Lektion 4

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Lektion 4

 Das Adjektiv 
 Die Kopula 
 Übereinstimmung im Numerus 

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Das Vokabular einer jeden Sprache kann in verschiedene Wortarten unterteilt werden - verschiedene Teile der Rede. Tolkiens Sprachen wurden als in Stil und Struktur europäisch entworfen ("definitely of a European kind in style and structure", Letters:175), deshalb enthalten die Sprachen keine sehr exotischen Elemente, sondern sollten jedem Schulkind in Europa und Amerika ziemlich vertraut sein. Wir haben schon die Hauptwörter erwähnt, die stark vereinfacht Wörter sind, die Dinge bezeichnen. Nun werden wir zu den Adjektiven weitergehen.

Adjektive sind Wörter, die die spezielle Funktion der Beschreibung übernommen haben. Wenn Sie ausdrücken wollen, das jemand oder etwas eine bestimmte Eigenschaft besitzt,  werden Sie oft ein Adjektiv finden, das die Aufgabe übernimmt. In einem Satz wie das Haus ist rot ist "rot" ein Eigenschaftswort, ein Adjektiv. Es beschreibt das Haus. Es gibt Adjektive für alle Arten von Eigenschaften, ziemlich nützlich, wenn Sie sagen wollen, dass jemand oder etwas groß, klein, heilig, blau, faul, schön, dünn, widerlich, lang, wundervoll, anstößig ist oder was immer die Gelegenheit erfordert.

Man unterscheidet oft zwei Arten, wie man Adjektive verwenden kann:

  1. Sie können es zusammentun mit einem Hauptwort, das dadurch beschrieben wird, was als Ergebnis Wendungen hat wie große Männer oder (ein / das) rote Buch. Solche Wendungen können in einen vollständigen Satz eingefügt werden, wie große Männer erschrecken mich oder das rote Buch gehört mir, wo die Wörter groß, rot d ie begleitenden Hauptwörter einfach mit zusätzlichen Informationen versorgen. Man sagt, die Adjektive werden hier attributiv verwendet. Die fragliche Eigenschaft wird als "Attribut" des Hauptwortes präsentiert,  sie wird ihm beigelegt als "Attribut" (große Männer - ok, dann wissen wir genau, von welcher Art die Männer sind, über die wir hier reden, die großen, mit ihrer Größe als "Attribut").

  2. Aber Sie können auch Sätze bilden, wo es um nichts anderes geht als darum, dass jemand oder etwas eine spezielle Eigenschaft besitzt. Sie nehmen die Größe nicht im Voraus an wie wenn Sie von großen Männern sprechen - sie wollen ausdrücken, dass die Männer groß sind - das ist exakt die Information, die sie übermitteln wollen. Man sagt hier, das Adjektiv wird prädikativ verwendet: Sie wählen etwas, von dem sie sagen möchten, welche Eigenschaft es besitzt, wie in diesem Fall die Männer, und sie verwenden ein Adjektiv um auszudrücken, welche Eigenschaft dieses Etwas besitzt. Das Adjektiv wird in diesem Fall das Prädikat dieses Satzes genannt.

Wie der aufmerksame Leser nach dem Beispiel oben schon vermutet, gibt es eine weitere "Komplikation": Sie sagen nicht einfach die Männer groß, sondern die Männer sind groß. Tatsächlich wären Sätze wie die Männer groß in einer großen Zahl von Sprachen völlig in Ordnung (und Quenya könnte eine von ihnen sein), aber im Deutschen müssen sie ein Wort wie sind oder ist vor dem Adjektiv einfügen, wenn sie es als Prädikat benutzen: Das Buch ist rot. Die Männer sind groß. Dieses "ist / sind" fügt hier nicht wirklich eine Menge an Bedeutung hinzu (es gibt einen Grund, warum so viele Sprachen ohne ein vergleichbares Wort auskommen!), aber es wird benutzt, um das Adjektiv mit den Wörtern zu "verkoppeln", die uns sagen, worüber wir hier tatsächlich hier reden - wie das Buch und die Männer in unserem Beispiel. Folglich nennt man "ist / sind" eine Kopula. In Sätzen wie Gold ist schön, ich bin klug oder Steine sind hart kann man die Hauptfunktion der Kopula (die sich hier als ist, bin und sind darstellen) ist einfach nur, die folgenden Adjektive schön, klug, hart mit den Dingen oder Personen zu verbinden, über die wir sprechen: Gold, ich, Steine. Die Kopula ist ein unerlässlicher Bestandteil des Prädikates des Satzes. Das ist eine der wichtigsten Konstruktionen, die Deutschsprachige zu ihrer Verfügung haben, wenn sie sagen wollen, dass X die Eigenschaft Y besitzt.

Gut, kehren wir also jetzt zu Quenya zurück. Verglichen mit der Überfülle an Formen, die ein Hauptwort annehmen kann, sind Quenya-Adjektive in ihrer Form relativ beschränkt. Die große Mehrheit von Quenya-Adjektiven endet auf einem der beiden Vokale: -a oder -ë. Die letztere Endung ist die weniger verbreitete und erscheint typischerweise bei Adjektiven, die eine Farbe anzeigen: Ninquë "weiß", morë "schwarz", carnë "rot", varnë "braun" usw. Wenn ein Adjektiv nicht auf -a oder endet, dann endet es faktisch auf -in, zum Beispiel firin "tot", hwarin "gekrümmt, krumm", melin "lieb" oder latin "offen, frei, klar (Land)". Das letztere Adjektiv ist in Tolkiens Schriften aufgeführt als latin(a) (LR:368), was offensichtlich nahe legt, dass latin die kürzere Version von latina ist, wobei beide Varianten in der Sprache auftauchen. (Vielleicht müssen alle Adjektive auf -in als kürzere Form von der voller Länge auf -ina betrachtet werden.)  Adjektive, die weder auf -a, -ë noch -in enden sind extrem selten; da gibt es höchstens teren "schlank, schmal" - aber selbst dieses Adjektiv hat auch eine längere Form auf -ë (terenë).

Adjektive auf -a sind der bei weitem verbreitetste Typ. Der finale Vokal -a kann alleine für sich stehen, wie in lára "flach", aber oft ist er Teil einer längeren Adjektivendung wie -wa, -na (oder als Variante -da), -ima oder -ya. Beispiele: helwa "(blass-)blau", harna "verwundet", melda "geliebt, lieb", melima "liebenswert", vanya "wunderschön". Das Wort Quenya selbst ist vom Ursprung her ein ya-Adjektiv, das "elbisch, quendisch" bedeutet, obwohl Tolkien festlegte, dass es ausschließlich als Name der Sprache der Hochelben verwendet wird (Letters:176, WJ:360-361, 374).

In Quenya kann wie im Deutschen ein Adjektiv direkt mit einem Hauptwort verbunden werden, das es beschreibt. Wir haben viele belegte Beispiele, in denen Adjektive so attributiv benutzt werden; das schließt auch die Ausdrücke lintë yuldar "schnelle Schlucke" (Namárie), luini tellumar "blaue Gewölbe" (Namárie in der Prosa-Form), fána cirya "ein weißes Schiff" (Markirya), quantë tengwi "volle Zeichen" (ein Ausdruck, der von den frühen Elbisch-Linguisten benutzt wurde; wir brauchen seine genaue Bedeutung hier nicht darlegen; siehe VT39:5). In diesen Beispielen ist die Wortreihenfolge dieselbe wie im Deutschen: Adjektiv + Hauptwort. Das ist offensichtlich die normale, bevorzugte Reihenfolge. In Quenya ist es aber auch erlaubt, das Adjektiv dem Hauptwort folgen zu lassen. Zum Beispiel finden wir in Markirya anar púrëa für "eine trübe Sonne", wörtlich "eine Sonne bleich", und in LR:47 finden wir mallë téra, wörtlich "Straße (Weg) gerade" für "eine gerade Straße, gerader Weg" (vgl. LR:43). Vielleicht wird diese Wortabfolge benutzt, wenn man das Adjektiv hervorheben, betonen will: Der Kontext in LR:47 will sagen, dass es sich um eine gerade Straße handelt im Gegensatz zu einer gewundenen. Dass das Adjektiv dem Hauptwort folgt, scheint die normale Reihenfolge zu sein, wo das Adjektiv als "Titel" benutzt wird im Zusammenhang mit einem Eigennamen: In UT:305 vgl. 317 finden wir Elendil Voronda für "Elendil, der (Ge-)Treue" (gut, die Form, die wir in UT:305 finden, ist in Wirklichkeit Elendil Vorondo, weil der Ausdruck gebeugt ist; wir werden auf die hier zu sehende Endung -o in einer späteren Lektion zurückkommen). Vermutlich könnte man ebenso die gebräuchlichere Reihenfolge verwenden und voronda Elendil sagen, aber das - so vermute ich - würde einfach ein eher zufälliger Hinweis auf den "treuen Elendil" sein und nicht die Bedeutung "Elendil der Getreue" haben, mit dem Adjektiv als Titel. Es sei angemerkt, dass Quenya im Gegensatz zum Deutschen keinen Artikel einfügt, wenn das Adjektiv als Titel benutzt wird (nicht **Elendil i Voronda, zumindest nicht notwendigerweise). 

Was ist dann, wenn Adjektive prädikativ benutzt werden, wie "rot" das Prädikat des Satzes "Das Buch ist rot" ist - im Gegensatz zum attributiven Gebrauch im Ausdruck "das rote Buch"? Das Adjektiv vanwa "verloren" wird im Namárië prädikativ gebraucht: Vanwa ná ...  Valimar "verloren ist ... Valimar" (ein Ort im Segensreich, von dem Galadriel annahm, sie würde ihn niemals wiedersehen). Dieser Satz teilt uns mit, dass die Quenya-Kopula "ist" die Form hat. Der Plural "sind" scheint nar zu sein, bezeugt in einer frühen Version des Namárië, von Tolkien auf einem Band aufgenommen (siehe Jim Allan´s An Introduction to Elvish, S. 5). Man nimmt allgemein an, dass diese Kopula wie im Deutschen benutzt werden, zum Beispiel wie hier:

 

I parma ná carnë    "Das Buch ist rot."
Ulundo ná úmëa      "Ein Monster ist schrecklich"
I neri nar hallë "Die Männer sind groß"

In dieser Lektion, die im Original im Dezember 2000 veröffentlicht wurde, fügte ich an dieser Stelle eine Warnung ein:

Ich sollte an dieser Stelle jedcoh hinzufügen, dass wir im Hinblick auf den Mangel an Beispielen nicht sicher sein können, welche die bevorzugte Wortreihenfolge ist. Von dem Beispiel vanwa ná ... Valimar "verloren ist ... Valimar" im Namárië ausgehend könnte man sagen, dass dem Adjektiv folgen sollte, so dass "das Buch ist rot" eigentlich i parma carnë "Das Buch rot ist" heißen sollte. Es wäre interessant zu wissen, ob "ist" dem vanwa "verloren" immer noch folgen würde, wenn wir Valimar an den Anfang des Satzes stellen sollte "Valimar ist verloren" wie im Deutschen Valimar ná vanwa heißen oder vielleicht Valimar vanwa ná? In den Beispielen oben und den Übungen unten habe ich die Sätze in die englische (=deutsche) Wortfolge gebracht, aber Tolkien könnte noch etwas exotischeres auf Lager gehabt haben. Solange nicht mehr Material dazu veröffentlicht ist können wir nichts dazu sagen.

Ich revidierte diese Lektion im November 2001, und diesen Sommer wurden schließlich einige Beispiele mehr verfügbar, die das Wort betreffen. Es scheint eine Tendenz zu geben, an das Ende des Satzes zu stellen, wie im Beispiel lá caritas ... alasaila ná (wörtlich "es nicht zu tun unklug ist" - VT42:34). Doch derselbe Artikel, der dieses Beispiel enthält, zitiert auch "A ná calima lá B" (wörtlich "A ist hell jenseits B") als die Art, auf Quenya zu sagen "A ist heller als B" (VT42:32). Beachten Sie, dass dieses Beispiel eine deutsche Wortfolge verwendet, mit "ist" vor und nicht hinter calima "hell". So hat es den Anschein, dass Sätze wie i parma ná carnë, Wort für Wort dem deutschen "das Buch ist rot" entsprechend, alles in allem möglich sind. Deshalb habe ich keines der Beispiele oder Übungen in diesem Kurs revidiert, die alle die deutsche Wortfolge benutzen, so weit die Kopula betroffen ist. Es scheint aber, dass die Reihenfolge i parma carnë ná "das Buch rot ist" eine perfekte und gültige Aternative ist, und Tolkien mag das als die verbreitetere Wortreihenfolge beabsichtigt haben. Wir müssen nach wie vor auf mehr Beispiele warten.

[Neues Update im Januar 2002: Diesen Monat wurden tatsächlich einige neue Beispiele veröffentlicht. Es scheint, dass die exakte Wortreihenfolge einfach eine Frage des Geschmacks ist. Das Beispiel elyë na manna "thou art blessed", "du bist gesegnet" aus VT43:26 zeigt die Wortfolge wie im Deutschen, und hier erscheint die Copula "ist / bist" in der kurzen Form na an Stelle von . Ich habe jedoch in den Übungen dieses Kurses beibehalten; das Wort na hat verschiedene andere, ziemlich unterschiedliche Bedeutungen. Aber vielleicht ist die kurze Form na- durchgehend die bevorzugte, wenn eine Endung angefügt wird, vgl. den Plural nar "sind". Natürlich könnte die nicht attestierte Form nár so weit ich weiß ebenso gültig sein.]

In Firiels Lied (ein vor-LotR-Text) taucht als Wort für "ist" ye auf anstelle von na oder , wie in írima ye Númenor "lieblich ist Númenor" (LR:72). Doch sowohl das Quenya-Lexikon (QL:64) und die Etymologies (LR:374) zeigen stattdessen , und im Namárië finden wir dieses Wort in einem wirklichen Test attestiert. Etym und das QL sind älter als Firiels Lied, aber Namárië ist jünger, somit sieht es so aus als sei ye nur ein vorübergehendes Experiment in Tolkiens Entwicklung von Quenya. In Firiels Song finden wir auch eine Endung für "ist", -ië, angehängt an Adjektive und deren letzten Vokal ersetzend: So finden wir in diesem Lied márië für "(es) ist gut", abgeleitet von dem Adjektiv mára "gut". Die Endung -ië ist leicht als verwandt mit dem unabhängigen Wort ye zu erkennen. Ich glaube nicht, dass das System, diese Endung -ië zu benutzen, im Quenya wie im Herrn der Ringe noch Gültigkeit hatte, und ich würde es Schreibern nicht empfehlen. Die Endung -ië hat im späteren Quenya andere Bedeutungen.

Ein anderes System könnte jedoch noch Gültigkeit haben: überhaupt keine Kopula zu benutzen. Sie stellen einfach Hauptwort und Adjektiv nebeneinander: Ilu vanya "die Welt [ist] schön" (Firiels Lied), maller raicar "Straßen [sind] gewunden" (LR:47). Die Wendung "A ist hell hinter B" = "A ist heller als B", auf die wir uns oben bezogen haben, wird zitiert "A () calima lá B" in VT42:32. Wie von den Klammern angedeutet wird kann weggelassen werden. Das Beispiel malle téra "eine gerade Straße", das wir oben erwähnt haben, kann auch interpretiert werden als "eine Straße [ist] gerade", wenn der Kontext es zulässt. Die endgültige Version von Tolkiens Quenya-Übersetzung des Ave Maria, veröffentlicht im Januar 2002, lässt einige Kopula weg: Aistana elyë, ar aistana i yávë mónalyo = "geheiligt [seist] du, und geheiligt (gebenedeit) [sei] die Frucht deines Leibes".

Wir müssen annehmen, dass die Kopula ná, nar nicht auf die Kombination von Adjektiven und Hauptwörtern begrenzt sind, sondern auch zur Gleichstellung von Hauptwörtern benutzt werden können: Parmar nar engwi "Bücher sind Dinge", Fëanáro ná Noldo "Fëanor ist ein Noldo". (Beachten Sie, dass die saubere Form von Fëanors Namen Fëanáro ist; "Fëanor" ist eine Sindarin-Quenya-Mischform, die in Mittelerde nach seinem Tod benutzt wurde.) Wieder mag es möglich sein, die Kopula herauszulassen und dieselbe Bedeutung zu erhalten: Parmar nati, Fëanáro Noldo.

Übereinstimmung der Adjektive im Numerus

Quenya-Adjektive müssen im Numerus mit dem Hauptwort, das sie beschreiben, übereinstimmen. Das heißt, wenn das Hauptwort im Plural steht, muss das auch das Adjektiv; wenn das Adjektiv mehrere Hauptwörter beschreibt, muss es auch im Plural stehen, selbst wenn eines der Hauptwörter in der Einzahl steht. Englisch macht keine solche Unterscheidung - wohl aber auch das Deutsche - und es ist nicht überraschend, dass Tolkien in Quenya die Übereinstimmung im Numerus einbaute, da sie eine in hohem Maß flektierte Sprache sein sollte.

Wir haben keine Beispiele dafür, was geschieht, wenn ein Adjektiv mit einem Hauptwort im dualen Plural übereinstimmen muss (oder, ebenso, mit einem "partitiven Plural"-Hauptwort auf -li). Man geht jedoch im Allgemeinen davon aus, dass es keinen speziellen dualen oder partitiven Plural für Adjektive gibt, sondern nur einen Plural (oder sollten wir sagen: "Nicht-Einzahl").

Wie wird dann die Pluralform bei Adjektiven gebildet? Aus den bis jetzt verfügbaren Beispielen ist ersichtlich, dass Tolkien über die Jahre mit verschiedenen Systemen experimentierte. In frühen Quellen bilden Adjektive auf -a den Plural durch Anfügen der Endung -r, ebenso wie bei Hauptwörtern auf -a. Zum Beispiel finden wir auf einer sehr frühen "Landkarte" von Tolkiens imaginärer Welt  (dargestellt als symbolisches Schiff) I Nori Landar. Das bedeutet offensichtlich "die weiten Lande" (LT1:84-85; das Adjektiv landa "weit" erscheint in den Etymologies, Eintrag LAD. Christopher Tolkien schlägt in LT1:85 die Übersetzung "Die großen Lande" vor.) Hier wird das im Plural stehende Hauptwort nori "Länder" beschrieben mit dem Adjektiv landa "weit" - im übrigen ein weiteres Beispiel, bei dem ein attributives Adjektiv nach dem Hauptwort steht - und weil das Hauptwort im Plural steht, nimmt in Übereinstimmung auch das Adjektiv die Pluralendung -r an. Diese Art, den Plural zu bilden, war noch gültig bis 1937 oder knapp davor; wir haben schon das Beispiel maller raicar "Straßen [sind] gewunden" aus LR:47 zitiert, wo das Adjektiv raica "krumm, gebogen, falsch" (aufgelistet in LR:383) im Plural steht in Übereinstimmung mit maller.

Doch dieses System kann Schreibern nicht empfohlen werden; es ist klar, dass es im Quenya des Herrn der Ringe aufgegeben worden war. Tolkien griff gewissermaßen in die Vergangenheit zurück und ließ ein System wiederaufleben, das er benutzt hatte bei dem wahrscheinlich allerersten "Qenya"-Gedicht, das er schrieb, Narqelion von 1915 - 16. In diesem Gedicht formen Adjektive auf -a ihren Plural mit der Endung -i. Zum Beispiel bedeutet der Ausdruck sangar úmëai, der in seinem Gedicht auftaucht, offensichtlich "Gedränge große" = große Gedränge; das Adjektiv úmëa "groß" wird im Quenya-Lexikon aufgelistet (QL:97 - aber im späten Quenya bedeutet das Wort úmëa stattdessen "teuflisch"). Später jedoch führte Tolkien eine weitere Erschwernis ein: Adjektive auf -a haben nur im archaischen Quenya einen Plural auf -ai. Im Quenya des Exils, dem Quenya, das von den Noldor nach ihrer Rückkehr nach Mittelerde gesprochen wurde, wird -ai am Ende eines mehrsilbigen Wortes reduziert auf -ë. (Vgl. WJ:407 hinsichtlich der Endung -vë, die "archaisch Q - vai" repräsentiert. Während also die Pluralform von sagen wir quanta "voll" in den früheren Stadien der Sprache offensichtlich quantai war, wurde daraus später quantë. Dieser Form sind wir schon in einem der oben zitierten Beispiele begegnet: quantë tengwi, "volle Zeichen", wo quanta in der Pluralform erscheint in Übereinstimmung mit tengwi "Zeichen" (VT:39:5).

Es gibt einen Spezialfall, der betrachtet werden sollte: Adjektive auf -ëa, wie in laurëa "golden". Wir müssen annehmen, dass im Ur-Quenya die Pluralform einfach laurëai war. Aber als -ai später zu -e wurde, was bedeutet das? laurëe ergäbe keine zulässige Form. Um die lästige Kombination von zwei e´s nebeneinander zu vermeiden, änderte sich der erste von beiden zu i. Somit ist die Pluralform von laurëa im Exil-Quenya laurië, wie in der ersten Zeile des Namárië: Ai! laurië lantar lassi súrinen... "Ah! Golden fallen die Blätter im Wind..."- das Adjektiv steht im Plural in Übereinstimmung mit dem Hauptwort, das es beschreibt, lassi "Blätter".

Adjektive auf -ë scheinen sich wie die meisten Hauptwörter derselben Form zu verhalten: -ë wird im Plural -i. Wir haben nicht sehr viele Beispiele, aber der Ausdruck luini tellumar "blaue Gewölbe" in dieser Prosa-Version des Namárië scheint die Pluralform eines Adjektivs luinë "blau" (in dieser Form nicht belegt, aber wie oben beobachtet gibt es viele Farb-Adjektive auf -ë). Des weiteren bemerkt Tolkien in den Etymologies, dass das Adjektiv maitë "geschickt" die Pluralform maisi hat (LR:371). Zweifellos wurde die Pluralform deshalb ausdrücklich erwähnt, um einen anderen Punkt zu illustrieren: dass Adjektive auf -itë die Pluralform -isi haben, der Konsonant t also vor i zu einem s wird. Diese spezielle Idee wurde wohl später wieder fallengelassen, denn: In einer viel späteren Quelle nach dem Herrn der Ringe schrieb Tolkien hloníti tengwi, nicht ?hlonísi tengwi, für "phonetische Zeichen" (WJ:395). So könnte die Pluralform von maitë einfach ebenso ?maiti sein.

Was die Pluralform von Adjektiven angeht, die auf einen Konsonanten enden, wie firin "tot", so haben wir keine Beispiele, die uns leiten. Es wird angenommen, dass sie ihren Plural auf -i bilden, wie es auch Hauptwörter dieser Form tun, und das scheint noch immer einleuchtend. So könnte "tote Männer" firini neri heißen. Wenn es irgend ein Argument gegen diese Annahme gibt, dann dass Adjektive auf -in die kürzere Variante von einer längeren Form auf -ina sind. Wie oben dargelegt zitierte Tolkien das Adjektiv für "offen, frei, klar (Land)" als latin(a), die beiden Formen latin und latina anzeigend. Die Pluralform von latina sollte offensichtlich latinë sein, für das ältere latinai. Aber was ist mit latin? Wenn das nur eine verkürzte Form von latina ist, wäre die Pluralform vielleicht latinë statt latini? Wir können das nicht mit Sicherheit wissen; in den Übungen unten folgte ich der traditionellen Annahme und benutze die Plurale auf -i. Adjektive, die auf einen Konsonanten enden, sind ziemlich selten, so dass diese Unsicherheit die Qualität unserer Quenyatexte nicht groß gefährdet.

An welchen Positionen stimmen Adjektive im Numerus überein? Attestierte Beispiele wie die schon zitierten, wie luini tellumar "blaue Gewölbe", scheinen anzuzeigen, dass ein attributives Adjektiv vor dem Hauptwort die Übereinstimmung zeigt. Das gilt auch für attributive Adjektive, die dem Hauptwort folgen; das Markirya-Gedicht zeigt i fairi nécë für "die blassen Geister", oder wörtlich "die Geister blass" (néca Pl. nécë "vage, schwach, verschwommen zu sehen" , MC:223). Ein Adjektiv, das getrennt vom Hauptwort, das es beschreibt, steht, stimmt ebenfalls im Numerus überein, so erscheint laurëa "golden" in der ersten Zeile des Namarië die Pluralform laurië: laurië lantar lassi "golden fallen Blätter" (die Prosaform vom Namarië lautet lassi lantar laurië "Blätter fallen golden"). Was prädikative Adjektive angeht, so fehlen uns Beispiele. Im Deutschen stimmen Adjektive im Numerus überein, wenn sie attributiv benutzt werden, aber prädikativ benutzte Adjektive nicht. Das alte Beispiel maller raicar "Straßen [sind] gewunden" in LR:47 scheint darauf hinzuweisen, dass Adjektive auch dann im Numerus übereinstimmen, wenn sie prädikativ benutzt werden. Im späteren Quenya sollten wir vermutlich maller (nar) raicë lesen, denn Tolkien änderte die Regeln zur Bildung der Pluralform von Adjektiven.

Kurz gesagt, können wir schließen, dass Adjektive im Numerus mit den Hauptwörtern, die sie beschreiben, "überall" übereinstimmen - ob sie vor, nach oder getrennt vom Hauptwort erscheinen, ob sie attributiv verwendet werden oder prädikativ. Es gibt dennoch einige wenige Beispiele, die nicht in dieses Schema passen. Anhang E des Essays Quendi and Eldar von ca. 1960 enthält einige "sich gut benehmende" Beispiele von Pluraladjektiven, die attributiv benutzt werden mit dem Hauptwort tengwi "Zeichen", in verschiedenen Ausdrücken, die von frühen Elbisch-Linguisten benutzt wurden, als sie versuchten, die Struktur ihrer Sprache zu analysieren (wie ich oben schon sagte, müssen wir uns hier nicht mit der exakten Bedeutung dieser Ausdrücke befassen). Neben hloníti tengwi "phonetische Zeichen" und quantë tengwi "volle Zeichen", die wir schon zitiert haben WJ:395, VT39:5), finden wir racinë tengwi "beraubte Zeichen" und penyë tengwi "fehlende Zeichen" (VT39:6; die Einzahl des letzteren, penya tengwë "ein fehlendes Zeichen", ist attestiert: VT39:19). In diesen Ausdrücken zeigen alle Adjektive, hlonítë "phonetisch"; quanta "voll", racina "beraubt, entzogen" und penya "fehlend", die Pluralform in Übereinstimmung mit tengwi "Zeichen, Elemente, Laute". So weit so gut. Aber dann wenden wir uns dem Entwurf für Appendix E von Quendi and Eldar zu. Hier ließ Tolkien die Adjektive im Numerus nicht übereinstimmen, und wir finden Ausdrücke wie lehta tengwi "freie / befreite Elemente", sarda tengwi "harte Laute" und tapta tengwi "behinderte Elemente" (VT39:17). Wir würden natürlich lehtë tengwi, sardë tengwi, taptë tengwi erwarten, aber die sind nicht zu finden. Wenn wir nicht annehmen wollen, dass es verschiedene Klassen von Adjektiven gibt, einige die im Numerus übereinstimmen und einige, die das nicht tun - und ich denke das ist sehr weit hergeholt - scheint es dass Tolkien in dem Entwurf  ein System benutzte, wo ein attributives Adjektiv unmittelbar vor seinem Hauptwort nicht im Numerus übereinstimmt. Aber als er den Anhang tatsächlich schrieb, schien er eine Übereinstimmung im Numerus auch an dieser Position eingeführt zu haben, und so finden wir zum Beispiel quantë tengwi an Stelle von ?quanta tengwi für "volle Zeichen". Die elbische Grammatik konnte sich blitzschnell ändern, wenn Tolkien in seiner "Revidierlaune" war, und somit ist das nicht überraschend. 

Die letzte Version des Markirya-Gedichtes , von dem Christopher Tolkien annimmt, dass es irgendwann im letzten Lebensjahrzehnt seines Vaters geschrieben wurde (1963-73), ist hier ebenso relevant. In dem Ausdruck "gefallene Türme" schrieb Tolkien zuerst das Adjektiv atalantëa "ruinös, gefallen" om seiner Pluralform atalantië, genau wie wir annehmen würden. Dann änderte er laut Christopher Tolkien seltsamerweise atalantië in die Singular- (oder eher ungebeugte) Form atalantëa, obwohl das benachbarte Hauptwort "Türme" im Plural belassen wurde (MC:222). Wiederum scheint Tolkien mit einem System zu experimentieren, wo ein attributives Adjektiv unmittelbar vor dem beschriebenen Hauptwort nicht im Numerus übereinstimmt und in seiner nicht gebeugten Form erscheint. Ein ähnliches System taucht in Tolkiens Schriften in Westron auf, der "gemeinen Sprache" von Mittelerde (einer Sprache, die er nur skizzierte). Vielleicht überlegte er sich, ein solches System auch in Quenya einzuführen, und wir sehen seine Idee in seinen Schriften sozusagen aufflackern und wieder verlöschen?

Das System jedoch, das ich Schreibern nahe legen würde, ist Adjektive im Numerus auch an dieser Position übereinstimmen zu lassen. Im Namarië im Herrn der Ringe finden wir den Ausdruck lintë yuldar "schnelle Schlucke", und in der Übersetzung zwischen den Zeilen in RGEO:66 notierte Tolkien ausdrücklich, dass lintë ein "pl."-Adjektiv ist. Wir müssen also annehmen, dass lintë für das ältere lintai steht, die Mehrzahl des Adjektives linta. Wenn ein attributives Adjektiv vor dem beschriebenen Hauptwort nicht im Numerus übereinstimmen würde, hießen "schnelle Schlucke" statt dessen ?linta yuldar. Die Quelle, wo Tolkien ausdrücklich lintë als Pluralform identifiziert, wurde zu seinen Lebzeiten veröffentlicht, und darüber hinaus so spät wie 1968, möglicherweise sogar nach der letzten Version des Markirya. Somit scheint seine allerletzte Entscheidung jene zu sein, dass Adjektive im Numerus übereinstimmen, auch wenn das Adjektiv unmittelbar vor dem Hauptwort steht. Es regt sich der Verdacht, dass Tolkien viele schlaflose Nächte darüber verbrachte, sorgfältig die verschiedenen Pro's und Contra's in dieser wichtigen Frage gegeneinander abzuwägen. 

HINWEIS ZU ADJEKTIVEN, DIE ALS HAUPTWÖRTER BENUTZT WERDEN: Wie oben beschrieben gab es eine Phase, in der Tolkien Adjektive auf -a ihren Plural auf -ar bilden ließ, was er aber später durch -ë ersetzte (für das ältere -ai). Doch Adjektive auf -a können immer noch die Pluralform auf -ar haben, wenn sie als Hauptwörter eingesetzt werden, denn in einem solchen Fall werden sie naturgemäß wie Hauptwörter gebeugt. Tolkien bemerkte, dass Elben statt penyë tengwi "fehlende Zeichen" manchmal einfach penyar oder "Fehlende" sagten - das Adjektiv penya als Hauptwort benutzend (VT39:19). Ein bekannteres Beispiel ist das Adjektiv vanya "schön"; es hätte normalerweise die Pluralform vanyë (z. B. vanyë nissi "schöne Frauen"). Doch das Adjektiv vanya kann auch als Hauptwort benutzt werden, "ein Vanya" oder "ein Schöner / eine Schöne", ein Wort, das man für ein Mitglied des ersten Clans der Elben benutzte. Dann wird der Clan als Ganzes natürlich Vanyar genannt, wie im Kapitel 3 des Silmarillion: "The Vanyar were [ingwë's] people; they are the fair Elves." Benutzt man ein anderes, verwandtes Adjektiv für "schön", vanima, so stellt man fest, dass auch hier Baumbart einen Plural nach der Art der Hauptwörter benutzte, er grüßte Celeborn und Galadriel als a vanimar "o ihr Schönen" (die Übersetzung findet man in Letters:308). Adjektive auf -ë jedoch haben ihre normale Form auf -i, auch wenn sie als Hauptwörter benutzt werden, so wie auch die meisten Hauptwörter auf -ë ihren Plural auf -i bilden.