Einführung

von Helge Fauskanger
übersetzt ins Deutsche von Brigitte Raßbach

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Einführung

Die Frage nach dem Copyright

"Wie ist Quenya?"

Die Quellen 

Rechtschreibung


Einführung

Von all den Sprachen, die der britische Autor und Philologe J. R. R. Tolkien (1892 - 1973) erfunden hat, war Quenya immer die populärste. Sie ist wohl auch die am höchsten entwickelte aller Sprachen, die Tolkien ersonnen hat. Tatsächlich sind nur zwei von ihnen - Quenya und Sindarin - so vollständig, dass man relativ ungezwungen echte Texte in ihnen schreiben kann, ohne auf zu massive Eigenerfindungen zurückgreifen zu müssen. Bis vor kurzem noch war Sindarin kaum verstanden, und seine komplexe Lautlehre kann frischgebackene Studierende abschrecken (vor allem wenn sie über keine Vorkenntnisse in Linguistik verfügen). Mein entschiedener Rat an jene, die Tolkiens linguistische Schöpfungen studieren möchten: Beginnen Sie mit Quenya. Die Kenntnis dieser Sprache wird spätere Studien anderer Sprachen erleichtern, einschließlich des Sindarin, da Quenya nur einen Zweig aus der Familie der elbischen Sprachen darstellt: Die Elbensprachen sind keine "unabhängigen" Sprachen, sondern entwickelten sich aus einer gemeinsamen Sprache als Vorfahre, und in vielerlei Hinsicht steht Quenya diesem Ur-Original näher als die anderen Sprachen.

In Wirklichkeit - gegenüber dem erdachten, fiktiven Kontext - wusste Tolkien gut, welche Art von Stil er anstrebte. Als er ein primitives "Ur-Elbisch" entwarf, erdachte er sich klugerweise Lautverschiebungen, die zu einer Sprache mit dem erwünschten "Geschmack" führen würden: Quenya ergab sich aus seiner "Jugendliebe" zu Finnisch: Als er es kennen lernte,  war er mit seinen eigenen Worten "quite intoxicated" (ziemlich berauscht) von Klang und Stil dieser Sprache (The Letters of J. R. R. Tolkien, 214).  Doch sollte unterstrichen werden, dass das Finnische nur eine Inspiration darstellte; Quenya ist in keinster Weise eine frisierte Version von Finnisch, und nur einige wenige Worte des Quenya-Vokabulars zeigen eine Ähnlichkeit zu korrespondierenden finnischen Wörtern. (Siehe Harri Peräla´s Diskussion auf http://www.sci.fi/~alboin/finn_que.htm; der Verfasser ist selbst Finne.) Tolkien erwähnte auch Griechisch und Latein als Inspiration; wir können zweifellos auch Spanisch der Liste hinzufügen.

Die fiktive oder "interne" Geschichte von Quenya ist in meinem Ardalambion-Artikel zu Quenya zusammengefasst (siehe http://www.uib.no/People/hnohf/quenya.htm) und soll hier nicht in Einzelheiten wiederholt werden. Sehr kurz zusammengefasst: In Tolkiens Mythos war Quenya die Sprache der Elben, die in Valinor lebten, im äußersten Westen; gesprochen im "Blessed Realm" ("gesegneten Reich") war es die vornehmste Sprache in der Welt. Später ging einer der Stämme der Elben, die Noldor, ins Exil nach Mittelerde und nahm seine Sprache Quenya mit. In Mittelerde wurde es im Alltag bald nicht mehr gesprochen, aber unter den Noldor wurde Quenya immer als feierliche, zeremonielle Sprache bewahrt. Als solche war sie auch den Sterblichen (den Menschen) der späteren Zeitalter bekannt. So hören wir im Herrn der Ringe Frodo mit dem berühmten Quenya-Gruß elen síla lúmenn' omentielvo, "ein Stern scheint über der Stunde unseres Treffens", als er und seine Freunde einigen Elben über den Weg laufen (und die Elben sind entzückt, einen "Kundigen der Alten Sprache" zu treffen). Wer Quenya studiert, um sich auf diesem Weg in Tolkiens Dichtung zu vertiefen, stelle sich selbst vielleicht am besten  als einen sterblichen Studenten in Mittelerde im Dritten Zeitalter vor, in jener Periode, in die der Herr der Ringe eingebettet ist. (Sich selbst als jemanden vorzustellen, der in Valinor im Ersten Zeitalter Elbisch als Muttersprache spricht,  mag wohl allzu ehrgeizig sein!) Die spezielle Form von Quenya, die in diesem Kurs gelehrt wird, ist - absichtlich - genau jene Variante des späten Exils oder Dritten Zeitalters. Diese Art Quenya ist in Beispielen im Herrn der Ringe verdeutlicht, mit Galadriels Klagelied ("Galadriel´s Lament") Namarië als wesentlichstem Beispiel.

Zahlreiche Begeisterte brachten eine begrenzte, aber stetig wachsende Sammlung an Quenyaliteratur hervor, vor allem seit mit der Veröffentlichung von The Lost Road 1987, 15 Jahre nach dem Tod Tolkiens, ein wesentlicher Beitrag an Vokabular verfügbar wurde. Dank diesem und fünfzehn anderen Büchern mit Material von Mittelerde, das Christopher Tolkien im Zeitraum von 1977 bis 1996 aus von seinem Vater hinterlassenen Manuskripten herausgab, wissen wir nun viel mehr über Tolkiens Sprachen als jemals zu Lebzeiten des Erfinders. Natürlich können wir uns nicht hinsetzen und die kompletten Werke Shakespeares in Quenya übersetzen, aber wir kennen einige tausend Wörter und können die allgemeinen Umrisse der Grammatik ableiten, die Tolkien vorschwebte. Noch immer können Sie in Quenya nicht wirklich "flüssig" reden, egal wie hart Sie studieren, was gegenwärtig verfügbar ist. Doch es ist in hohem Maße möglich, lange Quenya-Texte zu schreiben, wenn man wohlüberlegt die Lücken in unseren Kenntnissen umgeht, und wir können zumindest hoffen, dass einige dieser Lücken (vor allem hinsichtlich grammatikalischer Charakteristika) in zukünftigen Publikationen beseitigt werden können. In der Zukunft ist es uns vielleicht möglich, Quenya zu einer in höherem Maß "anwendbaren" Sprache zu entwickeln. Doch wir müssen eindeutig damit beginnen, sorgfältig die Informationen zu verinnerlichen, die uns Tolkiens eigenes Material liefert - soweit es uns verfügbar ist.

Viele wollten einen "Kurs" oder ein "Tutorial", mit Übungen und allem, was ihnen erlauben würde, Quenya einigermaßen einfach selbst zu lernen. Ein solcher Versuch ist bereits vorher gemacht worden: Nancy Martsch´ Basic Quenya. Alles in allem war das mit Sicherheit gute Arbeit. Die Tatsache, dass Material, das erst nach der Veröffentlichung des Buches herauskam, einige Mängel enthüllte, kann man der Autorin nicht vorwerfen. Doch wünschen sich möglicherweise viele einen aktuelleren Kurs, und wiederholt kamen Menschen auf mich zu, die andeuteten, ich sei der Richtige, so etwas zu schreiben. Es ist natürlich nett, wenn andere mich einen "Experten" in Tolkien´scher Linguistik nennen. In Wirklichkeit jedoch würde ich sagen, dass es schwierig ist, ein "Experte" in diesen Angelegenheiten zu sein, als Folge der Knappheit von Quellenmaterial. Nichtsdestotrotz war ich so privilegiert, viel Zeit mit dem Studium dieser Dinge verbringen zu können (mit dem Beginn vor mehr als zehn Jahren), und ich sehe es als meine Pflicht an, über Einblicke, die ich gewinnen konnte, zu berichten und sie weiterzugeben. So setzte ich mich schließlich hin und begann diesen Kurs zu schreiben, gedacht für Anfänger. (Das ermöglicht mir passenderweise, unkritische und ungeschützte Köpfe frischer Studierender mit meiner Interpretation der Quenya-Grammatik zu füllen, jener Interpretation, die ich unvermeidlich für die beste und genaueste halte. Ha ha ha.) Doch dieser Kurs strebt nicht danach, einen Kurs mit langen Dialogen usw. nachzuahmen wie für das Sprachlabor, um den Studierenden zu helfen, in verschiedenen Situationen des alltäglichen Lebens flüssig zu sprechen. Das wäre ziemlich witzlos im Fall einer "Kunstsprache" wie Quenya, die für sorgfältig durchdachte Prosa und Dichtung gedacht ist und weniger für gelegentliches Plaudern. Vielmehr haben diese Lektionen die Form einer Reihe von Aufsätzen über verschiedene Teile der Quenya-Grammatik, verfügbare Zeugnisse prüfend und analysierend, in einem Versuch, Tolkiens Absichten zu rekonstruieren, und mit einigen angehängten Übungen.

Warum Quenya studieren? Wohl kaum, weil Sie im Urlaub nach Valinor reisen und lernen müssen, sich mit den Einheimischen zu verständigen. Einige werden diese Sprache studieren wollen, um auf diese Weise besser mit dem Geist des Autors Tolkien vertraut zu werden. Er weist darauf hin,

...what I think is a primary 'fact' about my work, that it is all of a piece,
and fundamentally linguistic in inspiration. [...] It is not a 'hobby', in the
sense of something quite different from one´s work, taken up as a relief-
outlet. The invention of languages is the foundation. The 'stories' were
made rather to provide a world for the languages than the reverse. To me a
name comes first and the story follows. I should have preferred to write in
'Elvish'. But, of course, such a work as The Lord of the Rings has been
edited and only as much 'language' has been left in as I thought would be
stomached by readers. (I now find that many would have liked more.) [...]
It is to me, anyway, largely an essay in 'linguistic aesthetic', as I
sometimes say to people who ask me 'what is it all about'. (The Letters of
J. R. R. Tolkien
, S. 219 - 220)

Übersetzung:
... was ich für eine grundlegende "Tatsache" meiner Arbeit halte ist, dass alles
aus einem Guss ist, und grundsätzlich linguistisch inspiriert. [...] Es ist kein "Hobby"
dergestalt, dass es etwas von meiner Arbeit grundsätzlich Verschiedenes ist, was
man sich zulegt, um Abwechslung zu haben. Die Erfindung von Sprachen ist das
Fundament. Die "Geschichten" wurden eher dazu erdacht, den Sprachen eine Welt
zu geben als umgekehrt. Für mich kommt zuerst ein Name, und dann folgt die Geschichte.
Ich hätte es vorgezogen in "Elbisch" zu schreiben. Aber natürlich kam ein Werk wie
Der Herr der Ringe heraus und enthielt nur noch so viel "Sprachliches" wie ich glaubte,
dass von den Lesern verdaut werden könnte. (Nun finde ich heraus, dass viele sich mehr
gewünscht hätten.) [...]. Für mich ist es in gewisser Weise eine Abhandlung über
"linguistische Ästhetik", wie ich manchmal jenen erkläre, die mich fragen, "um was es sich
handelt".

Im Licht solch gewichtiger Feststellungen durch den Autor kann man ein Studium der von ihm erdachten Sprachen nicht  abtun als eine Art einfältiger Flucht romantischer Teenager in eine andere Welt. Es muss als ein entscheidender Teil einer Bildung betrachtet werden, die sich auf Tolkiens Schriftstellerei bezieht, oder auf sein Werk als Ganzes: Die Sprachen, die Tolkien erstellte, sind Teil seiner Leistungen als Philologe, nicht notwendigerweise weniger ernst zu nehmen als seine Schriften über frühere Sprachen wie Angelsächsisch. Bedenken Sie, dass er sich dagegen sträubte, seine "grundsätzlich linguistische" Arbeit als bloßes Hobby zu betrachten. Man kann Quenya und die anderen Sprachen als Kunstwerke bezeichnen, aber egal welches Wort wir benutzen, um sie zu beschreiben, am Ende läuft es immer auf das folgende hinaus: Tolkien war nicht einfach ein beschreibender Linguist, passiv forschend und frühere Sprachen betrachtend - er war ein ebenso ein kreativer, "erschaffender" Linguist.

Es ist klar, dass Geläufigkeit in Quenya oder Sindarin keine Voraussetzung ist, bevor Sie irgend etwas Intelligentes über Tolkiens Erzählungen sagen können; dennoch ist es klar, dass einige Kritiker und Schüler traurigerweise die entscheidende Rolle der erdachten Sprachen unterschätzt haben, unfähig, selbst jene sehr klaren Feststellungen wie die oben ausgewählte vollkommen ernst zu nehmen. Um die Reichweite und Komplexität von Tolkiens linguistischen Kreationen zu verstehen muss man sie tatkräftig um ihrer selbst willen studieren. Es sollte sicher möglich sein, das Interesse auf sie um ihrer selbst willen zu lenken. Vor einigen Jahren beobachtete der anerkannte Tolkien-Schüler Tom Shippey, dass

...it´s clear that the languages Tolkien created are created by, you know,
one of the most accomplished philologists of all time, so there is therefore
some interesting in them, and I think also in them there is poured
much of his professional knowledge and thought. (...) I´ve often noticed
that there are really very valuable observations about what Tolkien
thought about real philology buried in the fiction. And I would not be at
all surprised if, you know, there were valuable observations buried in the
invented languages. So there may be, in fact, something which emerges
from it. [Aus einem Interview, das während des Arda-Symposiums in Oslo geführt wurde, im April 1987,
veröffentlicht im Journal Angerthas, issue 31.}

Sinngemäße Übersetzung:
Es ist klar, dass die Sprachen, die Tolkien kreierte, von einem der, wie Sie wissen,
ausgezeichnetsten Philologen aller Zeiten erschaffen wurden, und damit sind sie von
einigem Interesse, und ich denke auch, in sie ist viel seines professionellen Wissens
und seiner Gedanken eingeflossen. (...) Ich habe oft bemerkt, dass viele sehr wertvolle  
Beobachtungen darüber, was Tolkien für wirkliche Sprachwissenschaft hielt, in
die Dichtung verborgen waren. Und ich wäre überhaupt nicht überrascht, wissen Sie,
wenn in seinen erdachten Sprachen wertvolle Beobachtungen verborgen wären. So mag
es tatsächlich einiges geben, was daraus zum Vorschein kommt.

Selbst wenn man nicht daran glaubt, dass große neue sprachwissenschaftliche Einsichten darauf warten, aus der Struktur von Tolkiens Sprachen ans Tageslicht gebracht zu werden: Ich kann nicht sehen, weshalb ein Betreiben detaillierter Studien dieser Sprachen notwendigerweise als Realitätsflucht oder bestenfalls irgendwie sinnloser Zeitvertreib für Menschen betrachtet werden sollte, für Menschen, die zu faul sind, sich einen besseren Zeitvertreib zu suchen. Die Sprachen, die Tolkien konstruierte, wurden mit Musik verglichen. Sein Biograph Humphrey Carpenter bemerkt, dass Tolkien, wenn er in Musik interessiert gewesen wäre, wahrscheinlich Melodien hätte komponieren wollen; warum sollte er somit nicht ein persönliches System von Wörtern entwickeln, das so etwas sein würde wie seine eigene Symphonie? Man kann eine der von Tolkien so sorgfältig entwickelten Sprachen studieren, wie man eine Symphonie in der Musik studieren würde: ein komplexes Werk aus vielen zusammenhängenden Teilen, verwoben zu einer komplexen Schönheit. Doch ist die Symphonie in ihrer Form fest, wohingegen eine Sprache unendlich  in immer neue Texte von Prosa und Dichtung kombiniert werden kann - und doch ihre Natur und Eigenheit unvermindert behält. Einer der Anziehungspunkte von Quenya ist, dass wir selbst sprachliche "Musik" komponieren können, einfach indem wir Tolkiens Regeln verwenden; somit ist Carpenters Vergleich zu begrenzt: Tolkien machte nicht einfach eine Symphonie, vielmehr erfand er eine komplette Form von Musik, und es wäre ein Jammer, wenn sie mit ihm gestorben wäre.

Natürlich wollen andere möglicherweise Quenya studieren, um sich in Tolkiens Dichtung zu vertiefen, mit keinen Ansprüchen an "Bildung" irgendeiner Art: Tolkiens Vision der Elben (Quendi, Eldar) ist ohne Zweifel die größte Leistung seiner Schriftstellerei, und Quenya war - wenigstens in der etwas einseitigen Meinung der Noldor - "the chief Elvish tongue, the noblest, and the one most nearly preserving the ancient character of Elvish speech" ("die Hauptsprache der Elben, die vornehmste, und diejenige, die am ehesten den altehrwürdigen Charakter elbischer Ausdrucksweise bewahrt", The War of the Jewels S. 374). Doch man kann sich an das "Elbische" in einem tieferen Sinn herantasten als nur zu versuchen, sich in die Dichtung zu vertiefen. Glücklicherweise gab Tolkien die allzu klassische Vorstellung von "Elfen" als winzige, durch und durch hübsche "Feen" auf und brachte stattdessen eine Vorstellung von Elben als etwas Größeres zustande: "I suppose that the Quendi are in fact in these histories very little akin to the Elves and Fairies of Europe; and if I were pressed to rationalize, I should say that they represent greater beauty and longer life, and nobility - the Elder Children" ("Ich stelle mir vor, das die Quendi in dieser Geschichte in Wirklichkeit wenig verwandt sind mit den Elfen und Feen Europas; und wenn ich gezwungen wäre, rational zu erklären, würde ich sagen, dass sie größere Schönheit und längeres Leben repräsentieren, und Würde - die Älteren Kinder" The Letters of J. R. R. Tolkien, S. 176, hier ergab sich im Deutschen die ausgezeichnete Möglichkeit der Übersetzung von "Elves" mit "Elben", wodurch das falsche Elfenbild vermieden werden konnte. ). Die Quintessenz von Tolkiens Bild des "Elbischen" ist in erster Linie in den Sprachen enthalten, "for to the Eldar the making of speech is the oldest of the arts and the most beloved" ("für die Elben ist die Bildung von Sprachen die älteste der Künste und die am meisten geliebte", The Peoples of Middle-earth S. 398). In gewisser Weise kann das Studium von Quenya eine Suche nach dieser Vision von etwas Schönem und Vornehmen sein, jenseits der normalen Fähigkeiten unseres sterblichen und begrenzten Selbst: "The Elves represent, as it were, the artistic, aesthetic, and purely scientific aspects of the Humane raised to  a higher level than is actually seen in Men" ("Die Elben repräsentieren so, wie sie sind, die künstlerischen, ästhetischen und rein wissenschaftlichen Aspekte des Menschlichen, auf einem höheren Niveau als gegenwärtig bei den Menschen", Letters S. 176). Die Suche nach einem solchen "höheren Niveau" übersteigt alle Fiktion. Tolkien übersetzte seine innere Vorstellung dieses Levels teilweise in Bilder, aber viel hervorstechender in seine Erzählungen, und (für ihn) noch wichtiger, in Sprache, in Wörter und Laute. In Quenya lebt seine Vorstellung von Schönheit weiter und wartet auf jene, die fähig sind, sie zu verstehen und würdigen.

Auf ihren Webseiten versuchen die schwedischen Tolkien-Linguisten der Mellonath Daeron Gruppe, ihr Studium der Tolkien-Sprachen zu rechtfertigen:

Unsere Tätigkeit wurde als der reine Luxus beschrieben. Wir studieren etwas,
das nicht existiert, nur so zum Vergnügen. Das ist etwas, was man sich leisten kann,
wenn man alles andere hat; Essen, ein Dach über dem Kopf, Kleidung, Freunde
und so weiter. Die Sprachen von Tolkien sind es sehr wohl wert, studiert zu werden,
alleine wegen ihres hohen ästhetischen Wertes. Und Kenntnis dieser Sprachen ist ein
Schlüssel zu einem tieferen Verständnis der Schönheit von Tolkiens Neben-Schöpfung,
seiner Welt, Arda.          

Ich stimme den beiden letzten Sätzen von Herzen zu, aber ich kann dem nicht beipflichten, dass Quenya oder Sindarin "nicht existieren". Klar sprechen wir nicht über physische, berührbare Objekte, aber das gilt für jede Sprache. Das sind keine fiktiven Sprachen, sondern Sprachen so real wie Esperanto oder jede andere konstruierte Sprache. Tolkien selbst bemerkt zu seinen Sprachen, dass sie "have some existence, since I have composed them in some completeness" ("...eine Existenz haben, seit ich sie einigermaßen vollständig verfasst habe", The Letters of J. R. R. Tolkien, S. 175).

Im Gegensatz zu Esperanto ist Quenya allerdings stärker mit einer fiktiven internen Geschichte verbunden. (Tolkien behauptete einmal, dass Esperanto mehr Erfolg gehabt hätte, wenn es dazu eine Esperanto-Mythologie gegeben hätte!) Die mit ihr verbundene Mythologie bereichert Quenya zweifelsohne und hilft uns zu verstehen, welche Art linguistischen "Geschmack" oder Stil Tolkien beabsichtigte, und die Tatsache, dass seine Sprache in den berühmtesten Fantasy-Romanen, die je geschrieben wurden, eine Rolle zu spielen hat, versieht sie mit viel "kostenloser Publicity", von der Esperanto nur träumen kann. Dennoch muss betont werden, dass Quenya als etwas Wirkliches in unserer eigenen Welt existiert, und wie oben erwähnt verfügt sie über ständig wachsende Literatur, meist in Versen: Die gegenwärtig existierenden Texte müssen schon hunderte Male mehr Umfang haben als all die Quenya-Texte, die Tolkien jemals selbst geschrieben hat. Er verfeinerte ohne Ende die Struktur und die imaginäre Entwicklung seiner erfundenen  Sprachen, aber er schrieb bemerkenswert wenig wirkliche Texte in ihnen. Obwohl er erklärte, dass er es vorgezogen hätte in "elbisch" zu schreiben (siehe oben), schrieb er tatsächlich eher über die Elbensprachen als in ihnen. "Delight lay in the creation itself," ("Das Vergnügen lag im Erfinden selbst", beobachtet Christopher Tolkien (Sauron Defeated, S. 440). Sein Vater schuf die Sprachen, einfach weil er es liebte sie zu schaffen, nicht weil er sie für irgend einen speziellen Zweck "benutzen" musste. Sicher schrieb Tolkien eine Reihe von Gedichten in "Elbisch"; aber ihre Zahl ist verschwindend gering im Vergleich zu den Tausenden von Seiten, die er über die Struktur seiner Sprachen schrieb.

Tolkien hatte seine Freude an der bloßen Erfindung selbst. Das war sein Vorrecht als der ursprüngliche Erschaffer. Doch wage ich es zu behaupten, dass nur wenige Menschen fähig sind, viel Freude an der rein passiven Betrachtung der Struktur einer Sprache zu haben, oder am Lesen der Grammatik einer erfundenen Sprache, als wäre es eine Art Erzählung. Ich stelle mir vor, dass die meisten, die Quenya studieren wollen, eine gewisse Absicht haben, wie vage auch immer, diese Kenntnisse zu nutzen, indem sie selbst Quenya-Texte schreiben - oder wenigstens die Texte anderer lesen (nicht zuletzt Tolkiens eigene). Wirkliches Erlernen einer Sprache erfordert in jedem Fall aktive Teilnahme: Selbst wenn Sie nicht davon träumen sollten, jemals etwas in Quenya zu veröffentlichen, sondern nur Tolkiens "Elbisch" für akademische Zwecke einsetzen wollen, werden Sie sich dennoch durch einige Übungen arbeiten müssen, um Grammatik und Vokabular zu verinnerlichen. Solche Übungen sind in diesem Kurs enthalten.   

Mein Lieblingsstandpunkt hinsichtlich des Studiums der Tolkien-Sprachen ist wahrscheinlich dieser (aufgebaut auf der "musikalischen" Analogie Carpenters): Ich würde sagen, wir befinden uns in gewisser Weise in folgender Situation: Ein genialer Komponist hat eine neue Musikform erfunden, viel über seine Struktur geschrieben, aber relativ wenige wirkliche Kompositionen selbst gemacht - einige von ihnen wurden zu seinen Lebzeiten noch nicht einmal veröffentlicht. Dennoch gewinnen diese wenigen Kompositionen eine ständig wachsende internationale Zuhörerschaft, eine Zuhörerschaft, die von dieser Art Musik nur zu gerne mehr hören möchte - viel mehr. Der wirkliche Komponist ist tot, was werden wir also tun? Es gibt nur einen Weg, den wir einschlagen können: Wir müssen gründliche Studien durchführen - sowohl der veröffentlichten Kompositionen als auch der mehr theoretischen Schriften - um die Regeln und Grundsätze dieser Art Musik herauszufinden und zu verinnerlichen. Dann können wir daran gehen, selbst zu komponieren, völlig neue Melodien zu erschaffen, die dennoch der allgemeinen Struktur nachkommen, die der ursprüngliche Erfinder ersonnen hat. 

Dies ist natürlich nur ein grober Vergleich, wenn man Tolkiens Erzählungen einbezieht. Tolkiens Themen und Prinzipien des Geschichten-Erzählens wurden von Generationen von neuen Autoren übernommen, mit dem modernen Fantasy-Genre als Ergebnis - obwohl es nicht sehr umstritten sein dürfte, wenn man feststellt, dass kaum ein Autor fähig war, den hohen Standards gerecht zu werden, die der Meister vorgab. Auf dieselbe Weise variiert die Qualität der zahlreichen nach Tolkien geschriebenen Texte erheblich. Im Fall einiger früher Versuche, geschrieben, als noch sehr wenig Material verfügbar war, ist es nun leicht, verschiedene Unzulänglichkeiten herauszufinden und Fehlinterpretationen dessen, was Tolkien wirklich beabsichtigte. Heute, wo sehr viel mehr Material verfügbar ist, würde ich sagen, es ist möglich, Texte zu schreiben, die Tolkien wahrscheinlich als im Großen und Ganzen korrektes Quenya erkannt hätte (obwohl ich denke, es wäre für ihn eine befremdliche Erfahrung gewesen, Quenya-Texte zu lesen, die nicht von ihm selbst stammten; seine erfundenen Sprachen waren ursprünglich etwas sehr privates).

Dieser Kurs sollte in jedem Fall nützlich sein, egal aus welchem Blickwinkel Sie diese Studien aufnehmen - ob Sie Quenya lernen wollen, um sich selbst in Tolkiens Fiktion zu vertiefen, um eine entscheidende Seite seiner Schriftstellerei besser beurteilen zu können, um etwas über die komplexen Schöpfungen eines talentierten Linguisten zu lernen, um die intellektuelle Herausforderung anzunehmen, ein anspruchsvolles System zu meistern, um auf eine meditative Suche nach "dem Elbischen" zu gehen oder sich einfach an der Ästhetik von Quenya zu erfreuen. Natürlich schließt keiner dieser Anlässe die anderen aus. Welche Sichtweise auch immer die Ihre sein mag: Ich hoffe, sie werden gerne Anteil daran haben, dass Quenya-Literatur wachsen und blühen kann. 

Ein weiterer Bezug auf Tolkien kann hier angebracht werden: "No language is justly studied merely as an aid to other purposes. It will in fact better serve other purposes, philological or historical, when it is studied for love, for itself" ("Keine Sprache wird nur mit der Berechtigung eines Hilfsmittels für andere Zwecke studiert. Vielmehr dient sie in Wirklichkeit anderen Zwecken besser, sprachwissenschaftlichen oder geschichtlichen, wenn sie aus Liebe zu ihr selbst studiert wird." (MC:189)).