Verben auf -ta

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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Verben mit einem unbetonten Vokal + -ta

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Zu einem früheren Zeitpunkt haben wir besprochen, was die Hauptkategorien der Quenya-Verben sein müssen. Es gibt einige kleinere Untergruppen von Verben, die ihre eigenen, besonderen Charakteristika aufweisen, aber unsere Kenntnisse in dieser Hinsicht sind noch sehr begrenzt, da wir (die Litanei der Tolkienlinguisten:) so wenig Beispiele haben. Aber einige wenige Beobachtungen zu einigen dieser Unterkategorien können gemacht werden, und wir werden uns hier mit einer befassen.

In einigen meiner Beispiele und Übungen habe ich das Verb car- „machen, tun“ mit einem Adjektiv kombiniert, z. B. in Übung C der vorangehenden Lektion: Hiritaryas carnë lierya alya, „es zu finden (sein Finden) machte das Volk reich“. Ich sollte herausstellen, dass wir kein Tolkien-gemachtes Beispiel eines auf diese Weise mit car- kombinierten Adjektivs zur Verfügung haben, und es könnte sein, dass ich Quenya hier eine englische Ausdrucksweise auferlegt habe. Nun muss das kein großes Unglück sein: Wenn wir je eine anwendbare Form von Quenya entwickeln wollen, wäre es fast unausweichlich von moderner Anwendung angehaucht (und wenn die Elben aus Valinor zurückkommen, um gegen die Misshandlung ihrer Sprache zu protestieren, wäre das auch keine schlechte Sache). Auch so sei angemerkt, dass das Vokabular von Quenya etwas einschließt, das man kausative Verben, abgeleitet von Adjektiven nennen könnte; rein „idiomatisches“ Quenya würde solche Formen kaum verwenden.    

Diese Verben drücken in einem einzigen Wort die Vorstellung aus, ein Objekt mit den durch das Adjektiv ausgedrückten Eigenschaften zu versehen. Der Student sollte bereits vertraut sein mit der Endung -ta, die in vielen Quenya-Verben auftaucht (z. B. pusta- „stoppen, anhalten“). Oft ist es einfach eine Verbendung ohne spezielle Bedeutung; vergleichen Sie das Verb tul- „kommen“ und das abgeleitete Verb tulta- „versammeln“ (= zum Kommen veranlassen). Angehängt an Adjektive scheint diese Endung ähnlich eingesetzt werden zu können, um kausative Verben abzuleiten. Wir haben nur eine Handvoll Beispiele, aber das Adjektiv airë „heilig“ korrespondiert offensichtlich mit einem Verb airita- „heiligen“ - das heißt soviel wie „heilig machen“. (Das finale -ë von airë „heilig“ erscheint in airita als -i-, da das von airë von dem -i der Ursprache herstammt, und es änderte sich nur dort zu -ë, wo es final war. Vgl. eine ähnliche Veränderung im Aorist: silë „scheint“, aber mit einem Subjekt im Plural silir „scheinen“, denn wenn Sie an den finalen Vokal irgendeine Endung anhängen, ist er eben nicht mehr länger final.)

Bei der einzigen Form des Verbs airita-, die wirklich attestiert ist, handelt es sich um die 1. Vergangenheit. Wie verlautet taucht sie als airitánë auf, in einem unveröffentlichten Manuskript, aufbewahrt bei den Bodleian: Lt. einer Fußnote in Vinyar Tengwar #32, November 1993, S. 7 ist die Manuskriptseite auf ca. 1966 zu datieren „and gives much information about Quenya verbs. It will be published in an upcoming issue of Vinyar Tengwar“ („und liefert uns viele Informationen über Quenya-Verben. Sie wird in einer kommenden Ausgabe von Vinyar Tengwar veröffentlicht werden“). Zehn Jahre und zwölf Vinyar Tengwars später warten wir unglücklicherweise immer noch darauf, dieses hochinteressante Dokument sehen zu können - aber wenigstens ist in VT#32 die 1. Vergangenheit airitánë zitiert. Offensichtlich enthält sie die wohlbekannte Endung -në des Präteritums, aber man sollte beachten, dass der Vokal der Endung -ta- hier verlängert ist, wenn die Endung der 1. Vergangenheit angehängt ist. Auf diese Weise erhält die nun lange Silbe -tá- die Betonung. **Airitanë ohne Verlängerung hätte eine ziemlich unschöne Betonung (betont auf -rit-), und vielleicht erscheint die Verlängerung aus diesem Grund. Das könnte auch bedeuten, dass eine Verlängerung von -ta- nicht erscheint, wenn eine weitere Endung nach dem -në folgt, weil dann die Betonung ohnehin nicht auf -rit- zu fallen droht: Vielleicht heißt z. B. „wir heiligten“ airitanelvë und nicht ?airitánelvë, da die Betonung hier auf das -ne- fallen muss und ta- überhaupt keine Betonung erhält. Einige glauben, Quenya könnte in einer völlig unbetonten Silbe überhaupt keinen langen Vokal enthalten, es sei denn diese Silbe ist die erste eines Wortes.

Was immer der Grund sein mag, wir können offensichtlich folgende Regel ableiten: So lange die 1. Vergangenheitsform eines solchen Verbs (das heißt, eines Verbs mit einem unbetonten Vokal  vor der Verbendung -ta) keine weiteren Endungen erhält, die die Betonung verschieben können, wird bei Anfügen der Präteritumsendung -në  die Endung -ta zu -tá- verlängert: Folglich ist airitá die 1. Vergangenheit von airita-. Natürlich haben nicht alle Endungen, die an -në angehängt werden könnten, die Kraft, die Betonung zu verschieben, und dann muss die Verlängerung von -tá- bestehen bleiben, um zu verhindern, dass die Betonung an eine Stelle wandert, an der sie nichts verloren hat: airitáner „heiligten“ (mit einem Subjekt im Plural), airitánes „er (sie) heiligte“ airitánen „ich heiligte“. Aber es ist gut möglich, dass es airitanenyë ohne Verlängerung von -tá- heißen sollte mit der längeren Form der Endung für „ich“ - so dass die Betonung auf -ne- wandert und -ta- eine völlig unbetonte Silbe wird.

In den Etymologies listete Tolkien wenigstens ein weiteres Verb auf, das zu dieser Klasse zu gehören scheint. Der Eintrag nik-w- enthält ein Verb ninquitá- „whiten“, „weiß machen“, abgeleitet von dem Adjektiv „weiß“: ninquë (Stamm ninqui-, die Urform ist gegeben als ninkwi). Indem er ninquitá niederschrieb, lässt Tolkien vermuten, dass der letzte Vokal oft lang ist, und wir können wohl mit Sicherheit annehmen, dass die Form der 1. Vergangenheit ninquitánë lautet.

 ANMERKUNG: Unter dem Eintrag nik-w- listete Tolkien ein Verb ninquita- „weiß scheinen“ auf, das wahrscheinlich anders gebeugt würde: Vielleicht wäre die Vergangenheit eher ?ninquintë mit nasalem Infix (erlauben Sie mir, mit Nachdruck festzustellen, dass das Spekulation ist!). Im Aorist würden die beiden Verben wahrscheinlich zusammenfallen zu ninquita, wobei der Kontext festlegt, ob das interpretiert werden muss als „weiß machen“ oder „weiß scheinen“.

 

Wir könnten noch eine weitere Sache über diese Klasse von Verben sagen: wie das passive Partizip (oder Partizip Perfekt) gebildet wird. Doch die Zeugnisse sind weit verstreut.

In Die Häuser der Heilung, Kap. 8 des Buchs 5 in Die Rückkehr des Königs, lässt Tolkien Aragorn sagen, dass „in the high tongue of old I am Elessar, the Elfstone, and Envinyatar, the Renewer“ („in der Hochsprache von einst bin ich Elessar, der Elbenstein, und Envinyatar, der Erneuerer“). Der Quenya-Titel Envinyatar = „Erneuerer“ ist interessant. Was das finale -r angeht, das wir hier sehen, so kann die Endung an (A-Stamm-) Quenya-Verben mit so ziemlich der selben Bedeutung angehängt werden wie die englische (und auch deutsche) Endung -er, somit deutet Envinyatar „Renewer“, „Erneuerer“ auf ein zugrundeliegendes Verb envinyata- „erneuern“. Die Vorsilbe en- bedeutet „re-“  („zurück, wieder“), und vinya  ist das Quenya-Adjektiv „neu“, also sehen wir hier offensichtlich eine weitere Verbform, abgeleitet von einem Adjektiv mit Hilfe der Endung -ta.

Interessanterweise ist das, was wir als passives Partizip dieses Verbs envinyata- „erneuern“ betrachten, attestiert in MR:405, in der Wendung Arda Envinyanta. Tolkien übersetzte das mit „Arda Healed“, „geheilte Arda“ (der Verweis gilt einer zukünftigen Welt, geheilt von den Folgen der Schrecken Morgoths). Im Vergleich mit Aragorns Titel Envinyatar = „Erneuerer“ können wir sagen, dass Arda Envinyanta wörtlicher „erneuerte Arda“ meint. Man beachte, wie das passive Partizip gebildet wird: mit nasalem Infix vor dem t der Endung -ta des Verbs envinyata-. Die resultierende Form envinyanta unterscheidet sich von den passiven Partizipien „normaler“ Verben auf -ta, die Partizipien auf -taina zu haben scheinen. (Vergleichen Sie hastaina „verdorben“ aus dem selben Text, der das Beispiel Arda Envinyanta „geheilte Arda“ enthält: Arda Hastaina oder „verdorbene Arda“ war die Welt, wie sie tatsächlich war, verdorben durch Morgoth. Siehe MR:405, vgl. 408, Anm. 14. Es ist wichtig zu beachten, dass diese verschiedenen Typen von Partizipien im selben Quelltext erscheinen, was uns Sicherheit gibt, dass die verschiedenen Formen zur selben Quenya-Version gehören: Ansonsten wäre es eine Versuchung, einige der Formen fallen zu lassen als Repräsentanten einfach einer bestimmten Entwicklungsphase der Sprache - Vorstellungen, die er später aufgab.)

Wenn envinyata- „erneuern“ das passive Partizip envinyanta hat, können wir glaubhaft annehmen, dass das passive Partizip von airita- „heiligen“ auf ähnliche Weise mit nasalem Infix gebildet wird: airinta „geheiligt“ (statt ?airitaina, obwohl diese Form vielleicht auch akzeptabel wäre). Und wenn airita- als Präteritum die Form airitánë zeigt, mit einer Verlängerung von -ta- zu -tá-, können wir wahrscheinlich annehmen, dass envinyata- „erneuern“ in der 1. Vergangenheit zu envinyatánë wird.  Auf ähnliche Weise könnte, wenn das Verb ninquitá für „weiß machen“ steht mit dem Präteritum ninquitánë, das Partizip „weiß gemacht“ ninquinta lauten. (Die Formen envinyanta, airinta, ninquinta würden natürlich im Numerus übereinstimmen wie Adjektive auf -a, ihren finalen Vokal also im Plural zu -ë ändern.) 

Wir haben nun so ziemlich alle der paar bekannten Verben erwähnt, die versuchsweise dieser Unterklasse zugeteilt werden könnten. Es gibt keinen direkten Beweis dafür, wie sie sich in anderen Formen als der 1. Vergangenheit und als passives Partizip verhalten. (Was das aktive Partizip auf -la angeht, würden wir fast sicher die selbe Verlängerung der Endung -ta sehen wie vor der Präteritumsendung -në: Also airitála heiligend”, envinyatála „erneuernd“. Wieder wäre das „Motiv“ für die Verlängerung des Vokals von -ta, wohklingende Betonungsregeln zu erhalten.)

Es ist natürlich schwierig, zu wissen, in welchem Ausmaß wir uns frei fühlen sollten, mit Hilfe der Endung -ta aus Adjektiven selbst neue Quenya-Verben zu entwickeln (bedenkend, dass Adjektive auf diesen Vokal vor Endungen zu -i- ändern, wie in airita- „heiligen“ von airë „heilig“). Um zu dem Satz zurückzukehren, mit dem wir begonnen haben, hiritaryas carnë lierya alya „sein Finden machte das Volk reich“, vielleicht könnten wir das besser ausdrücken mit hiritaryas alyatánë lerya? Wir gehen in diesem Fall davon aus, dass das Adjektiv alya- als Ausgangsbasis für das Verb alyata- „reich machen“, „bereichern“ verwendet werden kann, mit der 1. Vergangenheit alyatánë (und dem Partizip Perfekt alyanta). In dieser wie anderen Gelegenheiten stehen jene, die auf Quenya schreiben wollen, vor einer schwierigen Wahl: Sollten wir versuchen, die Sprache nur mit den Wörtern arbeiten zu lassen, mit denen Tolkien selbst uns versorgte, mit der Einführung nicht attestierter Idiome oder langer Umschreibungen, wo wir uns durch Lücken in Tolkien-gemachtem Vokabular arbeiten müssen? Oder sollten wir uns frei fühlen, neue Wörter aus Tolkien’schen Elementen zu entwickeln, auf der Grundlage der Prinzipien des Professors, so weit wir sie verstehen, etwas, das empfunden werden könnte als eine Verwässerung von Tolkiens tatsächlichem linguistischen Output mit „gefälschten“ Elementen (aber clever konstruiert)? Ein wenig post-Tolkien’sche Kreativität muss ohne Frage erlaubt sein, wenn wir jemals Quenya zu so etwas wie einer anwendbaren Sprache entwickeln wollen, aber leichte Antworten gibt es hier keine.