U-Stamm-Nomen

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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U-Stamm-Substantiva

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Im späteren Teil der „Common Eldarin“-Phase von Tolkiens simulierter Entwicklung seiner Elbensprachen tauchten offensichtlich zwei parallele Wechsel auf, die das betreffen, was früher kurzes finales -i und kurzes finales -u gewesen waren: sie änderten sich nun in -e bzw. -o. Doch da dieser Wechsel nur dort auftrat, wo diese Vokale final waren, blieben -i- und -u- überall dort bestehen, wo eine Endung oder ein anderes Element folgten. Wir haben auf dieses Phänomen schon an früherer Stelle in diesem Kurs hingewiesen; der Student wird sich daran insbesondere erinnern von der Stammvariation im Aorist von primären Verben: silë „scheint“, aber Pl. silir „scheinen“ (da sich das ursprüngliche -i nicht zu -e veränderte, wenn eine Endung folgte, wie in diesem Beispiel der Pluralmarker -r). Eine ähnliche Variation kann man in Hauptwörtern und Adjektiven beobachten: Wir haben schon das Hauptwort lómë „Nacht“ erwähnt, das die Stammform lómi- (SD:415) hat, da es abstammt von dem früheren dômi- (siehe Eintrag domo in den Etym). Wir müssen annehmen, dass z. B. die Lokativform „in der Nacht“ lómissë heißen würde. Das Adjektiv carnë „rot“ stammt ab von dem primitiven karani (siehe Etym, Eintrag karán) und hat deshalb die Stammform carni-, z. B. in einem Verbund wie Carnistir „Rot-Gesicht“ (PM:353).

Das Verhalten dieser „i-Stämme“ findet natürlich seine Parallele in den U-Stämmen, Wörtern, die auf -o enden, wenn der Vokal am absoluten Wortende steht, aber ein ursprüngliches -u bewahren, wenn dem Vokal irgendein Element folgt. Solche Wörter scheinen in erster Linie (vielleicht ausschließlich) Hauptwörter zu sein. Ein Beispiel für ein U-Stamm-Hauptwort ist ango „Schlange“: Seine Stammform angu- kann man direkt beobachten in dem Verbund angulócë (einfach glossiert „Drache“, in Wirklichkeit jedoch das Wort für „Schlange“, verbunden mit dem normalerweise als „Drache“ übersetzten Wort lócë; siehe Eintrag lok in den Etym). In den Etymologies entwickelte Tolkien ango „Schlange“ aus dem älteren angu (oder angwa, was erst zu angw würde und dann zu angu), so dass das finale -o dieses Wortes tatsächlich für ein älteres -u steht. Wann immer das Hauptwort ango Endungen für den Fall oder Pronomen erhält, wird es offensichtlich die Form angu- annehmen, z. B. im Dativ angun „einer Schlange“, Ablativ angullo „von einer Schlange“ oder mit einer pronominalen Endung z. B. angulya „deine Schlange“. Der Genitiv „einer Schlange“ würde wahrscheinlich anguo  lauten. (Wie wir an früherer Stelle gezeigt haben, entwickeln „normale“ Hauptwörter auf -o keine eigenen Formen für den Genitiv Singular; die Genitivendung -o verschmilzt einfach mit dem finalen Vokal.)

Wo U-Stämme entweder auf -go enden oder auf -co, nehmen sie im Nominativ Plural eine besondere Form an. Normalerweise hätten Hauptwörter auf -o natürlich einen Nominativ Plural auf -or. Doch wo -go und -co für älteres -gu und -ku stehen, scheint es, dass ein Anhängen der primitiven Pluralendung das vorangehende u zu einem w veränderte, so dass die Plurale auf -gwî oder -kwî endeten. Wahrscheinlich verschmolz das w mit dem vorangehenden g oder k: Die Kombinationen gw, kw werden offensichtlich am besten als einziger Laut betrachtet, als labiale Versionen von g und k (das heißt, g oder k ausgesprochen mit gespitzten Lippen - sehen Sie in Lektion 1 nach). In Quenya blieben diese labialen Laute erhalten, obwohl kw der Konvention nach qu geschrieben wird. Wenn es also heißt, dass ango „Schlange“ den Stamm angu- hat, können wir also ableiten, dass die Pluralform weder **angor lautet noch **angur, sondern angwi! Das ist der Grundgedanke. Die Etymologies bestätigen dies; die Pluralform angwi ist unter dem Eintrag angwa/angu ausdrücklich erwähnt.

Ein Beispiel für einen -qui-Plural liefert das Wort urco „Kobold“, das den Plural urqui (=urcwi) hat. Hinsichtlich dieses Wortes notierte Tolkien, dass, „wie die Pluralform zeigt“, urco abgeleitet sein muss entweder von urku oder uruku aus der Ursprache (WJ:390). Somit ist urco definitiv ein U-Stamm-Hauptwort, sein finales -o steht für älteres -u, und in einem Verbund und vor den meisten Deklinationsendungen würden wir immer noch urcu- sehen.

ANMERKUNG: Das Wort urco „Kobold“ ist verwandt mit dem Sindarinwort orch „Ork“. In WJ:390 schreibt Tolkien, dass das Wort urco „in der Geschichte des Segensreiches natürlich selten auftaucht, außer in Sagen der alten Tage und des Marsches [der Eldar von Cuiviénen], und dann unbestimmt in der Bedeutung, mit Bezug auf etwas, das den Elben Furcht einflößte, jeder dubiose Schatten oder jede umherstreifende Kreatur... Man könnte es tatsächlich mit ‚Kobold’ übersetzen.“ Später, als die Noldor nach Mittelerde zurückkehrten, wurde das Wort urco, Pl. urqui primär in Bezug auf die Orks verwendet, da die Verwandtschaft („obgleich nicht das exakte Gegenstück“) dieses Quenya-Ausdrucks zu dem Sindarinwort orch erkannt wurde. Im Exil-Quenya tauchte auch eine vom Sindarin beeinflusste Form auf: Orco, von dem der Plural entweder orcor oder orqui sein könnte. Die Pluralform orcor taucht ebenso auf (MR:74), aber wer orqui bevorzugt, sollte orco „Ork“ in jeder Hinsicht als U-Stamm behandeln. Wenn man zum Beispiel ein zusammengesetztes Wort „Orksprache“ bilden wollte, sollte das orculambë heißen und nicht orcolambë. In den Etymologies, datiert lange vor der wiedergegebenen Quelle in WJ:390, gibt Tolkien das relevante Wort (glossiert „goblin!“) wieder mit orco, Pl. orqui; Stamm órok. In den Etym gibt es keinen Hinweis darauf, dass dieses Wort für Quenya aus einer anderen Sprache geborgt wurde; orco wird auf eine primitive Form órku bezogen. Tolkiens genaue Vorstellung über die Geschichte des Quenyawortes für „Ork“ war offensichtlich Gegenstand eines Wandels, aber die Grundidee, dass Hauptwörter auf -co aus primitiven Stämmen auf -ku Pluralformen auf -qui statt auf -cor haben sollten, kann man als beständig erkennen. - Entsprechend unserer Verfahrensweise, spezifische Bezüge auf Tolkiens Mythologie in den Übungen zu vermeiden, werden wir uns hier nicht auf „Orks“ beziehen, aber wir können das Wort urco im Sinn von „Kobold“ verwenden (es wird in den Übungen zu Lektion 18 auftauchen).

Wir werden versuchen, uns einen Überblick über die betroffenen Wörter zu beschaffen (einschließlich des frühesten „Qenya“-Materials). ango „Schlange“; Pl. angwi, scheint unser einziges wirklich sicheres Beispiel für einen -gwi-Plural zu sein. In den Etymologies gibt es auch ein lango „Kehle“, Pl. langwi (siehe Eintrag lank). Die Form langwi ist aus irgendeinem Grund mit einem Sternchen versehen, das normalerweise anzeigt, dass diese Form nicht attestiert ist, aber möglicherweise hat das hier eine andere Bedeutung. In jedem Fall entschied sich Tolkien, das Wort für „Kehle“ zu ändern, er machte daraus stattdessen lanco. Es ist durchaus möglich, dass auch das ein U-Stamm ist, so dass sein Plural dann lanqui heißen sollte statt lancor, obwohl wir hier über diese Auswirkung keine ausdrückliche Information haben.

Ein sicherer U-Stamm ist das Wort für „Arm“ ranco (primitive Form ausdrücklich gegeben als ranku). Genau wie wir erwarten würden, ist sein Plural ranqui; siehe Eintrag rak in den Etym. Ein Wort mit der Bedeutung „Arm“ würde wahrscheinlich oft in seiner dualen Form auftreten, um ein natürliches Armpaar auszudrücken. Wir fragen uns vielleicht, ob die duale Form von ranco rancu wäre (mit der dualen Endung -u, praktisch ohne Bezug zu dem ursprünglich finalen -u, das später zu -o wurde) oder aber rancut (das U-Stamm-Nomen ranco, rancu- mit der dualen Endung -t). Wie wir auf Grundlage des attestierten Beispiels peu „Lippenpaar“ argumentiert haben, könnten Hauptwörter, die Körperteile bezeichnen, die paarweise auftauchen, durchgehend „fossile“ duale Formen auf -u haben, da das die Endung war, mit der ursprünglich natürliche oder logische Paare gekennzeichnet wurden. Wenn eine pronominale Endung angefügt wird, müssten wir zumindest sicher -t anhängen, um einen Dual anzuzeigen. Tatsächlich gäbe es ohne diese Endung keinen Unterschied zwischen ranculya „dein Arm“ und ranculyat „deine (beiden) Arme“, egal wie die Dualform von ranco für sich alleine aussehen mag: Vor Endungen muss ranco in jedem Fall rancu- werden.

Ein weiterer U-Stamm ist rusco „Fuchs“; Tolkien erwähnt in den Quellen sowohl die Stammform ruscu- also auch den Plural rusqui (VT41:10).

Nicht alle U-Stämme enden natürlich auf -co oder -go. Ein Beispiel ist das Wort curo „a skillfull device“ („ein geschickter Plan“, VT41:10, das letzte Wort des Glossars ist unsicher aufgrund Tolkiens schwer lesbarer Handschrift). Tolkien zitierte die Stammform curu-, und sie taucht offensichtlich auch in Sarumans Quenyanamen auf: Curumo (UT:401). Dieser Name scheint das Element curu- mit der maskulinen Endung -mo zu verbinden, „die oft in Namen oder Titeln vorkommt“ (WJ:400). Wir könnten uns fragen, wie der Nominativ Plural von curo, curu- wohl lauten könnte. Könnte es vielleicht curwi sein, parallel zu angwi als Plural von ango, angu- „Schlange“?

Wie auch immer, die speziellen Nominative Plural auf -wi (als Teil von -qui -ui geschrieben) würden sich auch im Genitiv Plural und Dativ Plural wiederspiegeln: Wenn der Nominativ Plural von rusco „Fuchs“ rusqui (=ruscwî) ist, dann können die korrespondierenden Dativ- und Genitivformen kaum anders lauten als rusquin (=ruscwin) und rusquion (=ruscwion). Man sollte erwarten, dass damit auch rusquiva (=ruscwiva) zu sehen ist als Possessiv Plural, und rusquinen (=ruscwinen) als Instrumental Plural. Es gibt aber eine Form, die wir im Widerspruch zu den beiden letzteren Annahmen anführen können: das verwandte Adjektiv ruscuitë „schlau, listig“, erwähnt in der selben Quelle, die uns rusco, ruscu- Pl. rusqui liefert (VT41:10). In dem Wort ruscuitë, das die Adjektivendung -itë enthält, gibt es keine Entwicklung cui < cwi = qui, wir finden kein **rusquitë. Die Endung -itë könnte ihrer Form nach den Fallendungen -iva und -inen für den Possessiv Plural und Instrumental Plural ähneln. Wenn wir also ruscuitë haben, könnten wir - als phonologisch parallele Formen - vielleicht auch ruscuiva und ruscuinen sehen an Stelle von rusquiva, rusquinen? Wir können es nicht wissen. Ich werde keine Übungen erstellen mit einer Pluralform des Possessiv oder Instrumental.

In den anderen Fällen, wo die Pluralendungen nicht den Vokal -i enthalten, ist alles, an das man denken muss, das finale -o eines U-Stamm-Hauptwortes zu einem -u zu machen, bevor irgendeine passende Endung angehängt wird. Wenn wir ango, angu- „Schlange“ als Beispiel heranziehen, hätten wir zum Beispiel den Allativ Plural angunnar „zu Schlangen“ (nicht **angwinna oder **angwinnar oder was auch immer, vgl. die Einzahl angunna „zu einer Schlange“). Ebenso hätten wir den Ablativ Plural angullon oder angullor „von Schlangen“ (Einzahl angullo „von einer Schlange“), Lokativ Plural angussen „in Schlangen“ (Einzahl angussë „in einer Schlange“). Als entsprechende Dualformen sähen wir vermutlich angunta, angulto, angutsë = „zu/von/in einem Schlangenpaar“). Pronominale Endungen würden ebenfalls an die Stammform angu- angehängt, und jede weitere Endung für Numerus oder Fall würde dann nach der pronominalen Endung angehängt, wie in früheren Lektionen dargelegt: angulya „deine Schlange“, Plural angulyar (kaum **angwilyar!) „deine Schlangen“, Dual angulyat „dein Schlangenpaar“, Dativ angulyan „deiner Schlange“, Dativ Plural angulyain (kaum **angwilyain!) „deinen Schlangen“ usw.

ANMERKUNG: Nichtsdestotrotz müssen die Nominative Plural auf -wi (-gwi, qui) gesehen werden als das verblüffendste Charakteristikum von U-Stamm-Substantiven. Unter zumindest einem Umstand dehnte sich diese Pluralbildung offensichtlich analog auf ein anderes Hauptwort aus: Nach den Etymologies, Eintrag télek, hat das Hauptwort telco „Fuß“ den Plural telqui, aber von diesem Plural heißt es, er sei „analog“. Wahrscheinlich ist Tolkiens Vorstellung die, dass telco kein „echtes“ U-Stamm-Hauptwort darstellt (es leitet sich nicht her von einem urelbischen teleku oder telku, sondern stammt vielmehr ab von etwas wie telekô, telkô). Deshalb „sollte“ sein Plural eigentlich telcor lauten, und die tatsächliche Form telqui ist nur zurückzuführen auf den Einfluss solcher Paarungen wie ranco Pl ranqui oder urco Pl. urqui. Doch telco> scheint in dieser Hinsicht eine Ausnahme zu sein. Ich glaube nicht, dass wir zum Beispiel Naucor als Pluralform von Nauco „Zwerg“ ersetzen sollten durch **Nauqui.