Das Pronomen "wir"

Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach

Das Gerundium Das Pronomen "wir" unbestimmtes Pronomen Übungen 13

"Wir"

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Wir haben verschiedene Pronomenendungen angewendet: -n oder -nyë „ich“ (die kurze Form darf nicht mit der Dativendung durcheinandergebracht werden!), -lyë „du“, -s „es“, -ntë „sie“ und -t „sie“ (Akkusativ, „sie“ als Objekt). Es ist Zeit, die Endungen für die 1. Person Plural einzuführen, die dem Pronomen „wir“ entsprechen.

Das ist in der Tat eine ziemlich komplizierte Geschichte. Es existieren verschiedene Quenya-Endungen für „wir“, und Tolkien scheint ihre exakte Bedeutung wiederholt umdefiniert zu haben. Eine der relevanten Endungen taucht im Cormallen Praise auf: Andavë laituvalmet, „long shall we bless them“ (in der deutschen Übersetzung (Carroux) liest man freier übersetzt „preist sie“). Hier haben wir ein Verb in der Zukunftsform, mit Pronomenendungen für „wir“ (Subjekt) und „sie“ (Objekt): lait·uva·lme·t, "preisen·werden·wir·sie". Die Endung für „wir“ ist hier zu sehen als -lmë (-lme-).

In WJ:371 jedoch behandelt Tolkien den Quenya-Ausruf , der Verweigerung oder Verbot signalisiert: effektiv „nein!“ im Sinn von „Ich werde nicht“ oder „tu(e) nicht!“. Tolkien zeigt auch auf, dass dieses ausdrücklich Pronomenendungen erhalten kann,  solche wie -n(yë) für „ich“, womit „ich werde nicht“ zu den Formen ván oder ványë führt. Aber Tolkien erwähnte auch die Form vammë “wir werden nicht“. Somit ist hier die Pronomenendung für „wir“ plötzlich nicht -lmë, sondern -mmë.

ANMERKUNG: Beachten Sie dabei, wie das lange á von in der Form vammë verkürzt wird. Das ist eines der Beispiele, die anzeigen, dass Quenya im Normalfall vor einem Konsonantencluster oder langen Konsonanten keinen langen Vokal haben kann - eine phonologische Regel, die wir wiederholt an früheren Stellen des Kurses erwähnt haben. Die Tatsache, dass der Vokal in ványë lang bleibt, legt nahe, dass ny als Einzelkonsonant wahrgenommen wird, ein palatales n wie das spanische ñ, und nicht als Cluster aus n + y.

 Aber wir sind noch nicht am Ende. In VT42:35, in Bill Weldens Artikel Negation in Quenya, zitiert er einen Satz, der -lwë enthält als Endung für „wir“ (das maßgebliche Wort ist navilwë „wir richten“). Aber in VT43:6 heißt es von einer Endung für „wir“, dass sie die Konsonanten -lv- enthält, und nicht -lw- wie in -lwë. Diese Endung für „wir“ würde in hohem Maß mit der Endung für „unser“ übereinstimmen (siehe nächste Lektion), und mit diesem Wissen bewaffnet können wir ein anderes -lv- ausmachen in dem Wort omentielvo “unseres Treffens“, das im HdR auftaucht. (Und wir wollen die Angelegenheit nicht noch verwirrender machen, indem wir ein zusätzliches Zeugnis zitieren, das auf -ngwë als eine weitere Endung für „wir“ deutet!)

Kurz gesagt, es gibt einen ganzen Zoo von Endungen, die „wir“ zu bedeuten scheinen, und bevor wir damit beginnen können, darin einen Sinn zu finden, müssen zwei Tatsachen bekannt sein. Zum ersten ist das Chaos teilweise Folge von Tolkiens unaufhörlichen Revisionen; wir sollten nicht davon ausgehen, dass alle diese Beispiele zu der selben Form von Quenya gehören. Zweitens hält Quenya Unterscheidungen aufrecht, die im Englischen und Deutschen nicht zu Tage treten. Für einen englisch oder deutsch Sprechenden ist das Pronomen „wir“ schlicht und einfach „wir“. Aber dieses System würde den Elben übermäßig vereinfacht erscheinen. Sie unterschieden verschiedene Arten von „wir“.

Am wichtigsten ist, dass „wir“ einschließend oder ausschließend bedeuten kann. Tolkien verwies auf die Endung -mmë als „first [person] plural exclusive“ („erste Person Plural ausschließend“, WJ:371, mit Hervorhebung).  Zu der Zeit, als Tolkien dies schrieb, bezeichnete die Endung -mmë ein ausschließendes „wir“, ein „wir“, das die Person(en), an die die Worte gerichtet sind, ausschließt. Der Ausruf vammë “wir werden nicht” steht für eine Verweigerung, wie man sie zu einer anderen Partei sprechen würde (wahrscheinlich zu der, gegen deren Willen „wir“ uns auflehnen). Diese andere Partei ist in dem „wir“ nicht eingeschlossen, sondern steht außerhalb der „wir“- Gruppe. Deshalb ist das ausschließende „wir“ hier einwandfrei.

Auf der anderen Seite bezeichnet die Endung -lmë ein einschließendes „wir“: Die Partei, die angesprochen wird, ist in das „wir“ eingeschlossen. Als Tolkien zuerst den Satz andavë laituvalmetlang werden wir sie rühmen“ schrieb, beabsichtigte er wahrscheinlich, dass es wie folgt interpretiert werden sollte: Diejenigen, die Frodo und Sam preisen, sprechen sich untereinander an und nicht die Ringträger. Sie ermutigen sich gegenseitig, die Ringträger zu preisen. Wenn sie stattdessen gesagt hätten „lange werden wir euch rühmen“, und Frodo und Sam direkt angesprochen hätten, dann hätten sie ein ausschließendes „wir“ benutzt. Frodo und Sam wären nicht Teil dieses ausschließenden  „wir“; sie würden außerhalb der „wir“- Gruppe stehen, die sie anspricht.

Weiter vorne in Lektion 8 wurde bemerkt, dass dort, wo der Autor dieses Kurses manchmal von sich selbst als „wir“ zu sprechen scheint, dies nicht (notwendigerweise!) bedeuten müsse, dass er über ein Ego von königlichen Ausmaßen verfügt. Der Autor neigt dazu, den Leser in dieses „wir“ einzuschließen, gewissermaßen als ob er und seine Leser irgendwie diese Odyssee durch die verschiedenen Aspekte der Quenya-Grammatik teilen. (Sie können das als eine freundliche Geste nehmen, oder als eine teilweise geschickte Technik der Gehirnwäsche, die der Autor einsetzt, um Sie zu einem Komplizen zu machen, wo immer er Schlüsse zieht, die in Wirklichkeit nur er selbst zu verantworten hat!) Wie auch immer, in Quenya könnte es hier kein Missverständnis geben. Wir hätten unterschiedliche Formen für ausschließendes „wir“ und einschließendes „wir“. Ein königliches „Wir“, das nur auf den Sprecher / Schreiber verweist, kann nur ein ausschließendes sein. Ein Autor, der das Wort „wir“ verwendet, um sich auf sich selbst und seine Leser zu beziehen, die er in dem Text direkt anspricht, müsste das einschließende „wir“ verwenden.

So weit so gut - aber was sind die Endungen für einschließendes und ausschließendes „wir“, nach Tolkiens mehr oder weniger endgültiger Entscheidung? Einige der oben zitierten Formen wurden offensichtlich aufgegeben oder umdefiniert. Zu der Zeit, als Tolkien HdR veröffentlichte, war die Endung für das einschließende „wir“ ziemlich eindeutig -lmë, wie in laituvalmet "wir werden sie preisen". Die entsprechende Endung für einschließendes „wir“ tauchte in dem Gruß „ein Stern leuchtet über der Stunde unserer Begegnung“ auf: In der ersten Ausgabe von LoTR identifizierte Tolkien eindeutig -mmë als Endung für ausschließendes „wir“ (WJ:371). In der ersten Version dieses Kurses benutzte ich entsprechend -lmë für einschließendes „wir“ und -mmë für ausschließendes „wir“.

Doch nun stellt sich heraus, dass Tolkien später eine wichtige Revision dieses Teils der Pronomentafel vornahm, und da diese Revision sich teilweise in der Second Edition (1966) von LoTR wiederspiegelt,  nehme ich an, das ist so „kanonisch“, dass Lehrer und Lernende von Quenya das einberechnen sollten. Als Tolkien sein Hauptwerk revidierte, wurde aus dem ursprünglichen omentielmo in Frodos Gruß an Gildor omentielvo. Dick Plotz, unter den Tolkien-Linguisten berühmt als Empfänger des Plotz Letter, der die Tafel mit den Fallendungen von Quenya enthielt, erhielt auch einen Brief von Tolkien, der diesen Wechsel erklärt: Die Formen auf -lm- waren nach allem nicht einschließend, sondern ausschließend! Da Frodo zu Gildor und den anderen Elben spricht, als er sagt „unser Treffen“, ist eine ausschließende Form unsauber, und nach Tolkiens letzten Entwicklungen enthielt die einschließende Form den Cluster -lv-: Somit musste aus omentielmo ein omentielvo werden. VT43:6 verweist auf diese Revision von -lm- zu -lv- in den einschließenden Formen. (Wir werden diese Revision in der nächsten Lektion bis zum Erbrechen behandeln.)

Eine Konsequenz dieser Revision ist, dass das Cormallen Praise umgedeutet werden musste. Als Tolkien zuerst die Wendung andavë laituvalmet „lang werden wir sie preisen“ verwendete, dachte er sicher an ein einschließendes „wir“: die Menschen von Gondor ermutigen einander, die Ringträger zu preisen. Nach der Revision, die sich in der Second Edition wiederspiegelt, enthält die Form laituvalmet stattdessen plötzlich ein ausschließendes „wir“: Nun muss die Bedeutung etwa lauten wie „wir, das Volk von Gondor, sprechend zu dem Universum im Allgemeinen, erklären, dass wir [ausschließlich] lange die Ringträger preisen werden!“

Ein kleineres Problem haben wir schon erwähnt: Wenn die (revidierte) Endung für einschließendes „wir“ -lv- enthalten muss, warum erscheint dann die Endung -lwë (statt -lvë) in dem Wort navilwë „wir urteilen“ (VT42:35)? Verschiedene Erklärungen wurden angeboten, keine vollkommen überzeugend. Ich werde hier -lvë verwenden.

Schließlich gibt es noch eine weitere Endung für „wir“, und zwar für duales „wir“, das sich nur auf zwei Personen bezieht: „wir beide“. (Die Endungen -lvë und -lmë würden ein „wir“ kennzeichnen, das drei oder mehr Personen umfasst).  Nach VT43:6 enthält die pronominale Endung für duales „wir“ -mm- (anstelle von -lv- oder -lm-). Die Endung -mmë ist tatsächlich attestiert, zum Beispiel in der Form vammë „wir werden nicht“, auf die wir oben verwiesen haben. Aber diese Form stammt aus der früheren Phase der Konzipierung, in der -mmë immer noch die „first [person] plural exclusive“, „1. Person Plural ausschließend“ darstellte (WJ:371, mit Hervorhebung).  Später änderte Tolkien seine Meinung und entschied, dass -mmë dual sein sollte und nicht Plural. Eine Frage bleibt: Ist nach seiner Meinungsänderung -mmë einschließender dualer Plural „wir“, also „du und ich“, oder ausschließender dualer Plural „wir“, also „ich und jemand anders“? Oder wird die Unterscheidung zwischen einschließend und ausschließend bei dualen Pronomen nicht aufrechterhalten? Wenn doch, neige ich zu der Meinung, dass -mmë eine ausschließende Form darstellt, denn es könnte verwandt sein mit dem eigenständigen, dualen, ausschließenden Pronomen met „uns (beide)“, das im Namárië auftaucht. Aber wir können nicht sicher sein. Wenn die Unterscheidungen Plural / dualer Plural und ausschließend / einschließend in allen Formen aufrecht erhalten werden, würde das offenkundig vier verschiedene Endungen für „wir“ bedeuten. Tatsächlich scheint es auf vier Endungen für „wir“ hinauszulaufen: -lvë (Variante -lwë), -lmë, -mmë und -ngwë. Tolkien schuf ein kleines Durcheinander, als er versuchte, mit sich darüber ins Reine zu kommen, wohin in das Schema aus Plural / Dual und einschließend / ausschließend diese Endungen gehören. Aber die (wie ich es deute) mehr oder weniger endgültige Lösung war diese: die neue Endung für einschließendes  „wir“ ist lvë (für früheres -lmë), die neue Endung für ausschließendes "wir" ist -lmë (umdefiniert von einschließend zu ausschließend!), während -mmë (früher ausschließender Plural) nun "dual" ist (einschließend? ausschließend? oder beides, wenn es hier keine Unterscheidung gibt?!) Nur die Endungen -lvë und -lmë werden in den Übungen weiter unten verwendet; die Endungen -mmë, und -ngwë noch mehr, bleiben etwas rätselhaft.