Der Artikel

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Der Artikel

In dieser Lektion bleibt noch Raum für eine weitere Sache: den Artikel. Ein Artikel ist im linguistischen Sinn ein Wort wie im Deutschen "der, die, das" oder "ein, eine". Diese kleinen Wörter werden in Verbindung mit Hauptwörtern benutzt, um verschiedene Nuancen der Bedeutung auszudrücken wie "ein Pferd" im Gegensatz zu "das Pferd": Jeder, der diesen Text lesen kann, wird wissen, worin in erster Linie der Unterschied liegt, somit ist keine längere Erklärung notwendig. Kurz gesagt bezieht sich "ein Pferd" auf ein beliebiges Pferd, das vorher noch nicht erwähnt wurde. Somit schlüpft zu dessen "Einführung" der Artikel "ein" vor das Hauptwort: "Schau, da ist ein Pferd". Man kann die Wendung "ein Pferd" auch benutzen, wenn man etwas sagen will, was für Pferde im allgemeinen gilt: "Ein Pferd ist ein Tier": Wenn Sie dagegen "das Pferd" sagen, bezieht sich das normalerweise auf ein bestimmtes Pferd. Somit werden "der, die, das" bestimmte Artikel genannt, während "ein, eine" ohne diese bestimmende Wirkung unbestimmter Artikel genannt wird.

In dieser Hinsicht zumindest ist Quenya etwas einfacher als Englisch oder Deutsch. Quenya hat nur einen Artikel, dem bestimmten Artikel entsprechend, also für "der, die, das" (aber nur eine Form, ohne Unterscheidung des Geschlechts, und weil es keinen unbestimmten Artikel gibt, mit dem er nicht verwechselt werden darf, können wir in Abhandlungen über Quenya einfach über "den Artikel" sprechen. Das Quenya- Wort für den Artikel ist i. In Namárië finden wir i eleni für "die Sterne". Wie aus dem oben Gesagten ersichtlich hat Quenya kein Wort, das "ein, eine" entspricht. Wenn wir Quenya ins Deutsche übersetzen, brauchen wir einfach nur "ein, eine" einfügen, wo die deutsche Grammatik einen unbestimmten Artikel verlangt, wie zum Beispiel in dem berühmten Gruß Elen síla lúmenn' omentielvo, "ein Stern scheint auf die Stunde unserer Begegnung". Wie wir sehen, ist das erste Wort des Quenya-Satzes einfach elen, "Stern", ohne ein Pendant zu unserem deutschen unbestimmten Artikel "ein" davor (oder irgendwo anders im Satz). In Quenya gibt es keine Möglichkeit, die Unterscheidung zwischen "ein Stern" und "Stern" aufrecht zu erhalten; beides heißt einfach elen. Glücklicherweise gibt es kaum Fälle, in denen eine Unterscheidung aufrecht erhalten werden müsste. Sprachen wie Arabisch, Hebräisch und klassisches (Alt-)Griechisch bedienen sich eines einfachen Systems: es gibt einen bestimmten Artikel, unserem "der, die, das" entsprechend (ohne Unterscheidung des Geschlechts), aber nichts, was unserem unbestimmten Artikel "ein, eine" entspricht (und dieses System wird auch in Esperanto benutzt). Alles in allem ist das Fehlen des bestimmten Artikels selbst ein ausreichendes Zeichen dafür, dass ein (normales) Hauptwort unbestimmt ist, somit ist der unbestimmte Artikel in gewisser Weise überflüssig. Tolkien entschied sich dafür, in  Quenya ohne ihn zu arbeiten, und somit müssen sich Studenten nur über i = "der, die, das" Gedanken machen.

Manchmal verbindet Tolkien den Artikel mit dem nächsten Wort durch einen Bindestrich oder einen Punkt: i-mar "die Erde" (Firiel's Song), i·coimas "das Brot des Lebens (Lembas)" (PM:396). Im Herrn der Ringe hingegen verfuhr er nicht so (wir haben schon einmal das Beispiel i eleni "die Sterne" im Namarië zitiert), und wir werden das hier auch nicht tun!

Der Quenya-Artikel wird im allgemeinen wie im Englischen und Deutschen benutzt. Doch einige Hauptwörter, die im Englischen und Deutschen einen Artikel bräuchten, zählen in Quenya als Eigennamen und benötigen keinen Artikel. Zum Beispiel wird der Satz Anar caluva tielyanna übersetzt mit "die Sonne möge auf deinen Weg scheinen" (UT:22,51); doch im Quenya-Satz gibt es keinen Artikel. "Die Sonne" ist nicht **i Anar, sondern einfach Anar. Anar ist hier als Eigenname zu verstehen, der einen ganz bestimmten Himmelskörper bezeichnet, und Sie brauchen deshalb nicht "die Anar" zu sagen, ebenso wenig wie Sie "der Mars" zu sagen brauchen (wir sagen im Deutschen zwar auch oft "der Mars ist rot", doch im Grunde reicht auch "Mars ist rot", weil es nur den einen Mars gibt). Der Name "des" Mondes, Isil, verhält sich in dieser Hinsicht unzweifelhaft genauso wie Anar. Es sollte angemerkt werden, dass beide Wörter im Silmarillion als Eigennamen behandelt werden, siehe Kapitel 11: "Isils Schiff wurde zuerst gebaut und zur Fahrt gerüstet, und als erster stieg er in die Sphäre der Sterne hinauf...  Da stieg Anar auf in ihrem Glanz, und der erste Sonnenschein auf den Türmen der Pélori war wie ein großes Feuer..."

Beachten Sie auch, dass vor einem Plural, der ein ganzes Volk (oder sogar eine Rasse) bezeichnet, der Artikel normalerweise auch nicht benutzt wird! WJ:404 erwähnt Valar valuvar, "der Wille der Valar wird geschehen" (oder wörtlicher: *"Die  Valar werden bestimmen (herrschen)"). Beachten Sie, dass "die Valar" in Quenya einfach Valar heißt, nicht **i Valar. Einen ähnliches Beispiel finden wir in PM:395: lambë Quendion steht für "die Sprache der Elben" und coimas Eldaron für "coimas [lembas] der Elben" - nicht **lambë i Quendion, **coimas i Eldaron. (Die Endung -on, die hier an die Pluralformen Quendi und Eldar angehängt wird, kennzeichnet das "von"; diese Endung sollte keinen Einfluss darauf haben, ob vor dem Wort ein Artikel zu stehen hat oder nicht.)

Vergleichen Sie diese Gepflogenheit mit Tolkiens Gebrauch von "Menschen" (in Bezug auf die menschliche Rasse als Ganzes) in seinen Erzählungen: "Men awoke in Hildórien at the rising of the Sun... A darkness lay upon the hearts of Men... Men (it is said) were at first very few in number..." ("... als die Menschen beim Aufgang der Sonne in Hildórien erwachten... ...eine Dunkelheit lag auf den Herzen der Menschen... die Menschen (so heißt es) waren zuerst nur sehr wenige an der Zahl...", Silmarillion, Kapitel 17). Im Deutschen müssen wir hier den bestimmten Artikel verwenden, "Menschen" wären in diesem Zusammenhang bei uns eine gewisse Anzahl, aber nicht die ganze Rasse. Nur in allgemeingültigen Aussagen wie "Menschen sind Zweibeiner" können wir den Artikel weglassen. Im Englischen ist es dagegen wie in Quenya, men bezeichnet hier die gesamte Menschheit. Der Plural in Quenya verhält sich, wenn er eine ganze Rasse oder ein ganzes Volk meint, ebenso wie das englische Beispiel. In einem Quenya-Text wird man wohl keinen Artikel setzen vor einen Plural wie Valar, Eldar, Vanyar, Noldor, Lindar, Teleri, Atani etc., solange die ganze Rasse oder das ganze Volk gemeint sind, auch wenn Tolkiens Erzählungen von "den Valar", "den Eldar" und so weiter sprechen. Wenn wir aber Eldar durch sein Äquivalent "Elben" ersetzen, sehen wir, dass der Artikel im Englischen und Deutschen ebenfalls nicht gebraucht wird (Beispiel: "Elben sind schön" = Eldar nar vanyë; wenn Sie sagen i Eldar nar vanyë beschreiben Sie wahrscheinlich eine Gruppe von Elben, nicht die ganze Rasse).

Gelegentlich, vor allem in der Dichtung, scheint der Artikel ohne besonderen Grund wegzufallen. Vielleicht wird er einfach herausgelassen aus rhythmischen Gründen. Die erste Zeile des Namarië, ai! laurië lantar lassi súrinen, übersetzt Tolkien mit "ah! like gold fall the leaves..." (ah, wie Gold fallen die Blätter im Winde) - obwohl vor lassi "Blätter" im Quenya-Text kein i steht. Das Markirya-Gedicht lässt den Artikel an einer Reihe von Stellen ebenfalls weg, wenn wir es mit Tolkiens englischer Übersetzung vergleichen.