verneintes Verb

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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 Verneintes Verb 

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Das mag eine gute Stelle sein, um ein in gewisser Weise besonderes Quenya-Verb einzuführen. An früherer Stelle haben wir die Kopula "ist" erwähnt, die wir jetzt als eine Zeitform des Verbs "sein" bezeichnen können. (Fragen Sie mich nicht, ob Gegenwartsform oder Aorist ist, und die anderen Zeiten dieses Verbs sind unglücklicherweise noch undurchsichtiger, mit Ausnahme der Zukunftsform nauva "wird sein". Wir werden zu diesem Verb in Lektion 20 zurückkehren. Das Verb "sein" ist in den Sprachen der Welt notorisch unregelmäßig, und Tolkien kann gut und gerne einige nette Unregelmäßigkeiten auch für Quenya erfunden haben).
                    Wie dem auch sei, Quenya hat auch ein eigenständiges Verb mit der Bedeutung "nicht sein"; so können Sie diese Bedeutung ausdrücken, ohne eine Form von mit einem eigenen Wort für "nicht" zu kombinieren (obwohl Quenya auch eine solche Verneinung kennt). Dieses Verb ist in den Etymologies aufgeführt, Eintrag UGU / UMU, wo es als umin auftaucht, "ich bin nicht" (ein anderes Beispiel für Tolkiens häufige Eigenart, Primärverben in der 1. Person Aorist aufzuführen). Die Vergangenheitsform ist ebenfalls aufgeführt, in gewisser Weise unregelmäßig: sie lautet úmë, nicht **umnë , wie sie lauten sollte nach dem einfachsten "regelmäßigen" Muster. Úmë als Vergangenheitsform eines Primärverbs um- scheint demselben Muster zu folgen wie lávë, Vergangenheitsform von lav- "lecken" (vgl. undulavë "hinuntergeleckt" = "bedeckt" aus dem Namárië im HdR). Man muss aufpassen, damit man die Vergangenheitsform úmë "war nicht" nicht mit dem endungslosen Aorist umë "ist nicht" verwechselt.
                    Als Zukunftsform dieses Verbs würden wir umuva erwarten, und diese nicht belegte Form mag gut und gerne erlaubt sein - aber in Firiel´s Song taucht tatsächlich eine kürzere Form úva auf. Hier finden wir die Wendung úva ... farëa, "wird nicht genug sein" (farëa = Adjektiv, "genug, ausreichend"). Möglicherweise ist dieses úva in Wirklichkeit die Zukunftsform eines anderen Verbs: Neben umin "ich bin nicht" aus der Wurzel UMU listete Tolkien auch eine Form uin mit derselben Bedeutung auf - offensichtlich abgeleitet von der Wurzel UGU. Vielleicht ist úva genaugenommen die Zukunft des letzteren Verbs. Es könnte eine Urform darstellen in etwa wie uguba, wo uin herzuleiten ist von ugin (oder ugi-ni in einer noch älteren Phase). Zwischen Vokalen ging g in Quenya verloren, so dass die beiden u´s von uguba zu einem langen ú in úva verschmolzen, wogegen das u und das i von ugin in einem Diphthong ui (wie in uin) verschmolzen, als das Verschwinden des g die beiden Vokale in direkten Kontakt zueinander brachte. Welche Entwicklung auch immer Tolkien sich vorgestellt hatte, wir werden hier úva als die Zukunftsform von um- "nicht sein" verwenden und vermeiden die nicht belegte (und vielleicht irgendwie schreckliche) Form umuva.

Wie kann diese "negative Kopula" wahrscheinlich dazu benutzt werden, ein Subjekt mit einem Hauptwort oder einem Adjektiv zu verbinden:

I Nauco umë aran Der Zwerg ist kein König (wörtlich "nicht ein König")
I nissi umir tiucë Die Frauen sind nicht fett
I rocco úmë morë Das Pferd war nicht schwarz
I neri úmer sailë Die Männer waren nicht weise
Elda úva úmëa Ein Elb wird nicht schrecklich sein
Nissi úvar ohtari Frauen werden keine Krieger sein  (wörtlich: werden nicht...) (sorry, Éowyn)

 Oder wenn wir Pronomenendungen statt eines Subjekts verwenden:

Umin Elda Ich bin kein Elb (wörtlich: ich bin nicht ein Elb)
Úmen saila Ich war nicht weise 
Úvalyë ohtar du wirst kein Krieger sein (wörtlich: du wirst nicht ein Krieger sein)

Aber oben sagte ich, dass das eine gute Stelle wäre, das verneinte Verb einzuführen. Und zwar deshalb, weil es wahrscheinlich ebenso gut mit Infinitiven verbunden werden kann. Uns fehlen echte Beispiele, aber unter dem Eintrag UGU / UMU in den Etym deutet Tolkien an, dass umin nicht immer "ich bin nicht" anzeigt. Es kann ebenso gut "ich tue (mache) nicht" bedeuten. Wenn man ein solches Verb mit dem Infinitiv kombiniert, kann man wahrscheinlich in Frage kommende Verben verneinen. Hausgemachte Beispiele, die verschiedene Zeitformen des verneinten Verbs aufweisen:

Umin turë macil Ich führe kein Schwert (wörtlich: "Ich tue nicht ein Schwert führen)
Máma úmë matë hrávë Ein Schaf frisst kein Fleisch (wörtlich: "tut nicht Fleisch fressen" )
I Nauco úmë tulë Der Zwerg kam nicht (wörtlich: "der Zwerg tat nicht kommen")
I Neri úmer hirë i harma Die Männer fanden den Schatz nicht (wörtlich: "taten nicht den Schatz finden)
I nís úva linda Die Frau wird nicht singen
I neri úvar cenë i Elda Die Männer werden den Elb nicht sehen

Wir müssen festhalten, dass nach dem verneinten bzw. verneinenden Verb ebenso wie in anderen Zusammenhängen wohl manchmal mehrere Infinitive kombiniert werden können, wie merë und cenë in diesem Satz (das Finitum in rot, die beiden Infinitive in grün und pink):

I Elda úmë merë cenë i Nauco. Der Elb wollte den Zwerg nicht sehen (wörtlich: ...tat den Zwerg nicht sehen wollen). 

Oder noch einmal mit den Infinitiven merë und cenda:

I Nauco úva merë cenda i parma.  Der Zwerg wird das Buch nicht lesen wollen.

Wahrscheinlich kann die Gegenwarts-/Verlaufsform des verneinenden Verbs, die úma lauten müsste, verwendet werden, um die Existenz jeder gerade stattfindenden Handlung zu bestreiten:

I Nauco úma linda der Zwerg singt nicht (gerade, im Moment; wörtlich: tut nicht singen)

Zur Gegenüberstellung der Aorist: I Nauco umë linda "Der Zwerg singt nicht" (wörtlich "tut nicht singen"). Letzteres würde oft (aber nicht notwendigerweise) eine weiterreichende Bedeutung haben, wie "der Zwerg ist kein Sänger". Wie dem auch sei, wir werden dem Aorist in den Übungen unten treu bleiben.