Deklination

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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Deklination des letzten deklinierbaren Wortes

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Nun, da wir alle Quenya-Fälle präsentiert haben, können wir auch aufzeigen, dass die verschiedenen Fallendungen nicht immer an das Hauptwort angehängt werden, zu den sie logischerweise „gehören“. Wo ein Hauptwort Teil einer längeren Wendung ist, z. B. dort, wo ihm ein attributives Adjektiv folgt, um es zu beschreiben, könnte die Fallendung an das letzte Wort dieser Wendung angehängt werden.

Cirions Eid enthält das klassische Beispiel. Er enthält einen Verweis auf Elendil Voronda, „Elendil den Getreuen“, mit voronda als Quenya-Adjektiv mit der Bedeutung „standfest, treu“. Tolkien schrieb: „Adjectives used as a ‚title’ or frequently used attribute of a name are placed after the name.“ („Adjektive, die als ‚Titel’ oder häufiges Attribut eines Namens eingesetzt werden, werden hinter den Namen gestellt“, UT:317; wie wir an früherer Stelle herausgestellt haben, unterscheidet sich Quenya hier vom Englischen und Deutschen, indem es keinen bestimmten Artikel zwischen den Namen und das Adjektiv einfügt - also nicht Elendil i Voronda, zumindest nicht notwendigerweise).

In Cirions Eid erscheint die Name-und-Titel-Wendung Elendil Voronda im Genitiv: Der Eid enthält die Worte Elendil Vorondo voronwë, „Elendil des Getreuen Treue“ - oder (wie es in UT:305 übersetzt ist, mit englischer Wortfolge) „the faith of Elendil the Faithful“, „die Treue von Elendil, dem Getreuen“ („von“ zieht im Deutschen allerdings den Dativ mit sich) . Beachten Sie, dass die Genitivendung -o, die wir unterstrichen haben, angehängt ist an das Adjektiv voronda (der Regel gemäß  das finale -a ersetzend), und nicht an das Hauptwort Elendil. Das Adjektiv nach dem Hauptwort wird gewissermaßen wie eine Erweiterung des Eigennamens betrachtet, und somit wird die Fallendung ans Ende der gesamten Wendung angehängt. Tolkien kommentierte zu der Form Elendil Vorondo: „Wie es in Quenya üblich ist, wird im Fall von zwei deklinierbaren Namen in Apposition nur der letztere gebeugt“ (UT:317). Voronda „treu“ steht hier in Apposition zu „Elendil“ als zusätzlicher „Name“ oder Titel, und nur der letzte „Name“ wird gebeugt (Falldeklination).

Dieses Prinzip würde bei all den verschiedenen Fällen funktionieren. Der Allativ von Elendil, wenn der Name für sich alleine auftaucht, ist attestiert als Elendilenna „zu Elendil“ (PM:401), aber „zu Elendil dem Getreuen“ würde offensichtlich Elendil Vorondanna lauten, wobei das letzte Wort die Fallendung erhält.

Wo ein Eigenname betroffen ist, dem ein Beiwort  folgt (wie in diesem Fall Voronda), scheint das System, jede Fallendung an das letzte Wort der Wendung anzuhängen, mehr oder weniger universal zu sein. Doch auch gemeine Hauptwörter, nicht nur Eigennamen, können durch Adjektive qualifiziert werden, die dem Hauptwort folgen statt ihm vorauszugehen. Vgl. zum Beispiel eine Wendung wie mallë téra „Straße gerade“ = „eine gerade Straße“ (LR:47). Wenn wir die Lokativendung anhängen wollen, um „auf einer geraden Straße“ auszudrücken, an welches Wort sollte sie angehängt werden? Sollten wir wieder die Regel des „letzten deklinierbaren Wortes“ anwenden (mallë térasse) oder die Lokativendung ans Hauptwort anhängen (mallessë téra)?

Es scheint als ob beide Konstruktionen erlaubt sind. Das Markirya-Poem enthält eine Reihe von Beispielen für Hauptwortwendungen, wo dem Hauptwort ein Adjektiv folgt (in den meisten Fällen ein Partizip). Drei aufeinanderfolgende Beispiele betreffen das Hauptwort isilmë „Mondlicht“, kombiniert mit verschiedenen Partizipien (ilcala „schimmernd“, pícala „schwindend“, lantala „fallend“), und alle drei Hauptwortwendungen stehen im Lokativ, mit der Lokativendung am letzten Wort der Wendung:

            isilmë ilcalassë = "im schimmernden Mondlicht"

            isilmë pícalassë = "im schwindenden Mondlicht"

isilmë lantalassë = "im fallenden Mondlicht"

(Tolkien´s poetische Übersetzung in MC:215 lautet "in the moon gleaming, in the moon waning, in the moon falling".)

Eine andere Wendung, wiederum das Partizip ilcala „schimmernd, glänzend“ betreffend, hier aber kombiniert mit dem Allativ, ist von besonderem Interesse:

axor ilcalannar = "über schimmernde Knochen"

Beachten Sie, dass das Hauptwort axo „Knochen“ hier im Plural steht. Der Allativ Plural „über Knochen“ für sich alleine wäre natürlich axonnar. Aber hier, wo die Endung des Allativ Plural -nnar stattdessen an das letzte Wort der Wendung angehängt wird, erhält das Hauptwort axo selbst nur die einfachste Pluralendung -r. Normalerweise wäre axor als Nominativ Plural zu sehen, aber in Wirklichkeit kennzeichnet das -r das Pluralwort nur auf die einfachstmögliche Weise: Der echte Fall-Marker folgt später in der Wendung. Wörter mit Nominativ Plural auf -i würden natürlich stattdessen diesen Pluralmarker erhalten, z. B. vendi lindalaiva = "von singenden Mädchen" (hausgemachtes Beispiel mit einem Possessiv, aber das Prinzip wäre für alle Fälle dasselbe: Dativ vendi lindalain, Allativ vendi lindalannar etc.) Wir müssen annehmen, dass duale Hauptwörter am Anfang der Wendung ebenfalls in ihrer einfachsten (normalerweise “Nominativ”-)Form erscheinen. Das Hauptwort würde nur die duale Endung -u oder -t annehmen, und die volle Fallendung würde später in der Wendung folgen. Um ein Tolkienisches Beispiel zu konstruieren: Aldu caltalanta = "über [dem] Schein des Baumpaares".

Doch ist es offensichtlich keine bindende Regel, dass Sie eine Fallendung an das Ende der gesamten Wendung hängen müssen und nicht an den Eigennamen. Markirya enthält Beispiele von Wendungen, wo ein attributives Adjektiv dem Hauptwort, das es beschreibt, folgt, und dennoch hat das Hauptwort die Fallendung erhalten, nicht das Adjektiv. Das erste Beispiel betrifft einen Instrumental Plural (Endung -inen), während das zweite Beispiel den Lokativ betrifft (mit der Endung -ssë angefügt an ein Hauptwort, das in dem etwas unklaren „partitiven Plural“ gebeugt ist, gekennzeichnet durch die Endung -li):

            rámainen elvië = "auf [/mit] sternengleichen Schwingen"

ondolissë mornë = "auf dunklen Felsen"

Natürlich sind die Adjektive elvëa „sternengleich“ und morna „dunkel“ hier im Plural (elvië, mornë), um mit den beschriebenen Hauptwörtern im Numerus übereinzustimmen. Es könnte sein, dass in beiden Fällen die Fallendung deshalb nicht an das Adjektiv angehängt wurde, weil die Beugung in den Plural und die Fall-Beugung in gewisser Weise kollidieren würden. (In der Wendung axor ilcalannar „über schimmernden Knochen“ gibt es keine Kollision, obwohl „Knochen“ im Plural steht, da Partizipien auf -la offensichtlich nicht im Numerus übereinstimmen.) Es ist alles andere als klar, wie eine Endung -inen an eine Form elvië überhaupt angehängt werden könnte: ?elviëinen scheint eine unwahrscheinliche und schreckliche Form, mit der Neigung, zu dem ziemlich obskuren Wort **elvínen zu verschmelzen. Vielleicht ist das der Grund, warum Tolkien es vorzog, die Fallendung stattdessen an das Wort ráma anzuhängen, obwohl dieses Hauptwort nicht das letzte Wort der Wendung darstellt.      

Doch das System der Deklination des „letzten deklinierbaren Wortes“ scheint ein allgemeines Phänomen der Sprache zu sein. Ein neues Beispiel wurde im Januar 2002 veröffentlicht: Es stellt sich heraus, dass Tolkien in einer unvollständigen Quenya-Übersetzung des Gloria Patri fairë aistan als Dativform von „Heiliger Geist“ verwendete; hier bedeutet fairë „Geist“, und das Adjektiv aista „heilig“ folgt ihm, und die Dativendung -n ist an das letztere Wort angehängt (VT43:37). Es scheint, dass manchmal nur das letzte Glied einer Liste die Fallendungen erhält, die normalerweise zu allen Hauptwörtern gehören, die aufgelistet sind. Namna Finwë Míriello wird übersetzt mit „das Gesetz von Finwe und Míriel“ (MR:258). Nicht nur dass die Konjunktion ar „und“ weggelassen wurde, die die beiden Namen getrennt hätte, die Genitivendung -o ist auch nur an den letzten Namen  (Míriel, Míriell-) angehängt. Das „volle“ Konstrukt wäre wahrscheinlich Namna Finwëo ar Míriello, aber es war offensichtlich erlaubt, die Wendung von allem zu entkleiden bis auf die grundlegenden Elemente, um so dem „Gesetz“ einen prägnanteren Titel zu verleihen.

Obwohl wir keine attestierten Beispiele haben, scheinen die demonstrativen Beispiele, die oben aufgelistet sind, gute Kandidaten für Fallendungen, wenn die Wortreihenfolge, wie wir sie in der Wendung vanda sina „Eid dieser“ beobachten, normal wäre. Wenn wir zum Beispiel die Instrumentalendung hinzufügen wollten, um „durch diesen Eid“ auszudrücken, wäre es wahrscheinlich am besten, vanda sinanen zu sagen. Doch vandanen sina wäre wahrscheinlich ebenso zulässig - und im Plural (Nominativ wahrscheinlich vandar sinë „diese Eide“) wäre ein konsequentes Anfügen der Fallendung an das Hauptwort der sicherste Weg: „durch diese Eide“ wäre dann eher vandainen sinë als ?vandar sinëinen oder sinínen oder was auch immer.