unpersönliche Verben

Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach

unpersönliche Verben U-Stamm-Verben lá Übungen 18

Unpersönliche Verben

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Nachdem wir unabhängige Dativformen wie nin „für mich, mir“ erkundet haben, können wir unsere wenigen Beispiele von Sätzen mit sogenannten unpersönlichen Verben voll und ganz verstehen. In UT:396 zitiert Tolkien ein Verb óla- „träumen“, mit einer kurzen Anmerkung zu dem Effekt, dass dieses Verb „unpersönlich“ sei. Was genau er damit meinte, war lange Zeit unklar, aber nun haben wir zumindest ein Beispiel, das in dieser Hinsicht hilfreich sein könnte.

Die fraglichen Sätze betreffen das Primärverb or- „drängen, antreiben, bewegen“ (an anderer Stelle auch als A-Stamm ora- gegeben). Der regelmäßige Aorist orë „drängt, treibt an, bewegt“ taucht in dem Satz orë nin caritas auf, übersetzt mit „I would like to do so“, „ich würde es mögen, so zu handeln“ oder „I feel moved to do so“, „ich fühle mich dazu bewegt, so zu handeln“. Wörtlich bedeutet es „[es] drängt mich, es zu tun“. Beachten Sie, dass dieser Satz kein Subjekt hat (obwohl wir in unserem Versuch einer wörtlichen Übersetzung ein Ersatz-Subjekt „es“ einfügen müssen, um einigermaßen passables Deutsch daraus zu machen - „es“ ist hier ohne weitere Bedeutung!) Quenya zeigt alleine durch die grammatikalische Struktur, dass das „Drängen“, das der Sprecher empfindet, sozusagen von außen auf ihn eindringt. Sich gedrängt fühlen zu etwas ist kein vorsätzlicher „Akt“, ausgeführt von einem Subjekt; dieses Gefühl beeinflusst die betroffene Person, und in Quenya wird das angemessen durch den Dativ ausgedrückt. In unserem attestierten Beispiel ist ein Dativpronomen betroffen, aber wir müssen annehmen, dass es ebenso ein richtiges Hauptwort sein könnte: Orë i Eldan lelya = „[es] treibt den Elb zu gehen“ =“der Elb fühlt sich dazu gedrängt, zu gehen“. Das Verb ist das erste Wort des Satzes; normalerweise käme zuerst das Subjekt, aber hier gibt es schlicht und ergreifend kein Subjekt.

Was das unpersönliche Verb óla- „träumen“ angeht, müssen wir annehmen, dass die zugrunde liegende Vorstellung dieselbe ist: Träumen ist keine „Handlung“, die von einem Subjekt vorgenommen wird, vielmehr ist das etwas, das dir passiert; deine Träume kommen ziemlich unabhängig von deinem eigenen Willen zu dir, und deshalb wird der Träumende am besten dargestellt als eine Person, die von seinen oder ihren Träumen berührt wird: Folglich der Dativ für den Träumer! Tolkien lieferte uns keine Beispiele mit óla-, aber „das Mädchen träumt von Elben“ könnte vielleicht wiedergegeben werden mit etwas wie óla i venden Eldaron (beachten Sie, dass vendë „Mädchen“ hier als Dativ erscheint und anzeigt, dass „das Mädchen“ eher als „Empfänger“ der Träume betrachtet wird denn als ihr Erzeuger - vgl. die Verwendung des Dativ, um den Empfänger anzuzeigen, in Verbindung mit dem Verb „geben“. Verwandt wäre die deutsche Formulierung „dem Mädchen träumt von den Elben“, mehr dazu im folgenden Abschnitt).

Solche Konstrukte, selbst in Verbindung mit dem Verb „träumen“, sind durchaus auch in den Sprachen unserer eigenen Welt zu hören. Wie David Kiltz in Elfling (25. April 2001) schrieb: „Der Dativ hat viel mehr Funktionen als nur die eines indirekten Objekts. Er kann ... einen „subjective experiencer“, das erfahrende Subjekt bezeichnen wie im ... Deutschen mir ist kalt, während man im Englischen („I’m cold“) für das logische Subjekt einen Nominativ verwenden würde, aber nicht in vielen Sprachen“. Die deutsche Dativform mir entspricht in Quenya nin. Mit ringa als Quenya-Wort für „kalt“ ist es vielleicht gut möglich, mir ist kalt unmittelbar und direkt in Quenya widerzugeben mit nin ná ringa (oder vielleicht eher ná ringa nin „ist kalt mir“).

Wir kennen jedoch nicht viele Quenya-Verben, die zu solchen Bildungen einladen. Unter dem Eintrag mbaw- in den Etymologies erwähnt Tolkien, dass das „Noldorin“-Verb bui „nötigen, zwingen“ unpersönlich ist („Noldorin“ ist der konzeptionelle Vorgänger von Sindarin, veranschaulicht im HdR).  Das Quenya-Verb, das dem „Noldorin“ bui entspricht, ist mit mauya- gegeben. Wenn das ebenfalls als unpersönliches Verb fungieren kann (obwohl es wahrscheinlich ebenso gut mit einem ausdrücklichen Subjekt auftreten kann), hätten wir vielleicht einen Hinweis darauf, wie „ich muss“ in Quenya ausgedrückt werden würde. Vielleicht würde (oder könnte zumindest) „ich muss gehen“ ausgedrückt werden mit mauya nin lelya = „ich bin gezwungen zu gehen“ („[es] zwingt mich zu gehen“).

In einigen Fällen könnte es nicht einmal notwendig sein, ein unpersönliches Verb mit einem Dativ-Nomen oder Pronomen zu ergänzen. Hinsichtlich einer „Noldorin“-Form des Verbs, das dem Quenyaverb ulya- „strömen“ entspricht (oeil oder eil), merkte Tolkien an, dass es verwendet wurde für „it is raining“ („es regnet“,  Etym, Eintrag ulu). Wiederum fügen das Englische und Deutsche aus grammatikalischer Notwendigkeit ein „it“ bzw. „es“ ein, aber hier gibt es ganz offensichtlich kein reales Subjekt, das regnen „macht“. Vielleicht kann das Quenyawort ulya ebenso eingesetzt werden für „es regnet“: Das nackte Verb alleine für sich wäre ein voller Satz.