dieses Wort offensichtlich eher als urelbisches denn als Quenyawort betrachtet werden. Wie sich Quenya aus der Ursprache entwickelte kann an vielen anderen Beispielen abgeleitet werden, und deshalb wissen wir, dass aus mâtâ máta werden würde. Diese Form scheint demselben Muster zu folgen wie méla, síla und quéta: verlängerter Stammvokal und die Endung -a (und zeitlich rückwärts arbeitende können wir schließen, dass Tolkien méla, síla, quéta abgeleitet wissen wollte von den urelbischen Formen mêlâ, sîlâ, kwêtâ). Vermutlich sind dies alles "Verlaufsformen"; ebenso wie das primitive mâtâ "is eating" (isst gerade) verdeutlichen sie offensichtlich die anhaltende Natur der Handlung: Síla bedeutet wohl wörtlich eher "is shinig" ("ist scheinend", scheint gerade) und nicht einfach "scheint". Vielleicht symbolisiert die Verlängerung des Stammvokales dieses Anhalten oder "Ausdehnen" der Handlung. Im Fall von méla im Satz inyë tye-méla ist es natürlicher, "I love you" (ich liebe dich) zu übersetzen statt "I´m loving you", aber letzteres ist die wörtlichste Bedeutung.

Dann müssen wir die zweite und größere Kategorie an Verben betrachten: die A-Stämme. In ihrem Fall sind speziell die Informationen aus VT 41 von besonderem Wert.

Es scheint, dass die A-Stämme ihre Gegenwartsform mehr oder weniger nach derselben Regel bilden wie die Primärverben, doch braucht die Regel eine kleine "Anpassung", um die Form eines A-Stamm-Verbes zu bilden. Unser einziges attestiertes Beispiel ist das Verb ora- "(be)drängen, dringen auf, geltend machen, (an)treiben". VT 41:13 zeigt, dass seine Gegenwartsform órëa ("drängt", Verlaufsform "ist drängend") ist. Wie im Fall der Primärverben wird der Stammvokal verlängert und die Endung -a angehängt. Es gibt aber eine Schwierigkeit: Da der Stamm des Verbs ora- bereits auf -a endete, wurde aus diesem Vokal ein e, um zwei aufeinander folgende a´s zu vermeiden: Was eigentlich óra-a heißen müsste wird zu órëa. Daraus müssen wir also schließen, dass Verben wie mapa- "greifen, packen, erobern, begreifen, ergreifen" und lala- "lachen" die Gegenwartsformen mápëa, lalëa zeigen.

Kurze A-Stämme wie ora- oder mapa- haben jedoch eine eher unübliche Form, weil sie nur den einfachen Vokal -a an die ursprüngliche Wurzel anhängen. Wie oben besprochen sind A-Stämme, bei denen das finale -a nur Teil einer längeren hergeleiteten Endung ist (am häufigsten -ya oder -ta), viel verbreiteter. Wir haben schon einige Beispiele zitiert, wie calya- "erleuchten, erhellen" und tulta- "rufen, (auf)fordern, einberufen, berufen" (Wurzeln KAL, KUL). Solche "komplexen" A-Stämme enthalten einen Konsonantencluster, der dem Vokal der originären Wurzel folgt, wie in den Beispielen -ly und -lt. Wir kennen kein echtes Beispiel der Gegenwartsform eines solchen Verbs. Wenn wir die abgeleiteten Regeln von dem existierenden Beispiel órëa "drängt (ist drängend)" anwenden würden, kämen wir zu Formen wie ?cályëa "erhellt (ist erhellend)" und ?túltëa "fordert auf (ist auffordernd)". Doch in Quenya scheint es eine Regel in der Lautlehre zu geben, die lange Vokale unmittelbar vor einem Konsonantencluster verbietet. Das hieße, dass ein Wort wie ?túltëa nicht existieren kann (aber offen gesagt bin ich mir bei ?cályëa nicht so sicher, da ly / ny / ry manchmal als zusammengehörige palatale Konsonanten zählen und nicht als Cluster). Bei dem Mangel an echten Beispielen können wir nur annehmen, dass in einem solchen Fall die Verlängerung des Vokals einfach weggelassen wird, so dass die Gegenwartsform von Verben wie calya- und tulta- dann calyëa, tultëa lauten würde (obwohl, wie soeben angedeutet, ?cályëa möglich sein könnte, nach allem was mir bekannt ist). Das würde immer angewendet, wo ein Konsonantencluster dem Vokal des Stammverbs folgt. Weitere Beispiele sind lanta- "fallen", harna- "verwunden" und pusta- "anhalten, stoppen", die alle - vermutlich - ihre Gegenwartsform auf -ëa bilden: lantëa "fällt (ist fallend)", harnëa "verwundet (ist verwundend)", pustëa "hält an (ist anhaltend)".

Wir müssen annehmen, dass dieses System auch angewendet wird, wenn im Stammverb ein Diphthong enthalten ist, da ein Diphthong, wie auch ein Vokal vor einem Konsonantencluster, auf keinen Fall verlängert werden kann. Die Gegenwartsform von Verben wie faina- "Licht aussenden" oder auta- "weggehen, verlassen" sind vermutlich fainëa, autëa.

Nun wissen wir genug, um mit der Formulierung erster einfacher Sätze zu beginnen:

Isil síla der Mond scheint die Gegenwartsform síla wird gebildet aus dem Primärverb sil- "scheinen"
I Elda lálëa der Elb lacht die Gegenwartsform wird gebildet aus dem kurzen A-Stamm lala- "lachen"
Lassë lantëa ein Blatt fällt Gegenwartsform gebildet aus dem kompexen A-Stamm lanta- "fallen"; wir können nicht *lántëa bilden analog zu lálëa, da vor einer Konsonantenhäufung kein langer Vokal auftauchen kann.

Einige nützliche Begriffe können hier eingeführt werden. Sobald Sie ein Verb in einen Satz einbauen, das irgendeine Handlung anzeigt, müssen Sie normalerweise einen anderen Satzteil der Mitteilung widmen, wer diese Handlung ausführt. Die "Partei", die ausführt, was immer uns das Verb mitteilt dass es geschieht, bildet das Subjekt des Satzes. In einem Satz wie Isil síla "der Mond scheint" ist Isil "der Mond" das Subjekt, denn es ist der Mond, der das Scheinen ausführt, von dem uns das Verb síla erzählt. In einem Satz wie i Elda máta "der Elb isst" bildet Elda "der Elb" das Subjekt, denn er führt das Essen aus.

Dieser einfache Satz, i Elda máta, hat Möglichkeiten. Wir können ein weiteres Element hinzufügen, wie das Hauptwort massa "Brot", und bekommen i Elda máta massa "Der Elb isst Brot". Was ist nun die Funktion des hinzugefügten Wortes? Es ist das "Ziel" der Handlung, in diesem Fall was gegessen wird. Das "Ziel" der Handlung wird Objekt genannt, das passive Gegenstück zum aktiven Subjekt: Das Subjekt macht etwas, aber das Objekt ist etwas, mit dem das Subjekt etwas macht. Das Subjekt "unterwirft" das Objekt einer Aktion. Diese Aktion oder Handlung kann natürlich viel weniger dramatisch sein als "Subjekt isst Objekt" wie im obigen Beispiel. Es kann zum Beispiel so subtil sein wie in dem Satz "das Subjekt sieht das Objekt" (ergänzen Sie hier andere "Sinneshandlungen", wenn sie wollen), wo die "Handlung" des Subjektes das Objekt in keiner Weise physisch berührt. Das ist hier nicht der Kern der Sache! Die Grundidee der Subjekt-Objekt-Trennung ist einfach dass das Subjekt etwas mit dem Objekt macht, obwohl "macht etwas mit.." manchmal in einem weiteren Sinn verstanden werden muss.

Anmerkung: Beachten Sie jedoch, dass in Sätzen mit der Kopula ná / nar "ist / sind" wie im Beispiel i alda ná tasar "Der Baum ist eine Weide" zählt tasar "eine Weide" nicht als das Objekt zu i alda "der Baum". I alda ist das Subjekt, das ist richtig, denn das ist das Element, das die minimale Aktion in diesem Satz vornimmt: "der Baum ist...". Aber tasar "eine Weide" ist nicht das Objekt, denn in diesem Satz macht "der Baum" nichts mit "einer Weide" - und das Kennzeichen des Objektes ist, dass etwas damit getan wird. Statt mit einer Weide etwas zu tun, ist der Baum eine Weide, und das ist etwas ganz und gar anderes: Tasar ist hier das Prädikat von i alda, wie wir in der vorangegangenen Lektion besprochen haben. Wenn wir aber fü "ist" máta "isst" einfügen, sind wir wieder bei einer Subjekt-Verb-Objekt-Konstruktion angelangt: i alda máta tasar "Der Baum isst eine Weide". Wenn Sie übermäßig von der Tatsache beunruhigt sein sollten, dass das irgendwie ziemlich sinnlos klingt, seien Sie beruhigt und versichert, dass die Grammatik dieses Satzes eine wunderbare ist ;)

Bei einigen Verben kann es kein Objekt geben. Im Fall von zum Beispiel lanta- "fallen" kann ein Subjekt existieren und man kann sagen i Elda lantëa "Der Elb fällt". Hier macht das Subjekt absolut gar nichts mit einem Objekt; es ist einfach nur das Subjekt selbst, das etwas macht. Bei einem Verb wie mat- "essen" ist es optional, ob Sie den Satz mit einem Objekt füllen wollen oder nicht: I Elda máta (massa), "der Elb isst (Brot)"; das funktioniert als vollständiger Satz auch ohne das Objekt. Einige Verben jedoch benötigen durch ihre Bedeutung ein Objekt, und der Satz würde sich ohne ein solches ziemlich unvollständig anhören. Wenn wir sagen i Elda mápëa "der Elb ergreift" wirft das nur die Frage auf: "der Elb ergreift was?" und wir müssen mit einem Objekt herausrücken, um den Satz vollständig zu machen.

Im Plotz-Brief weist Tolkien darauf hin, dass in einer Quenya-Variante, dem sogenannten Book-Quenya, Hauptwörter eine spezielle Form besitzen, wenn sie als Objekte fungieren. Bei Hauptwörtern in der Einzahl, die auf einem Vokal enden, würde dieser Vokal verlängert (zum Beispiel würde aus cirya "Schiff" círya, wenn es zum Objekt eines Satzes würde), und bei Hauptwörtern in der Mehrzahl, die normalerweise die Pluralendung -r aufweisen, würde dieses sich zu -i verändern (somit wäre "Schiffe" als Objekt ciryai und nicht cyriar). Diese spezielle "Objektform", die mit einem linguistischen Fachausdruck Akkusativ genannt wird, wurde vermutlich im (archaischen?) geschriebenen Quenya benutzt. Dieser Akkusativ erscheint jedoch in keinerlei wirklichen Texten, wie im Namarië oder nicht einmal in der letzten Version des Markirya-Poems, das fast aus derselben Zeit stammen muss wie der Plotz-Brief. Namárië , gesungen von Galadriel, gibt vielleicht die Benutzung von Quenya in der gesprochenen Rede im Dritten Zeitalter wieder. Wie auch immer, ich verwende keine eigene Akkusativ-Form in den Übungen, die ich für diesen Kurs gemacht habe (oder in meinen eigenen Quenya-Kompositionen). Es scheint klar, dass der Gebrauch des Akkusativ weit weg war davon, allgemeingültig zu sein, innerhalb wie außerhalb des fiktiven Kontextes. So werde ich cirya(r) verwenden für "Schiff(e)", auch wenn das Wort als Objekt eines Satzes auftaucht.

Nachdem wir nun auch die Begriffe Subjekt und Objekt kennen, können wir ein weiteres Charakteristikum des Quenya-Verbs behandeln. Ebenso wie die Adjektive im Numerus mit den Hauptwörtern, die sie beschreiben, übereinstimmen, so stimmen auch Verben mit ihren Subjekten im Numerus überein. Sehen wir uns die erste Zeile aus dem Namarië etwas genauer an: laurië lantar lassi "wie Gold fallen die Blätter" oder wörtlich "golden fallen [die] Blätter". Hier erscheint das Adjektiv laurëa "golden" in der Pluralform laurië, um im Numerus mit dem Plural-Hauptwort lassi "Blätter" übereinzustimmen, wie wir in der vorangegangenen Lektion besprochen haben.  Aber das Verb lanta- "fallen" muss ebenfalls mit seinem Plural-Subjekt lassi übereinstimmen. Das Verb lanta nimmt deshalb die Endung -r an. (Das Verb selbst erscheint in der sogenannten Aorist-Form, die wir später besprechen müssen; Sie können sich den Aorist lantar im Vergleich zur Gegenwartsform lantëar vorstellen wie im Englischen "fall" (fallen) zu "are falling" (fallen gerade, sind fallend, Verlaufsform; im Deutschen kennen wir diese spezielle Gegenwartsform nicht, s. o.). Der Pluralendung -r sind wir schon bei den Hauptwörtern begegnet, wie in Eldar "Elben", aber Hauptwörter können den Plural auch auf -i bilden, je nach ihrer Form. Im Fall der Verben scheint die Pluralendung -r allgemeingültig zu sein, unabhängig davon wie das Verb aussieht. Die Endung -r ist nicht begrenzt auf die Gegenwartsform von Verben, sie scheint vielmehr in allen Zeitformen benutzt zu werden, wo immer das Subjekt im Plural auftaucht.

Notwendigerweise sind wir bereits der Pluralendung bei dem Verb nar "sind" begegnet, dem Plural von "ist". (Man könnte fragen weshalb aus nicht ?nár wird mit beibehaltenem langen Vokal. Die letztere Form könnte sich leicht ebenso als gültig erweisen, aber nar "sind" mit einem kurzen a führt zumindest weniger leicht zu einer Verwechslung mit nár "Flamme").

Mehr als ein Subjekt hat auf das Verb denselben Effekt wie ein (einzelnes) Subjekt im Plural, das Verb nimmt in beiden Fällen die Endung -r an:

I arani mátar die Könige essen (Einz. i aran máta "der König isst")
i aran ar i tári mátar der König und die Königin essen (wenn Sie hier das Verb mat- "essen" in der Einzahlform máta haben wollen, müssen Sie sich entweder vom König oder der Königin trennen, so dass nur noch ein Subjekt übrigbleibt!)

Andererseits hat es keine Auswirkung auf das Verb, ob wir ein oder mehrere Objekte im Plural haben, z. B. i aran máta massa ar apsa "der König isst Brot und Fleisch". Das Verb stimmt im Numerus nur mit dem Subjekt überein.

Allgemein wurde festgehalten, dass das Verb nur eine einzige Pluralform hat, mit der allgemeingültigen Endung -r. Mit anderen Worten, das Verb nimmt die Endung -r nicht nur an, wenn das Subjekt im "normalen" Plural (auf -r oder -i) auftaucht, sondern auch beim dualen Plural (auf -u oder -t) oder der partitiven Pluralform (auf -li). Doch haben wir keine echten Beispiele dafür aus dem Quenya wie im HdR, und im einzelnen will ich die Möglichkeit nicht ausschließen, dass es eine spezielle duale Form des Verbs geben könnte zusammen mit dualen Subjekten (auf -t wie die meisten Hauptwörter, wie Aldu sílat statt Aldu sílar für "die Zwei Bäume leuchten"?) Das veröffentlichte Material erlaubt keine sicheren Schlüsse in dieser Frage, somit werde ich duale Subjekte in den Übungen für diesen Kurs einfach umgehen.

Das letzte was wir betrachten müssen bei der Behandlung der Verben ist die Frage der Wortreihenfolge. Wo in den Satz gehört das Verb exakt hin? Englische und deutsche Sätze verwenden normalerweise die Reihenfolge Subjekt, Verb, Objekt (wenn es ein Objekt gibt). Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass die meisten der Quenya-Sätze oben auf dieselbe Weise angeordnet sind. Das scheint die typischste Reihenfolge in Quenya-Prosa zu sein. Beispiele von Subjekt und Verb in dieser Anordnung schließen lassi lantar "Blätter fallen" und mornië caita "Dunkelheit liegt [über den schäumenden Wellen]" ein - beide aus der Prosaversion des Namarië. Aber es gibt auch Beispiele, wo das Verb an erster Stelle steht, z. B. Fingons Ruf vor der Nirnaeth Arnoediad: Auta i lómë!, wörtlich "Vergeht die Nacht", aber übersetzt mit "Die Nacht vergeht!" im Silmarillion Kap. 20. Tatsächlich zeigen die beiden oben zitierten Beispiele aus der Prosaform des Namarië in der Gedichtform auch die Verb -  Subjekt - Reihenfolge im HdR: lantar lassi, caita mornië. Im Englischen und Deutschen ist diese Stellung des Verbs eine Möglichkeit, eine Feststellung in eine Frage umzuwandeln, z. B. "Elben sind schön" im Vergleich zu "Sind Elben schön?", aber diese Art, Fragen zu formulieren, funktioniert in Quenya nicht. (Auta i lómë! "vergeht die Nacht!" für "die Nacht vergeht" ist vielleicht ein Beispiel für einen dramatischen Stil oder eine affektbetonte Rede; die verbale Handlung ist offensichtlich wichtiger als das Subjekt, das sie ausführt. Ich vermute dass man in einem weniger dramatischen Zusammenhang eher sagen würde i lomë auta.)

Namárië liefert uns auch ein Beispiel eines Satzes mit sowohl Subjekt als auch Verb und Objekt: hísië untúpa Calaciryo míri, "Nebel [Subjekt] bedeckt [Verb] die Juwelen von Calacirya [diese ganze Wendung ist das Objekt] ". Doch die Wortfolge ist wieder ziemlich flexibel, speziell in der Poesie, wie weitere Beispiele aus dem Namarië zeigen. Wir finden Objekt - Subjekt - Verb in dem Satz máryat Elentári ortanë, wörtlich "ihre Hände (die) Sternenkönigin erhob" (im HdR übersetzt mit "die Sternenkönigin ...hat ihre Hände erhoben"). Der Satz ilyë tier undulávë lumbulë, wörtlich "alle Pfade bedeckt Schatten" hat die Wortfolge Objekt - Verb - Subjekt (im HdR benutzte Tolkien die Übersetzung "all paths are drowned deep in shadow", "alle Pfade sind tief im Schatten verschwunden"). In der Prosaversion des Namárië stellte Tolkien interessanterweise beide zu Subjekt - Verb - Objekt - Kombinationen um: Elentári ortanë máryat, lumbulë undulávë ilyë tier. Das ist unser hauptsächlicher Ausgangspunkt für die Annahme, dass das die normale Wortfolge ist, bevorzugt wo keine poetische oder dramatische Überlegung erfolgt.

Im Allgemeinen muss man vorsichtig damit sein, das Objekt vor das Subjekt zu stellen, denn das könnte in einigen Fällen zu Verwirrung führen, weil nicht klar ist, welches Wort Objekt und welches Subjekt ist (da die verbreitetste Form von Quenya keinen eigenen Akkusativ verwendet, um das Objekt zu kennzeichnen). Solche Umkehrungen sind jedoch weitgehend zulässig wenn das Subjekt in der Einzahl steht und das Objekt in der Mehrzahl oder umgekehrt. Dann kann das Verb, das nur mit dem Subjekt im Numerus übereinstimmt indirekt das Subjekt identifizieren. In dem Satz ilyë tier undulávë lumbulë können wir schnell feststellen, dass das Subjekt lumbulë "Schatten" sein muss und nicht ilyë tier "alle Pfade", da das Verb keine Endung -r trägt, um mit dem Pluralwort tier übereinzustimmen. Somit kann das nicht das Subjekt sein - aber das Hauptwort in der Einzahl lumbulë "Schatten" kann das.