Der Aorist

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Der Aorist

Wir haben nun alle drei Zeiten besprochen, die der grundlegenden Dreiheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entsprechen. Doch das Quenya-Verb kennt noch weitere Zeitformen. Eine wird der Aorist genannt. Der Gebrauch dieses Ausdrucks in Bezug auf die Quenya-Grammatik wurde von einigen lange diskutiert, aber ein Tolkien-Text, der schließlich im Juli 2000 verfügbar wurde, zeigt dass er tatsächlich eine Quenya-Zeitform entwickelte hatte, die er Aorist nannte (VT41:17).

Während selbst jene ohne linguistische Übung leicht verstehen, wofür die Zeitformen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen, ist es kaum ähnlich offensichtlich, welche Funktion der Aorist hat. (Einige Linguisten würden sagen, dass der Aorist genau genommen gar keine "Zeitform" ist, nach bestimmten Definitionen für diesen Ausdruck; doch Tolkien verwendete den Ausdruck "aorist tense" in VT41:17. Wir werden diese Frage hier nicht diskutieren, sie ist rein akademisch.) Was ist somit ein Aorist?

Um mit dem Wort selbst zu beginnen, es kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich so etwas wie "unbegrenzt" oder "uneingeschränkt". Das Wort wurde ursprünglich geprägt, um eine bestimmte griechische Form des Verbs zu beschreiben. Im Griechischen steht diese Form im Gegensatz zur Vergangenheitsform oder dem "Imperfekt", letzteres benutzt für eine Handlung in der Vergangenheit, die sich über eine gewisse Zeit erstreckte (nicht einfach eine augenblickliche Handlung). Der Aorist hat andererseits keine solche Bedeutung hinsichtlich der "Dauer" der Handlung. Er kennzeichnet einfach eine vergangene Handlung, Periode, mit keiner weiteren Unterscheidung. Dem Imperfekt gegenübergestellt kann der griechische Aorist benutzt werden für eine momentane oder klar beendete (nicht andauernde) Handlung. Ein anderer Gebrauch des griechischen Aorists ist nicht speziell mit der Vergangenheit verbunden: der Aorist kann benutzt werden, um allgemeine Wahrheiten auszudrücken, die an keine bestimmte Zeit gebunden sind, zum Beispiel wie "Schafe fressen Gras".

Aber das war der griechische Aorist; der Quenya-Aorist wird nicht in derselben Weise benutzt. Dennoch überlappen ihre Funktionen in einigen Aspekten, die der Anlass gewesen sein müssen, dass Tolkien sich dazu entschied, diesen Ausdruck aus in erster Linie der griechischen Grammatik zu verwenden. Wir werden versuchen, die Funktion des Quenya-Aorists zu bestimmen, bevor wir darüber sprechen, wie er gebildet wird. Bis dahin nehmen Sie mich einfach beim Wort, dass die Verben in den zitierten Beispielen Aoriste sind.

Der Quenya-Aorist kann wie auch der griechische benutzt werden, um "allgemeine Wahrheiten" auszudrücken. Unser bestes Beispiel ist ein Satz, der in WJ:391 auftaucht,  wo Elben allgemein beschrieben werden als i carir quettar ómainen, "jene, die Wörter mit Stimmen machen. Das Aorist-Verb carir "machen" bezeichnet hier eine allgemeine Gewohnheit der Elben, in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, denn Elben bilden Wörter ihre ganze Geschichte hindurch. Der Satz polin quetë "Ich kann sprechen" (VT41:6) enthält einen anderen Aorist, und wieder wird eine "allgemeingültige Wahrheit" dargestellt, obwohl sie sich in diesem Fall nur auf den Sprecher bezieht. Die Bedeutung lautet natürlich "Ich kann (immer) sprechen" und zeigt eine allgemeine Fertigkeit, nicht etwas, das nur in der gegenwärtigen Zeit gilt (als wäre der Sprecher gestern stumm gewesen und würde es morgen wieder werden). Somit ist eine wichtige Funktion des Aorists, dass er in Verbindung mit Handlungen benutzt wird oder benutzt werden kann, die über das hier und jetzt hinausgehen - eher eine "zeitlose Wahrheit" oder "allgemeine Situtation" beschreibend. Im Namarië im HdR beschreibt Galadriel den düsteren Zustand von Mittelerde mit einem Aorist: sindanóriello caita mornië "aus einem grauen Land liegt Dunkelheit..." (nicht Gegenwartsform citaëa "liegt" (im Augenblick) als wäre es ein streng auf die Gegenwart bezogenes Phänomen, das bald vorbeigeht). Die ersten Worte des Namárië enthalten ebenfalls einen Aorist: laurië lantar lassi , "wie Gold fallen die Blätter" - aber das ist keine Beschreibung von Blättern, die im hier und jetzt fallen, (was vermutlich lantëar heißen würde, Gegenwartsform): Die folgenden Zeilen deuten an, dass Galadriel die allgemeine Situation in Mittelerde beschreibt, das immer wiederkehrende herbstliche Fallen, wie sie es beobachtet hat über yéni únótimë , "lange ungezählte Jahre". Somit wird unser Beispiel, "Schaffe fressen Gras", am besten mit einem Aorist in Quenya übertragen: mámar matir salquë (Einzahl "Schaf" = máma, "Gras"=salquë). Wie das Beispiel polin quetë "ich kann sprechen" zeigt, kann der Aorist auch benutzt werden, Fähigkeiten und Gewohnheiten eines einzelnen Individuums zu beschreiben (i máma matë salquë = "Das Schaf isst Gras".

Es scheint aber, dass der Quenya-Aorist nicht nur dazu benutzt wird, "zeitlose Wahrheiten" zu beschreiben. In einigen Fällen scheint Tolkien selbst in der Wahl zwischen Gegenwartsform und Aorist zu schwanken, ersteres eher typisch für die Beschreibung einer Handlung im hier und jetzt. Dieses Zögern auf Tolkiens Seite lässt vermuten, dass diese Zeitformen bis zum einem gewissen Maß austauschbar sind. Wir finden einen Aorist in dem Satz órenya quetë nin "mein Herz sagt mir" (VT:41:11), was offensichtlich so ziemlich synonym ist zu órenya quéta nin (VT41:13), mit der Gegenwartsform anstelle des Aorists. In dem berühmten Gruß Elen síla lúmenn' omentielvo, "ein Stern scheint [oder eher scheint gerade] auf die Stunde unserer Begegnung", entschied sich Tolkien schließlich für die Gegenwartsform - aber in früheren Skizzen benutzte er statt dessen einen Aorist silë stattdessen (RS:324).  Dieser Gruß hat nur für "unser Treffen" Relevanz, er kann offensichtlich keine "allgemeine Wahrheit" beschreiben. Also ist es offensichtlich zulässig, einen Aorist auch in einem solchen Zusammenhang zu benutzen (obwohl Tolkien entschied, dass es besser ist, die Gegenwartsform zu benutzen).

Es sollte angemerkt werden, dass der Quenya-Aorist allgemein verbunden ist mit der Gegenwart, nicht der Vergangenheit wie im Griechischen. Wie Jerry Caveney über Tolkien schrieb in Elfling (3. August 2000):

Was finde ich typisch für seine Kreativität und den "Spass" an dem Erschaffen von Sprachen, an der Idee des Aspektes eines Aorists, um gegenwärtige allgemeine (unbegrenzte) Handlungen kontinuierlichen gegenwärtigen Handlungen gegenüberzustellen, anstatt ihn zu benutzen um vergangene allgemeine Handlungen gegenwärtigen andauernden gegenüberzustellen [wie im klassischen Griechisch]? Das Ergebnis ist Tolkiens "Gegenwarts-Aorist" :). Er schuf so eine Sprache, die kontinuierliche Gegenwartshandlungen von allgemeinen gegenwärtigen Aktionen unterscheiden kann, etwas, das klassisches Griechisch nicht konnte, und was modernes Englisch, Französisch und Deutsch zum Beispiel nur mit zusätzlichen Worten können (I walk, I´m walking, je marche, je suis en train de marcher, ich gehe, ich gehe gerade). Ich nehme an Tolkien genoss die Eleganz dieser grundlegenden grammatikalischen Unterscheidung, von der mir nichts Vergleichbarem in einer 'lebenden' Sprache'  bewusst ist.

Andererseits denkt Carl F. Hofstetter, dass der Quenya-Aorist verwendet wird, um eine Aktion zu beschreiben, die "punktuell, gewohnheitsmäßig oder anderweitig zeitlos" ist. (VT41:15). Das ist möglicherweise in den meisten Fällen korrekt und beschreibt die typische Funktion des Aorists. Doch einige Beispiele lassen vermuten, dass es besser wäre zu sagen, dort wo die Gegenwartsform ausdrücklich eine noch andauernde Handlung anzeigt, ist der Quenya-Aorist nicht angezeigt, so weit es die Dauer betrifft. Er steht nicht unbedingt im Gegensatz zu der Verlaufsform in der Gegenwart; ein Aorist als solcher zeigt nicht an, dass eine Handlung nicht andauernd oder "zeitlos" ist. Eher ist es, wie Caveney sagt, eine "allgemeine" Form, eine allgemein zu verwendende "Gegenwartsform", die sich einfach nicht der Frage zuwendet, ob die angezeigte Handlung kontinuierlich, gewohnheitsmäßig oder momentan ist. Wie L. Novák in der Elfling-Liste (1. August 2000) bemerkte: "Es scheint, dass der Aorist so 'aoristos' [griech. = unbegrenzt] ist, dass er fast alles ausdrücken kann."

In dem Ausruf auta i lómë! "Die Nacht geht vorüber" (Silmarillion Kap. 20) scheint dir Form auta ein Aorist zu sein (im Gegensatz zu der Gegenwartsform, die wahrscheinlich autëa lautet) - aber Tolkien verwendet die Übersetzung "is passing" statt "passes" (also die Verlaufsform). Somit scheint es, dass der Aorist auch für eine eben stattfindende Handlung benutzt werden kann; er ist einfach nicht explizit dafür benannt, grammatikalisch. Wenn das richtig ist, wäre es schwierig, irgendeinen Fall festzuhalten, wo es eindeutig falsch wäre, die Gegenwartsform durch einen Aorist zu ersetzen. Die Benutzung des Aorists wäre einfach ein neutraler Weg, über "gegenwärtige" Handlungen zu reden - ob diese Handlungen nun tatsächlich soeben stattfinden, gewohnheitsmäßig oder einfach nur ein Ausdruck von "allgemeinen Wahrheiten" sind. (Somit könnte mámar matir salquë = "Schafe essen Gras" ebenso gut verstanden werden als "Die Schafe fressen gerade Gras", obwohl es für diese Bedeutung vielleicht besser wäre - aber kaum zwingend - die Gegenwartsform zu benutzen: mátar). Bei der Wahl zwischen Aorist und Gegenwartsform ist die einzige eindeutige Regel, dass die Gegenwartsform nicht benutzt werden sollte in Verbindung mit gänzlich zeitlosen Aktionen: Die Quenya-Gegenwartsform wird immer benutzt für eine Art andauernder Handlung. (Tatsächlich könnten einige Studierende auf den Ausdruck "Gegenwartsform" verzichten und stattdessen von der "Verlaufsform" sprechen.) Abgesehen von dieser einen Einschränkung scheint es, dass Schreiber zwischen Aorist und Gegenwartsform relativ frei wählen können.

Im Allgemeinen jedoch scheint es, dass der Quenya-Aorist mit der einfachen Gegenwartsform im Englischen korrespondiert (und der einzigen Gegenwartsform, die das Deutsche kennt - wir verwenden keine Verlaufsform für andauernde Handlungen). So übersetzte Tolkien oft den Quenya-Aorist: z. B. topë "covers = bedeckt" (LR:394), macë "hews = hackt, fällt" (VT39:11), tirin "I watch = ich beobachte" (LR:394). Die Gegenwartsform von Quenya dagegen wird oft übersetzt mit Hilfe der englischen "is ...-ing" Konstruktion (jener wiederum, die wir im Deutschen nicht kennen, ich gebe daher die englische Variante wieder): tópa "is covering", máca "is hewing", tíran "I am watching". (Die Endung -n in den Beispielen tirin / tíran, ebenso wie in der oben zitierten Form polin "ich kann", zeigt das "ich" an. Diese Endung wird in der nächsten Lektion besprochen.) In Lektion 5 haben wir gezeigt, dass die Gegenwartsform quéta eher "is saying, sagt gerade" meint als einfach "says, sagt"; umgekehrt bedeutet der Aorist quetë normalerweise "says, sagt" und nicht "is saying, sagt gerade". Wenn der Quenya-Aorist in etwa so benutzt wird wie die einfache englische Gegenwartsform, dann kann der Aorist verwendet werden, um Handlungen zu beschreiben, die als zeitlos oder gewohnheitsmäßig betrachtet werden. Zum Beispiel könnte ein Aorist wie capë "springt" eine momentane Handlung beschreiben ("he jumps, er springt") oder eine gewohnheitsmäßige, charakteristische ("Frösche hüpfen")..

Wir scheinen noch Beispiele zu haben, in denen Tolkien die Gegenwarts- ("Verlaufs-")Form anstelle des Aorists benutzt, wo das Englische das fragliche Verb nur in der Gegenwartsform  verwendet, nicht als "is ....ing"-Konstruktion. Betrachten Sie diese Zeile aus dem Namarië: hísië untúpa Calaciryo míri "Nebel bedeckt die Juwelen von Calacirya". Die Gegenwartsform untúpa beschreibt den Verlauf einer Handlung, wörtlicher "is covering", aber Tolkien schrieb hier stattdessen "covered". Vermutlich wäre es in keinster Weise falsch gewesen, statt dessen einen Aorist zu verwenden. Alles in allem wird das Bedecken der Juwelen Calaciryas durch den Nebel als ein ziemlich allgemeiner Zustand der Dinge angenommen, nicht einfach als ein zur Zeit stattfindendes meteorlogisches Phänomen, das bald vorübergehen wird! (Der Aorist wäre voraussichtlich untupë - vielleicht passte diese Form, betont eher auf der ersten statt der vorletzten Silbe, nicht in den metrischen Rhythmus von Tolkiens Gedicht? Wie auch immer, das letztere Element des Verbs untup- scheint eine Variante von top- in den Etymologies zu sein, beide Verben bedeuten "bedecken".)

Ein anderes Beispiel einer Gegenwartsform, wo wir eigentlich einen Aorist erwarten würden, kann gefunden werden in Cirions Eid (UT:305, 317), in dem Satz i hárar mahalmassen mi Númen = "jene, die auf den Thronen im Westen sitzen".  Das bezieht sich auf die Valar, und ihr Sitzen auf den Thronen im Westen muss als eine "allgemeine Wahrheit" betrachtet werden, so wie es eine allgemeine Wahrheit ist, dass Elben Wörter mit Stimmen machen (Aorist carir). Doch Tolkien benutzte etwas, das eine Gegenwartsform zu sein scheint und kein Aorist: hára, hier Plural hárar, offensichtlich mit einem zugrundeliegenden Primärverb har- "sitzen". Der Aorist Plural wäre vermutlich stattdessen harir. Es sei angemerkt, dass Tolkien, während er hárar als "sitzen" in der englischen Übersetzung in UT:305 übersetzte, die wörtlichere Übersetzung "are sitting" verwendete in seiner linguistischen Diskussion in UT:317. Das scheint zu zeigen, dass man in Quenya die Gegenwartsform ebenso benutzen darf wie den Aorist, um einen generellen Zustand von Dingen zu beschreiben. Alles in allem ist das alle Zeitalter andauerende "Auf dem Thron sitzen" der Valar auch in gewisser Weise andauernd, "kontinuierlich". Vergleichen Sie auch den Satz yonya inyë tye-méla, "auch ich, mein Sohn, liebe dich" (LR:61), wo Tolkien die Gegenwartsform anstelle des Aorists verwendet: Wörtlich scheint inyë tye-méla zu meinen "I am loving you", aber es muss sich auf einen ziemlich "andauernden" emotionalen Zustand handeln. Hätte jemand anders als Tolkien das geschrieben, hätte ich dem Schreiber dringend geraten, einen Aorist zu verwenden (melë) statt méla - tatsächlich denke ich immer noch, dass der Aorist in diesem Zusammenhang angebrachter wäre, obwohl es Tolkien war, der es schrieb! Aber dieses Beispiel bestätigt, dass auch die Gegenwartsform benutzt werden kann, um "allgemeine Wahrheiten" zu beschreiben oder mehr oder weniger anhaltende Situationen, obwohl das viel typischer die Domäne des Aorists ist.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich der Studierende nach dieser Diskussion fragt, ob es irgendeinen Grund gibt, den Aorist und die Gegenwartsform als unterschiedliche Zeitformen beizubehalten, wo sich ihre Funktionen in solchem Ausmaß zu überlappen scheinen - mit der einzigen konkreten Regel, dass bei einer gegenwärtige Handlung, die in keiner Weise als anhaltend gesehen werden kann, der Aorist benutzt werden muss. In nahezu allen anderen Zusammenhängen wird es jede Zeitform tun, und der Gebrauch des Aorists muss nicht notwendigerweise voraussetzen, dass die Handlung nicht andauernd sein darf (wie in auta = "geht vorüber"). Der Kontext muss in die Betrachtung einbezogen werden.

Ich kann nur sagen, dass ich diese Sprache nicht entwickelte (ein anderer Bursche tat das...). Vielleicht bringen zukünftige Publikationen mehr Licht auf die wie immer auch subtilen Unterscheidungen, an die Tolkien dabei dachte. Aber in den Übungen, die ich für den Kurs entwarf, habe ich den Aorist für die einfache englische Gegenwartsform verwendet, wohingegen ich die Gegenwartsform von Quenya benutze für die englische "is ...-ing"-Konstruktion (in der deutschen Übersetzung füge ich in diesem Fall ein "gerade" ein). Ich denke, Schreiber, die die englische Art mit dieser Formel auf Quenya übertragen, bekommen es in den meisten Fällen richtig hin (oder besser, würden keine greifbaren Fehler machen!).

Das war die Funktion des Aorists, schwierig genug festzunageln. Nun müssen wir uns damit beschäftigen, wie der Quenya-Aorist tatsächlich gebildet wird.

Es scheint, dass im Ur-Elbisch die Regeln für die Bildung des Aorist ziemlich einfach sind: Im Fall von "abgeleiteten" oder A-Stamm-Verben ist der Aorist einfach identisch mit dem Stamm des Verbs selbst (unabhängig von der Tatsache, dass der Aorist natürlich sekundär, wo benötigt, Endungen erhalten kann wie den Plural-Marker -r). Kein ausdrücklicher Zeit-Marker muss gegenwärtig sein. Im Hinblick auf die A-Stämme blieb diese Regel in Quenya erhalten. Der Aorist eines Verbs wie lanta- "fallen" ist einfach lanta "fällt" (taucht im Namárië auf, dort mit der Pluralendung -r in Übereinstimmung mit dem Plural-Subjekt "Blätter": laurië lantar lassi, "golden fallen [die] Blätter").

Im Fall der endungslosen oder Primärverben wie mat- "essen" wurde ursprünglich (im Ur-Elbisch) der Aorist durch Hinzufügen der Endung -i gebildet: "isst" scheint offensichtlich mati gewesen zu sein. Man könnte darüber diskutieren, ob die Endung -i hier klar ein Marker für den Aorist ist. Wenn ja, hätten wir vielleicht erwartet, ihn auch bei der Bildung der A-Stämme zu finden. Vielleicht sollte die Regel für das Bilden des Aorists im Ur-Elbisch besser wie folgt festgehalten werden: Der Aorist ist im Normalfall identisch mit dem Stamm des Verbs, aber im Fall von "primären" oder endungslosen Verbstämmen erhalten sie die Endung -i als eine Art Lückenfüller, um das Fehlen jeder Endung zu vermeiden. (Ich sollte hinzufügen, dass diese "vereinfachte" Sicht nicht ganz unproblematisch ist, aber die meiste Zeit funktioniert sie.) Dieses System blieb in Quenya im großen und ganzen erhalten, aber die phonologische Entwicklung, die sich nach dem Ur-Elbisch vollzog, hat eine kleinere Komplikation hinzugefügt: Wo es final war, änderte sich das -i aus dem Ur-Elbisch an einem gewissen Punkt zu (zum Beispiel heißt es, das Quenya-Wort morë "schwarz" käme von dem ursprünglichen mori: siehe Eintrag MOR in den Etymologies. Wo Quenya ein finales -i hat, wird es normalerweise verkürzt von langem   der Ursprache.) So änderte sich die alte Form mati "isst" zu matë in Quenya. Aber da der Wechsel nur dort auftauchte, wo -i final war, finden wir immer noch mati-, wenn der Aorist eine Endung erhält, wie zum Beispiel -r im Fall eines Plurals. So heißt es Nauco matë "ein Zwerg isst"; aber mit dem Plural-Subjekt Naucor amtir "Zwerge essen". Die Endung "schirmt" das finale -i ab, so dass es letzten Endes nicht final ist, und sich deshalb nicht zu veränderte.

ANMERKUNG 1: Es gibt einige wenige Bespiele von Formen, die ein Aorist sein scheinen, wo die Endung in Form von -e- bestehen bleibt, sogar wenn der Aorist eine Endung erhält. Zum Beispiel erscheint die Pluralform des Verbs ettul- "vorankommen" als ettuler, was der Aorist im Plural sein müsste (statt der Form ettulir) in SD:290. Veilleicht stellte sich Tolkien in einer Phase vor, dass die Ur-Endung -i an allen Positionen zu -e werden sollte, auch wenn sie nicht final ist - wie ettulir verändert wird zu ettuler in Analogie zu der endungslosen Form ettulë. Aber das scheint eine vorübergehende "Phase" in Tolkiens Entwicklung von Quenya gewesen zu sein: In unserer besten späteren Quelle, dem Essay Quendi and Eldar von 1960, erscheint der Plural-Aorist von car- "machen, tun" als carir, nicht **carer (WJ:391). Somit hat Tolkien das System wieder eingesetzt, das er schon ein Vierteljahrhundert davor verwendet hatte, in den Etymologies. - Die Form ettuler ist (offensichtlich) übersetzt mit "sind zur Hand" in SD:290; eine wörtlichere Übersetzung wäre vielleicht "kommen voran": Das würde bestätigen, dass es erlaubt ist, den Aorist auch für im Verlauf befindliche Handlungen zu verwenden; diese Zeitform ist einfach nicht gekennzeichnet hinsichtlich der Dauer der Handlung, während die "Gegenwartsform" oder "Verlaufsform" eindeutig eine Handlung kennzeichnet, die gerade abläuft. In unseren Übungen werden wir dennoch den Aorist nur in der "typischen" Art benutzen (um Handlungen zu kennzeichnen, die augenblicklich sind oder gewohnheitsmäßig oder zeitlos).

ANMERKUNG 2: Im Fall der Primärverben unterscheiden sich Aorist und Gegenwartsform nicht im Hinblick auf die Endung. In der Gegenwart wird der Stammvokal verlängert (máta "isst gerade"), wogegen er beim Aorist kurz bleibt (matë "isst"). Noch gibt es einige sehr fremdartige Formen in unseren Quellen, die wie ein Aorist aussehen auf Grund ihrer Endung, die aber dennoch einen langen Stammvokal haben, z. B. tápë "stoppt, hält auf, blockiert" (Etym, Eintrag TAP) . Wir würden tapë mit kurzem Vokal erwarten (man ist versucht zu glauben, dass der Akzent über dem a nur ein Tintenfleck in Tolkiens Manuskript ist). - Es sei außerdem angemerkt, dass einige abgeleitete Verben (A-Stämme) einen "an sich" langen Vokal enthalten, wie cúna- "biegen", súya- "atmen" oder móta- "arbeiten, sich abmühen", auch wenn das ausschauen mag wie die Gegenwartsform eines nicht existierenden Verbs **mot- (wir müssen davon ausgehen, dass die wirkliche Gegenwartsform von móta mótëa sein würde).

ANMERKUNG 3 (angefügt im September 2002): Wie ich früher dargelegt habe, hat sich eine grammatikalische Interpretation, die in diesem Kurs vorgestellt wurde, als umstritten herausgestellt: Die Anmerkung, dass A-Stämme eine Gegenwartsform auf -ëa bilden (wie mótëa in der Anmerkung oben). Das basiert zugegebenerweise auf einen teilweisen Interpretation des einen Beispiels órëa. Schreiber, die die umstrittenen Gegenwartsformen auf -ëa nicht verwenden wollen, können das Problem umgehen, wenn sie statt dessen den Aorist verwenden. Alles in allem deutet Tolkien an, dass eine Form wie auta übersetzt werden kann mit "is passing", "ist im Vergehen" (nicht einfach "passes", "vergeht"), sodass der Aorist eindeutig die Funktion der englischen Verlaufsform abdecken kann. Tatsächlich glauben einige derer, die Quenya studieren (und nicht die -ëa Theorie akzeptieren), dass es bei den A-Stämmen keinen Unterschied gibt zwischen Aorist und Gegenwartsform: Nur der Kontext kann ergeben, ob auta übersetzt werden muss mit "ist im Vergehen" oder "vergeht". Das macht das System von Quenya etwas asymmetrisch, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es einfach unmöglich, alle von Tolkiens Absichten vertrauenswürdig zu rekonstruieren.