U-Stamm-Verben

Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach

unpersönliche Verben U-Stamm-Verben lá Übungen 18

U-Stamm-Verben

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Dabei handelt es sich um eine ziemlich im Dunkeln liegende Untergruppe von Verben; nachdem wir in der vorhergehenden Lektion die U-Stamm-Substantive behandelt haben, erforschen wir nun die U-Stamm-Verben. Unsere Unterlagen dazu sind sehr begrenzt, diese Diskussion muss notwendigerweise hauptsächlich auf Spekulation basieren.

Verbstämme mit der Endung -u sind in Tolkiens frühem „Qenya“-Material nichts ungewöhnliches, aber im Lauf der Jahrzehnte scheint er ihre Zahl reduziert zu haben. Unter den gut über 1.200 Quenyawörtern, die in den Etymologies erwähnt werden, ist nur ein einziges U-Stamm-Verb, und zwar palu- „weit öffnen, ausbreiten, expandieren, ausdehnen“ (und selbst dieses Verb hat eine alternative Form palya- mit der wesentlich üblicheren Verbendung -ya: siehe Eintrag pal). Um 1960 herum, in seinem Essay Quendi and Eldar, erwähnte Tolkien das Verb nicu- „kühl, kalt sein“ mit Bezug auf das Wetter (WJ:417). Einige Jahre später verwendete er auch einige wenige U-Stamm-Verben in der letzten Version des Markirya-Poems: fifíru- „langsam verblassen“ (Ausarbeitung des einfacheren Verbs fir- „sterben, verblassen“), hlapu- „fliegen oder im Wind flattern“, nurru- „murmeln, grummeln, grollen“ (MC:223).

Wie sind diese Verben zu beugen? Markirya, wie es in MC:222 abgedruckt ist, deutet an, dass das aktive Partizip von hlapu- hlápula lautet, und dass das aktive Partizip durch Anhängen der normalen Endung -la gebildet wird, wenn möglich unter Verlängerung des Hauptvokals (hlapu- wird zu hlápu-). Das Partizip von nurru- „murmeln“ ist als nurrula attestiert; hier kann der Vokal nicht verlängert werden wegen des folgenden Konsonantenclusters (**núrrula wäre kein mögliches Quenya-Wort). Die Bildung des aktiven Partizips ist so ziemlich das einzige, bei dem wir einigermaßen sicher sein können bei dieser Klasse von Verben (und deshalb auch das einzige, was ich in den Übersetzen-Sie-in-Quenya-Übungen unten verwenden werde).

Das passive Partizip ist problematisch. Wahrscheinlich würde die normale Endung -na oder ihre längere Variante -ina irgendwie angefügt. Einige haben argumentiert, dass wir ein attestiertes Beispiel für ein passives Partizip eines U-Stamm-Verbs haben könnten. Wir haben an früherer Stelle auf die mysteriöse Form turún’ (offensichtlich verkürzt aus turúna) in Nienors Ausruf verwiesen: A Túrin Turambar turún’ ambartanen, „[oh Túrin] Meister des Schicksals, vom Schicksal gemeistert“ (UT:138). In Tolkiens Material taucht ein Primärverb tur- „beherrschen, kontrollieren, regieren“ auf, aber wir würden als sein passives Partizip turna erwarten (vgl. carna „gemacht“ als attestiertes passives Partizip von car- „machen, tun“). Könnte die fremdartige Form turúna „gemeistert“ tatsächlich das passive Partizip einer U-Stamm-Variante turu- „meistern“ sein? Doch es ist unklar, warum ein Anhängen der Endung -na an turu- zu turúna führt, mit einem langen Vokal - und ein anderes, indirektes Zeichen deutet in eine andere Richtung. Wie von einigen herausgestellt, taucht die Endung -(i)na, die verwendet wird, um passive Partizipien zu bilden, auch in anderen Teilen der Rede auf, und wir haben zumindest ein Beispiel, das uns zeigt, was geschieht, wenn es an den Stamm eines Substantivs auf -u angehängt wird: Das Adjektiv culuina “orange“ ist aus einer Wurzel kul, kulu „Gold“ entwickelt. Hier taucht ein Diphthong ui auf, wenn das finale -u des Stamms kombiniert wird mit der Endung -ina. Überträgt man dieses Prinzip auf U-Stamm-Verben, könnten wir argumentieren, dass das passive Partizip von palu- „ausdehnen“ ?paluina „ausgedehnt“ sein sollte. Die Analogie zu A-Stamm-Verben würde in dieselbe Richtung deuten (vgl. hastaina „beschädigt“ als attestiertes Partizip von hasta- „beschädigen“) - aber aufgrund des Mangels an attestierten Exemplaren können wir nicht sicher sein.

Der Infinitiv ist ziemlich problematisch. Er sollte ein Stamm sein, ohne Anhängsel. In der vorhergehenden Lektion legten wir dar, dass U-Stamm-Hauptwörter ursprünglich auf einem kurzen -u endeten. Dieser ursprüngliche Vokal bleibt überall dort unverändert erhalten, wo eine Endung folgt, aber in Quenya wurde er dort, wo er ganz am Ende stand, zu -o. Wenn wir dasselbe Prinzip auf U-Stamm-Verben übertragen, ist es denkbar, dass der Infinitiv von palu- „ausdehnen“ ?palo sein könnte. Natürlich würden wir vor Endungen nach wie vor palu- sehen, zum Beispiel wenn diese Klasse von Verben ebenfalls erweiterte Formen auf -ta besitzt: Folglich ?paluta, oder mit einer Objektendung ?palutas, „es auszudehnen“.

Der Aorist ist ein bisschen weniger geheimnisvoll. Wie wir uns erinnern, nehmen Primärverben die Endung -i an, die genau so auch vor weiteren Endungen erhalten bleibt, aber final zu -ë wird (silë „scheint“, aber Plural silir „scheinen“). Da die phonologische Verwandlung, die ein ursprüngliches kurzes -i zu einem macht, in hohem Maß gleichlaufend ist mit der Verwandlung eines finalen kurzen -u zu -o, können wir glaubwürdig argumentieren, dass palu- „ausdehnen“ den Aorist ?palo „dehnt aus“ haben sollte (identisch mit dem Infinitv), erhalten als ?palu- vor jeder beliebigen Endung (z. B. palur „dehnen aus“ mit einem Subjekt im Plural, palun oder palunyë „ich dehne aus“, palus „er/sie/es dehnt aus“, etc. etc.). Doch ein kleines Stück Zeugnis weicht von diesem Szenario ab: Nachdem er das U-Stamm-Verb nicu- „kalt, kühl sein“ erwähnt, zitiert Tolkien auch die Form niquë, die er übersetzt mit „es ist kalt, friert“ (WJ:417). Ist dieses Verb niquë zu verstehen als Aorist von nicu-? Ist das so zu verstehen, dass genau wie im Fall von Primärverben die Endung -i ebenso an U-Stämme angehängt wurde, und sich folglich eine Entwicklung nicui > nicwi ergab? Nach dem Wechsel des finalen kurzen  -i zu würde das tatsächlich zu der attestierten Form (nicwe =) niquë führen. Wenn ja, könnte dann der Aorist von palu- ?palwë heißen, oder mit Endungen ?palwi-. Doch wir fragen uns vielleicht, warum U-Stamm-Verben die Aorist-Endung -i annehmen, wenn A-Stämme dies nicht tun. Das wäre nicht sehr ermutigend im Hinblick auf unsere nette kleine Theorie, dass die Endung -i an Primärverben eher nur als eine Art von Lückenbüßer angehängt wird, um das Fehlen jeder anderen Endung auszugleichen (denn U-Stamm-Verben haben offensichtlich eine andere Endung - das -u selbst!) Tatsächlich war es die Form ninquë, an die ich dachte, als ich den Studenten zurück in Lektion 7 warnte, diese vereinfachte Sichtweise sei nicht ganz unproblematisch, aber die meiste Zeit funktioniere sie. Wir haben nun den Punkt erreicht, wo sie eben nicht länger funktioniert.

Während der Aorist von palu- glaubwürdig angenommen werden darf als ?palwë oder, mit Endungen, ?palwi-, als perfekte Parallele zu (nicwe =) niquë als Aorist von nicu-, können wir uns nur fragen, wie Verben wie hlapu- oder nurru- sich verhalten würden, wenn sie die Endung -i schon in der Ursprache erhalten hätten. Sie könnten sich kaum in **nurrwë oder **hlapwë entwickeln, das wären unmögliche Quenya-Wörter. Vielleicht bliebe der ursprüngliche Diphthong ui an allen Positionen erhalten, und wir würden ?nurrui sehen und ?hlapui, ohne Wechsel von -i auf auch dann, wenn der Vokal absolut final ist? Doch ich brauche den Studenten wohl kaum darauf hinweisen, dass wir nun ein Gebiet extremer Spekulationen betreten haben.

Die Gegenwartsform ist ebenfalls spekulativ, aber Tolkien versorgte uns mit einem exzellenten Hinweis. Es sei daran erinnert, dass die Gegenwartsform (z. B. síla „scheint (gerade)“) tatsächlich eine Art „Verlaufs“-Verbstamm darstellt, entwickelt mit Hilfe einer Verlängerung des Stammvokals (wenn möglich) und durch Anfügen der Endung -a. In der allerletzten Version des Markirya-Poems ersetzte Tolkien eines der Partizipien mit etwas, das wie der Stamm einer Verlaufsform aussieht: Wie aus Christopher Tolkiens Anmerkung in MC:222 ersichtlich änderte sein Vater nurrula „murmelnd“ zu nurrua. Hier fungiert der Stamm der Verlaufsform tatsächlich wie ein Partizip (immer noch mit der Bedeutung „murmelnd“), und die Revision wirkt tatsächlich ziemlich sinnlos, doch letzten Endes gab Tolkien damit preis, dass die Endung -a an ein U-Stamm-Verb angehängt werden kann. In einem anderen Kontext könnte nurrua wahrscheinlich als Gegenwartsform „murmelt (gerade)“ (Verlaufsform) fungiert haben. In diesem Fall könnte der Stammvokal wegen des folgenden Konsonantenclusters nicht verlängert werden, aber die Verlaufsform der Gegenwart eines Verbs wie palu- „ausdehnen“ wäre aller Wahrscheinlichkeit nach pálua „dehnt (gerade) aus“.

Hinsichtlich der 1. Vergangenheit können wir einigermaßen sicher sein, dass die reguläre Vergangenheitsendung -në angehängt wird. Zumindest war dies der Fall in Tolkiens frühestem „Qenya“: Das Qenya-Lexikon von 1915 listet allunë auf als 1.Vergangenheit des Verbs allu- „waschen“ (QL:30). Ich verwende dieses System in den Übungen unten (aber nur in dem Übersetzen-Sie-aus-Quenya-Abschnitt, somit verführe ich meine Studenten zumindest nicht dazu, selbst unsichere Quenya-Verbformen zu konstruieren.

Das Perfekt ist unklar. Das Augment (der vorangestellte Stammvokal) würde vermutlich wie gewöhnlich vorangestellt, während der Vokal - wo möglich - an seiner normalen Position verlängert wird. So würden die Perfekt-Formen von palu-, nurru- vermutlich beginnen als apál-, unurr-. Aber was dann kommt, bleibt jedermanns Mutmaßung überlassen. Wie kann die Endung -ië, die mit dem Perfekt assoziiert ist, an ein U-Stamm-Verb angehängt werden? Würde das initiale -i- der Endung mit dem finalen -u des Verbstamms verschmelzen und einen Diphthong -ui- bilden, so dass wir ?unurruië für „hat gemurmelt“ sehen würden? Das Perfekt „hat ausgedehnt“ kann kaum ?apáluië heißen, denn der neue Diphthong ui würde die Betonung auf sich ziehen und die Silbe unmittelbar davor völlig unakzentuiert lassen. Dann kann kaum ein langes á folgen, denn es scheint eine phonologische Regel zu geben, die einen langen Vokal in einer völlig unbetonten Silbe verbietet, es sei denn das sei auch die erste Silbe des Wortes - und das ist sie hier nicht. Würden wir dann ?apaluië sehen, mit einem kurzen Vokal? Doch wie wir an früherer Stelle argumentiert haben, ersetzt die Endung -ië, wenn sie für das Perfekt verwendet wird, offensichtlich das finale -a, wenn sie an ein A-Stamm-Verb angehängt wird, somit ist es absolut möglich, dass sie auch das finale -u eines U-Stamms ersetzen würde. Von nurru-, palu- würden wir dann einfach die Perfektformen unurrië „hat gemurmelt“ und apálië „hat ausgedehnt“ sehen. (Wahrscheinlich würde -ië als gerundiale oder infinitive Endung ähnlich den letzten Vokal -u ersetzen, so dass wir ?nurrië für „murmelnd“ bilden könnten. Aber „murmelnd“ als reines verbales Nomen könnte fast mit Sicherheit nurrulë heißen, obwohl attestierte Beispiele der abstrakten Endung -lë „-nd“ stattdessen A-Stämme betreffen.)

In der Zukunftsform würden wir wahrscheinlich die gebräuchliche Endung -uva sehen. Doch wir können nur spekulieren, ob das -u- am Anfang der Endung einfach mit dem finalen -u des Stamms verschmilzt, so dass die Zukunftsform von palu- paluva lauten würde, oder ob die beiden u’s kombiniert werden zu einem langen ú, so dass wir stattdessen palúva sehen würden.