passive Partizipien

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

Vorwort.htm Quenya Einführung Lektion 1 Lektion 2 Lektion 3 Lektion 4 Lektion 5 Lektion 6 Lektion 7 Lektion 9 Lektion 8 Lektion10 Lektion 11 Lektion12 Lektion 13 Lektion 14 Lektion 15 Lektion 16 Lektion 17 Lektion 18 Lektion19 Downloads Quenya-Deutsch Deutsch-Quenya Lösungen Quellen Über mich

Passive Partizipien

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Nun werden wir zurückkehren zu den Partizipien. Das logische Gegenstück der aktiven Partizipien, die in der vorangegangenen Lektion behandelt wurden, sind augenscheinlich die passiven Partizipien. Sie werden oft stattdessen  "Mittelwort der Vergangenheit" bzw. "Partizip Perfekt" genannt (so wie oft auf die aktiven Partizipien als "Partizip Präsens" verwiesen wird). Doch der Ausdruck "passives Partizip" passt sehr gut. Dieses Partizip ist eine adjektivische Form, abgeleitet aus dem Stamm eines Verbs, und es beschreibt den Zustand, in dem etwas oder jemand zurückgelassen wird, nachdem er einer Handlung ausgesetzt war, die durch das korrespondierende Verb ausgedrückt wird. Beispiel: Wenn Sie etwas verstecken, ist es versteckt. Deshalb ist "versteckt" das passive Partizip des Verbs "verstecken". Das Wort "versteckt" kann als Adjektiv benutzt werden, sowohl prädikativ ("der Schatz ist versteckt") also auch attributiv ("versteckter Schatz"). Das passive Partizip "versteckt" steht im Gegensatz zu dem aktiven Partizip "versteckend": Das letztere beschreibt den Zustand des Subjekts, des handelnden Teils, wohingegen das passive Partizip den Zustand des Objekts beschreibt, das passiv der durch das Verb beschriebenen Handlung ausgesetzt ist.

Im Fall intransitiver Verben, wo kein Objekt betroffen sein kann, beschreibt dieses Partizip den Zustand des Objekts selbst nach Ausführen der durch das Verb beschriebenen Handlung: Wenn Sie fallen, werden sie danach gefallen sein; wenn Sie gehen, werden Sie danach gegangen sein. Hier macht der oft benutzte Ausdruck "Partizip Perfekt" Sinn; Partizipien wie gefallen oder gegangen beschreiben den Zustand des Subjekts nach dem Ausführen einer vergangenen Handlung. Sie sind im Gegensatz zu sehen zu dem "Partizip Präsens" (aktives Partizip" fallend bzw. gehend, wo der Zustand des Subjekts beschrieben wird, während die Handlung noch "präsent" oder im Verlauf ist.  Aber solange wir uns mit transitiven Verben beschäftigen - und die meisten Verben sind transitiv - denke ich nach wie vor, dass es besser ist, von "aktiven Partizipien" gegenüber "passiven Partizipien" zu sprechen.

Im Englischen haben einige wenige Partizipien die Endung -en, wie in den Beispielen hidden und fallen oben. Aber in sehr vielen Fällen sind die passiven Partizipien im Englischen in der Form der 1. Vergangenheit ähnlich, obwohl sie durch und durch andere Funktionen haben. Im Deutschen haben Präteritum und passives Partizip unterschiedliche Formen: lief - gelaufen, machte - gemacht und viele deutlich unregelmäßigere wie verdarb - verdorben usw. Wie sehen die entsprechenden Formen in Quenya aus?

Die überwiegende Mehrheit der Quenya-Partizipien scheint mit der Endung -na oder ihrer längeren Variante -ina gebildet zu werden. Einige attestierte A-Stamm-Partizipien findet man mit der längeren Endung, wobei das finale -a des Verbstammes und das i der Endung -ina in einem Diphthong -ai- verschmelzen (der die Betonung erhält, wie jeder andere Diphthong auch in der vorletzten Silbe). Ein Beispiel liefert uns die Wendung Arda Hastaina, "verdorbenes Arda", ein elbischer Ausdruck für die Welt, wie sie ist, befleckt durch die Schrecken Morgoths (MR:254). Dieses hastaina "verdorben" scheint das passive Partizip von einem Verb hasta- "verderben" zu sein, das sonst nirgendwo belegt ist! Doch das Verb hosta- "sammeln, versammeln, einberufen" ist sowohl in den Etymologies (Eintrag KHOTH) als auch im Markirya-Poem belegt (MC:222-223). Sein passives Partizip taucht in Firiel´s Song auf, als hostaina (attestiert in der Form hostainiéva "wird versammelt sein"; die Endung -iéva "wird sein" dürfte im Quenya im Stil von HdR kaum Gültigkeit haben, aber das zugrundeliegende Partizip mit Sicherheit). wir können wahrscheinlich folgern, dass A-Stämme auf -ta fast immer passive Partizipien auf -taina bilden. Da anta- "geben" bedeutet, wäre das Partizip "gegeben" antaina. Da orta- "heben" (oder intransitiv benutzt "sich erheben, aufsteigen") bedeutet, wäre das Wort für "erhoben" (und "aufgestiegen") wohl ortaina.

Vielleicht kann die Endung -ina an fast alle A-Stämme angefügt werden? Von einem Verb wie mapa- "packen, ergreifen", denke ich, können wir mapaina als das Partizip "gepackt, ergriffen" ableiten (indirekte Schützenhilfe dazu: Die Endung -ina wird auch benutzt, um Adjektive abzuleiten, wie in valaina "göttlich" - offensichtlich die Bildung eines Adjektivs, basierend auf Vala, einem Hauptwort, das in seiner Form einem einfachen A-Stamm wie mapa- ähnelt. Tatsächlich ist angedeutet, dass das Hauptwort Vala ursprünglich abgeleitet ist von einem einfachen A-Stamm-Verb vala- "anordnen, Macht haben": WJ:403-4. Wäre es nur ein Verb geblieben, hätte valaina stattdessen "angeordnet" bedeuten können.)

In seiner Quenya-Übersetzung des Hail Mary (Ave Maria) benutzte Tolkien für "geheiligt" astana an Stelle von aistaina (VT:43:28,30). Das Verb "heiligen, segnen" scheint aista- zu sein. vielleicht hat Tolkien hier das Partizip Perfekt mit der kurzen Endung -na abgeleitet an Stelle von -ina, um zwei aufeinander folgende Silben mit dem Diphthong ai zu vermeiden (wir können nicht wissen, ob ?aistaina überhaupt eine gültige Form wäre). 

Das Verhalten der A-Stämme auf -ya ist ein wenig unklar. In den Etymologies listete Tolkien eine Wurzel PER "in der Mitte teilen, halbieren" auf (vgl. Sindarin Perian "Halbling, Hobbit"). Er erwähnte ferner ein Quenyawort perya, offensichtlich ein Verb, das die Bedeutung der Wurzel erhielt. Unmittelbar hinter perya listete er ein nicht definiertes Wort perina auf. Ist es das passive Partizip "halbiert"? Ich denke, das ist fast sicher die Bedeutung des Wortes, aber vielleicht sollten wir es als eine unabhängige Adjektivform sehen, unmittelbar von der Wurzel abgeleitet, nicht wie das passive Partizip des Verbs perya-. (Wir hätten wohl périna mit langem é erwartet, wenn es ein passives Partizip wäre; siehe weiter unten die Sache mit rácina.)

An anderer Stelle in den Etymologies, unter dem Eintrag GYER, finden wir ein Verb yerya-"tragen, alt werden". Derselbe Eintrag erwähnt auch ein Wort yerna "getragen". Soweit es den englischen Glossar angeht, könnte yerna das passive Partizip des Verbs yerya sein. Sollten wir dann daraus schließen, dass Verben auf -ya ihre passiven Partizipien durch Ersetzen dieser Endung mit -na bilden? Wiederum glaube ich nicht, dass yerna tatsächlich das Partizip von yerya- ist, sondern eher eine unabhängige Adjektivform. Die folgende Tatsache unterstützt das Gesagte: 1) Tolkien führte yerna den ganzen Weg zurück zu dem urelbischen gyernâ, es wurde also nicht von dem späteren Verb abgeleitet; 2) Tolkien listete die Form yerna tatsächlich auf, bevor er das Verb yerya- erwähnte, was wiederum nahe legt, dass das erstere nicht vom letzteren abgeleitet ist, 3) yerna ist glossiert als "alt" ebenso wie als "getragen", und der erste Glossar legt nahe, dass yerna als unabhängiges Adjektiv zu betrachten ist, nicht als Partizip. Dieselbe Geschichte also wie mit perina oben. Das würde ebenso funktionieren mit einem Paar wie halya "verschleiern, verhüllen" gegenüber halda "verhüllt, verborgen" (Eintrag SKAL1). Letztere Form führte Tolkien auf das urelbische skalnâ zurück (aus initialem sk- wurde h- und ln wurde in Quenya zu  ld). Es kann gut sein, dass skalnâ im Urelbischen als passives Partizip der Verb-Wurzel SKAL- "verstecken, abschirmen" zählte, aber sein Quenya-Nachfahre halda hat sich in ein unabhängiges Adjektiv verwandelt (Einer von Tolkiens Glossaren zu diesem Wort, "shady", "schattig, düster", ist ebenfalls ein Adjektiv). Somit ist halda nicht notwendigerweise das passive Partizip des Verbs halya-, abgeleitet von derselben Wurzel, obwohl es gewissermaßen dieselbe Bedeutung hat wie das echte Partizip.   

Wie sind nun also Verben auf -ya tatsächlich zu behandeln? Ich denke, einen hochinteressanten Anhaltspunkt liefert uns MR:326 (vg. MR:315), wo uns Christopher Tolkien mitteilt, dass Tolkien in einem nach HdR datierten Text Mirruyainar oder Mirroyainar für "the Incarnate" (Plural) verwendete. Das scheinen passive Partizipien zu sein, die wie Hauptwörter gebeugt sind: "incarnated ones". Entfernen wir die Pluralendung -r, verbleibt uns mirruyana/mirroyana als mögliches Partizip "incarnated" ("verkörpert") - und wenn wir auch noch die angenommene Partizipienendungen wegnehmen, scheint das Verb "to incarnate", "verkörpern", mirruya- oder mirroya- zu lauten. Tolkien veränderte das Wort Mirruyainar/Mirroyainar später zu Mirroanwi, ohne irgendeine Verwendung von -ya, aber die aufgegebenen Formen könnten immer noch weitergeben, wie das passive Partizip eines Verbs auf -ya aussehen sollten. Solche Verben scheinen Partizipien auf -yaina zu bilden, genau so, wie Verben auf -ta Partizipien auf -taina  haben. Wenn somit das Verb lanya- für das Verb "weben" steht, könnte das Wort für "gewoben" gut lanyaina sein. Die der Regel folgenden Partizipien der Verben perya- "halbieren", yerya- "tragen" (Kleidung abtragen) und halya- "verschleiern, verhüllen"  wären dann ähnlich peryaina, yeryaina, halyaina (natürlich mit fast derselben Bedeutung wie die verwandten Adjektive perina, yerna, halda, aber letztere lassen nicht so klar durchblicken, dass die beschriebenen Zustände erlitten sind - siehe unten hinsichtlich harna- und harnaina).

Wir können vielleicht schließen, dass fast alle A-Stämme ihre passiven Partizipien durch Anfügen von -ina bilden. (Nach VT43:15 existiert eine Beschreibung des Systems der Verben in Quenya, wo Tolkien ausdrücklich bestätigt, dass -ina das Suffix von etwas ist, das er das "general 'passive' participle", das "'allgemeine' passive Partizip" nannte.) Neben aistana an Stelle von ?astaina für "geheiligt" ist die einzige Ausnahme, die in dem veröffentlichten Material auftaucht, die Form envinyanta "heilte" oder wörtlicher "erneuerte" (MR:405). Es scheint, als wäre es das passive Partizip eines Verbs envinyata- "erneuern" (selbst nicht attestiert, aber vgl. Aragorns Titel Envinyatar "Erneuerer"). Dieses Partizip wird gebildet mit Hilfe eines nasalen Infix, der vor die Endung -ta schlüpft. Wir können nicht wissen, ob die "regelmäßigere" Form ?envinyataina, selbst nicht attestiert, eine gültige Form wäre. Doch die Endung -ina wird nicht nur im Fall der A-Stämme benutzt; Primärverben mit c oder t als letztem Konsonanten bilden ihre passiven Partizipien genauso mit dieser Endung. Das Markirya-Poem enthält eine Form rácina "zerbrochen" (man tiruva rácina cirya[?] "wer wird ein zerbrochenes Schiff sehen [/beobachten]?", MR:222), Tolkien stellt rácina ausdrücklich dar als das passive Partizip (oder Partizip Perfekt) des Verbs rac- "brechen, zerbrechen" (MC:223). Das Verb "rechnen, zählen" heißt not-, und in Fíriel´s Song finden wir nótina als passives Partizip "gezählt": Es scheint also, dass Primärverben, die auf stimmlose Verschlusslaute wie c und t enden, ihre passiven Partizipien mit Verlängerung des Stammvokals und Anfügen der Endung -ina bilden. wir scheinen keine attestierten Beispiele von einem Partizip eines Verbs zu haben, das auf -p endet (ein anderer stimmloser Verschlusslaut), aber es würde aller Wahrscheinlichkeit nach demselben Muster folgen: Das Verb top- ist in den Etymologies aufgelistet; das Gedicht Namárië im HdR scheint nahe zu legen, dass Tolkien es später in tup- abänderte. Wenn dem so ist, wäre das Partizip stattdessen natürlich túpina.) Vielleicht bilden auch Primärverben auf -v ihre passiven Partizipien nach diesem Muster, z. B. lávina "erlaubt, bewilligt" (nicht zu verwechseln mit einem ähnlich klingenden Verb mit der Bedeutung "lecken"). Doch es fehlen uns Beispiele.  

Auch von Beispielen für andere Primärverben wimmelt es nicht gerade, aber die meisten von ihnen bevorzugen wahrscheinlich die kurze Endung -na vor der Endung -ina. MR:408 (vgl. MR:405) deutet an, dass Tolkien vincarna  für "geheilt" verwendete; die wörtlichere Bedeutung ist offenkundig "erneuert" oder vollkommen wortwörtlich "neu gemacht": Vin- ist der Stamm des Quenya-Adjektivs vinya "neu", und carna  "gemacht" kann nur das passive Partizip des Verbs car- "machen" sein. Somit haben Primärverben mit der Endung -r passive Partizipien auf -rna (und wegen der Konsonantenhäufung, die hier entsteht, kann der vorausgehende Stammvokal offenkundig nicht verlängert werden wie in der rácina-Gruppe, die wir oben angesprochen haben). MIt dem gegebenen mer- als Quenyaverb "wünschen" würden sich die Wanted-Plakate des Wilden Westens von Quenya offensichtlich Merna lesen.

In der ursprünglichen Version dieses Kurses schrieb ich an dieser Stelle: "Vielleicht wären mérina, cárina (rácina folgend) mögliche alternative passive Partizipien von mer-, car-, vielleicht auch nicht. Ich denke, es ist am besten, wenn wir uns hier von dem attestierten Beispiel carna leiten lassen." Laut VT43:15 zitierte Tolkien das Beispiel carina "gemacht" in derselben Beschreibung des Systems der Verben, auf das wir oben verwiesen haben (uns wird mitgeteilt, dass das relevante Manuskript wohl aus den Vierzigern stammt). Das späte Beispiel rácina "zerbrochen" deutet anscheinend an, dass er bei solchen Formen sich dazu entschied, den Stammvokal zu verlängern; carina würde dann zu cárina. Aber es scheint, dass die alternativen längeren Formen zulässig sein könnten, so dass auf den Wanted-Plakaten des Wilden Westens ebenso Mérina stehen könnte.

Für Primärverben auf -m und -n haben wir nur etwas, das wir als indirekte Beispiele ihrer passiven Partizipien betrachten könnten, aber sie sind vielleicht gut genug. Das Verb nam- "richten, urteilen" (namin "ich urteile", VT:41:13) scheint das passive Partizip namna  zu haben. Diese Form ist als Hauptwort mit der Bedeutung "Gesetz" attestiert (wie in Namna Finwë Míriello, "das Gesetz von Finwë und Míriel", MR:258). Offensichtlich wird das Partizip namna, ursprünglich mit der Bedeutung "gerichtet, geurteilt", auch als Hauptwort für "Urteil, juristische Entscheidung" verwendet und dann für "Gesetz, Statut". Was Primärverben auf -n betrifft, könnten wir solche Hauptwörter wie anna "Geschenk" und onna "Kreatur" betrachten im Vergleich mit den Verben anta- "geben" und onta- "schaffen" (siehe Einträge (ANA1 , ONO in den Etym). Dies sind natürlich keine Primärverben (und auf Quenya würden wir erwarten, dass sie die Partizipien antaina, ontaina bilden) - aber die Hauptwörter anna, onna könnten von primitiven Partizipformen stammen, die auf der nackten Wortwurzel beruhten, bevor -ta angehängt wurde, um jene Verben hervorzubringen, die heute in Quenya erscheinen. So könnte sich anna von einem primitiven Partizip "gegeben" herleiten, später nur eben als Hauptwort benutzt "etwas, das gegeben ist" = "Geschenk". Onna könnte ähnlich für ein ursprüngliches Partizip "geschaffen" stehen, später benutzt als Hauptwort "etwas Geschaffenes (Kreiertes)" = "Kreatur". Ich neige deshalb zu der Annahme, dass die Endung -na an Stämme von Primärverben angehängt werden kann, die die auf -n enden. Wenn zum Beispiel das Verb cen- "sehen" bedeutet, könnte cenna gut dass passive Partizip "gesehen" sein. Aber auch hier könnte cénina eine zulässige alternative Bildung sein (vielleicht können wir auch námina für "gerichtet" bilden, nach allem, was ich weiß). Seit VT43:15 enthüllte, dass das passive Partizip von car- ebenso gut c[á]rina sein kann wie carna (wie in Vincarna, MR:408), scheint dies wahrscheinlicher denn je. 

Was ist mit den Primärverben auf -l, solche wie mel- "lieben"? Wenn wir nicht noch einmal auf das Muster von rácina zurückgreifen wollen und für geliebt mélina verwenden wollen, müsste die Endung -na direkt an den Stamm angehängt werden. Aber da **melna kein mögliches Quenyawort ist, würde aus ln ein ld, (Quenya: halda, entwickelt aus dem urelbischen skalnâ). Die Etymologies listen wirklich ein Wort melda auf, erklärt mit "geliebt, lieb". Die erläuternden Worte sind Adjektive, aber in ihrer Bedeutung liegen sie natürlich sehr nah an dem Partizip "geliebt" bzw. ist eines der Adjektive im Deutschen mit dem Partizip sogar identisch ("beloved" = "geliebt"). Schauen wir also wieder auf ein ursprüngliches Partizip, das sich in ein unabhängiges Adjektiv entwickelt hat? Wäre das tatsächliche Partizip von mel- in der Form verschieden, um es von diesem Adjektiv auseinanderhalten zu können? Wenn ja, könnten wir wieder mélina betrachten. Oder ist melda beides, das Adjektiv "lieb" und das Partizip "geliebt"? Man mag sich fragen, ob es irgendeinen Standpunkt gibt, überhaupt zu versuchen, zwischen ihnen zu unterscheiden, wo ihre Bedeutung doch offensichtlich die selbe sein würde? 

Ein anderes Beispiel sei auch noch betrachtet: Das Quenyaverb für "tragen" scheint col- zu sein, obwohl es niemals unabhängig für sich belegt ist: Nur verschiedene Ableitungen sind in unserem Korpus zu finden. Eine von ihnen erscheint in MR:385: colla = "getragen" (auch verwendet als Hauptwort für "Gewand, Mantel", betrachtet als "etwas, das getragen wird"). Ist das ein Beispiel für ein passives Partizip eines Primärverbs auf -l? Können wir also mella für "geliebt" verwenden? Ich neige zu dem Glauben, dass colla eher eine adjektivische Ableitung ist - sie steht vielleicht für das primitive konlâ mit nasalem Infix aus der Wurzel KOL (nicht in den Etym). Seiner ursprünglichen Herkunft nach wäre es eine Entsprechung zu einem Quenya-Adjektiv wie panta "offen" (das Tolkien auf das urelbische pantâ zurückführte, entwickelt aus der Wurzel PAT, aufgelistet in den Etym). Ich fürchte, hinsichtlich der passiven Partizipien von Primärverben auf -l kann keine wirklich sichere Schlussfolgerung gezogen werden, doch ich denke, das sicherste wird sein, die Endung -da (die für das frühere -na steht) zu verwenden oder das längere -ina  kombiniert mit einer Verlängerung des Stammvokals. 

Sollten passive Partizipien im Numerus übereinstimmen, wie es normale Adjektive tun? Mit anderen Worten, sollte aus dem finalen -a ein (für das ältere -ai) werden, wenn das Partizip ein Hauptwort im Plural beschreibt? So weit ich es sehen kann, enthält der Korpus kein Beispiel, das uns leiten kann. Wir erinnern uns, dass aktive Partizipien (mit der Endung -la) nicht im Numerus übereinstimmen. Doch neige ich dazu, zu glauben, dass passive Partizipien sich in dieser Hinsicht wie normale Adjektive verhalten. Wir haben erst gesehen, in wie vielen Fällen es sogar schwierig ist, festzulegen, ob eine Form als passives Partizip oder als Adjektiv zu betrachten ist, da Adjektive mit derselben Endung hätten abgeleitet werden können. (In diesem Punkt gilt das genauso für das Englische: Ein Adjektiv wie naked könnte der Form nach ebenso gut ein passives Partizip sein; doch gibt es kein korrespondierendes Verb **nake "entblößen", somit können wir kein Paar nake / naked aufstellen, wie wir es bei love / loved können. Im Deutschen konnte ich trotz aller Bemühungen kein Adjektiv finden, das dieselbe Form wie ein passives Partizip aufweist und dem KEIN Verb zuzuordnen ist. Unsere regelmäßigen passiven Partizipien tragen die Vorsilbe ge-, und Adjektive auf ge-, denen kein Verb zuzuordnen ist und die damit eindeutig keine passiven Partizipien sein können, konnte ich wie gesagt nicht finden. Da von Adjektiven wie valaina "göttlich, heilig" und yerna "alt" angenommen werden muss, dass sie im Numerus übereinstimmen, ist es schwierig, sich vorzustellen, dass Partizipien wie hastaina "beschädigt, verdorben" oder carna "gemacht keine solche Übereinstimmung zeigen sollten. Somit würde ich aus dem finalen -a ein machen, wenn das Partizip ein Substantiv Plural beschreibt (oder mehrere Substantive).

Im Englischen werden passive Partizipien / das Partizip Perfekt als Teil von Umschreibungen verwendet, die die Funktion einer echten 1. Vergangenheit (Präteritum, engl. past tense) simulieren: "Der Zwerg hat den Elb gesehen"; "die Frau ist gefallen". (Auch im Deutschen umschreiben wir häufig damit die erste Vergangenheit, wobei wir das Perfekt gegenüber dem Präteritum eher für bereits abgeschlossene Vorgänge benutzen: "Die Frau fiel" meint eher den Vorgang in der Vergangenheit, "die Frau ist gefallen" meint eher das Ergebnis des vorher beschriebenen Vorgangs. In der Umgangssprache wird dennoch das Perfekt oft mit der Funktion der 1. Vergangenheit verwendet.) Quenya jedoch würde hier statt dessen die echte Vergangenheitsform (1. Vergangenheit, Präteritum) verwenden: I Nauco ecénië i Elda, i nís alantië. Vielleicht ist ná lantaina  für "ist gefallen" genauso zulässig, aber "der Zwerg hat den Elb gesehen" mit **i Nauco harya cenna i Elda wiederzugeben (unter Kopieren des exakten Wortlautes im Deutschen) würde nur in Unsinn resultieren. 

Eine letzte Anmerkung: In einigen Fällen wurden Formen auf -na, die ursprünglich Partizipien oder Adjektive waren, selbst zu A-Stamm-Verben. Das primitive Wort skarnâ, aufgelistet unter dem Eintrag SKAR in den Etymologies, war vielleicht ursprünglich ein passives Partizip "zerrissen" (da es von der Wurzel selbst heißt, sie bedeute "zerreißen"). In Quenya wurde aus skarnâ harna "verwundet", vielleicht eher als Adjektiv empfunden denn als Partizip. Das komische daran ist, dass harna- auch in den Gebrauch als ein Verb "verwunden" kam, und wenn dieses Verb sein eigenes passives Partizip harnaina hat, hätten wir uns komplett im Kreis gedreht! Im Deutschen müssten sowohl harna wie auch harnaina mit "verwundet" übersetzt werden, aber während harna nur den Zustand des Verwundetseins beschreiben würde, läuft harnaina darauf hinaus, dass die Wunden zugefügt wurden. Vergleichen Sie das deutsche Adjektiv "voll" (nur einen Zustand beschreibend) mit dem passiven Partizip "gefüllt" (was anzeigt, dass der fragliche Zustand aus der Handlung des Füllens herrührt).