Pronominale Endungen

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

Vorwort.htm Quenya Einführung Lektion 1 Lektion 2 Lektion 3 Lektion 4 Lektion 5 Lektion 6 Lektion 7 Lektion 9 Lektion 8 Lektion10 Lektion 11 Lektion12 Lektion 13 Lektion 14 Lektion 15 Lektion 16 Lektion 17 Lektion 18 Lektion19 Downloads Quenya-Deutsch Deutsch-Quenya Lösungen Quellen Über mich

Pronominale Endungen -ntë und -t

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

In Lektion 8 führten wir drei pronominale Endungen ein: -n oder länger -nyë für "ich", -l oder länger -lyë für "du", und -s für "es". Aber ganz offensichtlich gibt es mehr Pronomen, und wir werden nun versuchen, uns die Pronominalendungen für die 3. Person Plural zu eigen zu machen: als Subjekt "sie", als Objekt im Deutschen ebenfalls "sie" (bzw. Dativ "ihnen").

Cirions Eid in UT:305 enthält das Wort tiruvantes, in UT:317 übersetzt mit "they will guard it", "sie werden es schützen". Das Verb tir- "beobachten, bewachen", die Endung für die Zukunftsform -uva "wird" und die Pronominalendung -s "es" sollten dem Studierenden zu diesem Zeitpunkt vertraut sein. So bleibt uns -nte- als das Element, das mit "sie" übersetzt ist. UT:317 stellt ausdrücklich fest, dass -ntë die Beugung der 3. Person Plural ist, wo vorher kein Subjekt erwähnt wird ("inflection of 3[rd person] plural where no subject is previously mentioned"). Wie die meisten kurzen linguistischen Anmerkungen von Tolkien bedarf auch diese etwas an Auslegung. Ich werde hier unterstellen, dass Tolkiens Absicht die folgende ist: Wenn ein Satz ein Subjekt im Plural hat, das "previously mentioned", vorher erwähnt ist, vor dem Verb auftaucht, erhält das Verb nur die normale Pluralendung -r (z. B. i neri matir apsa "die Männer essen Fleisch"). Aber wenn es kein "previously mentioned", vorher erwähntes Subjekt gibt, wird die Endung -r durch -ntë ersetzt, mit der Bedeutung "sie": Matintë apsa, "sie essen Fleisch". Offensichtlich würde diese Endung auch dann noch benutzt, wenn das Subjekt später im Satz klar wird; vielleicht können wir einen Satz bilden wie matintë apsa i neri "sie essen Fleisch(,) die Männer": Cirions Eid macht das Subjekt auch später im Satz klar (nai tiruvantes i hárar mahalmassen mi Númen "be it that they will guard it, the ones who sit on thrones in the west...", in der deutschen Übersetzung von Schütz etwas freier übersetzt mit "... er soll in der Obhut jener sein, die auf den Thronen des Westens sitzen" .

Cirions Eid taucht in Material auf, das nach dem HdR datiert ist, so dass die in UT:305, 317 enthaltene Information sicher als HdR-kompatibel gedacht war. Doch in Tolkiens frühem Material taucht eine ziemlich abweichende Pronominalendung für "sie" auf. In LT:114 finden wir die "Qenya"-Form tulielto "sie sind gekommen", mit der Endung -lto für "sie". Diese Endung gab es noch so spät wie zu der Zeit, als Tolkien Fíriel´s Song schrieb, der die Formen cárielto "sie machten" und antalto "sie gaben" enthält (LR:72). Ob sie noch im Quenya im Stil des HdR Gültigkeit hat ist eine andere Frage. Von den Pronominalendungen, die in HdR oder während der Periode nach HdR belegt sind, enden alle Subjektendungen, die eine eigene Silbe bilden, auf den Vokal (sechs Endungen alles in allem, wenn wir das oben besprochene -ntë einbeziehen). Ein Suffix -lto mit Endung auf -o scheint nicht besonders dazu zu passen (so würden manche -lto zu -ltë- ändern im HdR-Stil-Quenya, obwohl es keinen Beweis für eine solche Endung gibt). Ich tendiere dazu anzunehmen, dass Tolkien möglicherweise diese Endung komplett über Bord warf und durch -ntë ersetzte.

Es wurde die Meinung geäußert, dass -lto genauso gültig ist. Einige würden Tolkiens Anmerkung über die Verwendung von -ntë dort, wo kein Subjekt vorangeht, in einem absoluten Sinn interpretieren: es wäre nicht ausreichend, wenn das Subjekt nicht "previously mentioned", weiter vorne erwähnt ist im selben Satz, wie ich oben unterstellt habe. Wenn das Wort "sie" im Englischen oder Deutschen erwähnt wird, bezieht es sich natürlich auf eine Gruppe, die weiter vorne im Text oder der Unterhaltung erwähnt wurde, auch wenn es in einem ganz anderen Satz war. Die Endung -ntë würde nur nach vorne deuten, auf eine Gruppe, die später im Text oder Satz zu identifizieren sein würde (wie in diesem Fall in Cirions Eid). "Sie" mit dem Bezug zurück auf eine andere (bereits in einem anderen Satz erwähnte) Gruppe würde eine andere Endung benötigen, vielleicht das in früheren Quellen belegte -lto.

Ich kann nicht behaupten, dass das keine mögliche Interpretation von Tolkiens Worten oder den verfügbaren Beispielen ist. Doch ich habe immer noch ein ungutes Gefühl bei der Verwendung der Endung -lto im Quenya im Stil des HdR. In den Übungen, die ich für diesen Kurs entworfen habe, habe ich die Endung -lto ignoriert, unter der Annahme, dass -ntë als pronominale Endung für "sie" in einem allgemeinen Sinn benutzt werden kann. Wenn Tolkien von -ntë als pronominale Endung spricht, die für ein Subjekt benutzt wird, das vorher nicht erwähnt wurde, unterstelle ich, dass er meint "not  previously mentioned in the same sentence, nicht vorher im selben Satz erwähnt (denn wenn ein Subjekt im Plural schon aufgetaucht wäre, erhielte das Verb nur den normalen Pluralmarker -r). Folglich können wir - vermutlich - Formen wie diese bilden, mit -ntë an die verschiedenen Zeitformen von pusta- "halten, stoppen" angefügt:

Aorist pustantë sie halten
Gegenwart pustëantë sie halten (gerade)
(1.) Vergangenheit pustanentë sie hielten
Zukunft pustuvantë sie werden halten
Perfekt upustientë sie haben gehalten

.Wie durch das attestierte Beispiel tiruvantes = "sie werden es bewachen" angedeutet kann eine zweite pronominale Endung angehängt werden, die auf das -ntë (-nte-) folgt und das Objekt des Satzes anzeigt. Das führt uns zu einer anderen Frage: Wenn -ntë die Endung für das Subjekt "sie" ist, was ist das entsprechende Objekt "sie"?

Als wir weiter oben Adverbien besprochen haben, haben wir bereits den Satz andavë laituvalmet "lang werden wir sie preisen" aus dem HdR zitiert. Da wir wissen, dass laituvalmet "wir werden sie preisen" bedeutet, können wir leicht das finale -t als das Element herausfiltern, das mit "sie" übersetzt ist. (Der gewitzte Student wird ebenso fähig sein, die pronominale Endung zu isolieren, die für "wir" steht, aber wir werden uns diese für später aufheben: Tatsächlich kennt Quenya für "wir" verschiedene Endungen, mit unterschiedlichen Nuancen in der Bedeutung).

Wie gewöhnlich liegen die Dinge nicht kristallklar vor uns. Diejenigen, die hier gepriesen werden, sind Frodo und Sam, zwei Personen. Einige haben deshalb unterstellt, dass dieses -t ein duales "sie" darstellt, sogar mit der Annahme, dass laituvalmet wiedergegeben werden könnte mit "wir werden beide [von ihnen] preisen". Die Anhänger dieser Theorie wurden möglicherweise durch die Tatsache ermutigt, dass es auch eine duale Endung -t gibt (wie in ciryat "2 Schiffe"; blättern Sie zurück zu Lektion 3). Nichts kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt ohne Zweifel ausgeschlossen werden, aber die Endung -t "sie" scheint sehr gut zu -ntë "sie" zu passen. Ich glaube nicht, dass -t ausschließlich dual ist, aber in jedem Fall ist es die eine Endung, die mit "sie" übersetzt werden kann. Folglich müssten die folgenden Formen möglich sein:

Tirnenyet ich beobachtete sie
Melilyet du liebst sie
Hiruvanyet ich werde sie finden
und sogar
Pustanentet sie hielten sie an

Wahrscheinlich würde das auf zwei verschiedene Gruppen verweisen. "Sie stoppten sich selbst" wird wahrscheinlich anders ausgedrückt (unglücklicherweise wissen wir nicht genau, wie).