Lektion19

Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach

Index

Lektion 19

 Pronomen in Imperativsätzen 
  Betonte Pronomen 
 Fragewörter: man, mana, manen 
 Nachstellungen 
Zusammenfassung, Übungen
 

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Pronomen in Imperativsätzen

Imperativsätze können pronominale Elemente enthalten. Diese Pronomen können sich entweder auf das Subjekt des Imperativsatzes beziehen (auf die Partei, die gefragt wird oder der angeordnet wird, etwas zu tun), oder auf das direkte oder indirekte Objekt der erbetenen Handlung.

Optionale Subjektpronomen können hineinschlüpfen, um klarzustellen, ob der Sprecher von einer oder von mehreren Personen möchte, dass sie etwas tun. Ausgehend von dem Imperativ-Ausruf heca! „geh weg!“ oder „bleib weg!“ notierte Tolkien, dass dieses Wort „oft“ in einer erweiterten Form „with reduced pronominal affixes of the 2nd person“ erscheint (mit reduzierten pronominalen Vorsilben der 2. Person, WJ:364). Wenn eine einzelne Person Adressat eines Imperativ ist, kann es das Suffix -t erhalten (zweifellos verwandt mit dem Singular-Objektpronomen tye „dich“). Während also der Imperativ heca! an eine oder mehrere Personen gerichtet sein könnte, ist die erweiterte Form hecat! ausdrücklich als Einzahl gekennzeichnet. Sie könnte übersetzt werden mit „scher dich weg“ (Vielleicht lautete Feanors harsche Zurückweisung von Melkor gegen Ende des 7. Kapitels des Silmarillion, als dieser nach Formenos kam und die übersetzt ist mit „get thee gone from my gate“, so etwa wie hecat andonyallo im Original in Quenya?) Tolkien notierte weiter, dass der einfache Imperativ heca! im Plural die Endung -l erhalten kann, folglich ist hecal! ein Befehlt mit mehreren Adressaten: „schert euch weg, ihr [alle]!“ Diese Beispiele zeigen auch, dass Tolkien, als er dies schrieb, zu dem Punkt gekommen war, an dem er die Unterscheidung zwischen den „T“-Formen und den „L“-Formen der 2. Person primär als Unterscheidung zwischen Einzahl „du“ und Plural „ihr“ sah. Natürlich ist die Angelegenheit etwas verwaschen durch die Tatsache, dass „L“-Formen wie die Endung -l oder -lyë auch als höfliche Einzahl „du“ dienen (im Namárië übersetzt mit „thou“). Natürlich kann niemand sagen, ob die Endung -l in einer Imperativwendung verwendet werden kann, um eine „höfliche“ Anordnung an einen einzelnen Adressaten zu formulieren.

Hecat! Einzahl und hecal! Plural sind unsere einzigen attestierten Beispiele für den diesbezüglichen Gebrauch von -t und -l. Der Imperativ heca! ist vielleicht kein besonders typischer Imperativ. Wie in Lektion 16 herausgestellt wird normalerweise an Stelle der Endung -a ein unabhängiger Partikel á (oder a) verwendet, in Kombination mit einem folgenden Verbstamm. Zu den attestierten Beispielen gehören á vala! „herrsche“ und a laita! „preise / preist“. Wenn die Endungen -t, -l in eine solche Formulierung schlüpfen sollen, müssen sie wahrscheinlich an den Verbstamm angehängt werden, z. B. a laitat! „preise“ (an eine Person gerichtet), a laital! „preist“ (an mehrere gerichtet).

Laita- „preisen, rühmen“ ist natürlich ein A-Stamm. Primärverben wie car- „machen, tun“ erscheinen in solchen Befehlen mit der Endung , wie aus dem verneinenten Imperativ áva carë! „tu [es] nicht“ deutlich wird (WJ:371). Dieses -ë stammt fast mit Sicherheit von einem früheren -i, und vor Endungen würden wir nach wie vor -i- sehen, genau wie in der Aorist-Form dieser Verben. Folglich vielleicht áva carit! „Tu [es] nicht!“ (an eine Person gerichtet), Plural áva caril! „tut es nicht!“ (an mehrere gerichtet). Und ohne Verneinung wie á tulë! „komm!“ hätten wir wahrscheinlich ähnlich á tulit!, wenn eine Person gebeten wird zu kommen, während á tulil! sich auf mehr als einen beziehen würde: „kommt, ihr!“

Eine Imperativwendung könnte auch pronominale Elemente enthalten, die sich auf das direkte oder indirekte Objekt der gefragten Aktion beziehen. In der vorangegangenen Lektion haben wir auf verschiedene unabhängige Pronomen verwiesen. Nye „mich“, me „uns“, le „euch“, tye „dich“, ta „es“ und te „sie“ können alle als unabhängige Wörter auftreten; tatsächlich betrifft unser einziges Zeugnis für te „sie“ eine Imperativwendung, wo das Wort für sich selbst auftaucht: A laita te, laita te! „rühmt sie, rühmt sie!“ (aus dem Cormallen Praise). Doch Tolkiens Quenyaübersetzung des Vater Unser deutet an, dass Objektpronomen auch angehängt an den Imperativpartikel á auftauchen können. Das Prinzip kann anhand eines hausgemachten Beispiels dargelegt werden: Betrachten wir eine einfache Imperativwendung wie „beobachte!“. Wenn wir sagen wollen „beobachte sie“, mit Einfügen des Objektpronomens te, wäre es möglich, es auf das Verb folgen zu lassen (wie in dem attestierten Beispiel a laita te „rühmt sie“), also á tirë te. Doch es wäre offensichtlich auch zulässig, das Objektpronomen vor dem Verb kommen zu lassen, und in diesem Fall würde es sich mit dem Imperativpartikel á verbinden „Beobachte sie!“ könnte dann átë tirë! lauten.

ANMERKUNG: Da te „sie“ nun zur letzten Silbe eines mehrsilbigen Wortes wird, erfordern die übernommenen Schreibkonventionen, dass das finale -e hier mit Diärese geschrieben wird: . Dasselbe geschähe mit dem finalen -e der Objektpronomen nye, me, le, tye, wenn sie direkt an á angehängt würden - z. B. á tirë „beobachte uns“. Natürlich ist das nur eine orthographische Schwierigkeit, die nichts mit der Struktur der Sprache zu tun hat: in vielen Texten verwendet Tolkien überhaupt keine Diärese. 

            Auch Dativ-Pronomen (wie nin „mir“, men „uns“, tien „ihnen“) können direkt an den Imperativpartikel á angehängt werden; zumindest Tolkiens Vaterunser auf Quenya enthält ein Beispiel für men, das auf diese Weise als Nachsilbe verwendet wird. Eine Wendung wie, sagen wir mal, „Sing für uns!“ könnte somit wiedergegeben werden mit ámen linda!

Was passiert, wenn eine Imperativwendung zwei Pronomen enthält, die sowohl ein direktes als auch indirektes Objekt bezeichnen? Wir haben kein Tolkien-gemachtes Beispiel, das uns leiten kann, aber der Imperativ-Partikel kann kaum mehr als ein pronominales Suffix erhalten, und das Beispiel a laita te deutet an, dass ein Pronomen nicht notwendigerweise an den Partikel angehängt werden muss. Es wäre also sicher zulässig, eines der Pronomen, entweder für das direkte oder für das indirekte Objekt, als eigenständiges Pronomen zu belassen und nur das andere an den Partikel á anzuhängen. „Tu es für mich!" könnte dann entweder ánin carë ta! heißen oder áta carë nin!, je nach Wunsch. (Vielleicht könnte man auch ánin caritas! sagen, unter Verwendung eines erweiterten Verbstammes carita- und dem Suffix -s für „es“.)

Tolkiens Übersetzung von „führe uns nicht in Versuchung“ in seinem Quenya-Vaterunser enthüllt, dass die verneinte Form des Imperativpartikels („führe ... nicht“, wörtlich „tu nicht...“, im Englischen heisst diese Passage „do not lead us into temptation“) ebenfalls pronominale Affixe erhalten kann. Um 1960, in Quendi and Eldar, verwendete Tolkien áva als verneinten Imperativ, wobei er den Imperativpartikel á kombinierte mit der Verneinung (-va). In seiner früheren Vaterunser-Übersetzung verwendete er ein etwas anderes Wort für „tu nicht“ (ála, das die Verneinung verkörpert, anstelle von ), aber es gibt hier keinen Grund, daran zu zweifeln, dass Pronomen, die das direkte oder indirekte Objekt bezeichnen, nicht ebenso gut an die spätere Form áva angehängt werden können. Während als „bewache uns!“ offensichtlich übersetzt werden könnte mit á tirë!, wäre der verneinte Befehl „bewache uns nicht!“ wahrscheinlich übersetzt áva tirë!.