equë und auta

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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equë und auta: zwei besondere Verben

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Das Verb equë

Wir haben zu einem früheren Zeitpunkt das Quenya-Wort für „sagen“ oder „sprechen“ eingeführt: quet- (Aorist quetë, Gegenwartsform quéta, 1. Vergangenheit quentë). Doch dieses Verb wird nicht immer benutzt; es gibt eine Alternative, die verwendet werden könnte, um Zitate einzuführen. In WJ:392 verweist Tolkien auf

...a curious and evidently archaic form that survives only in the languages of Aman: [primitive] *ekwê, Q[enya] eque, T[elerin] epe. It has no tense forms…being mostly used before either a proper name (sg. or pl.) or a full independent pronoun, in the senses say / says or said. A quotation then follows, either direct,  or less usually indirect after a ‘that’-conjunction [e. g.. “Galadriel said that she wants to go to Middle-Earth”]

…eine besondere und offensichtlich archaische Form, die nur in den Sprachen von Aman überlebte: [Urform] *ekwê, Q{uenya] eque, T[elerin] epe. Es kennt keine Zeitformen...und wird meist benutzt vor einem Eigennamen (Singular oder Plural) oder einem vollen eigenständigen Pronomen, im Sinn von sagt oder sagte. Danach folgt ein Zitat, entweder direkt, oder weniger üblich indirekt nach dem Bindewort „dass“ [z. B. „Galadriel sagte, dass sie nach Mittelerde gehen wollte“]

Soweit es die Beugung angeht, könnte dieses equë gut und gerne das einfachste Verb der ganzen Sprache darstellen. „It has no tense forms“, „es kennt keine Zeitformen“, also kann equë gedeutet werden entweder als 1. Vergangenheit „sagte / sagtest / sagten“ oder als Gegenwart „sage / sagst / sagt / sagen“, je nach Kontext (vielleicht kann es sogar die Zukunft mit abdecken „werde / wirst / wird / werden sagen“!) Es wird hauptsächlich dann benutzt, wenn das Subjekt ein full independent pronoun, ein vollwertiges eigenständiges Pronomen ist (zu einem späteren Zeitpunkt des Kurses zu behandeln) oder ein Eigenname (kein allgemeines Hauptwort). Beachten sie auch die von Tolkien angedeutete Wortreihenfolge: Das Wort equë kommt vor dem Subjekt. Tolkien gab uns keine tatsächlichen Beispiele, die das Wort equë enthalten, aber basierend auf der Information, die er uns gab, müsste etwas wie das folgende möglich sein:

Equë Elendil: "Et Eärello Endorenna utúlien."

Elendil sagt/sagte: "Aus dem Großen Meer komme ich nach Mittelerde."

Tolkien glossiert equë nicht nur als „says“ („sagt“), sondern auch als „say“ („sagen“). Da „say“ im Englischen als Pluralverb verstanden werden muss, scheint es, dass im Gegensatz zu normalen Verben equë keine Endung -r erhält, wenn es ein Subjekt im Plural hat oder mehr als einen Eigennamen. Beachten Sie, dass Tolkien feststellte, dass equë typischerweise verwendet wird „before...a proper name (sg. or pl.)“, also vor einem Eigennamen, egal ob Ein- oder Mehrzahl. Nun erscheinen Eigennamen normalerweise nicht im Plural (außer in Sätzen wie „es gibt viele Johns in der Stadt“), wenn also Tolkien von „pl.“ Eigennamen spricht, meint er vielleicht verschiedene Eigennamen, die zusammen erscheinen. So müssen wir folgern, das ein Satz wie dieser akzeptabel wäre:

Equë Altariel ar Teleporno: "Utúliemmë Valinorello."

Altariel and Teleporno [Galadriel und Celeborn] sagen / sagten: "Wir sind von Valinor gekommen " (beachten Sie die Endung  -mmë für duales "wir"!)

Tolkien zeigte auf, dass equë kaum Suffixe gleich welcher Art erhält, für gewöhnlich nicht einmal Pronomenendungen (WJ:392), obwohl Formen wie equen "sagte ich" auch auftauchen können (WJ:415).

Es kann nicht falsch sein, equë durch eine Form des Verbs quet- zu ersetzen, komplett mit allen normalen Beugungen (Elendil quetë/quentë... "Elendil sagt / sagte...",  Altariel ar Teleporno quetir/quenter... "Galadriel und Celeborn sagen / sagten..."). Wo ein Subjekt kein Eigenname oder voll eigenständiges Pronomen darstellt, scheint es, dass normalerweise eine Form von quet- bevorzugt wird: I nís quentë... "die Frau sagte…”. Vielleicht ist auch die Wortreihenfolge entscheidend. Tolkien scheint zu sagen, dass equë verwendet wird, um ein folgendes Zitat einzuleiten; wenn der Sprecher und der Akt des Sprechens nach dem Zitat erwähnt werden, ist es vielleicht besser, eine Form von quet zu verwenden, z. B.

Equë Elendil: "Utúlien." = Elendil sagte: "Ich bin gekommen."

aber:

"Utúlien," Elendil quentë = "Ich bin gekommen," sagte Elendil.

Auch wo überhaupt keine direkte oder indirekte Rede in den Satz eingebunden ist. Ist vielleicht am besten, eine Form von quet- zu verwenden. Vgl. das attestierte Beispiel Sin Quentë Quendingoldo Elendilenna, auf das wir oben verwiesen haben (PM:401) - offensichtlich mit der Bedeutung „So sprach Quendingoldo [= Pengolodh] zu Elendil". Vielleicht könnte quentë hier ebenso gut durch equë ersetzt werden - vielleicht auch nicht.

Das Verb auta-

Dieses Verb bedeutet „pass“ („vorübergehen“) oder „go away, leave (the point of the speaker´s thought)” (“weggehen, verlassen (aus der Sicht des Sprechers)“, WJ:366). Leser des Silmarillion werden ihm in Kapitel 20 begegnet sein, als Teil eines Schlachtrufs: Auta i lómë! „Die Nacht geht vorüber!“.

Im Vergleich mit den bis hier dargelegten Regeln ist dieses Verb ziemlich unregelmäßig, obwohl Tolkien von ihm vielleicht nicht so gedacht hat: In WJ:366 verweist er auf seine verschiedenen „regular forms“, regelmäßigen Formen. In jedem Fall ist das Präteritum von auta- nicht **autanë, wie wir erwarten würden. Es gibt in Wirklichkeit verschiedene mögliche Vergangenheitsformen. Eine von ihnen ist anwë, gebildet mit nasalem Infix aus der primitiven Wurzel awa; die Endung -ta, die in auta- (primitive Form ?awatâ-) zu sehen ist, erscheint in der Vergangenheitsform überhaupt nicht. Doch die Form anwë wurde „only found in archaic language“, also nur in der archaischen Sprache gefunden, also werden wir uns stattdessen auf die „modernen“ Formen konzentrieren.  

Es gibt zwei Gruppen von Präteritums- und Perfektformen des Verbs auta-, mit leicht unterschiedlichen Bedeutungen. Wenn die Bedeutung „ging weg“ lautet, in einem rein physischen Sinn, von jemandem, der einen Ort verlässt und zu einem anderen geht, wird die Vergangenheitsform oantë verwendet. Laut Tolkien ist diese Form „regelmäßig für ein -ta-Verb dieser Kategorie“ (obwohl die meisten Verben auf -ta ihr Präteritum einfach durch Anfügen der Endung -në bilden). Von der Vergangenheitsform wird angenommen, dass sie von awantê kommt, offensichtlich eine Form von awatâ mit nasalem Infix, und in Quenya entwickelten sich diese Formen der Regel nach in oantë und auta, in dieser Reihenfolge. (Für die Verwandlung awa > oa zum Vergleich ein Wort, das in der vorangegangenen Lektion eingeführt wurde: hroa „Körper“, das Tolkien entwickelte aus dem primitiven srawâ.) - Das Perfekt von auta-, im selben physischen Sinn verwendet, ist oantië = „ist weggegangen [an einen anderen Ort]“. Diese Perfekt-Form ist offensichtlich beeinflusst von der 1. Vergangenheit oantë. Tolkien bemerkte, dass die Form oantië „intrusion of n from the past“ zeigt („ein Eindringen eines n aus der Vergangenheitsform“, WJ:366): Normalerweise tauchen nasale Infixe im Perfekt nicht auf.

Die andere Gruppe von Präteritum und Perfekt des Verbs auta- scheint nicht weniger unregelmäßig. Das alternative Präteritum ist vánë, das Perfekt avánië. Die erste Silbe von vánë ist offensichtlich der Quenya-Abkömmling des Stammes (WJ:366, offensichtlich eine andere Erscheinungsform von awa), während die Endung -në einfach die normale Endung für die 1. Vergangenheit sein muss. (Wieder scheint das Perfekt von der Präteritumsform beeinflusst zu sein - das n von në schmuggelte sich in das Perfekt ávanië.)

Die Form vanë und das dazu gehörende Perfekt avánië haben eine “abstaktere” Bedeutung angenommen als die Formen oantë, oantië. Vánë bedeutet nicht „ging weg (an einen anderen Ort)“, sondern vielmehr „verschwand“, „ging vorbei“.  Das Perfekt avánië erscheint (mit dem Pluralmarker -r) im Namárië, in dem Satz yéni ve lintë yuldar avánier = "lange Jahre sind vergangen wie rasche Schlucke ". Dieser Satz illustriert auf nette Weise die Bedeutung dieser Perfektform, denn offensichtlich bedeutet sie nicht, dass yéni oder „lange Jahre“ an einen anderen Ort gegangen sind (siehe oantier!). Die „langen Jahre“ sind einfach vorübergegangen, und nun sind sie weg. Wo das Subjekt greifbarer ist als „lange Jahre“, würden die Formen vánë / avánië implizieren, dass das Subjekt verschwunden ist, verloren, gestorben etc.

Tatsächlich deutete Tolkien an, dass die Bedeutung von vánë / avánië beeinflusst war von dem verwandten Wort vanwa „gegangen“, „verloren“, „verschwunden“, „aus und vorbei“. Es taucht zweimal auf im Namárië: Sí vanwa ná, Rómello vanwa, Valimar = "Verloren nun, verloren [für jene] aus dem Osten ist Valimar". In WJ:366, nennt Tolkien vanwa das „past participle“ (Mittelwort der Vergangenheit) von auta-, obwohl es offensichtlich keine Verbindung gibt zu den passiven Partizipien, die wir an früherer Stelle dieses Kurses behandelt haben (gebildet mit der Endung -na oder -ina).  Es gibt gewisse Beweise für ein alternatives, selteneres Partizip auf -nwa. Doch für alle Zwecke und Absichten macht es wenig Unterschied, ob wir vanwa als Partizip bezeichnen oder eher als Verbaladjektiv (wie es Nancy Martsch in ihrem Basic Quenya macht).

ANMERKUNG 1: Wie in Lektion 8 dargelegt kann es gut sein, das Tolkien, als er das Namárië schrieb, an avánier als Perfekt eines Verbs dachte, das in den Etymologies aufgelistet ist: vanya- „gehen, verlassen, verschwinden“ (siehe Eintrag wan). Wir sollten auch Tolkiens nach dem HdR zu datierende Vorstellungen zu dem Verb auta- akzeptieren; sie taucht, alles in allem, in einer solch primären Quelle wie dem Silmarillion auf. Interessanterweise ist das adjektivische Wort vanwa „gegangen, verloren, vorbei“ schon im Qenya Lexicon von 1915 zu finden (QL:99) und hielt sich durch alle Phasen von Tolkiens Entwicklung des Quenya.

ANMERKUNG 2: In den Etymologies, Eintrag gawa, ist ein recht unterschiedliches Verb auta- „erfinden“ aufgelistet. Es sieht so aus, als hätte das spätere Verb auta- „weggehen“ nicht existiert zu der Zeit, als Tolkien die Etym schrieb. Wenn wir dennoch beide Verben als gültig innerhalb derselben Form von Quenya akzeptieren, können wir zwischen ihnen in einigen Zeitformen unterscheiden, denn auta- „erfinden“ hätte vielleicht die einfachste 1. Vergangen