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MA: Ein Fragepartikel?

 

In der vorrangegangenen Lektion haben wir die Wörter man „wer?“, mana „was?“ und manen „wie?“ eingeführt. Sie können verwendet werden, um bestimmte Arten von Fragen zu bilden, aber für die verbreitetste Art von Fragen finden wir im veröffentlichten Material kein Beispiel: Wie bilden wir jene Art von Fragen, die mit einem einfachen „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können?

Das Englische und Deutsche verwendet verschiedene Prozeduren, um von einer einfachen Behauptung zu einer Frage darüber zu kommen, ob etwas tatsächlich wahr ist. Behauptungen wie „es ist so“ oder „er ist gekommen“ können in eine Frage verwandelt werden, indem man das Verb voranstellt: „Ist es so?“, „Ist er gekommen?“. Im zeitgenössischen Englisch funktioniert diese Vorgehensweise nur mit einigen wenigen Verben. Eine Behauptung wie „he wrote a book“, „er schrieb ein Buch“, kann dadurch in eine Frage verwandelt werden, indem man eine Form des Verbs „sein“, „to do“,  an den Satzanfang stellt und das finite Verb in ein infinites verwandelt: „Did he write the book?“. Im Deutschen können wir hier dagegen wie bei den meisten Verben einfach das Verb voranstellen, wie oben bereits angesprochen. Wir können durchaus formulieren „Schrieb er das Buch?“.

Offensichtlich ist der einfachste Weg, eine Behauptung (ein erklärendes Statement) in eine Frage zu verwandeln, einfach eine Art Partikel hineinschlüpfen zu lassen, der einfach nur signalisiert: „Dies ist keine Behauptung, dass etwas so und so ist, sondern eine Frage, ob das so oder so ist.“ Viele Sprachen aus unserer eigenen Welt setzen solche Partikel ein (z. B. das polnische czy), und diese einfache und elegante Art, ja/nein-Fragen zu bilden, scheint auch bei den Erschaffern von Sprachen erhebliche Anziehungskraft zu besitzen. Esperanto enthält den Fragepartikel chu (cxu), offensichtlich basierend auf dem polnischen Wort, und der Satz „er schrieb das Buch“ - li skribis la libron - wird in eine Frage „schrieb er das Buch verwandelt, indem man einfach ein chu an den Anfang stellt: Chu li skribis la libron?

Aber wie ist das nun in Quenya? Immer noch anhand dieses Beispiels: wie können wir die behauptende Aussage tences i parma „er/sie schrieb das Buch?“ in eine Frage verwandeln? Hat Quenya einen Fragepartikel, den wir einfügen können?

In PM:375, das wir in der vorhergehenden Lektion zitiert haben, verweist Tolkien auf ma oder man als ein „Eldarin interrogative element“ („Frageelement der Eldar“, PM:403). Da maquet klar ersichtlich „ma-sagen“ bedeutet, könnte man vermuten, dass auf die eine oder andere Weise Quenyafragen oft das Element ma verwenden.

Mir wurde bekannt, dass es ein Tolkien-Manuskript gibt, das auf ma als Fragepartikel verweist. Wenn Tolkien damit einen Partikel wie das polnische czy oder Esperanto chu im Kopf hatte, könnten wir offensichtlich eine erklärende Feststellung in eine Ja/Nein-Frage verwandeln, indem wir einfach ein ma einfügen, am wahrscheinlichsten am Satzanfang (keine attestierten Beispiele): 

Tences i parma „Er/sie schrieb das Buch“ > Ma tences i parma? „Schrieb er / sie das Buch?“

Nís enta ná Elda „Jene Frau ist eine Elbin“ > Ma nís enta ná Elda? „Ist jene Frau eine Elbin?“

Eä malta i orontessë „[Es] gibt Gold in den Bergen“ > Ma ëa malta i orontessë?“ „Gibt [es] Gold in den Bergen?“

 

Es ist denkbar, dass ma auch in sogenannten abhängigen Fragen verwendet wird, im Sinn des deutschen „ob“: Umin ista ma utúlies, „Ich weiß nicht , ob er / sie gekommen ist.“ Dies jedoch ist Spekulation, und es muss betont werden, dass wir den Fragepartikel ma erst noch in irgendeinem echten Quenyasatz, geschrieben von Tolkien, sehen müssen. Das Manuskript, in dem er auf ma als Fragepartikel verweist, ist offensichtlich ein sehr frühes, so dass dieser Partikel gut auch zu einer Variante von „Qenya“ gehören könnte statt zu einer eher HdR-kompatiblen Form von Quenya.

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass das System, das ich den obigen Beispielen zugrunde legte,  tatsächlich mit Tolkiens Absichten in einer bestimmten Phase konform geht, könnte er sich gut später für etwas anderes entschieden haben. Tatsächlich enthalten gewisse Fragmente von Material nach dem HdR ein Wort ma mit einer ziemlich anders gearteten Bedeutung: es fungiert als ein unbestimmtes Pronomen „etwas“ (VT42:34). Ob das bedeutet, dass ma als Fragepartikel aufgegeben wurde, können wir unmöglich sagen (PM:357 bestätigt zumindest, dass ma als Frage-„Element“ überlebte bis in die Periode nach HdR). Ob die beiden ma’s in derselben Version von Quenya nebeneinander existieren können, ist eine Frage des Geschmacks, bis herauskommt, dass Tolkien diese Frage tatsächlich in einem Manuskript anspricht. Gegenwärtig ist das oben skizzierte System das wahrscheinlich beste, was wir anwenden können, wenn es zur Bildung von Ja-Nein-Fragen in Quenya kommt.