Lektion12

von Helge Fauskanger
übersetzt ins Deutsche von Brigitte Raßbach

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Der possessiv-adjektivische Fall
Substantivierte Verben und abstrakte Hauptwörter und wie sie sich im Genitiv und Possessiv verhalten

 

Diese Lektion ist zur Hauptsache einem Fall gewidmet, der in seiner Funktion auf vielerlei Weise den Genitiv ergänzt. Aber zuerst lassen Sie mich feststellen, dass es keine leichte Antwort gibt auf die Frage, wie dieser Fall genannt werden sollte. Tolkien listete ihn im Plotz Letter auf, aber er benannte ihn nicht. Auf den Fall auf -o oder -on, den wir in der vorangegangenen Lektion behandelt haben,  wird in verschiedenen Quellen einfach als „Genitiv“ verwiesen. Aber in WJ:369 verweist Tolkien auf Formen auf -o(n)  als „partitive-derivative genitives“, partitiv-abgeleitete Genitive, während der andere Fall, den wir nun besprechen werden, ein „possessive-adjectival“ (besitzanzeigend-adjektivischer) Genitiv genannt wird. Auf der Seite davor merkte er hinsichtlich des Falles mit der Endung –o(n) an, dass „properly it was used partitively, or to describe the source or origin, not as a ‚possessive’“ („er rein partitiv benutzt wurde, oder um die Quelle oder den Ursprung zu bezeichnen, nicht als ein ‚Possessiv’,  mit Hervorhebung). Der Kontext zeigt an, dass der andere Fall, den zu beschreiben er sich anschickte, ein „possessive“ (besitzanzeigender) ist. Um also einfach eine geeignete Bezeichnung für diesen Fall zu haben, werde ich die Wörter possessiv oder besitzanzeigend als Namen verwenden. (Ein anderer plausibler Ausdruck ist „adjektivischer Fall“, der ebenfalls von einigen Studenten verwendet wird) In der Übersetzung werde ich hier den Begriff „der Possessiv“ verwenden für den possessiven Fall, den besitzanzeigenden Genitiv, nicht zu verwechseln mit dem besitzanzeigenden Fürwort (das Possessiv)!

Der possessiv-adjektivische Fall

In seiner Funktion korrespondiert dieser Fall – eher als der Fall auf -o(o), den Tolkien normalerweise als den „Genitiv“ bezeichnet – viel besser mit dem englischen Genitiv auf -´s (und auch mit dem deutschen Genitiv, der in erster Linie ebenfalls besitzanzeigend verwendet wird). Doch auch hier ist dieser Fall in bestimmten Kontexten am besten mit englischen of-Konstrukten zu übersetzen. Im Deutschen benötigen wir die Formulierung mit „von“ nur manchmal.

Der besitzanzeigende Fall wird gebildet durch Anhängen der Endung -va, z. B. Eldava als possessive Form von Elda. Wenn sie an ein Hauptwort angehängt wird, das auf einen Konsonanten endet, nimmt die Endung wahrscheinlich statt dessen die Form     -wa an. Die Annahme, dass die Endung -va nach Konsonanten zu der Variante -wa wird, wird durch folgende Tatsache gestützt: Das Suffix -va ist vom Ursprung her eine rein adjektivische Endung, ebenso gut in einigen gebräuchlichen Adjektiven zu finden, und in diesen Fällen sieht man sie als -wa auftauchen, wenn sie einem Konsonanten folgt – z. B. anwa „real, wirklich, wahr“ oder helwa „blassblau“. Im Urelbischen hatte die Endung die Form –wâ, aber in Quenya wurde w zwischen Vokalen normalerweise zu v. Vgl. ein weiteres, gebräuchliches Adjektiv, das diese Endung zeigt: tereva „fein, scharf“, ein Wort, von dem Tolkien anmerkte, es wäre auf Urelbisch terêwâ gewesen (siehe Etym, Eintrag TER, TERES). Da die meisten Quenya-Hauptwörter auf einen Vokal enden, stand das w von –wâ normalerweise zwischen Vokalen, wenn die Endung angehängt wurde, und deshalb wurde es für gewöhnlich zu v (z. B. wurde Eldâ-wâ, Eldawâ  zu Eldava, genauso wie eben aus terêwâ tereva wurde). Aber wenn wir diese Endung mit einem Hauptwort verbinden, das auf einen Konsonanten endet, z. B. atar „Vater“ (seit dem Urelbischen unverändert), würde aus atar-wâ wahrscheinlich in Quenya atarwa hervorgehen, mit einem ursprünglichen w, das erhalten bleibt, weil es hier nicht zwischen Vokalen steht.

Der Plotz-Letter listet keine dualen Formen des besitzanzeigenden Falls auf, aber ich kann mir nicht vorstellen, warum solche Formen nicht existieren sollten. Doch auch in dem Fall würde ich keine Übungen anfertigen, die solche leicht hypothetischen Formen verwenden, aber wahrscheinlich würde nach einer dualen Form auf -u die einfache Nachsilbe -va benutzt werden – z. B. Alduva als Possessiv von Aldu „Zwei Bäume“. Die häufigeren dualen Formen auf -t würden wahrscheinlich Possessive auf -twa besitzen, eine duale Form wie ciryat „ein Schiffspaar“ würde zu ciryatwa (betont auf der vorletzten Silbe, wegen des Konsonantenclusters tw).

So wie der Plotz Letter keine dualen Formen des Possessiv auflistet, erwähnte Tolkien überhaupt keine Pluralformen – eine Feststellung, die einige bei ihren Nachforschungen zu dem Schluss führte, dass dieser Fall überhaupt keinen Plural hat! Aber anderes Material zeigt sehr wohl, dass eine solche Form existiert (unter der Voraussetzung, wir fühlen uns frei genug, eine duale Form zu extrapolieren, wie wir es oben versuchten: der Plotz Letter schließt nicht notwendigerweise alles mit ein). In WJ:368 zeigt Tolkien auf, dass der Possessiv die einfache Endung -va mit dem Pluralmarker -i verbindet und eine Pluralform auf -iva hat. In diesem Fall wird diese Endung auch dann benutzt, wenn das besitzanzeigende Suffix an Wörter angehängt wird, die normalerweise den Nominativ Plural auf -r bilden, wie Eldar: Der Possessiv Plural lautet nicht **Eldarva oder **Eldarwa oder was auch immer, sondern Eldaiva, attestiert in der Wendung lambë Eldaiva „Sprache der Eldar“ (WJ:369). Es heißt, die Pluralform -iva sei in Quenya eine Neuerschaffung, keine Form, die aus älteren Entwicklungsphasen des Elbischen geerbt wurde.

Wenn der Anfangsvokal der Endung -iva mit dem letzten Vokal des Hauptwortes zu einem Diphthong verschmilzt, wie ai in Elda + iva = Eldaiva, erhält dieser Diphthong natürlich die Betonung (eld-AI-va). Die meisten Hauptwörter auf –ë hätten sich in einer früheren Entwicklungsphase ähnlich verhalten und einen Diphthong ei hervorgebracht; der Possessiv Plural von lassë „Blatt“ mag zu einer bestimmten Zeit lasseiva gewesen sein (für noch älteres ?lasseiwâ, wenn eine solche Form jemals in Gebrauch war). Aber der Diphthong ei wurde in Quenya schließlich langes í, so war vielleicht die aktuelle Form lassíva – mit einem langen í, das nach wie vor die Betonung erhält. Im Plotz Letter ist ein solches langes í in der Pluralform eines anderen Falles zu beobachten: lassínen als der Instrumental Plural, zu behandeln in Lektion 16. (Die Form lassíva wird natürlich von Plotz nicht bestätigt, da dort keine Pluralformen des Possessiv behandelt werden, aber die Form lassínen scheint das allgemeine Prinzip zu bestätigen: Diese Form soll aller Wahrscheinlichkeit nach für das ältere lasseinen stehen, und dann sollte das ältere lasseiva in Quenya lassíva bilden.)

Es ist ziemlich unklar, was geschieht, wenn die Endung –iva an ein Hauptwort angehängt wird, das bereits auf –i endet, wie tári „Königin“, oder ein Hauptwort mit einer Stammform auf -i, wie lómë (lómi-) „Nacht“ (SD:415). Möglicherweise verschmelzen die beiden i´s zu einem langen í, so dass „von Königinnen“ oder „von Nächten“ etwas wie ?táríva, ?lómíva heißt – wogegen die Singularformen „einer Königin“ und „einer Nacht“ táriva, lómiva lauten müssen. (Die Aussprache würde einen markanten Unterschied aufweisen: diese Einzahlformen werden auf der ersten Silbe betont, der drittletzten, wohingegen die Pluralformen auf der vorletzten Silbe betont würden,  wegen des langen Vokals, der dort plötzlich auftaucht, wenn das finale -i des Hauptworts und der erste Vokal der Endung -iva tatsächlich zu einem langen í veschmelzen.) Aber es ist auch möglich, dass eine Form wie táriva für beides einzutreten hat, für Singular und Plural, so dass man sich auf den Kontext verlassen muss, um „einer Königin“ von „von Königinnen“ zu unterscheiden.

Es gibt einige Dinge mehr zu sagen über die Bildung des Possessiv (siehe „Verschiedene Anmerkungen“ unten), aber wir werden nun zu seiner Funktion zurückkehren.

Das ist der Fall, den Sie verwenden, um einfachen Besitz anzuzeigen, die typische Funktion des englischen und deutschen Genitivs. In der vorangegangenen Lektion haben wir beschrieben, wie der Quenya-Genitiv eher dazu benutzt wird, Quelle und Ursprung anzuzeigen statt einfach Besitz. Wenn der Quenya-Genitiv dazu herangezogen wird, die Beziehung zwischen Eigentümern und den Dingen, die ihnen gehören, zu beschreiben, beschäftigen wir und eher mit früherer denn mit gegenwärtiger Besitzherrschaft. Tolkien erklärte das auf nette Weise durch Gegenüberstellung von Genitiv und Possessiv, und wir leisten es uns, ihn bei der Rekapitulation der Funktion des Genitivs zu zitieren:

'Possession' was indicated by the adjectival ending -va... Thus 'Orome's horn' was róma Oroméva (if it remained in his possession)...but [the genitive phrase] róma Oromëo meant 'a horn coming from Orome', e.g. as a gift, in circumstances where the recipient, showing the gift with pride, might say 'this is Orome's horn'. If he said 'this was Orome's horn', he would say Oroméva. Similarly [the genitive phrase] lambe Eldaron would not be used for 'the language of the Eldar' (unless conceivably in a case where the whole language was adopted by another people), which is [rather] expressed...by...lambe Eldaiva. [WJ:368-369]

'Besitz' wurde angezeigt durch die adjektivische Endung –va... So lautete ‚Orome´s Horn’ róma Oroméva (wenn es in seinem Besitz verblieb)… aber [der Genitiv] róma Oromëo meinte ‚ein Horn, das von Orome stammt’, z. B. als Geschenk, unter Umständen, wo der Empfänger das Geschenk mit Stolz zeigt und vielleicht sagt ‚das ist Oromes Horn.’ Wenn er sagt ‚ ‚dies war Oromes Horn’, würde er sagen Oroméya. Ähnlich würde [die Genitivwendung] lambë Eldaron nicht benutzt für ‚die Sprache der Eldar’ (denkbar nur in einem Fall, wo die ganze Sprache von einem anderen Volk angenommen wurde), was ausgedrückt wird ... mit ... lambë Eldaiva.  [WJ:368-369]

Der Possessiv kann also einfach Besitzherrschaft zu der betrachteten Zeit bedeuten (Vergangenheit oder Gegenwart – wohingegen ursprünglicher oder früherer Besitz durch den Genitiv angezeigt wird). Ein Beispiel aus dem Silmarillion ist Mindon Eldaliéva, der „Turm der Eldalië [= Volk der Elben]“, der einfach einen Turm meint, der den Eldalië gehörte.  (Sicher waren sie auch die Urheber desselben, aber sie waren noch immer seine Besitzer, und deshalb wäre ein Genitiv weniger passend). Wir hätten dann auch Wendungen wie (i) coa i Eldava „das Haus des Elben“, i parmar i vendíva „die Bücher der Mädchen“, i míri i Naucoiva „die Juwelen der Zwerge“. Was diese Wortreihenfolge angeht, sollte man beachten, dass das Hauptwort, das die besitzanzeigende Endung erhält, in nahezu allen attestierten Beispielen als das letzte Wort der besitzanzeigenden Wendung auftaucht: das Hauptwort, das ihn bestimmt (und das bezeichnet, was besessen wird), steht typischerweise davor.

In der ersten Version dieses Kurses schrieb ich: „Es kann gut sein, dass man die Wortreihenfolge vertauschen und (zum Beispiel) sagen kann ?i Eldava coa mit derselben Wortreihenfolge wie im Englischen: ‚the Elf´s house’ (‚des Elben Haus’). Doch ich würde diese Form vermeiden, bis wir sie in Tolkiens Unterlagen attestiert finden.“ Vielleicht haben wir sie nun belegt. Im Juni 2002 tauchte die Wendung Amillë Eruva lissëo „Mutter von Gottes Gnade“ auf. Lassen wir Amillë für Mutter beiseite, ebenso wie die Genitivendung -o, die hier an lissë „Anmut, Gnade“ angehängt ist, bleibt uns Eruva liessë für „Gottes (Eru´s) Gnade“. Das könnte ein (momentan alleinstehendes) Beispiel einer besitzanzeigenden Form stehen, die dem Hauptwort, an das es gebunden ist, voraus geht. Doch die umgekehrte Reihenfolge scheint die wesentlich gebräuchlichere zu sein, und mit Sicherheit hätte hier ebenso gut lissë Eruva eingesetzt werden können. In den untenstehenden Übungen lasse ich durchgängig die besitzanzeigende Form dem zugeordneten Hauptwort folgen, statt es voranzustellen, und verwende damit die gebräuchlichere Wortreihenfolge; es ist schon hinlänglich bestimmt: Róma Oroméva ist nicht einfach irgend „ein Horn von Orome“, als wenn wir es zum ersten Mal in die Geschichte einführten, oder das impliziert, dass Orome auch noch andere Hörner hat. (Nach Tolkien würde diese Bedeutung ausgedrückt mit einem „loose compound“, einem  losen Verbund, bei dem die Wörter einfach nebeneinander gestellt werden, ohne überhaupt irgendeine Endung: Oromë róma = “ein Orome Horn“.) Róma Oroméva ist „Oromes Horn“ = „das Horn Oromes“, róma bestimmt durch Oroméva. Aber wir können sicher einen bestimmten Artikel einfügen und i róma Oroméva sagen, ohne die Bedeutung zu verändern; wie in der vorangegangenen Lektion gezeigt sind beide Konstrukte gleichermaßen in einer Wendung gültig, in der ein Hauptwort im Genitiv vorkommt. Ein attestiertes Beispiel, das den besitzanzeigenden Fall betrifft, ist die Wendung i arani Eldaivë „die Könige der Eldar“ (WJ:369; das bedeutet in erster Linie „jene Könige in einer speziellen Versammlung, die elbisch waren“, wohingegen i arani Eldaron  mit einem Genitiv bedeutet, „jene unter den Elben, die Könige waren“, oder einfach: „die Könige, die die Elben regieren“). Der Artikel konnte wahrscheinlich weggelassen werden, ohne dass sich die Bedeutung änderte: Arani Eldaivë würde immer noch „die Könige der Elben“ bedeuten, die besitzanzeigende Form Eldaivë bestimmt die arani in jedem Fall. (Warum hier die Endung –iva als –ivë erscheint, dazu unten; dies steht in einigem Widerspruch zum HdR, so dass wir stattdessen Eldaiva lesen.)

Der Possessiv zeigt nicht immer „Besitz“ im allerengsten Sinn, sondern kann auch jemandes Beziehung zu seinen mehr oder weniger abstrakten Eigenschaften oder Besitztümern beschreiben. In solchen Kontexten kann man genauso gut den Genitiv verwenden. Tolkien erwähnte, dass „der Glanz (Ruhm) Oromes“ auf zweierlei Weise ausgedrückt werden kann: Man kann den possessiv-adjektivischen Fall einsetzen und alcar Oroméva sagen, und verweist dann auf Oromes alcar oder Glanz als sein dauerhaftes Attribut. Aber man kann ebenso gut den Genitiv verwenden; die Wortfolge alcar Oromëo betont, dass Orome die Quelle des Glanzes ist. Das könnte verweisen auf „seinen Glanz, wie er im Moment gesehen wird (von ihm ausgehend) oder zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Erzählung“ – mit Fokus eher auf dem Augenblick als auf einem permanenten Zustand (WJ:369). Cirions Eid benutzt den Genitiv in de Wendung Elennažnórëo alcar „der Ruhm des Landes von Elenna“: Wenn man stattdessen den Possessiv verwendet, und die Formulierung (i) alcar Elennažnórëva verwendet, würde das die Betonung auf den „Ruhm“ von Elenna als durchgängiges Attribut des Landes legen. Nach der Zeitrechnung Mittelerdes wurde Cirions Eid ausgesprochen, lange nachdem Elenna (Númenor) zerstört worden und sein Ruhm sich als alles andere als immerwährend erwiesen hatte, deshalb wäre sie wohl nicht angemessen.

In unserem hausgemachten Beispiel alcar Elenna·nóreva hängten wir die besitzanzeigende Endung an ein Hauptwort, das kein fühlendes Wesen bezeichnet. Das ist ziemlich unpassend, denn wir haben attestierte Beispiele wie Taurë Huinéva „Wald der Dunkelheit“ (Düsterwald) und Nurtalë Valinóreva „Verhüllung von Valinor“. Wo kein empfindungsfähiges Wesen betroffen ist, nimmt der Possessiv offensichtlich hinsichtlich der Bedeutung andere Schattierungen an; es kann nicht um eine „Besitzherrschaft“ gehen, denn Dinge oder Substanzen können nichts besitzen. Vergleichen Sie zum Beispiel das erste Beispiel dieses Falls, das jemals veröffentlicht wurde, im Namárië im HdR: Hier finden wir yuldar...lisse-miruvóreva für „Schlucke süßen Mets“ (in der Prosaversion Namárië in RGEO:68 sind die Wörter tatsächlich aneinandergereiht als yuldar lisse-miruvóreva; in der poetischen Version im HdR tritt eine Reihe anderer Wörter zwischen die beiden Elemente dieser Wendung). Für Jahrzehnte war dies das einzige verfügbare Beispiel des Falles auf –va. Hier läuft diese Fallendung hinaus auf „(gemacht) aus“: Die yuldar oder „Schlucke“ bestehen aus lisse-miruvórë oder „süßem Met“. Diesem Beispiel folgend können Hauptwörter wie rië „Krone“ und telpë „Silber“ offensichtlich kombiniert werden zu rië telpeva, „Silberkrone, Krone aus Silber“. Es sei angemerkt, dass in einem solchen Fall – wo der Possessiv ein Material bezeichnet – das Hauptwort, das ihn bestimmt, nicht notwendigerweise durch ihn bestimmt ist (nicht „die Krone aus Silber“). Auf der anderen Seite würde yuldar lisse-miruvórevadie Schlucke von süßem Met“ zu bedeuten haben, aber Tolkien übersetzte es nicht auf diese Weise. – Mit nur diesem einen Beispiel aus dem Namárië als Arbeitsgrundlage dachten einige, die Nachforschungen betrieben, dass der Fall auf –va etwas war, was sie als „Kompositiv“ bezeichneten, ein Fall, der anzeigte, aus was etwas bestand (komponiert war). Diese Verwendung sollte beachtet werden, aber wir wissen jetzt, dass dies nur eine der zweitrangigen Funktionen dieses Falls ist.

Immer noch verbleibt die Tatsache, dass die Endung -va vom Ursprung her einfach adjektivisch ist, so dass dieser Fall leicht eine „beschreibende“ Funktion annehmen kann. Betrachten wir den Genitiv auf -o, so bemerkte Tolkien, dass er streng genommen NICHT adjektivisch benutzt wurde, um Eigenschaften zu beschreiben (not used „adjectivally to describe qualities“, (WJ:368): das ist vielmehr die Funktion des Falles auf -va. Das Beispiel Taurë Huinéva (Etym, entry PHUY) bedeutet offensichtlich „Wald der Dunkelheit (Düsterwald)“. Die Hauptwörter: taurë „Wald“ und huinë „tiefer Schatten, Dunkelheit“. Man kann fast ebenso gut huinéva als reguläres Adjektiv betrachten und Taurë Huinéva übersetzen als „dunkler Wald“ oder „schattiger Wald“. Der zugrunde liegende Gedanke ist, dass der „Wald“ durch die „Dunkelheit“ charakterisiert ist, somit kann der Fall auf -va beschreiben, was etwas oder jemanden charakterisiert. Vielleicht passt hier auch der Ausdruck Eruva lissë hin (aus einer längeren Wendung herausgenommen, VT44:12): Er könnte übersetzt werden mit „Gottes Gnade“, aber die Litany of Loreto, die Tolkien in Quenya übertrug, hat an dieser Stelle „göttliche Gnade“, und es kann gut sein, dass Eruva hier am besten als ein Adjektiv „göttlich“ zu verstehen ist, nicht als Hauptwort „Gottes“. Das Wort Eruva beschreibt die göttliche Qualität der „Gnade“ als eine Charakteristik dieser Gnade.

Solch eine „Charakteristik“ kann ebenso etwas Abstraktes sein oder eine Handlung: In frühem Material (LT1:14) finden wir das Beispiel Mar Vanwa Tyaliéva „Hütte des vergessenen Spiels“ – das mar oder „Hütte“ wird charakterisiert durch vanwa tyalië, „vergessenes Spiel“ (man muss die frühesten Manuskripte des Silmarillion lesen, wie sie in LT1 und LT2 wiedergegeben sind, um genau zu verstehen, worauf sich das bezieht). Es sollte jedoch beachtet werden, dass in einem solchen Kontext auch der Genitiv benutzt werden kann; in dem späten Essay Quendi and Eldar finden wir Rithil-Anamo für „Schicksalsring“ oder wörtlicher „Ring des Schicksals“ (WJ:401; das Alt-Quenya-Wort rithil „Ring, Kreis“ würde wahrscheinlich zu risil im Quenya des Exils). Rithil-Anamo bezieht sich nicht auf Saurons Ring, sondern auf den Máhanxar, den Kreis, in dem die Valar Gericht hielten. Das Wort anamo ist sonst nirgends attestiert, aber es muss der Genitiv sein entweder von anama oder von anan (mit dem Stamm anam-); offensichtlich bedeutet es „Schicksal, Gericht, Richten“ – die Handlung charakterisierend, die in dem Kreis (Rithil) vor sich geht. Vielleicht könnte man hier auch den Possessiv verwenden (?Rithil Anamáva oder ?Rithil Ananwa), ohne die Bedeutung zu verändern.

In einigen Fällen kann man tatsächlich im Zweifel sein, welcher Fall denn nun zu benutzen sei, der Genitiv oder der Possessiv; manchmal ist Tolkiens eigene Wahl ein wenig überraschend. Er verwendete den Possessiv in der Wendung Noldo-quentasta Ingoldova „Ingoldos Geschichte der Noldor“ (VT39:16) – mit dem Elben Ingoldo als Autor dieser speziellen Noldo-quentasta oder „Noldo-Geschichte“. Die Betonung liegt wohl kaum auf der Tatsache, dass Ingoldo diese „Noldo-Geschichte“ gehört (es sei denn Copyright war in Valinor eine große Streitfrage). Ingoldo ist einfach der Autor oder Urheber, und aufgrund dieser Bedeutung würden wir statt dessen den Genitiv erwarten, da er häufig Ursprung oder Quelle beschreibt. Doch vielleicht geht es hier um einen gewissen Konflikt: Da der Genitiv auch über, betreffend anzeigen kann (wie in Quenta Silmarillion), könnte Noldo-quentasta Ingoldo mit einem Genitiv statt dessen missverstanden werden als „die Noldo-Geschichte über Ingoldo“.

In jedem Fall läuft ein Beispiel für Tolkiens Wahl des Falles mit Sicherheit auf einen totalen Widerspruch zu dem hinaus, was er früher geschrieben hatte, in dem Essay Quendi and Eldar: Wir haben seine Erklärung, weshalb es normalerweise unsauber wäre, den Genitiv in einer Wendung wie lambë Eldaron „die Sprache der Eldar“ zu verwenden, zitiert – dies würde hinauslaufen auf „die Sprache, die von den Eldar kommt und später von anderen übernommen wurde“! Man muss statt dessen den Possessiv verwenden: lambë Eldaiva. Doch Tolkien selbst verwendete in einer sehr späten Quelle (PM:395) lambë Quendion für „die Sprache der Elben“ – und Quendion ist unmissverständlich der Genitiv Plural. Die Tatsache, dass Tolkien hier ein anderes Wort für „Elb“ benutzt (Quendë an Stelle von Elda), kann kaum einen Unterschied machen: Nach dem in  Quendi and Eldar  dargelegten System würden wir lambë Quendíva erwarten, mit dem Possessiv in der Verwendung für gegenwärtigen Besitz. Vielleicht können wir den Widerspruch in „internen“ Ausdrücken aufheben, wenn wir uns auf eine linguistische Entwicklung innerhalb der Mythologie berufen: Tolkien merkte an, dass es eine wachsende Tendenz gab, den Genitiv zu bevorzugen und dass er manchmal an Stelle des Possessiv verwendet wurde (WJ:369). Somit war es in „später Verwendung“ vielleicht natürlicher, lambë Quendion statt lambë Quendíva zu sagen – unter Verblassen der früheren Unterscheidungen.  Wenn man sich im Zweifel ist, welcher Fall zu benutzen sei, Genitiv oder Possessiv, ist es wahrscheinlich am besten, ersteres aufzugreifen.

Verschiedene Anmerkungen

mit einigen Details

ANMERKUNG 1: Vokalverlängerung in der Silbe vor der Fallendung:

Der aufmerksame Student wird bemerkt haben, dass der letzte Vokal eines Substantivs manchmal verlängert wird, wenn die Endung -va angefügt wird. Aus Eldalië + va wird Eldaliéva mit einem langen é (das dann die Betonung erhalten muss, entsprechend den normalen Regeln). Oroméva und tyaliéva als Possessive der Hauptwörter Oromë und tyalië sind weitere Beispiele. Beachten Sie, dass die Wörter Eldalië, Oromë, tyalië alle auf zwei kurze Silben enden (ohne Konsonantenhäufung, Diphthong oder langen Vokal). Wenn die Endung -va ohne weitere Veränderungen an sie angefügt würde, so würde die dadurch hinzukommende zusätzliche Silbe die Betonung auf die drittletzte Silbe wandern lassen (vgl. die Regeln zur Betonung, dargelegt in der ersten Lektion). Das würde in ziemlich scheußlichen Aussprachen wie **orOMeva, **eldaLIeva, **tyaLIeva enden. Wo also die Endung -va an ein Hauptwort angefügt wird, das auf zwei kurze Silben endet und keinen finalen Konsonanten aufweist, wird der Vokal in der letzten dieser Silben offensichtlich verlängert, um sicher zu stellen, dass er die Betonung erhält: oroMÉva, eldaliÉva, tyaliÉva. Aber wenn das Hauptwort auf einen Konsonanten endet, gibt es nicht länger einen Grund, den Vokal zu verlängern, denn wo wir uns mit einem Hauptwort dieser Form beschäftigen, wird das Anfügen der Fallendung (vielleicht als –wa erscheinend) zu einer Konsonantenhäufung führen, die ohnehin die Betonung auf den Vokal vor dem nächsten Cluster wandern lässt. Während zum Beispiel ein Name wie Menelmacar (die Quenya-Bezeichnung für den Orion) normalerweise auf der drittletzten Silbe betont wird, weil er auf zwei kurze Silben endet, würde sein Possessiv Menelmacarwa auf –arw betont, denn hier entsteht der Cluster rw: Der Cluster sorgt dafür, dass die nun vorletzte Silbe zu einer langen wird, und damit erhält sie die Betonung.

In der Originalversion dieses Kurses schrieb ich: „Es ist unklar, ob das eben skizzierte System – dass der letzte Vokal eines Hauptwortes mit zwei kurzen Silben am Ende vor der Endung –va verlängert wird – immer noch gültig ist, wenn ein Wort nur aus diesen zwei Silben besteht.“ Ich schrieb auch, dass ich in einem solchen Fall ein gutes Gefühl dabei hätte, wenn es keine Verlängerung gäbe. Dies wurde nun bestätigt durch das Beispiel Eruva als Possessiv von Eru (VT44:12, veröffentlicht im Juni 2002). Obwohl Eru auf zwei kurze Silben endet, sehen wir im Possessiv nicht **Erúva, denn die zwei kurzen Silben von Eru sind auch schon das ganze Wort. Die Verlängerungsregel ist also nur auf Wörter mit mehr als zwei Silben anzuwenden.

Huinéva (an Stelle von **huineva) für den Possessiv von huinë „Schatten, Dunkelheit, Düsternis“ ist allerdings ein verwirrendes Beispiel. Hier sehen wir die Verlängerung des finalen -ë zu -è-. Eine Zeitlang glaubte ich tatsächlich, finales werde  vor der Endung -va immer verlängert, aber der Plotz Letter zeigt, dass der Possessiv von lassë „Blatt“ lasseva lautet (nicht **lasséva). Wenn man das ui von huinë als zwei Silben rechnet (u-i) und nicht als Diphthong, würde das Beispiel mit der oben dargestellten Regel konform gehen: Der letzte Vokal von hu-i-në würde verlängert, wenn -va  angehängt wird, und es würde huinéva daraus. Aber da Tolkien ausdrücklich feststellte, dass das ui in Quenya einen Diphthong darstellt – folglich ausgesprochen als eine lange Silbe und nicht als zwei kurze, ist diese Erklärung nicht zufriedenstellend. Auch im Sindarin wird ui als Diphthong angenommen, aber in einem Sindarin-Poem taucht ui auf, wo das Metrum des Gedichtes zwei Silben erfordert. Vielleicht ist ui, obwohl ein Diphthong, gewissermaßen „überlang“ und zählt manchmal als zwei Silben, obwohl er vom Ohr als eine Silbe wahrgenommen wird. Letzte Zeile: Wenn die Fallendung -va an ein Hauptwort mit ui in der vorletzten Silbe angehängt wird, wird der Vokal in der letzten Silbe vor -va offensichtlich verlängert. Somit sollte der Possessiv von Hauptwörtern wie cuilë "Leben" or tuima "Schößling" offensichtlich cuiléva, tuimáva lauten.

Was die Genitivendung -o angeht, gibt es keine ähnliche Verlängerung, wenn die Endung an ein Hauptwort mit zwei kurzen Silben am Ende angehängt wird: Die Genitivform von Oromë ist attestiert als Oromëo, nicht **Oroméo (im Gegensatz zum Possessiv. Oroméva). Die Form Oromëo muss auf -rom- betont werden. Es scheint also wahrscheinlich, dass auch dann nichts Spezielles passiert, wenn ein -o an ein Wort wie huinë angehängt wird (Genitiv wahrscheinlich huinëo, kaum ?huinéo). Doch mir würde es gefallen, ein attestiertes Beispiel dafür zu sehen, was geschieht, wenn die Endung -o an ein Hauptwort angehängt wird, das auf zwei kurze Vokale in Hiatus (aufeinander folgend) endet - am häufigsten -ië, wie in Valië „weibliche Vala“. ?Valiëo wäre auf dem i zu betonen, was ziemlich schrecklich klingt; dasselbe gilt für die Pluralform ?Valieron. Ich vermute in einem solchen Fall stark, dass der Vokal in der Silbe vor der Genitivendung verlängert würde und damit die Betonung erhält: Valiéo, Valiéron. Aber wieder einmal haben wir keine Möglichkeit, sicher zu gehen; wir müssen weitere Veröffentlichungen erwarten.

ANMERKUNG 2: Spezielle Stammformen von Hauptwörtern:

Wo ein Hauptwort eine spezielle Stammform aufweist, würde sie jedes Mal auftauchen, wenn die Genitivendung -o angehängt wird. Die Genitive von nís (niss-) "Frau" oder talan (talam-) "Fußboden" wären nisso "einer Frau" and talamo "eines Fußbodens". Doch kann die Endung -va oder -wa für den Possessiv manchmal zu komplexeren Ergebnissen führen. Das Anfügen von -wa an ein Hauptwort wie talan, talam- würde vielleicht in talanwa resultieren, nicht in **talamwa, da aus mw in Quenya in der Regel nw wird. Aus Anhängen von -wa an filit (filic-) „Vogel“ würde folgerichtig in filicwa entstehen, aber das müssen wir entsprechend den normalen Konventionen als filiqua schreiben. Ich bin nicht ganz sicher, was der Possessiv von nís (niss-) „Frau“ sein sollte. **Nisswa ist mit Sicherheit kein mögliches Wort in Quenya; vielleicht sähen wir etwas wie nisseva, mit einem vor der Endung auftauchenden, zusätzlichen e, um den unmöglichen Konsonantencluster aufzubrechen (und nach einem Vokal sähen wir nach der Regel -va anstelle von -wa). - „Die Stammform“ von einigen Hauptwörtern ist einfach eine Zusammenziehung, z. B. fern- als Stamm von feren „Buche“. Die Genitivform wäre mit Sicherheit ferno, aber der Possessiv kann gut ferenwa lauten, ohne Zusammenziehung, da andere Beispiele anzeigen, dass eine solche Kontraktion vor einer Konsonantenhäufung nicht auftaucht (**fernwa ist kein in Quenya mögliches Wort). Natürlich können wir ebenso gut hier ein e einfügen und ?ferneva daraus machen, aber ich würde mit Sicherheit mein Geld auf ferenwa setzen.

ANMERKUNG 3: Eine Tolkienregel, die zu ignorieren wir uns leisten können (!):

In WJ:407 stellt Tolkien fest, dass der Fall, der mit der Endung -va hergeleitet wird, niemals seine starke adjektivische Nebenbedeutung verlor; tatsächlich sagte er, er „war und blieb ein Adjektiv“. Vergleichen Sie Eruva, benutzt im Sinn von „göttlich“ anstelle von „Gottes“ in Tolkiens Quenya-Übersetzung der Litany of Loreto. Wie wir uns aus Lektion 4 erinnern, bilden Adjektive auf -a ihren Plural auf (für das archaische -ai). Nach dem, was Tolkien in WJ:407 sagt, stimmt ein Hauptwort im Possessiv (mit der Endung -va), das einem Wort im Plural übergeordnet ist, mit diesem im Numerus wie jedes andere Adjektiv überein, und aus der Endung -va wird ein -vë. Deshalb verwendete er in WJ:369 für „die Könige der Elben“ i arani Eldaivë: Eldaiva „der Elben“ wird Eldaivë (archaisch Eldaivai), um im Numerus mit dem Hauptwort im Plural, von dem es abhängt, überein zu stimmen, mit arani „Könige“.

Doch das mag einer der Fälle sein, in denen Tolkien seine Quenya-Grammatik revidierte, ohne zu bemerken, dass seine neuen Ideen mit etwas in Widerspruch standen, das er schon veröffentlicht hatte. Denn im Namárië im HdR finden wir yuldar...lisse-miruvóreva für “Schlucke süßen Mets”, und Tolkien bestätigte später dieses Konstrukt in seinen Kommentaren zu Namárië in The Road Goes Ever On. Da yuldar „Schlucke“ ein Pluralwort ist, hätte lisse-miruvóreva nach dem in WJ:407 dargelegten System lisse-miruvórevë  lauten müssen. Wie ich schon sagte, die wahrscheinlichste „externe“ Erklärung ist einfach, dass Tolkien eine neue Regel einführte, ohne zu bemerken, dass er schon etwas veröffentlicht hatte, was ihr widersprach. “Intern“ betrachtet könnten wir vielleicht annehmen, dass der Possessiv in der älteren Periode immer noch als eine Art abgeleitetes Adjektiv wahrgenommen wurde, und dass er deshalb ebenso im Numerus übereinstimmte wie ein reguläres Adjektiv. Aber als die Zeitalter in Mittelerde dahingingen, wurden die Formen, die mit der Endung -va entwickelt worden waren, viel strikter nur als Fall eines Hauptwortes empfunden, und im späten Dritten Zeitalter, als Galadriel ihr Klagelied komponierte, war die adjektivisch geartete Übereinstimmung im Numerus aufgegeben worden. Für die Übungen zu diesem Kurs verwende ich sie nicht.