Lektion 1

von Helge Fauskanger
übersetzt ins Deutsche von Brigitte Raßbach

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Lektion 1

Die Laute in Quenya
Aussprache und Betonung


Allgemeine Anmerkungen

Grundbegriffe

Die Laute in Quenya

 Aussprache

Übungen


Allgemeine Anmerkungen

Quenya als realer Bestandteil unserer eigenen Welt existiert in erster Linie als geschriebene Sprache: Quenya-Begeisterte sind im Allgemeinen weit verbreitet und verstreut und können ihre Kompositionen nur über schriftliche Medien teilen und austauschen (tatsächlich sollte ich mich normalerweise auf Anwender von Quenya als "Schreiber" beziehen und weniger als "Sprecher"). Nichtsdestotrotz liegt es auf der Hand, dass jeder Studierende wissen sollte, welche Aussprache Tolkien sich vorstellte, so weit wir uns seinen Absichten bis jetzt nähern können.

Es existieren nur einige wenige Aufnahmen von Tolkien selbst, in denen er Texte in Quenya liest. In einem jüngeren Fernsehinterview beschreibt und spricht Tolkien den Gruß elen síla lúmenn' omentielvo. Bemerkenswerter sind zwei unterschiedliche Aufnahmen, die er von Namárië machte (gesungen und gesprochen). Die gesprochene Version ist auch im Internet zu finden: http://www.salon.com/audio/2000/10/05/tolkien_elvish/index.html (unter "Poem in Elvish"). Einige Zeilen dieser Version von Namárië unterscheiden sich von ihrem Gegenstück in LotR: In der aufgenommenen Version findet man inyar únóti nar ve rámar aldaron / inyar ve lintë yulmar vánier an Stelle von yéni únótimë ve rámar aldaron! / yéni ve lintë yuldar (a)vánier wie in LotR. Die Aufnahme wurde vor der Veröffentlichung des Buches gemacht (und folglich vor den abschließenden Revisionen). Eine sehr viel frühere Aufnahme mit demselben Text wie im Buch existiert ebenfalls. Ich habe sie nicht gehört, somit kann ich sie hier auch nicht näher kommentieren.

Die wenigen noch existierenden Aufnahmen sind interessant, aber sie sind nicht unsere Hauptinformationsquelle. Das meiste, was wir über die Aussprache von Quenya wissen, basiert auf Tolkiens geschriebenen Aufzeichnungen darüber, wie seine Sprachen ausgesprochen werden sollten, in erster Linie die Informationen aus dem Anhang E aus dem "Herrn der Ringe". (Tatsächlich ist Tolkiens Aussprache in den Aufnahmen selbst nicht immer ganz fehlerfrei im Hinblick auf seine eigenen technischen Beschreibungen, aber schließlich ist auch er nicht mit Quenya als Muttersprache auf die Welt gekommen.)

Jede natürliche Sprache hat ihre Lautlehre, eine Reihe von Regeln, die festlegen, welche Laute verwendet werden , wie sie sich verändern und verhalten, und auf welche Weise sie kombiniert werden können. Das gilt für jede gut gemachte erfundene Sprache genauso. Quenya ist eindeutig kein wahlloses Durcheinander von Lauten; Tolkien konstruierte seine Lautlehre sehr sorgfältig - sowohl als sich entwickelndes "Wesen" (klassisches Quenya entwickelte sich stufenweise aus dem Urelbischen) als auch als "gefestigte" Form (jene Art Quenya bezeichnend, die benutzt wurde als Sprache der Überlieferung und von Zeremonien in Mittelerde). Tolkien ließ Pengolodh, den Weisen von Gondolin, beobachten, dass die Elben relativ wenige Laute benutzten - "denn die Eldar, geschickt im Handwerk, verschwenden nichts an wenig Sinnvolles und bewundern in einer Sprache eher den kunstvollen und harmonischen Gebrauch einiger wohlausgewogener Laute als ungeordneten Überfluss" (PM:398). Keiner der Laute, die in Quenya benutzt werden, ist aus europäischer Sicht irgendwie fremdartig, aber sie sind in einer ausnehmend sauberen Art und Weise angeordnet. Verglichen mit Tolkiens Elbisch erscheinen viele "reale" Sprachen tatsächlich ziemlich unordentlich.

Grundbegriffe

Beschäftigen wir uns mit einigen grundlegenden Fachbegriffen (wer sprachwissenschaftliche Übung hat, braucht hier nicht viel Zeit zu verlieren!). 

Die Laute jeder Sprache können in zwei große Kategorien eingeteilt werden, Vokale und Konsonanten
Die Vokale sind Laute, die entstehen, wenn die Luft "frei" durch den Mund strömen darf: Verschiedene Vokale werden erzeugt, indem man die Stellung der Zunge und der Lippen variiert, aber der Luftstrom wird dadurch nicht direkt blockiert. Wenn man verschiedene Vokale in die Länge zieht, also aaaaa... oder eeeee... oder ooooo... ausspricht, kann man leicht spüren, wie der Luftstrom relativ ungehindert durch den Mund fließt: Man bringt nur Zunge und Lippen in die entsprechende Stellung, um den erwünschten Laut zu "formen". Vokale können mehr oder weniger "offen" oder "geschlossen" ausgesprochen werden: Sie müssen nur auf die Position der Zunge und des Unterkiefers achten, wenn Sie aaah... aussprechen, im Gegensatz zu der Position, die sie einnehmen, wenn Sie ooooh... aussprechen, um zu verstehen, was damit gemeint ist. Der Vokal a (wie im Englischen part (im Deutschen Bach ist der offenste, der Vokal u (im Englischen rude (wie im Deutschen Buch) der geschlossenste. Die anderen Vokale liegen dazwischen. Vokale können auch mehr oder weniger "rund" sein, was hauptsächlich von der Stellung der Lippen abhängt; Vom Vokal u (wie gerade beschrieben) spricht man als gerundet, weil er mit gespitzten Lippen ausgesprochen wird. Ein Vokal wie o (wie im Englischen sore) wird tatsächlich fast wie das a in part ausgesprochen, aber das o ist rund und das a ist es nicht - was die Vokale auch hörbar unterschiedlich macht. Im Deutschen kommt diesem englischen o am ehesten ein kurzes o wie in dort nahe im Gegensatz zum o wie in Lob, letzteres ist dem a nicht so nahe wie das englischen Beispiel.

Wenn man Vokale ausspricht, wird der Luftstrom nur modifiziert (mit den soeben beschriebenen Mitteln). Er wird nie wirklich "aufgehalten". Im Fall der Konsonanten wird die Luft jedoch viel aktiver blockiert. So kann uns Tolkien darüber informieren, dass eine frühe elbische Bezeichnung für Konsonant tapta tengwë war oder einfach tapta, was "gehindertes Element" oder "ein Gehindertes" oder "Behindertes" bedeutet (VT39:7). In den "extremsten" Fällen kann der Luftstrom sogar für einen Augenblick komplett aufgehalten werden: Dies kann man leicht spüren bei einem Konsonanten wie dem p, das ausgesprochen wird, indem sich die Lippen berühren und für einen Augenblick den Luftstrom aus den Lungen abschneiden. Sie ermöglichen es, dass sich im Mund ein Druck aufbaut. Dann trennen sich die Lippen plötzlich wieder und lassen die Luft in einer kleinen Explosion frei - und diese Explosion bildet ein p.  Solche Verschlusslaute sind t, p, k und ihre Gegenstücke d, b, g.  Sie werden alle gebildet, indem die Luft zurückgehalten und dann plötzlich ausgestoßen wird, an verschiedenen Stellen im Mund. Anstatt den Luftstrom komplett aufzuhalten kann man ihn auch durch eine schmale Öffnung "zischen" lassen. So wird zum Beispiel das f gebildet, indem man die Luft zwischen Unterlippe und oberer Zahnreihe hindurch zwingt; einen solchen Laut nennt man Reibelaut (oder Spirans). Reibelaute umfassen die Konsonanten f, [englisches] th und v. Und es gibt noch mehr Möglichkeiten, den Luftstrom zu manipulieren, so wie ihn umzuleiten über die Nase und so Nasale zu bilden wie m oder n.

Das Konzept von stimmhaft und stimmlos sollte ebenfalls verstanden werden. Menschen (und, wie es scheint, auch Elben) kommen mit einer Art Summ- oder Brumminstrument auf die Welt, das in ihre Kehlen eingebaut ist und das man Stimmbänder nennt. Wenn man die Stimmbänder vibrieren lässt, gibt man dem Luftstrom eine "Stimme", bevor er ordnungsgemäß die Sprechorgane erreicht. Die Gegenwart oder das Fehlen einer solchen Stimme ist es, was Laute wie v (im Deutschen eher w oder aber v wie in vage, nicht wie zum Beispiel in Vogel) und f unterscheidet. Wenn man den Laut f in die Länge zieht wie ffff... und plötzlich zu vvvv... wechselt (im Deutschen besser wwww...bzw. das oben genannte v von vage), spürt man den "Summer" in der Kehle einsetzen (legen Sie einen Finger an Ihre Glottis - was man bei den Männern den "Adamsapfel" nennt und der bei Frauen weniger hervor tritt - und Sie werden wirklich die Vibration ihrer Stimmbänder fühlen). Im Grunde könnte das Instrument des Stimmhaften dazu verwendet werden, die Zahl der Laute, die wir produzieren können, zu verdoppeln, indem alle entweder mit vibrierenden Stimmbändern ausgesprochen werden (als stimmhafte Laute) oder ohne solche Vibration (als stimmlose Laute). In der Praxis tauchen die meisten gesprochenen Laute nicht in ihrer stimmlosen Form auf. Viele Laute wären stimmlos auch kaum wahrnehmbar (n zum Beispiel würde reduziert zu wenig mehr als einem schwachen Schnorcheln). Normalerweise sind ebenso alle Vokale stimmhaft, auf jeden Fall in Quenya (obwohl im Japanischen Vokale in bestimmten Umgebungen das Stimmhafte verlieren). Aber ich habe mich schon bezogen auf d, b, g als "Gegenstücke" zu t, p, k; sie sind Gegenstücke in dem Sinn, dass die ersteren stimmhaft sind und die letzteren nicht. Ein charakteristisches Merkmal von Quenya (wenigstens dem Dialekt Noldorin) ist die sehr eingeschränkte Verteilung der stimmhaften Verschlusslaute d, b, g; sie erscheinen nur in der Wortmitte, und dann nur als Teil der Konsonantengruppen nd/ld/rd, mb und ng. Einige Redner sprachen auch lb anstelle von lv. (Vielleicht stellte sich Tolkien abweichende Regeln für den kaum attestierten Quenya-Dialekt Vanyarin vor: Das Silmarillion verweist auf ein Klagelied, genannt Aldudénië, verfasst von einem Vanyarin-Elben; dieses Wort hat Forscher verwirrt, weil das d in der Mitte an einer Position erscheint, die im Noldorin-Quenya so ziemlich unmöglich ist.)

Silben: Gebildet aus Vokalen und Konsonanten ist Rede kein undifferenzierter Lautausbruch. Vielmehr ist ein Aufbau aus rhythmischen Einheiten wahrzunehmen, Einheiten, die man Silben nennt. Die kürzestmöglichen Wörter sind notwendigerweise einsilbig, sie bestehen aus nur einer Silbe - wie das englische from (oder das deutsche von) bzw. sein Quenya-Gegenstück ho. Wörter mit mehr als einer Silbe, mehrsilbige also, bilden längere Ketten rhythmischer "Schläge". ein Wort wie rascher hat zwei Silben (ra-scher), ein Wort wie wundervoll hat drei (wun-der-voll), ein Wort wie Mathematik hat vier (Ma-the-ma-tik), und so weiter - obwohl wir ganz offensichtlich nicht sehr viel weiter gehen können, ohne dass uns die Wörter unpraktisch lang und schwierig auszusprechen erscheinen. Einige orientalische Sprachen, wie Vietnamesisch, zeigen eine große Vorliebe für einsilbige Wörter. Aber wie an den genannten deutschen Beispielen zu sehen benutzen Europäer oft längere Wörter, und Tolkiens Quenya macht umfassenden Gebrauch von großen Wörtern (wie es auch das Finnische macht). Betrachten Sie Worte wie Ainulindalë oder Silmarillion (fünf Silben: ai-nu-lin-da-lë, sil-ma-ril-li-on). Ein nicht gebeugtes Quenya-Wort hat typischerweise zwei oder drei Silben, und diese Zahl wächst oft, wenn Endungen für die Beugung dazukommen oder beim Zusammensetzen von Wörtern.