intransitive Verben

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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Vergangenheit intransitiver Verben

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Wenn im folgenden von "Vergangenheitsform" die Rede ist, so ist damit immer die 1. Vergangenheit, das Präteritum, gemeint!

In Lektion 6 haben wir einige Regeln für "regelmäßige" Vergangenheitsformen dargelegt, aber wir sind auch mit verschiedenen "unregelmäßigen" Formen  in Berührung gekommen (das sind Vergangenheitsformen, die nicht einfach unter die verbreitetsten Muster fallen). Einige von ihnen bilden wohl Untergruppen, die "regelmäßig" genug sind im Hinblick auf ihre eigenen, speziellen Regeln.

Lassen Sie mich zuerst eine Handvoll Ausdrücke einführen, die die folgenden Erörterungen erleichtern werden: transitiv und intransitiv. In der linguistischen Terminologie nennt man ein Verb transitiv, wenn es ein Objekt besitzen kann. Die meisten Verben können das prompt, aber nicht alle. Ein Verb wie "fallen" ist nicht transitiv (= intransitiv). Das Subjekt selbst kann "fallen", aber das Subjekt kann nicht irgend etwas anderes "fallen"; es kann hier kein Objekt geben. Ein typisches intransitives Verb beschreibt nur eine Handlung, die das Subjekt selbst verrichtet, keine Handlung, die jemandem oder mit etwas getan wird. (Ich sage "typisch", weil Quenya tatsächlich einige Verben kennt, die nicht einmal ein Subjekt haben können, die sogenannten unpersönlichen Verben - zu besprechen in Lektion 18).

Einige Verben bilden Paare, von denen ein Verb transitiv ist, das andere intransitiv. Das Subjekt kann ein Objekt heben (transitiv), aber das Subjekt selbst kann kann sich nur erheben (intransitiv, deutlicher vielleicht noch, wenn man stattdessen "aufsteigen" verwendet, "erheben" kann im Deutschen auch transitiv verwendet werden) - ohne dass irgend ein Objekt berührt wird. Andere Beispiele von solchen Paaren sind transitiv "fällen" vs. intransitiv "fallen", oder transitives "legen" vs. intransitivem "liegen". Aber in vielen Fällen verwendet das Englische, sehr selten aber das Deutsche, dasselbe Verb für die intransitive wie die transitive Form, englisches Beispiel "to sink". Ein Subjekt kann ein Objekt sink = "versenken" (z. B. "the torpedo sank the ship", transitives Verb mit Subjekt und Objekt), oder das Subjekt sink = "sinkt" von alleine, sozusagen (z. B. "the ship sank", intransitives Verb nur mit einem Subjekt - offensichtlich wird das englische "sank" hier mit zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet. Eines der (selteneren) deutschen Beispiele wäre "zerreißen". "Das Segel zerreißt": Subjekt + intransitives Verb, hier kann man kein Objekt einfügen! "Der Schüler zerreißt das Papier": Subjekt + transitives Verb + Objekt. Eine solche Doppeldeutigkeit kann auch in Quenya auftauchen, orta- deckt zum Beispiel "heben" und "aufsteigen" ab, und man muss den Kontext berücksichtigen, um zu entscheiden, welche Bedeutung die relevante ist. (Um konkreter zu werden: prüfen Sie, ob der Satz ein Objekt einschließt oder nicht! Z. B. i aran orta = "Der König erhebt sich", aber i aran orta ranco = "Der König hebt einen Arm".)

Betrachten wir einige "unregelmäßige" Quenyaverben. Vom Verb farya- "genügen, ausreichen" heißt es, es habe die Vergangenheitsform farnë, unregelmäßig insofern, dass die Endung -ya des Verbstammes vor der Vergangenheitsendung -në wegfällt: Wir hätten wohl **faryanë erwartet, aber die Etymologies listen einige Verben mehr auf, die dasselbe Phänomen zeigen: Vanya- "gehen, verlassen, verschwinden" hat die Vergangenheitsform vannë. (Wahrscheinlich ersetzte Tolkien später das Verb vanya- durch auta- mit ähnlicher Bedeutung, aber wir können uns hier immer noch damit befassen.) Zu diesem Beispielen aus den Etymologies (siehe Einträge PHAR, WAN) können wir ein Verb hinzufügen, das der Student sich als Teil der vorangehenden Lektion einzuprägen hatte: lelya- "gehen, voranschreiten, reisen" aus WJ:363. Sein Präteritum ist nicht **lelyanë, sondern lendë, anscheinend eine ziemlich unregelmäßige Form (obwohl von nicht so wilder Unregelmäßigkeit wie das englische "to go" im Vergleich mit seiner Vergangenheitsform "went"!). Das plötzliche Erscheinen des Clusters nd ist kein großes Geheimnis; es erscheint durch nasales Infix der Urwurzel LED. (Diese Wurzel ist in den Etymologies aufgelistet, obwohl, nach einer späteren Quelle, LED gebildet wurde aus dem noch ursprünglicheren DEL. Lelya- soll von einer primitiven Wurzel ledyâ- [ledjâ] abstammen, "since dj became ly medially in Quenya" ["aus dj wurde in der Wortmitte in Quenya ly", WJ:363]. Die Vergangenheitsform lendë käme von lendê, dem Verb ledyâ, zu dem diese Form später wurde, nicht eben unähnlich.) Das wirkliche Rätsel ist hier folgendes: Warum verzichten die Verben farya-, varya- und lelya- im Präteritum auf die Endung -ya?

Es sei angemerkt, dass von ihrer Bedeutung her alle drei Verben eindeutig intransitiv sind: genügen, verschwinden, gehen. Das könnte natürlich einfach nur bloßer Zufall sein, aber die Etymologies versorgen uns mit einem weiteren hochinteressanten Beispiel. Unter dem Eintrag ULU ist ein Verb ulya- "strömen, gießen" aufgelistet. Tolkien deutete an, dass es ein double past tense, eine doppelte Vergangenheit hat. Wenn das Verb in transitivem Sinn benutzt wird, wie in "der Diener goss Wasser in eine Tasse", lautet die Vergangenheit "goss" ulyanë. Das wäre eine vollkommen "regelmäßige" Form. Doch wenn das Verb intransitiv eingesetzt wird, ist die Vergangenheitsform von ulya- stattdessen ullë (und steht wahrscheinlich für das ältere unlë, gebildet mit nasalem Infix aus ul- ohne die Endung -ya; vgl. villë als Präteritum von vil- "fliegen", obwohl im letzteren Fall die Endung -ya in keiner Form des Verbs auftaucht). Wenn Sie also übersetzen wollen "der Fluss ergoss sich in eine Schlucht", ist die einzusetzende Form ullë und nicht ulyanë.

Es scheint also, dass wir hier eine Regel erkennen können: Intransitive Verben auf -ya lassen diese Endung in der 1. Vergangenheit fallen; die Vergangenheit wird aus der endungslosen Wurzel gebildet, wie im Fall der Primärverben. Oder anders ausgedrückt: In der Vergangenheitsform verzichten Verben auf -ya auf diese Endung und verkleiden sich als Primärverben. In den seltenen Fällen, in denen ein Verb transitiv und intransitiv sein kann, wird die Endung -ya beibehalten, wenn es in transitivem Sinn benutzt wird (wie in der Vergangenheitsform ulyanë), aber fallen gelassen, wenn das Verb in einem intransitiven Sinn benutzt wird (ullë).

Warum das so sein soll, liegt gänzlich im Dunkeln. In anderen Zeitformen als der Vergangenheit scheint das Verb ulya- "strömen, gießen" in ein- und derselben Form zu erscheinen, egal ob transitiv oder intransitiv (Aorist ulya "strömt, gießt", Gegenwart (Verlaufsform) ulyëa "strömt, gießt gerade", Zukunft ulyuva "wird strömen, wird gießen" usw.). Aber es war niemals Tolkiens Absicht, ein neues Esperanto zu schaffen, eine Sprache, deren Ziel es ist, zu 100 Prozent regelmäßig und logisch zu sein. Innerhalb seiner Mythologie wird Quenya als eine normale, gesprochene Sprache vorgestellt, die sich über Tausende von Jahren entwickelt hat. Folglich hat Tolkien wohl absichtlich eingeschlossen, was Sie in jeder natürlichen Sprache finden werden: bestimmte Elemente, die nicht notwendigerweise sofort "Sinn" machen.    

Die meisten Verben auf -ya sind transitiv, und würden vermutlich ihre Endung in der 1. Vergangenheit beibehalten, bevor die Endung -në angehängt wird (wie in dem attestierten Beispiel ulyanë). Hier sind die meisten der verbleibenden intransitiven Verben auf -ya, obwohl Tolkien in ihrem Fall nicht wirklich irgendwelche Vergangenheitsformen erwähnte: 
hwinya- "kreisen, wirbeln, sich drehen" (Vergangenheit hwinnë?), 
mirilya-
"glitzern" (Verg. mirillë? - vgl. ulya-, Verg. ul), 
ranya-
"umherschweifen" (Verg. rannë?), 
súya-
"atmen" (Verg. súnë?), 
tiuya-
"anschwellen, dick werden" (Verg. tiunë?). 
Das Verb yerya- kann sowohl transitiv sein: "(am Körper) tragen", als auch intransitiv: "alt werden". Vielleicht ist die Vergangenheitsform im ersten Fall yeryanë und im letzteren Fall yernë, einfach so, wie wir das transitive ulyanë in Koexistenz mit dem intransitiven ullë als Vergangenheit "floss, strömte" vorfinden?

Ich sollte anfügen, dass all das bis zu einem gewissen Maß hypothetisch ist, da Tolkien nicht wirklich die Vergangenheitsform vieler intransititver Verben auf -ya erwähnte. Aber der Student sollte zumindest die attestierten "unregelmäßigen" Vergangenheitsformen beachten, einschließlich des doppelten Präteritums von ulya- "fließen, strömen" und speziell lendë "ging" als ziemlich unerwartete Vergangenheitsform von lelya- "gehen, reisen, voranschreiten".

ANMERKUNG: Das Perfekt dieses Verbs taucht in einigen Texten als lendië auf. SD:56 zeigt an, dass Tolkien in einem Entwurf in Cirions Eid lendian statt utúlien für "ich bin gekommen" benutzte ("out of the Great Sea to Middle-Earth have I come", "von dem Großen Meer bin ich nach Mittelerde gekommen"). Lendien würde wörtlich "ich bin gegangen/gereist" oder etwas ähnliches bedeuten. Diese Perfektform ist nicht erweitert, vielleicht einfach nur, weil Tolkien die Vorsilbe, die im Perfekt normalerweise vorangestellt wird, noch nicht erfunden hatte. Ich würde sie normalerweise ergänzen, und elendië als Perfekt von lelya- verwenden. Ich habe diese Perfektform in der Lösung zu einer der Übungen unten verwendet.