Lektion10

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

Vorwort.htm Quenya Einführung Lektion 1 Lektion 2 Lektion 3 Lektion 4 Lektion 5 Lektion 6 Lektion 7 Lektion 9 Lektion 8 Lektion10 Lektion 11 Lektion12 Lektion 13 Lektion 14 Lektion 15 Lektion 16 Lektion 17 Lektion 18 Lektion19 Downloads Quenya-Deutsch Deutsch-Quenya Lösungen Quellen Über mich

Lektion 10

 Adverbien

Die pronominalen Endungen -ntë und -t

Infinitive mit Pronomen als Objekt

Die 1. Vergangenheit von intransitiven Verben auf -ya

Passive Partizipien

 

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Adverbien

Adverbien bilden einen Satzteil, der benutzt wird, um uns in einem Satz mit "extra Information" zu versorgen. Ein typischer Satz vermittelt Informationen darüber, wer was (wem) tut, und benutzt ein Subjekt, ein Prädikat und, wenn notwendig, ein Objekt. Aber vielleicht möchten Sie ebenso Informationen über das wann, wo oder die Art der Handlung des Verbs einfügen. Das ist der Moment, in dem Adverbien die linguistische Bühne betreten.

In vielen Fällen stellen Adverbien für Verben das dar, was Adjektive für Hauptwörter sind. Wie ein Adjektiv ein Hauptwort beschreiben kann, so kann ein Adverb die Natur der Aktion des Satzes beschreiben. In einem Satz wie "sie verschwanden rasch (engl.: swiftly)" ist das letzte Wort ein Adverb, das beschreibt, wie oder auf welche Weise "sie verschwanden". Wenn wir sagen, "sie singt nun", ist das Wort "nun" ein Adverb, das die Frage beantwortet, wann die Handlung stattfindet. Und wenn wir sagen, "sie taten es hier", ist das Wort "hier" ein Adverb, das uns mitteilt, wo die Handlung stattfand.

Einige Adverbien könnten "eigenständig", "grundständig" genannt werden, da sie nicht von einem anderen Satzteil abgeleitet werden. Betrachten Sie einfach ein die Zeit anzeigendes Adverb wie das deutsche "jetzt" und sein Quenya-Äquivalent ; es kann von nichts abgeleitet werden. Aber sehr viele englische und deutsche Adverbien sind in dieser Art nicht "eigenständig". Sie sind, wie leicht zu durchschauen ist, von Adjektiven abgeleitet, wie in einem der Beispiele, das wir eben benutzten: Das englische Adverb "swiftly", "rasch",  basiert offensichtlich auf dem Adjektiv "swift", "rasch" (im Deutschen sind beide Formen identisch, Adjektiv und Adverb unterscheiden sich in der Form nicht, was uns die Sache nicht unbedingt erleichtert! Unterscheiden Sie genau, ob ein Wort wie hier "rasch" einen Vorgang, ein Verb beschreibt (daher auch der Ausdruck "Ad-verb", "zum Verb") oder ein Hauptwort (dann ist es ein Adjektiv). Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: mit etwas Übung fällt es bald relativ leicht, die beiden Formen intuitiv richtig zu benutzen. Im Englischen ist der große Adverbien-Bildner die Endung -ly, die im Prinzip an jedes beliebige Adjektiv angehängt werden kann und es damit zum Adverb macht (und Paare bildet wie deep / deeply ("tief" ), great/greatly ("groß"), high/highly ("hoch"), swift/swiftly ("schnell, rasch") und zahlreiche andere... aber vorzugsweise nicht "good/goodly", da der Platz von "goodly" schon durch das eigenständige Adverb "well" besetzt ist (im Deutschen in beiden Fällen "gut")). Da wir nur über eine handvoll Wörter verfügen, die Tolkien ausdrücklich als Adverbien bezeichnete, aber über eine Fülle von Adjektiven, wäre es nett, wenn wir einen Quenya-Adverbien-Bildner ausmachen könnten, vergleichbar der englischen Endung -ly. Dann könnten wir unsere eigenen Quenya-Adverbien entwickeln.

Wir könnten über eine solche Quenya-Endung verfügen. Sie taucht im Herrn der Ringe auf, als Teil des Cormallen Praise (Lobpreis auf dem Feld von Cormallen, Band 3, Buch 6, Kapitel IV: "Das Feld von Cormallen"). Als Teil des Lobs, das die Ringträger erhalten, finden wir die beiden Wörter andavë laituvalmet, übersetzt mit "lange werden wir sie preisen" in Letters:308. Hier finden wir das Adverb andavë, "lang" (hier in der Bedeutung "für eine lange Zeit"). Wir wissen, dass das Quenya-Adjektiv für "lang" anda heißt (vgl. Sindarin and wie in And+uin = Anduin, "langer Fluss"). Es scheint also, dass dieses Adjektiv durch Ergänzung der Endung - zu einem Adverb umgeformt wurde (wahrscheinlich verwandt mit der Quenya-Präposition ve "wie"). Im Fall von anda/andavë ist die Übersetzung im Englischen in beiden Fällen "long" (im Deutschen wie immer in BEIDEN Fällen "lang") , aber normalerweise würde die Endung -vë mit dem englischen "-ly" übereinstimmen.  Wenn also alta "great", "groß" bedeutet,  können wir dann altavë für "greatly", das Adverb "groß", verwenden? Da tulca ein Wort für "firm", "stark" ist, wäre dann "firmly", das Adverb "stark", tulcavë? Da wir wissen, dass saila "weise" bedeutet, können wir dann festhalten, dass sailavë ein akzeptables Wort für das Adverb "weise" wäre? Im großen und ganzen denke ich, dass solche Formen annehmbar sind, obwohl das mögliche Anfügen der Endung -vë eigentlich nicht uneingeschränkt sein könnte. Das Quenya-Adjektiv für "gut" lautet mára; man fragt sich, ob máravë für das Adverb "gut" nicht genauso verrückt klingt wie "goodly" im Englischen! Ein eigenständiges Adverb vandë "gut" taucht in Tolkiens frühester Quenya-Wörterliste auf [QL:99]; ob das im Quenya im Stil des HdR etwa vierzig Jahre später noch ein gültiges Wort war, kann niemand sagen.)  

Wie anda "lang" endet die große Mehrheit der Quenya-Adjektive auf -a. Die weniger häufigen Adjektive auf stammen in fast allen Fällen von ur-elbischen Formen auf -i, und dieser Vokal bleibt vor Endungen oder in einem Wortverbund unverändert erhalten: Vergleichen Sie morë "dunkel, schwarz" mit dem Verbund Moriquendi "Dunkelelben". Wir müssen annehmen, dass der ursprüngliche Vokal auch vor der Adverbienendung -vë bevorzugt wird - wenn wir also aus morë ein Adverb "dunkel" ableiten wollen, sollte es wahrscheinlich eher morivë heißen statt morevë. In Wirklichkeit besteht nur bei wenigen Adjektiven auf die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein korrespondierendes Adverb haben; sie bezeichnen meistens Farben. Vielleicht könnten wir mussë / mussivë "weich" bilden, nindë / nindivë "dünn" und ringë / ringivë "kalt" (aber in einer späteren Quelle taucht das Wort für "kalt" als ringa auf und nicht als ringë, und in diesem Fall wäre das Adverb einfach ringavë).

Wie die Endung -vë an die wenigen Adjektive auf -n angefügt werden würde, ist ziemlich unklar. Das Adjektiv melin "lieb" (nicht zu verwechseln mit dem ähnlich klingenden Aorist in der 1. Person, "ich liebe") könnte ein korrespondierendes Adverb melinvë "lieb" haben, denn obwohl nv nicht in eigenständigen Wörtern auftaucht, ist es eine mögliche Quenya-Kombination (vgl. Aragorns Titel Envinyatar "Erneuerer", wo en- für "Er-" steht). Wenn auf der anderen Seite aber die Endung -vë verwandt ist mit der Präposition ve "wie", stammen möglicherweise beide ab von be im Ur-Elbischen. Wir könnten dann argumentieren, dass aus dem Original melin-be in Quenya eher ein melinbë würde. Von noch einmal einer anderen Seite aus betrachtet scheinen Adjektive auf -in verkürzte Formen von längeren auf -ina zu sein, und dann könnte man argumentieren, dass dieses a vor einer Endung erhalten bliebe. Somit könnte das Adverb "lieb" melinavë lauten. (Ich würde sagen, vergessen Sie melin und beginnen Sie stattdessen besser mit melda oder moina, diese Adjektive bedeuten ebenfalls "lieb": Dann können wir einfach meldavë oder moinavë bilden!)

Zumindest im Englischen (auch im Deutschen) beschreibt ein Adverb nicht notwendigerweise eine Handlung. Es kann auch verwendet werden, um die Bedeutung eines Adjektivs zu modifizieren (oder sogar ein anderes Adverb). Das ist eine Art von Meta-Beschreibung, eine Beschreibung einer anderen Beschreibung. Ob Quenya-Adverbien (oder speziell die auf -vë) auf diese Art verwendet werden können, weiß niemand. Beispiel: Können wir so frei sein, valainavë vanya für "göttlich schön" zu benutzen, wo wir wissen, dass valaina das Quenya-Adjektiv für "göttlich" ist? Tolkien lieferte uns auqa als das Adverb "ganz, total, vollständig" (WJ:392 - dies ist ein "Grund-"Adverb, von keinem Adjektiv abgeleitet. Es scheint sehr wahrscheinlich, dass dieses aqua ein Adjektiv modifizieren kann, zum Beispiel aqua morë "völlig dunkel". Wenn das nicht so ist, sollte uns Tolkien das mitgeteilt haben...!

Es sei angemerkt, dass Tolkien in einigen frühen Quellen Adverbien auf -o benutzt statt auf -vë. Das eine Zeugnis für das letztere ist, wie ich herausgestellt habe, andavë im Vergleich zu dem Adjektiv anda "lang". Es existiert aber ein früher "Qenya"-Satz, der "die Elben lagen lang schlafend bei Kovienéni [später: Cuiviénen]" übersetzt ist; siehe Vinyar Tengwar #27. In diesem Satz taucht das Adverb "lang" als ando auf, nicht als andavë. Weitere Beispiele für Adverbien auf -o schließen ento "nächster" und rato "bald" ein (in einem "Arctic"-Satz, zitiert in Father Christmas Letters - offensichtlich eine Form von "Qenya", obwohl sie in einem Kontext auftaucht, der nichts mit Tolkiens ernsthaftem literarischen Werk zu tun hat). Wir könnten sogar das Adverb voro "immer, kontinuierlich" einschließen, aus einer ähnlich späten Quelle wie den Etymologies (Eintrag BOR), obwohl in diesem Wort das finale -o vielleicht einfach den Stammvokal darstellt, der redupliziert und angehängt wurde.

Das Beispiel ando "lang" (nicht zu verwechseln mit dem Hauptwort "Tor"), das offensichtlich von dem Adjektiv anda hergeleitet ist, scheint anzuzeigen, dass die Endung -o zur Ableitung von Adverbien aus Adjektiven benutzt werden kann. Können wir dann zum Beispiel tulco "stark" bilden aus tulca, als Alternative zu tulcavë? Oder sollten wir es so verstehen, dass Tolkien in der Periode von HdR das -o als Endung für Adverbien abgelegt hatte? Wenn das so ist, führte er -vë als Ersatz ein, nicht als Alternative (und wechselte von ando zu andavë.

Wir können nicht wissen, ob -o im Quenya im Stil des HdR noch eine gültige Adverbienendung ist. Aber wenn wir Adverbien von Adjektiven ableiten, würde ich für den "sicheren" (oder wenigstens sichereren) Weg plädieren und stattdessen nur die Endung -vë verwenden. In den Übungen unten habe ich die Endung -o nicht verwendet, also nur -vë. Andrerseits würde ich im gegenwärtigen Stadium nicht an attestierten Adverbien wie ento, rato, voro herumbasteln (und sie zu ?entavë etc. verändern). 

Stimmen Adverbien, wie Adjektive, im Numerus überein? Es wurde angenommen, dass andavë tatsächlich ein Adverb im Plural darstellt, in Übereinstimmung mit einem Plural-Verb (andavë laituvalmet "lang werden wir sie preisen" - beachten Sie die Pluralendung, die an das Verb angehängt ist). Wenn das so ist, dann könnte -vë die Pluralform einer adverbialen Einzahl-Endung -va sein, vollkommen unbelegt. In Übereinstimmung mit diesem System hätten wir eine Variante wie i nér lendë andava "der Mann reiste lange" (Singular-Adverb zu Singular-Verb) gegenüber i neri lender andavë "die Männer reisten lange" (Plural-Adverb zu einem Plural-Verb). Aber das ist zu 100 % hypothetisch. Da im gegenwärtigen Stadium keine Regel ausgemacht werden kann, neige ich dazu zu glauben, dass es eine solche Variante nicht gibt. Wahrscheinlicher ist die adverbiale Endung -vë eine unveränderliche Form, verwandt mit der Präposition ve "wie", wie oben vermutet.

Zum Abschluss sollte ich erwähnen, dass einige Quenya-Adverbien von anderen Satzteilen als Adjektiven abgeleitet sind. Im Namárië finden wir oialë als Adverb "für immer" (oder "immerwährend", wenn wir der Übersetzung zwischen den Zeilen in RGEO:67 folgen). Aber die Etymologies, Eintrag OY, deuten an, dass oialë strenggenommen oder von seinem Ursprung her ein Hauptwort mit der Bedeutung "immerwährendes Zeitalter" ist. Offensichtlich wird dieses Hauptwort im Namárië als Adverb benutzt.

Wendungen, die Präpositionen verwenden, haben sehr oft adverbiale Funktion, und manchmal könnten sich aus ihnen eigenständige Adverbien bilden: In Cirions Eid finden wir tennoio als weiteres Quenya-Wort mit der Bedeutung "für immer", aber in UT:317 erklärt Tolkien, dass diese Form einfach zusammengezogen ist aus zwei ursprünglich getrennten Wörtern: der Präposition tenna "so weit wie" + oio "eine endlose Periode".

Schließlich finden wir noch etwas, das ich schon "eigenständiges Adverb" genannt habe, nicht abgeleitet von irgendeinem anderen Satzteil. Aqua "vollständig" und "nun" sind zwei schon oben angeführte Beispiele; wir können auch Wörter wie amba "auf(wärts)", háya "weit weg" (vermutlich im Dritten Zeitalter in der Form haiya), oi "immer" und andere einbeziehen.