Lektion 11

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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Das Konzept der Fälle

Der Genitiv

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Fälle

Die Lektionen 1 - 10 betrafen hauptsächlich Adjektive und Verben. Was die Hauptwörter angeht, so haben wir nur behandelt, wie ihr Plural und die dualen Formen gebildet werden. Es gibt aber viel mehr über die Beugung eines Quenya-Verbs zu sagen. Die zweite Hälfte dieses Kurses wird sich überwiegend mit dem sorgfältig ausgeführten System der Fälle in Quenya befassen, das tatsächlich die charakteristischste Eigenschaft der Sprache darstellt. In der Behandlung der Hauptwörter spiegelt die grammatikalische Struktur von Quenya am klarsten zwei von Tolkiens Inspirationen wider, das Finnische und Latein.

Was sind, im linguistischen Sinn, Fälle? Ein Hauptwort kann in einem Satz viele Funktionen haben. Das Englische wie auch das Deutsche können die Funktion eines Hauptwortes schon durch die Wortreihenfolge klar machen. In einem Satz wie "der Mann liebt die Frau" ist es die bloße Wortreihenfolge, die die Tatsache offen legt, dass "der Mann" das Subjekt darstellt und "die Frau" das Objekt. Die Regel, die sich sehr leicht in das Unterbewusstsein von Kindern, die dem Deutschen ausgesetzt sind, einschleicht, geht in etwa wie folgt: "Das Hauptwort vor dem Prädikat ist das Subjekt, während das Hauptwort, das danach kommt, normalerweise sein Objekt darstellt." Wo die Wortreihenfolge nicht ausreicht, kann im Englischen eine klärende Präposition vor einem Hauptwort in den Satz schlüpfen, z. B. "to" in einem Satz wie "the Elf gives a gift to the Dwarf". Es gibt Sprachen, die hier kein "to" brauchen; stattdessen taucht das Wort "Dwarf", "Zwerg", in einer speziellen, gebeugten Form auf. Das ist zum Beispiel im Deutschen der Fall. Wir würden den Satz übersetzen mit "der Elb gibt dem Zwerg ein Geschenk". Die Beugung ist hier an dem bestimmten Artikel der zu erkennen, der hier im Dativ steht: dem.

Natürlich hat auch Quenya Präpositionen, und der Student wird schon einigen begegnet sein: nu "unter", or "über", imbë "zwischen", ve "wie", mir "in ... hinein" (das,  nebenbei erwähnt, gebildet ist aus der einfacheren Präposition mi "in"). Doch es ist eine charakteristische Eigenschaft der Quenya-Grammatik, dort eine spezielle Form des Hauptwortes zu bilden, die für sich alleine die Funktion anzeigt, wo das Englische und oft auch das Deutsche eine Präposition vor das Hauptwort setzen oder sich auf die bloße Wortreihenfolge verlassen, um die Funktion des Hauptwortes anzuzeigen. Diese verschiedenen, spezialisierten Formen des Hauptwortes werden Fälle genannt. Unser Beispiel von oben - "der Elb gibt dem Zwerg ein Geschenk" - würde in Quenya übersetzt etwa mit i Elda anta anna i Naucon, wo die Fall-Endung -n, angehängt an Nauco "Zwerg", der englischen Präposition "to" entspricht und im Deutschen "dem Zwerg". (Dieser spezielle Fall wird Dativ genannt, und er wird komplett in Lektion 13 behandelt werden.)

Bestimmte Präpositionen können ebenso verlangen, dass das Wort (Hauptwort oder Pronomen), das ihnen folgt, gebeugt erscheint - manchmal ziemlich ungeachtet der normalen, unabhängigen Funktion dieses Falles. Man sagt, die relevante Präposition "nimmt" diesen oder jenen Fall "an". Dasselbe Phänomen gibt es auch im Deutschen, und auch im Englischen, wenn man genau hinsieht. Während dieses System der Fälle, soweit es englische Hauptwörter betrifft, verschwunden ist, erhalten zumindest viele englische Pronomen eine spezifische Form, die gebraucht wird, wenn das Pronomen das Objekt und nicht das Subjekt eines Satzes ist. Das ist der Grund, weshalb "Peter saw he", "Peter sieht er", falsch ist; es muss heißen "Peter saw him", "Peter sah ihn", mit der Objektform des Pronomens. Natürlich erscheint hier auch das deutsche Pronomen gebeugt, doch ist es für uns Deutschsprachige weniger verwunderlich, da wir auch das Hauptwort beugen, wenn es zum Objekt eines Satzes wird.("He", "er", ist stattdessen die Subjektform, und deshalb eine saubere Angelegenheit in einem Satz wie "he saw Peter", "er sah Peter".) Doch während die primäre Funktion der Form "him", "ihn", als Objekt eines Satzes fungiert, bestehen auch viele Präpositionen darauf, von dieser Form gefolgt zu werden. Zum Beispiel klingt "from he", "von er", nicht gerade gut; es muss "from hin", "von ihm" lauten, obwohl "him", "ihm", hier nicht das Objekt eines Satzes darstellt.

Die Quenya-Hauptwörter, so weit wir sie bis jetzt besprochen haben (ob Singular, Plural oder duale Form), sind Beispiele für den Nominativ. Die wichtigste grammatikalische Funktion des Nominativs ist, dass es die Form darstellt, die ein Hauptwort annimmt, wenn es als Subjekt eines Verbs fungiert. In Lektion 5 sind wir kurz mit einer anderen Form des Verbs in Berührung gekommen, dem Akkusativ, eine Form, die das Hauptwort annimmt, wenn es zum Objekt eines Verbs wird. Modernes Englisch hat keinerlei Unterscheidung aufrecht erhalten zwischen dem Nominativ und dem Akkusativ von Hauptwörtern (obwohl eine solche Unterscheidung in einem Teil der Pronomentafel erhalten blieb, wie dem Nominativ "he" gegenüber dem Akkusativ "him" in unserem Beispiel oben). Im Deutschen dagegen nimmt der zum Hauptwort gehörende Artikel zum Teil eine eigene Akkusativform an, und zwar wenn das Hauptwort maskulin ist: Nominativ "der / ein Mann" vs. Akkusativ "den / einen Mann". Bei weiblichen und sächlichen Hauptwörtern sind Nominativ und Akkusativ identisch: "das / ein Haus" kann Objekt und Subjekt sein, ebenso "die /eine Frau": Im Plural sind auch im Deutschen Nominativ und Akkusativ identisch in ihrer Form: "die Männer", "die Frauen", "die Häuser" kann jeweils Nominativ als auch Akkusativ sein. Englische Hauptwörter ändern ihre Form nicht in Abhängigkeit davon , ob sie Subjekt oder Objekt des Satzes darstellen - und Hauptwörter im Quenya des Dritten Zeitalters tun das auch nicht. Tolkien erdachte eine archaische Form von Quenya, "Book Quenya", das einen eigenen Akkusativ hatte, in der Form vom Nominativ unterschieden. Das Hauptwort "Schiff" wäre cirya (Pl. ciryar), wenn es als Subjekt eines Satzes verwendet wird, aber ciryá (Pl. ciryai), wenn es als Objekt auftaucht: Nominativ vs. Akkusativ. Doch der eigene, unterschiedliche Akkusativ verschwand aus der Sprache, wie sie in Mittelerde gesprochen wurde; die Formen cirya (Pl. ciryar) kamen in den Gebrauch sowohl als Subjekt wie auch als Objekt. Somit können Sie entweder sagen, dass im Quenya des Dritten Zeitalters Nominativ und Akkusativ identische Formen wurden, oder Sie können sagen, dass der Nominativ auch die Funktionen des davon verschiedenen Akkusativs übernahm, so dass es im Endeffekt keinen Akkusativ mehr gibt. Es läuft am Ende auf exakt dasselbe hinaus.

Aber soweit wir wissen, war der Akkusativ der einzige Fall in Quenya, der unter den Verbannten verloren ging. Die verbleibenden Fälle sind in Ergänzung zum Nominativ Genitiv, Possessiv, Dativ, Allativ, der Ablativ, der Lokativ und der Instrumental. (Ich sollte hinzufügen, dass das Lernen von Form und Funktion der Fälle wichtiger ist, als ihre lateinischen Namen zu lernen.) Es gibt auch einen geheimnisvollen Fall, den Tolkien im Plotz Letter auflistete, aber ohne seinen Namen oder Gebrauch zu besprechen - so gibt es hier wenig, was ich darüber sagen könnte.