Das Gerundium

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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Das Gerundium

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Die meiste Zeit sind Hauptwörter und Verben verschiedene Satzteile. Natürlich gibt es die substantivierten Verben, die wir in der vorangegangenen Lektion besprochen haben, aber sie sind fraglos echte Hauptwörter - abstrakte Formen, die für als „Sachen“ betrachtete Hauptwörter stehen. Aber Verben haben eine Form, das Gerundium, das sich fast der Zweiteilung in Hauptwort und Verb widersetzt. Man könnte sagen, dass ein Gerundium ein als Hauptwort maskiertes Verb ist.

In Cirions Eid taucht das Wort enyalien auf, das wörtlich „zum Erinnern“ (das heißt „mit dem Auftrag, zu erinnern“). Die Vorsilbe en- bedeutet „wieder, zurück“, und das finale -n ist die oben behandelte Fallendung, der Dativ-Marker, der auch der Präposition „für“ entspricht. Wenn wir diese Elemente wegnehmen, bleibt uns -yalie-, yalië. In seinen Anmerkungen zu Cirions Eid, wie sie in UT:317 wiedergegeben werden, macht Tolkien klar, dass yalië eine „infinitive (or gerundial) form“ eines Verbs yal- ist, mit der Bedeutung rufen, zusammenrufen. Somit können wir -ië als Grammatikendung isolieren, die verwendet wird, um „infinitive oder Gerundialformen“ zu entwickeln.

An früherer Stelle in diesem Kurs haben wir eine andere Art Infinitv angesprochen, der einfach die Stammform des Verbs darstellt (im Fall von Primärverben mit angehängtem ). Ein attestiertes Beispiel ist der Satz polin quetë, „ich kann sprechen“ (VT41:6), mit quetë als Infinitiv des Verbs quet- „sprechen“. Da Tolkien -ië in UT:317 eindeutig als Infinitivendung identifiziert, kann es sein, dass polin quetië gleichermaßen möglich wäre (mehr darüber weiter unten). In ihrem Tutorial Basic Quenya, geschrieben bevor das Beispiel polin quetë verfügbar wurde, verwendet Nancy Martsch -ië als die Quenya-Infinitivendung überhaupt. Das muss nicht notwendigerweise falsch sein; Tolkien stellte sich zweifellos einen alten elbischen Infinitiv auf -ie vor. In den Etymologies, Eintrag NAR2, wird das alte Noldorin-Wort trenarie „(im einzelnen) erzählen“ ausdrücklich eine „inf.“-Form genannt („Old Nodorin“, altes Noldorin, ist die Sprache, die Tolkien später als Old Sindarin bezeichnete, nachdem er seine linguistische Mythologie in den frühen Fünfzigern revidiert hatte). Aber ich glaube, dass in vielen Fällen eine Verbform, die mit Hilfe der Endung -ië entwickelt wird, am besten als Gerundium bezeichnet wird (statt Infinitiv).

Im Englischen werden Gerundien mit Hilfe der Endung -ing entwickelt, z. B. „finding“ zu dem Verb „find“. Im Deutschen ist die Sachlage etwas anders. Ein substantiviertes Verb entspricht in der Form dem Infinitiv („finden“ und „Finden“, das entstandene Hauptwort ist immer ein Neutrum („das Finden“). Doch bei der Übersetzung ins Englische oder auch in Quenya kann das ein Gerundium sein, muss aber nicht. Mehr dazu weiter unten. Nun kann eine Form wie „Finden“ natürlich auch ein abstraktes Nomen sein (synonym zu „Entdeckung“). Aber woran wir hier interessiert sind, ist eher das Wort „Finden“, wie es in einem Satz wie „das Schatzfinden war wundervoll“ auftaucht (ich ziehe hier absichtlich Schatz und finden zusammen, denn im Deutschen wird an dieser Stelle aus „finden“ kein Hauptwort, wir würden formulieren: „den Schatz zu finden war …“). Hier verhält sich „Finden“ auf eine Weise wie ein Hauptwort, denn es ist das Subjekt des Satzes. Aber wir können in gewissem Sinn auch sagen, „Finden“ ist immer noch ein Verb, denn es hat ein einzigartiges Charakteristikum eines Verbs noch nicht verloren: die Fähigkeit, ein Objekt zu haben. In dem Satz „das Schatzfinden“ ist „der Schatz“ das Objekt des „Findens“. Der Unterschied zwischen Gerundium und Infinitiv liegt, wenn wir ins Englische übersetzen, in der Betonung. „Das Finden des Schatzes war wundervoll“ kann auf zweierlei Weise interpretiert werden: Entweder das „Finden“ war wundervoll mit Betonung auf eben diesem Vorgang: dem Finden. Im Englischen würde man hier ein Gerundium verwenden: „finding the treasure“. „Das Finden des Schatzes war wundervoll“ kann aber auch so verstanden werden, dass „den Schatz finden“ wundervoll war, mit Betonung auf dem Objekt, nicht auf dem Vorgang, dem Finden, an sich. Das Englische würde hier den Infinitiv verwenden: „to find the treasure was wonderful“. In Quenya wäre das ein passender Fall für den Objekt-Genitiv. Denken Sie in der Folge also immer daran, dass bei einem Gerundium der Vorgang als solches hervorgehoben wird, nicht das Objekt! Ein zugegeben nicht eben leichtes Kapitel für Deutschsprachige. Deswegen werde ich auch häufiger die englische Übersetzung der Wendungen mit nennen, dort ist die Unterscheidung leichter zu erkennen.

Wenn „Finden“ hier ein abstraktes Hauptwort wäre, würde man im Englischen eine „of“-Konstruktion verwenden, um das, was gefunden wird, einzubringen: „the finding (=discovery) of the treasure“. Vgl. unsere Besprechung des Objektgenitivs in Quenya (wie in Nurtalë Valinóreva, wörtlich „Verhüllen Valinors“) in der Lektion davor. Die Übersetzung im Deutschen lautet „Verhüllung“ mit dem Suffix -ung, das verwendet werden kann, um aus Verben Substantive abzuleiten.

Da wir bei dem Satz „finding the treasure“, „den Schatz (zu) finden war wundervoll“, sagen können, dass das Wort „Finden“ kein verbales Hauptwort ist (im Deutschen noch nicht einmal ein Hauptwort), können wir daraus schließen, dass es in Wirklichkeit ein Gerundium ist. Ein Gerund ist eine Form des Verbs, die als Hauptwort fungieren kann, mit im wesentlichen derselben Bedeutung wie ein echtes substantiviertes Verb. Doch ein Gerundium kann noch immer ein Objekt annehmen, und das gilt ebenso für Quenya-Gerundien: Zu der Form -ië des Quenya-Gerundiums, die Tolkien in Cirions Eid verwendete, merkte er an, dass sie ein direktes Objekt hätte („governing a direct object“, UT:317).

ANMERKUNG: In Quenya können wie im Englischen und erst recht im Deutschen Gerundien und abstrakte Hauptwörter nicht immer klar unterschieden werden. Wo wie die englische Endung -ing verwendet wird, um sowohl Gerundien als auch substantivierte Verben abzuleiten, kann die Quenya-Endung -ië herangezogen werden, um abstrakte Nomen abzuleiten, z. B. tyalië "Spielen" (als Hauptwort) aus dem Verb tyal- "spielen". Tatsächlich wird also - als generelle abstrakte Endung verwendet, sehr ähnlich dem englischen "-ness", vgl. z. B. mornië "darkness". „-heit“ wie in Dunkelheit wird dagegen verwendet, um aus Adjektiven Hauptwörter abzuleiten. Eher trifft es auf die Endung „-ung“ zu: verdunkeln vs. Verdunklung, verhüllen vs. Verhüllung!  

Wie gewöhnlich herrscht extremer Mangel an attestierten Beispielen. Aber wir müssen annehme, dass in Quenya wie auch im Englischen Gerundien oft als Subjekt von Sätzen fungieren, in etwa vielleicht wie im Folgenden (rot habe ich in der Übersetzung gekennzeichnet, woran man erkennt, dass das Verb substantiviert ist, da wir keine eigene Gerundium-Form kennen im Deutschen):

Hir harma caruva nér alya "Das Finden eines Schatzes wird einen Mann reich machen"

Tir i aiwi anta i vendin alta alassë "Das Beobachten der Vögel macht (gibt) den Mädchen [vendin, Dativ] große Freude".

In diesen Beispielen haben wir die Gerundien mit Objekten ausgestattet (harma und i aiwi), aber ein Gerundium kann sicher auch ohne weitere Beifügungen als Subjekt fungieren, wie hier: Matië ná i analta alassë ilyë tiucë Naucoron, "Essen ist die größte Freude für alle fetten Zwerge“.

Vermutlich können Quenya-Gerundien auch als Objekt eines Satzes dienen, vergleichbar einem englischen „I love fishing“, im Deutschen „Ich liebe (das) Fischen“. Ein Gerundium, das als Objekt fungiert, kann umgekehrt sein eigenes Objekt bestimmen: Ein Satz wie „Ich liebe (die) Beobachtung der Vögel(hier das Verb substantiviert mit „-ung“) kann vielleicht in Quenya übertragen werden als melin tir i aiwi („Beobachtung“ ist Objekt der Wendung „ich liebe“, und „der Vögel“ ist wiederum Objekt des Gerundiums, das ich ins Deutsche mit „Beobachtung“ übersetzt habe.). Vielleicht könnte man letzteres auch formulieren als „Ich liebe es, die Vögel zu beobachten " = melin tirë i aiwi (?), mit einem Infinitiv anstelle des Gerundiums (Dass die Vögel Objekt sind, wird aus dieser Sicht für uns auch deutlicher, mit dem Akkusativ „die Vögel“ als typischen Objektfall im Gegensatz zum Genitiv von oben). Gerundien und Infinitive sind wohl in vielen Kontexten austauschbar, in Quenya wie im Englischen.

Tatsächlich ist unsere Terminologie vielleicht strenger als jene, die Tolkien selbst benutzte, wenn wir den Ausdruck Infinitiv auf Formen wie tirë „beobachten“ beschränken und darauf bestehen, tirië sei nur ein Gerundium: In UT:317, oben zitiert, verweist Tolkien selbst auf die Formen auf -ië als sowohl „infinitival“ als auch „gerundial“: Wie oben erwähnt ist im „Old Noldorin“ der Etymologies eine Form auf -ie eindeutig als Infinitiv identifiziert. Das nach HdR zu datierende Beispiel polin quetë „Ich kann sprechen“ zeigt, dass zumindest -ië keine allgemeine Infinitivendung sein kann. Wäre polin quetië eine mögliche Formulierung, oder würde das ähnlich verwirrend klingen wie „I can speaking“; „ich kann sprechend“, im Englischen bzw. im Deutschen? Und was ist mit „Ich will einen Schatz finden?“ Wäre merin hirië harma in Ordnung, oder fänden die Elben diese Formulierung ebenso schrecklich wie „I want finding a treasure“ („ich will findend einen Schatz“) auf Englisch? Es ist vielleicht sicherer, in einem solchen Kontext den einfachsten Infinitiv, hirë, zu verwenden.

Wenn eine Handlung Subjekt oder Objekt eines Satzes ist, kann man im Englischen bis zu einem gewissen Maß zwischen Infinitiv und Gerundium wählen: "To err is human, to forgive is divine" = "Erring is human, forgiving is divine", „Irren ist menschlich, Vergeben ist göttlich“ (im Deutschen hier substantivierte Verben, in der Form gleich dem Infinitiv). Speziell wenn eine Handlung als Subjekt fungiert, denke ich, es wäre sicherer, in Quenya das Gerundium zu verwenden (die Form auf -ië). Aber da wir keine konkreten Beispiele haben, ist es gegenwärtig nicht möglich, mit gewisser Sicherheit zu sagen, was Tolkien in dieser Hinsicht für akzeptables Quenya gehalten hätte.

Allerdings gibt es einen wichtigen Gebrauch des Gerundiums, der in unserem mageren Korpus glücklicherweise belegt ist. Im Englischen wird der normale Infinitiv (erkannbar am „to“) oft verwendet, um einen Zweck anzuzeigen: "They have come to see the king." Wir können wörtlich übersetzen mit „Sie sind gekommen, den König zu sehen“, ebenfalls mit Infinitiv mit „zu“, doch üblicher ist es im Deutschen, einen Nebensatz mit „um“ zu bilden: „Sie sind gekommen, um den König zu sehen.“ Ob das so direkt übertragen werden könnte in Quenya als ?utúlientë cenë i aran, das lässt sich im Augenblick noch nicht sagen - aber ich neige dazu, an der Gültigkeit dieses Konstruktes zu zweifeln. Beachten Sie die Formulierung in Cirion’s Oath: Vanda sina termaruva Elenna·nórëo alcar enyalien. Tolkiens Übersetzung in UT:305 lautet "this oath shall stand in memory of the glory of the Land of the Star", „dieser Eid soll Bestand haben in  Erinnerung an den Ruhm des Landes des Sterns”, aber wörtlicher bedeutet die Quenya-Formulierung etwas wie “dieser Eid soll bestehen für das Erinnern (zur Erinnerung) von Elenna-Landes Ruhm”. Vergleichen Sie Tolkiens Kommentar zur Form enyalien in UT:317, teilweise bereits zitiert:

yal- 'summon', in infinitive (or gerundial) form en-yalië, here in dative 'for the re-calling', but governing a direct object [namely alcar "glory"]: thus 'to recall or "commemorate" the glory'.

yal- 'aufrufen', im Infinitiv (oder als Gerund) en-yalië, hier im Dativ ‘für die Erinnerung', aber ein direktes Objekt beherrschend [hier alcar "Ruhm"]: den Ruhm 'zurückzurufen oder an ihn "zu erinnern"'.

Somit haben wir hier ein Verb en-yal „“zurück-rufen“ = „erinnern“. Fügen wir die Endung -ië für das Gerundium an, erhalten wir das Gerundium enyalië, „recalling“ „Erinnern“. Da ein Gerundium als Verb beschrieben werden kann, das als Hauptwort fungiert,  kann es wie ein Hauptwort auch Fallendungen erhalten. So ergänzte Tolkien die Dativ-Endung -n, um daraus enyalien zu bilden „der Erinnerung, für die (zur) Erinnerung“: Das Wort kann nun als indirektes Objekt des Satzes dienen, als „Stifter“ der Handlung: Der Eid termaruva „wird standhalten“, und diese Handlung unterstützt, fördert das „Erinnern“ (enyalië). Das Dativ-Gerundium enyalien „zum Erinnern“ andererseits hat Elenna·nórëo alcar, „Elenna-Lands Ruhm“, zum Objekt. Natürlich sagt man im Englischen nicht "this oath shall stand for recalling the Elenna-land's glory", “Dieser Eid wird bestehen zum Erinnern von Elenna-Lands Ruhm”, sondern vielmehr "this oath shall stand (in order) to recall the glory of the land of Elenna", „dieser Eid wird bestehen, um an den Ruhm Elenna-Lands zu erinnern“. Dasselbe gilt im Deutschen, wobei bei uns „in order to“, „um zu“ die übliche Formulierung ist, mit einem eigenen Nebensatz. Trotzdem scheint uns dieses Beispiel mitzuteilen, dass Infinitive, die den Zweck anzeigen, in Quenya als Gerundium wiedergegeben werden sollten, mit angehängter Dativendung. „Sie sind gekommen, um den König zu sehen“ würde dann übersetzt mit utúlientë cenien i aran, wörtlich „sie sind gekommen für ein Sehen des Königs“. (Wenn wir der Wortreihenfolge Tolkiens in Cirions Eid sklavisch folgen würden, mit dem Gerundium am Satzende, müssten wir in Wirklichkeit utúlientë i aran cenien = "Sie sind gekommen den König für ein Sehen (den König zu sehen)“! Doch die Wortreihenfolge ist in Quenya aller Wahrscheinlichkeit nach sehr flexibel.) Die Regel, die herauszuarbeiten wir versucht haben, kann wie folgt zusammengefasst werden: Wenn man im Englischen die Wörter „in order“ vor einem Infinitiv einfügen kann (im Deutschen: Nebensatz mit „um zu“), ohne die Bedeutung zu verändern (der Stil spielt keine Rolle!), zeigt der Infinitiv einen Zweck an und sollte in Quenya mit einem Gerundium im Dativ wiedergegeben werden.

Gerundien aus A-Stämmen bilden: Alle bis jetzt als Beispiel herangezogenen Gerundien wurden aus primären (endungslosen) Verben gebildet. Was geschieht aber, wenn die Endung -ië an einen A-Stamm angehängt werden soll? Wir haben keine direkten, ausdrücklichen Belege, die uns leiten, deshalb habe ich dieses Problem bis zum Ende aufgehoben. Aber alle indirekten Aussagen deuten auf einen Schluss: das finale -a sollte vor -ië wegfallen.

Die Etymologies, Eintrag ORO, listen das Quenya-Verb orta- „aufsteigen, erheben“ auf, aber eine Form ortie wird ebenfalls zitiert, obwohl sie eher „Old Noldorin“ (/Alt-Sindarin) ist als Quenya. Dieses Wort ortie, einfach glossiert mit „rise“, „sich erheben“, wäre eine archaische Elbisch-Form, die sich später in einen Sindarin-Infinitiv entwickelte. Aber sie könnte sehr gut einem Quenya-Gerundium ortië „Aufsteigen“ entsprechen, da „Old Noldorin“ Quenya ziemlich nahe kommt. Das würde anzeigen, dass bei einem Anfügen der Endung -ië an ein Verb das finale -a vor der Endung wegfällt. Wir haben eine mögliche Bestätigung einer Quenyaform, die diesen Schluss vielleicht bestätigt: Als er verschiedene Formen des Verbs ora- „drängen“ auflistete, schloss Tolkien orië (VT:41:13) mit ein, und während er weder dies noch irgend eine andere Form eindeutig identifizierte, könnte orië gut als das Gerundium gedacht sein. Beachten Sie auch nainië „Klagen“ als eine Herleitung aus dem Verb naina- „klagen“ (vergleichen Sie RGEO:66 mit den Etymologies, Eintrag NAY): Nainië kann gesehen werden entweder als Gerundium oder als substantiviertes Verb.

Wie wir schon angedeutet haben, kann -ië auch als allgemeine abstrakte Endung dienen, ein wenig wie das englische „-ness“ oder das deutsche „-ung“ bei der Ableitung aus Verben, „-heit“ bei der Ableitung aus Adjektiven. Wo -ië dazu verwendet wird, aus Adjektiven abstrakte Hauptwörter zu bilden, verlieren Adjektive auf -a ihren finalen Vokal, bevor -ië angehängt wird; mornië „Dunkelheit“ wird offensichtlich gebildet aus morna „dunkel“. Ein anderes attestiertes Paar dieser Art ist láta „offen“ vs. látië „Offenheit“. Die abstrakte Endung -ië ist mit der Gerundium-Endung -ië mit Sicherheit eng verwandt; im Grunde ist es dieselbe Endung, mit der wir uns beschäftigen (wie oben angemerkt, wird die Trennung zwischen Gerundien und abstrakten Hauptwörtern oft unscharf). Wenn die Endung -ië das finale -a dazu bringt, zu verschwinden, wenn sie an Adjektive angehängt wird, scheint es sehr wahrscheinlich, dass dasselbe auch passiert, wenn sie an A-Stämme angehängt wird. Wenn wir also ausgehen von Verben wie orta- „aufsteigen, (sich) erheben“ und nurta- „verhüllen, verbergen“, können wir vielleicht die Gerundien ortië, nurtië entwickeln und Sätze bilden wie ortië Pelóri nurtien Valinor úmë mára noa "[die] Erhebung [der] Pelóri, um Valinor zu verbergen, war keine gute Idee". (Sie war es nicht – siehe MR:401, 405 zu diesem Schritt der Valar!).

Im Fall von Verben auf -ya, z. B. harya- „besitzen“, fällt wahrscheinlich die gesamte Endung -ya weg, bevor -ië angehängt wird. Andernfalls wäre das Gerundium **haryië, aber yi ist keine Kombination, die in Quenya möglich ist. Abstrakte Hauptwörter, aus Adjektiven auf -ya gebildet mit Hilfe der Endung -ië, sieht man die angesprochene Endung aufgeben, z. B. verië "Kühnheit" von verya „kühn“ (siehe Etymologies, Eintrag BER). Wir können vielleicht schließen, dass verië ebenso das Gerundium des verwandten Verbs verya- "wagen, riskieren" wäre. So ist das Gerundium eines Verbs wie harya- „besitzen“ höchstwahrscheinlich harië (z. B. in einer Platitüde wie harië malta úva carë nér anwavë alya, "Gold zu besitzen wird einen Mann nicht wirklich reich machen“).