Lektion 20

Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach

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Lektion 20

 Das obskure Verb "sein" 
MA als ein möglicher Fragepartikel
 SA als Einleitung von nominalen Nebensätzen
Zusammenfassung, Übungen
 

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen

Wir haben nun schnell die tragbaren sicheren „Fakten“ über Quenya ausgeschöpft (obwohl, wie ich klarzumachen versucht habe, sogar viele der „Fakten“ als versuchsweise Ableitungen betrachtet werden müssen). Diese letzte reguläre Lektion bewegt sich schon weit in den Bereich des Halbdunkels linguistischer Unbekanntheit.

Das Verb „sein“

(einschließlich einiger Bemerkungen zu der Form ëa)

Die verschiedenen Formen des Verbs „sein“ waren immer ein Problem. Die HdR-Version des Namárië enthält die Kopula „ist“. Eine Skizze desselben Poems kombiniert die Kopula mit einem Subjekt Plural, resultierend in der Form nar „sind“. Im Juli 2001 tauchte schließlich die Zukunftsform nauva „wird sein“ auf, in Vinyar Tengwar 42 p. 34. Wir haben all diese Formen bereits erwähnt und angewendet.

Einige Zeitformen fehlen, ebenso wie der Infinitiv. Um mit dem Infinitiv zu beginnen, was heißt „sein“ auf Quenya? Wir haben keinen weiteren Anhaltspunkt als die offensichtliche Tatsache, dass der Infinitiv von A-Stämmen identisch ist mit dem Verbstamm selbst, ohne Anhängsel. In den Etym ist aufgelistet als „stem of [the] verb ‚to be’ in Q[enya]“ („Stamm des Verbs „sein“ auf Quenya“). Es ist also denkbar, dass auch als Infinitiv fungiert: „Ich will ein Elb sein“ = ?Merin ná Elda. Aber natürlich kann Tolkien sich dabei etwas vollkommen anderes vorgestellt haben.

Können ná, nauva und andere Zeitformen kombiniert werden mit den normalen Pronomenendungen? Für Jahrzehnte herrschte hier Unklarheit und Unsicherheit, aber im Januar 2002 wurde schließlich das Tolkiensche Beispiel nalyë „thou art“ („du bist“) veröffentlicht, in VT43:27. Dieses Beispiel verkörpert eindeutig die wohlbekannte Endung -lyë „du“, und es scheint uns auch mitzuteilen, dass die Kopula die kurze Form na- annimmt, wenn Endungen angefügt werden. Die Form nar „sind“ (verwendet im Zusammenhang mit Pluralsubjekten) an Stelle von ?nár deutet in dieselbe Richtung.

Der veröffentlichte Korpus mag dennoch nicht durchweg konsistent sein. In dem sehr frühen (manche würden sogar ersten sagen) „Qenya“-Poem Narquelion, geschrieben 1915 oder 1916, verwendete Tolkien die Form náre. Da es keine unmittelbare, von Tolkien selbst angefertigte Übersetzung dieses Poems gibt, können wir nicht ganz sicher sein, was es bedeutet. Christopher Gilson, der das gesamte Poem im Licht des zeitlich fast gleichen Qenya Lexicons analysierte, schloss, dass náre „es ist“ bedeuten könnte (VT40:31). Ein Marker -re (oder wenn Sie so wollen, -rë) für die 3. Person war vielleicht auch in Tolkiens späteren Formen von Quenya präsent, obwohl wir für die späteren Phasen erwarten, dass es eher „sie“ bedeutet als „es“ - siehe Lektion 15.

Doch es scheint besser, von dem Beispiel nach dem HdR, nalyë, auszugehen und zu interpolieren. Wenn wir das tun, so könnte sich das folgende Muster ergeben:

nan oder nanyë „ich bin“

nat „du [vertraulich] bist“, vielleicht auch mit einer längeren Form (naccë oder natyë???)

nal oder nalyë „du [höflich, evtl. „Sie“] bist“ (vielleicht nallë, für „ihr“ als eigener Plural)

nas „er/sie/es ist“, denkbar ist eine längere Form ?naryë; es könnte auch geschlechtsspezifische Formen naro „er ist“ und narë „sie ist“ geben

nalmë „wir [ausschließend] sind“, nalve „wir [einschließend] sind“, nammë „wir [dual] sind“

nantë „sie sind“

 

In der ursprünglichen Version dieser Lektion, die veröffentlicht wurde, bevor das Beispiel nalyë verfügbar war, nahm ich ein ähnliches, aber nicht völlig identisches System an. Ich verwendete überall, wo ein Konsonantencluster folgen würde, die kurze Form na-, wie vor den Endungen -lmë, -lvë, -mmë, -ntë. Ich nahm an, dass die Endungen mit einem Konsonanten + y (-nyë und -lyë, sowie die beiden extrapolierten Endungen ?-tyë und ?-ryë) nicht die Kraft hätten, einen vorangehenden Vokal zu verkürzen. Vergleichen Sie das á von „Hand“, das vor der pronominalen besitzanzeigenden Endung -rya „ihr“ im Namárië lang bleibt: máryat „ihre Hände“, dual. Dieses System würde eher zu nályë führen als zu der nun attestierten Form nalyë für „du bist“. Ich denke nach wie vor, dass das nicht gänzlich unglaubwürdig ist; die Kopula könnte in der kurzen Form na sogar dort auftauchen, wo sie alleine steht (VT43:26), so dass Varianten wie nályë und nalyë vielleicht in derselben Form von Quenya nebeneinander existieren können. Wenn Endungen angehängt werden mussten, habe ich  in den Übungen unten durchgängig Formen mit dem kurzen na- verwendet.   

Die Zukunftsform nauva „wird sein“ könnte vielleicht ohne Modifikationen alle Pronomenendungen erhalten: nauvan oder nauvanyë „ich werde sein“, nauvalmë „wir werden sein“ usw.

Vielleicht kann das Verb sogar zwei pronominale Endungen erhalten, für Subjekt und Prädikat, z. B. nanyes = "Ich bin er". (Vergleichen Sie die von Tolkien erstellte Form utúvienyes = "Ich habe es gefunden”, wobei die zweite Endung das Objekt kennzeichnet.)


Anstatt pronominale Endungen an die Kopula na- anzuhängen, kann man auch einfach ein unabhängiges Pronomen nehmen und die Kopula ganz weglassen: Man kann es verstehen. Als er „gesegnet bist du“ übersetzte in seiner Quenya-Wiedergabe des Ave Maria, schrieb Tolkien einfach aistana elyë, d. h. aistana „gesegnet“ unmittelbar gefolgt von dem Pronomen elyë „du“. Es gibt keine Kopula „bist“ in dem Quenya-Text. So können wir uns offensichtlich frei fühlen, Kopula-freie Sätze zu bilden wie inyë Elda „ich [bin] ein Elbe“ oder elyë vanya „du [bist] schön“. Kürzere, weniger betonte Pronomen würden es vermutlich ebenso tun: Ni Elda, le vanya (oder lye vanya), etc.

Doch wir können nicht immer ohne das Verb „sein“ auskommen, und ein anderes Problem hat zu tun mit der Vergangenheit „war“. Wir haben keine sicheren Belege davon. Wenn wir den normalen Vergangenheitsmarker -në an den Stamm anhängen, käme natürlich etwas wie ?nánë heraus, aber diese schreckliche Form scheint ziemlich unwahrscheinlich. Aller Wahrscheinlichkeit nach schwebte Tolkien tatsächlich eine unregelmäßige Form vor. Lang gingen Gerüchte um von einer Form „war“, die in Tolkiens unveröffentlichten Papieren auftauchen sollte. Am nächsten kam einer Bestätigung dieses Gerüchtes Christopher Gilsons Analyse desselben frühen „Qenya“-Gedichtes Narquelion, auf das wir uns schon oben bezogen haben. In Vinyar Tengwar #40, Seite 12-13, finden wir Gilson bei dem Versuch, etwas zu entziffern, was er eine „especially enigmatic“ („besonders rätselhafte“) Wendung in dem Gedicht nannte. Sie bezieht die Form ein, und Gilson argumentiert (S. 13):

Das Präteritum [=1. Vergangenheit] des Verbs „sein“ ist im Q[enya}-Lexikon nicht gegeben, aber diese Zeitform ist für viele Verben aufgelistet, und häufig als solche gekennzeichnet. Das Qenya-Präteritum hat eine Bandbreite an Formen, aber eine der vertrauten Typen ist in kanda- ‚brennen, entflammen’, Präteritum kandane... Es ist möglich, dass Formen wie kanda-ne tatsächlich hervorgingen aus einem Konstrukt mit dem Verbstamm plus einer Form des Verbs ‚sein’, dass also z. B. eine Bedeutung wie „brannte“ syntaktisch wie in englischen Wendungen entwickelt wurde, wie ‚was blazing’ oder ‚did blaze’ (wörtlich „war brennend“ oder „tat brennen“; im Deutschen kennen wir ein Präteritum dieser Art nicht), mit einer ursprünglich zeitlosen Form des Stamms kanda- ‚brennen, brennend’, kombiniert mit dem Präteritum, ausgedrückt durch die Endung -ne ‚war’... Die Gegenwart des Verbs ‚sein’ ist in QL mit ‚es ist’ gegeben..... und wenn das Präteritum ist oder ne, dann gäbe es eine Parallele zu gewissen anderen Verben, wo das Präteritum gegenüber der Gegenwart nur durch einen Wechsel von -a zu -e gekennzeichnet ist, wie in panta- „öffnen, entfalten, ausbreiten’, Prät. pante, oder sanga- „dicht packen“, Prät. sange.

Wenn dem so sein sollte, dass Mr. Gilson tatsächlich Zugang zu praktisch allen von Tolkiens linguistischen Papieren hat, dann muss er ziemlich zuverlässig wissen, ob eine Form „war“ in dem Material auftaucht oder nicht. Wir müssen dann annehmen, dass Gilson glaubt, er verletze jemandes Copyright, wenn er so laut und deutlich sagt, dass „ das Qenyawort ist für war“ - und so muss er vorgeben, dass er das Wort im Wesentlichen aus bereits veröffentlichtem Material ableitet. Wenn wir in Betracht ziehen, dass Tolkien mit Sicherheit die verschiedenen Formen von „sein“ besprochen haben muss, zumindest bei der großen Summe von linguistischen Manuskripten, die er zurückgelassen hat, und Gilsons Artikel kombinieren mit jüngeren Statements seiner Gruppe mit dem Ergebnis, dass sie kaum etwas schreiben würden, von dem sie wissen, dass es falsch ist, können wir offensichtlich = “war“ als ein so-gut-wie-attestiertes Wort behandeln.

Doch auch wenn ein solches Wort in den frühen Formen von „Qenya“ existiert, kann es natürlich in HdR-kompatiblen Formen der Sprache, Jahrzehnte später entwickelt, aufgegeben worden sein. Es sei dennoch angemerkt, dass die Vergangenheitsendung
-në niemals aufgegeben wurde - und wenn Gilsons Theorie, dass es eine Verbindung gäbe zwischen dieser Endung und dem Verb „war“, Tolkiens tatsächliche Vorstellung widerspiegelt, dann könnte das Wort im Hdr-Stil-Quenya überlebt haben. Wie dem auch sei, Schreiber können ohne ein Wort für „war“ kaum auskommen, und gegenwärtig haben wir keine bessere Alternative als . Einige Schreiber haben es eingesetzt, und basierend auf dem Paar „ist“ / nar „sind“ haben einige auch eine Form ner „waren“ extrapoliert, einzusetzen im Verbindung mit Subjekten im Plural oder verschiedenen Subjekten.

Insofern das Beispiel nalyë zeigt, dass die Gegenwartsform der Kopula pronominale Endungen tragen kann, können wir annehmen, dass das ebenso für die Präteritumsform „war“ gilt. Sie würde vor den verschiedenen Endungen vielleicht als ne- erscheinen: nenyë „ich war“, nelyë „du warst“, nes „er / sie / es war“, nentë „sie waren“ etc. Aber viel eher als mit pronominalen Endungen kombiniert zu werden, könnte es sein, dass die Kopula meistens auch in der Vergangenheitsform einfach weggelassen wird, und statt einer Endung ein eigenständiges Pronomen verwendet wird: Elyë vanya = Präteritum „du [warst] schön“ oder Gegenwart „du [bist] schön“, je nach Kontext. (Doch ich hege den Verdacht, dass die Zukunftsform nauva „wird sein“ kaum auf diese Weise einfach weggelassen wird.)

Fünf Quenya-Zeitformen sind attestiert: Präsens (oder Verlaufsform), Aorist, (erste) Vergangenheit, Zukunft und Perfekt (2. Vergangenheit). Das Verb „sein“ könnte vielleicht keinen Unterschied machen zwischen Gegenwartsform und Aorist (und „ist“ beides abdeckt); die 1. Vergangenheit „war“ könnte sein, wie oben besprochen, und die Zukunftsform ist mit nauva „wird sein“ attestiert. Bleibt nur noch die Perfekt-Form - „ist gewesen“. Normalerweise wird das Perfekt gebildet durch Voranstellen eines Augments ähnlich dem Stammvokal, wobei der Stammvokal an seinem ursprünglichen Platz verlängert wird und die Endung -ië angehängt wird, z. B. utúlië „ist gekommen“ aus dem Stamm tul „kommen“. Doch es ist alles andere als klar, wie der Stamm in dieses Muster eingefügt werden könnte. Eine Form ?anáië wäre ziemlich instabil. Die Gruppe ái würde dazu neigen, zu einem normalen Diphthong ai zu werden. Doch ?anaië kommt mir noch immer nicht vor wie eine wahrscheinliche Form, und ich könnte es nur wirklich sehr verzweifelten Schreibern empfehlen. Gegenwärtig ist es einfach nicht möglich, mitzuteilen, wie die Eldar „ist gewesen“ sagen würden (ein wahrscheinlich sehr häufiges Wort, da Tolkiensche Elben „were ever and more involved in the past“, „immer und immer mehr von der Vergangenheit berührt waren“ - VT41:12!)

Der Imperativ von ist ebenfalls etwas unsicher. Es ist alles andere als klar, wie wir „sei!“ zu sagen haben, wie in „sei gut!“. Ich habe manchmal die ausgedachte Form ána verwendet, kombiniert aus dem Imperativ (-na) mit einer Vorsilben-Variante des Imperativ-Partikels á. Seiner Form nach hätte dieser Imperativ ána „sei!“ gewisse Verwandtschaft mit ná, so wie es Tolkiens Wort áva „tu nicht!“ mit der einfachen Verneinung „nicht!“ hat. Doch in verschiedenen Übersetzungen des Vaterunser gab Tolkien „geheiligt werde dein Name“ wieder mit nai airë esselya oder esselya na airë, offensichtlich „sei heilig dein Name / dein Name sei heilig“ (VT43:14). Na also als Imperativ „sei!“? Doch es scheint, als könne na auch verwendet als bloßer Partikel, der einen Wunsch anzeigt. Tolkien merkte an, dass na, wenn es einem Satz vorangeht, „let it be“ („möge es sein“, VT43:14) anzeigt. Er übersetzte „dein Wille geschehe“ mit na carë indómelya, offensichtlich „möge-es-sein [dass einer] seinen Willen tut“. Vielleicht ist das nai der „Wunschformel“, das wir in Lektion 16 behandelt haben (wie in nai hiruvalyë Valimar, „mögest du Valimar finden“) tatsächlich als na-i „sei (es) dass“ darstellt. Für „sei!“, na, scheint so, wie die Dinge sich bis jetzt darstellen, die beste Option na zu sein, aber ich werde keine Übungen konstruieren, die auf dieser Interpretation basieren! 

Zusätzlich zu den „N“-Formen des Verbs „sein“ (ná/nar, né, nauva und vielleicht na) tauchen im Material einige ganz andere Formen mit verwandter Bedeutung auf. Der Vor-HdR-Text Fíriels Song enthält ye für „ist“ und yéva für „wird sein“. Statt als unabhängige Wörter zu erscheinen können sie auch in Endungen verwandelt werden und manifestieren sich dann als -ië und -iéva, attestiert in Formen wie márië „ist gut“ und hostainiéva „wird gezählt“ (vgl. mára „gut“, hostaina „versammelt, gezählt“). Doch wie ich in Lektion 4 herausstellte, scheint Tolkien diese Formen wohl aufgegeben zu haben. Die Endung -ië hat so viele andere Bedeutungen (gerundiale Endung wie in enyalië „zurückrufend“, abstrakte Endung wie in verië „Kühnheit“, feminine Endung wie in Valië „weibliche Vala“), dass Tolkien möglicherweise entschied, dass sie nicht auch noch mit der Bedeutung „ist“ beladen werden soll. Einige Schreiber haben die Endung -ië „ist“ verwendet, aber mein Rat wäre, diese Formen aus Fíriels Song in Frieden ruhen zu lassen.

Ein anderes Verb, das wir noch betrachten sollten, ist definitiv kein von Tolkien aufgegebenes Wort, denn es ist in Schriften zu finden, die nach der Veröffentlichung des HdR datiert sind - mit Namárië, in dem das Verb „ist“ enthalten ist. Dieses ist eindeutig gedacht in Koexistenz zu und drückt wahrscheinlich eine etwas andere Schattierung in der Bedeutung aus. Wir sprechen von dem Verb ëa (oder mit dem Grossbuchstaben E ).

Leser des Silmarillion werden sich an dieses Wort aus Tolkiens Mythos erinnern. Gott, Eru Ilúvatar, gewährt der Musik der Ainur mit diesen Worten objektive Existenz: „Ich kenne die Sehnsucht eurer Gedanken, dass das was ihr gesehen habt, wirklich sein soll... ebenso wie ihr selbst seid, und noch anderes. Deshalb sage ich: Eä! Lass diese Dinge Sein!“ (Ainulindalë). Tolkien erklärte, dass als Name des Universums ursprünglich kein Hauptwort war, sondern ein Verb: „Die Elben nannten die Welt, das Universum, Eä - Es ist“ (Fußnote in Letters:284). „Diese Welt, oder das Universum, nennt [der Schöpfer] , ein elbisches Wort, das bedeutet ‚Es ist’ oder ‚Lass es sein’“ (MR:330).

Somit kann ëa entweder Gegenwart (oder Aorist) „[es] ist“ sein oder der Imperativ „Lass es sein!“ (Im letzteren Sinn wäre es eine Parallele zu solchen Ein-Wort-Imperativen auf -a wie heca „sei gegangen“ oder ela! „sieh!“). Inwiefern unterscheidet sich ëa „ist“ in der Bedeutung von ? Es wurde vermutet, dass eines dieser Verben „ist“ sich nur auf eine  zeitweilige Gelegenheit bezieht, während das andere auf einen permanenten oder gewohnheitsmäßigen Zustand verweist. In einem Satz wie „der Mann ist betrunken“ würde das eine Wort für „ist“ einfach andeuten, dass „der Mann“ gerade jetzt betrunken ist, während das andere impliziert, dass er gewohnheitsmäßig betrunken ist. Parallelen zu einem solchen System kann man im Spanischen finden (eine Sprache, die Tolkien liebte).

Mit der enormen Knappheit an Quellenmaterial kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts ausgeschlossen werden, aber ich würde mein Geld verwetten auf eine andere Theorie. Es sei bemerkt, dass Tolkien ëa nicht nur mit „ist“ übersetzte, er verwendete auch die Wiedergabe mit „exists“, „existiert“ (VT39:7). Das lässt vermuten, dass ëa eine absolutere Bedeutung hat als . Das Verb ëa ist verwandt mit dem Hauptwort engwë „Ding“, ein „Ding“, das wahrgenommen wird als „etwas, das existiert“. Es könnte sein, dass nur eine bloße Kopula darstellt, eingesetzt in Wendungen, die den Zustand von etwas beschreiben und ein Hauptwort einführen (sambë sina ná caimasan „dieser Raum ist ein Schlafzimmer“), oder ein Adjektiv (sambë sina ná pitya „dieses Zimmer ist klein“) oder sogar eine präpositionale Wendung (sambë sina ná ve i sambë yassë hirnenyet, „dieser Raum ist wie der Raum, wo ich sie fand“). Auf der anderen Seite repräsentiert ëa sich auf eine feste, unabhängige Existenz oder Präsenz eines Subjektes, und es kann vielleicht verwendet werden auch ohne irgendwelche anderen Beifügungen (z. B. Eru ëa = „Gott existiert“). Tolkien informiert uns darüber, dass das Wort ëala, seiner Form nach offensichtlich das aktive Partizip von ëa, auch als ein Hauptwort „Sein“ (Existenz, Wesen) eingesetzt wurde - einen Geist bezeichnend, dessen natürlicher Zustand es ist, ohne einen physischen Körper zu existieren. Balrogs z. B. waren ëalar (MR:165). Ursprünglich verweist das Wort einfach nur auf „Existierende“. Am Anfang eines Satzes kann das Wort ëa wahrscheinlich im selben Sinn verwendet werden wie das englische „there is“, bzw. das deutsche „es gibt“, um sich auf die Existenz oder Gegenwart von etwas zu beziehen. taucht auf als Verb eines Relativsatzes: i Eru i or ilyë mahalmar ëa tennoio, „der Eine [Gott], der für immer über allen Thronen ist“. Da die wörtliche Bedeutung gut sein könnte, dass Eru in dieser erhabenen Position existiert, widerspricht das nicht der oben dargelegten Interpretation. In seiner Übersetzung des Vaterunser gab Tolkien „[Vater unser] der du bist im Himmel“ wieder mit ...i ëa han ëa, was offensichtlich keine direkte Übersetzung der traditionellen Wortfolge ist.  Es wurde theoretisiert, dass das bedeute „[Vater unser], der jenseits von ist“, d. h. jenseits des erschaffenen Universums, obwohl das zweite ëa in Tolkiens Text nicht als Name groß geschrieben ist. Das erste ëa steht mit Sicherheit für das Verb „ist“.

Es sei angemerkt, dass ëa, eher als ná, das Verb ist, das zu verwenden ist, wenn die Position von etwas beschrieben wird (wobei die Position spezifiziert wird entweder durch eine Wendung, die eine Präposition enthält, wie or ilyë mahalmar „über allen Thronen“, oder han ëa „jenseits von Eä“ [?] in den Sätzen oben, oder durch ein Hauptwort, das im Lokativ erscheint). Vielleicht könnten wir Sätze bilden wie i sambë yassë ëa i harma ëa or i sambë yassë ëa i nér sí „Der Raum, wo der Schatz ist, ist über dem Raum, wo der Mann jetzt ist“ - nicht so sehr auf bloße Zustände verweisend als viel mehr auf Existenz, Gegenwart, Position. Dies ist das beste, was der gegenwärtige Grammatiker mit so wenigen Beispielen tun kann.

Wie wird ëa gebeugt? selbst scheint die Form der Gegenwart oder des Aorist zu sein; der Imperativ (verwendet von Eru in der Ainulindalë) ist identisch. Vielleicht kann ëa auch als Infinitiv fungieren. Die Zukunftsform könnte etwas wie euva darstellen. Das Perfekt „hat existiert“ scheint unmöglich zu rekonstruieren, nicht einmal mit einem Hauch von Vertrauen und Zuversicht. Was die 1. Vergangenheit angeht, so war sie ungewiss, als ich diesen Quenya-Kurs zum ersten Mal veröffentlichte, aber wie ich argumentierte, könnte es entweder ëanë oder engë sein. Letztere Form wurde nun durch VT43.36 bestätigt, sie taucht auf in Tolkiens aufgegebener Übersetzung des Gloria Patri: Alcar i ataren ar i yondon ar i airefëan tambë engë i... „Ehre [sei] dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie [es] war [im]....“ (das nächste Wort wäre „Anfang“, aber Tolkien kam nie so weit).

Engë als 1. Vergangenheit von ëa scheint eine ziemlich überraschende Form, aber sie ist historisch zu rechtfertigen: Tolkien meinte offensichtlich, dass ëa für das primitive eñâ stehen sollte, mit dem Symbol ñ für das ng wie im deutschen Ding. In Quenya ging dieser Laut zwischen Vokalen verloren. Doch die 1. Vergangenheit wurde mit Hilfe eines nasalen Infix gebildet, und vor ñ manifestiert sich ein Infix als weiteres ñ. So bekämen wir eññ-, und dieses Doppel-ññ wurde in Quenya später zu ng (fast wie in Finger, doch mit einem hörbaren g- Laut wie im englischen finger): So wurde die 1. Vergangenheit von ëa zu engë. Nur ein weiteres Verb dieser Klasse ist bekannt, tëa „anzeigen“ mit der 1. Vergangenheit tengë (siehe VT39:6-7). Es war dieses Beispiel, das suggerierte, dass die 1. Vergangenheit von ëa engë sei, bevor VT43:36 darüber explizite Information lieferte.

Das Verb ëa kann wahrscheinlich wie jedes andere Verb pronominale Endungen erhalten, z. B. ëan „ich existiere“, ëalmë „wir existieren“; enges „es existierte“ usw.