Der Imperativ

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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Der Imperativ

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Der Imperativ ist eine Verbform, die zum Einsatz kommt, wenn Befehle oder Aufforderungen ausgedrückt werden sollen. Imperativen geht im Englischen und Deutschen oft das Wort „bitte“ voraus, um sie höflicher zu gestalten, aber Sie sollten verstehen, dass ein Imperativ als solcher nicht notwendigerweise als grober Befehl zu sehen sein darf. In Tolkiens Quenya-Übersetzung des Vaterunsers tauchen verschiedene Imperative auf, und ein Gebet wie „erlöse uns von dem Bösen“ ist natürlich genau das - ein Gebet und kein Versuch, Gott Befehle zu erteilen.

Nach Tolkien hatte das Urelbische einen Imperativ-Partikel, der in Verbindung mit einem Verbstamm dazu verwendet werden konnte, diesen als Imperativ zu kennzeichnen. Der Partikel hatte die Form â, und war „originally independent and variable in place“ („ursprünglich unabhängig und nicht an eine feste Stelle gebunden“, WJ:365). Manchmal wurde er hinter dem Stamm platziert, und in solchen Fällen lief er hinaus auf eine Endung -a in Quenya. WJ:364 erwähnt einen Ausruf im Imperativ heca! mit der Bedeutung „bleib weg!“ - und auf der nächsten Seite wird vermutet, dass es sich herleitet von der primitiven Wendung hek(e)â. Es gibt auch den primitiven Ausruf el-â, „schau!“, „sieh!“, von dem es heißt, er sei das erste, was Elben jemals aussprachen, als sie bei Cuiviénen erwachten und zuerst die Sterne sahen (WJ:360). In Quenya würde dieses Wort zu ela! Es war „an imperative exclamation directing sight to an actually visible object“ („ein imperativer Ausruf, der den Blick auf ein gerade sichtbares Objekt lenkte“, WJ:362).

Wenn wir uns von Beispielen wie heca und ela leiten lassen, müssten wir daraus folgern, dass zumindest im Fall der Primärverben Imperative wohl durch Anhängen eines -a an den Verbstamm gebildet werden. Zum Beispiel hätte tir- „beobachten“ den Imperativ tira! „Beobachte!“, für primitives tir-â oder tir(i)â. Die entsprechende Sindarinform tiro! ist tatsächlich attestiert. (Beachten Sie, dass der Imperativ tira „beobachte!“ sich von der Verlaufsform der Gegenwart tíra „beobachtet (gerade)“ unterscheidet, denn in der letzteren Form ist der Stammvokal verlängert.) Das könnte ein Weg sein, Quenya-Imperative zu bilden, aber es ist auch möglich, dass Ausrufe wie heca und ela als „fossile“ Formen zu sehen sind, abstammend aus früheren Phasen des Elbischen.

Was die typische „moderne“ Art angeht, Imperative zu bilden, so gibt es einige Anhaltspunkte, dass der Abkömmling des ursprünglichen Partikels â immer noch als unabhängiges Wort behandelt wird: er wurde vor dem Verbstamm platziert, statt als Endung angehängt zu werden. In HdR selbst finden wir ein Beispiel im Cormallen Praise, wo die Menge Frodo und Sam zujubelt a laita te ... Cormacolindor, a laita tárienna! „Bless them... the ring bearers, bless (or praise) them to the height“ (wörtlich „Rühmt sie ... die Ringträger, preist (oder rühmt) sie in die Höhe“, übersetzt in Letters:308). Beachten Sie, wie dem Verbstamm laita- „rühmen, preisen“ hier der Imperativ-Partikel a vorausgeht, um einen Imperativ a laita „preist!“ zu bilden. Der Partikel a erscheint auch in der langen Form á, unmittelbar aus dem primitiven â, wie in dem Ausruf á vala Manwë! „möge Manwe es anordnen!“ (WJ:404). Hier wird das Verb vala- „regieren“ (der Ursprung des Hauptwortes Valar und in späterem Gebrauch sich deshalb nur auf „göttliche“ Macht beziehend) kombiniert mit dem Imperativ-Partikel á: Die wörtliche Bedeutung von á vala Manwë! ist, leicht durchschaubar, etwas wie „tu herrschen Manwe!“, wenn wir uns darum bemühen, das á als eigenes Wort zu übersetzen. Nebenbei zeigt dieses Beispiel, dass das Subjekt des Imperativs (jener, der die „Anordnung“ oder Bitte auszuführen hat), wohl ausdrücklich nach dem Imperativ zu erwähnen ist.

Gibt es irgendeinen Grund, warum der Imperativ-Partikel in a laita in der kurzen Form a auftaucht, aber in á vala in der langen Form á? Es wurde vermutet, dass á immer dann verkürzt wird zu a, wenn es vor einer langen Silbe erscheint (wie lai-, wegen des Diphthongs ai), aber wir können nicht sicher sein. Vielleicht ist á vs. a einfach ein Beispiel für zufällige Variation: Vermutlich ohne Betonung könnte der Partikel gut dazu neigen, verkürzt zu werden, wenn der Sprecher nicht sorgfältig auf seine Aussprache achtet (die begeisterten Massen in Cormallen, die jene Hobbits preisten, die die Welt gerettet hatten, taten das wohl kaum!) Ich würde normalerweise die lange Form á bevorzugen, um eine Verwechslung mit a als Partikel der Ansprache zu vermeiden, wie unser „oh“ (wie in Baumbarts Gruß an Celeborn und Galadriel: a vanimar = „oh ihr Schönen“, Letters:308). Das Verb „gehen“ heißt z. B. lelya-, und sein Imperativ wäre dann á lelya!

Der Imperativ-Partikel á kann auch mit der Verneinung kombiniert werden und das Wort áva bilden, verwendet in verneinenden Befehlen: Áva carë! „Tu [es] nicht!“ (WJ:371). Dieses Beispiel gibt auch preis, wie primäre Verben sich im Imperativ verhalten: sie erscheinen mit der Endung , genau so wie sie es tun, wenn sie als Infinitive eingesetzt werden (und endungslose Aorist-Formen). So können wir aus einem Primärverb wie tir- „beobachten“ wahrscheinlich ein Kommando á tirë! „Beobachte!“ machen, verneint áva tirë! „Beobachte nicht!“