Infinitive mit Pronomen

(Autor: Helge Fauskanger - Übs: Brigitte Raßbach)

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Infinitive mit Pronomen als Objekt

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Bis jetzt haben wir uns zwei Pronomenendungen zu eigen gemacht, die als Objekt des Satzes benutzt werden können, -s für "es" und -t für "sie". Wie aus belegten Beispielen klar wird (tiruvantes "sie werden es bewachen", laituvalmet "wir werden sie preisen"), können diese Endungen an ein finites Verb angehängt werden, nach einer pronominalen Endung, die das Subjekt bezeichnet. Aber wie ist das mit einer längeren Verbalwendung, die einen Infinitiv verwendet?

Beginnen wir mit einem Satz wie i mól veryanë cenë i aran ar i tári, "der Sklave wagte es, den König und die Königin zu anzusehen". Nun wollen wir die gesamte Wendung "den König und die Königin" loswerden und durch das Pronomen "sie" ersetzen, also "der Sklave wagte es, sie anzusehen". (Beachten Sie, das ich bewusst ein Beispiel konstruiere, das mit der Thoerie des -t als nur dual kompatibel ist, auch wenn ich nicht an diesen Fall glaube... unnötige Risiken sind, was sie sind: unnötig!) Nun, wo hängen wir die Endung -t an? Es ist ziemlich offensichtlich, dass sie an den Infinitiv cenë "anzusehen" angehängt werden muss. Cenet also? Oder man könnte cenit für die bessere Wahl halten, da der Infinitiv cenë für das urelbische keni zu stehen scheint und -i aus der Ursprache an finaler Postition zu wird. So wäre dann "der Sklave wagte sie zu sehen" = i mól veryanë cenit, richtig?

Falsch! In Vinyar Tengwar #41, Juli 2000, wurde enthüllt, dass der Infinitiv von Primärverben mit der Endung -ita gebildet wird, wenn irgendwelche pronominalen Endungen angehängt werden (tatsächlich ist das Suffix nur -ta-, das angehängt an einen Infinitiv wie cenë = ceni- ein cenita- hervorbringt). Tolkien verweist in einigen seiner späten (ca. 1969) Notizen auf "the general (aorist) 'infinitive' formed by adding -i (not as such capable of any further suffixion; with pronominal affixes it was the stem of the aorist tense); the particular inifinitive with -ita differing in use from the prededing mainly in being able to receive pronominal object affixes" ("den allgemeinen (Aorist-) 'Infinitiv', gebildet durch Anhängen von -i (als solches kein beliebiges weiteren Suffix zulassend; mit pronominalen Suffixen war es der Stamm der Zeitform des Aorist); der spezielle Infinitiv auf -ita unterscheidet sich im Gebrauch vom vorausgehenden hauptsächlich darin, dass er pronominale Endungen für ein Objekt erhalten kann", VT41:17). Er fuhr fort mit dem Zitat des Beispiels caritas, "es machend" (oder wahrscheinlich ebenso "es zu machen") - ein Infinitiv des Verbs car- "tun, machen" mit der Objektendung -s.

Wie ich in der vorangehenden Lektion herausgearbeitet habe, ist es unklar, ob der Verweis auf einen Infinitiv, gebildet mit "adding -i", Anhängen von -i, darauf hindeutet, dass es einen gegenwärtigen Quenya-Infinitiv gibt, der die Endung -i zeigt. Tolkien bezieht sich vielleicht einfach auf die Originalform der Infinitivendung, z. B. urelbisches kweti als die Form, die der gegenwärtigen Quenyaform quetë "(zu) sprechen" zugrunde liegt (attestiert in dem Satz polin quetë "ich kann sprechen"). Wie auch immer, dieser Infinitiv konnte als solcher keine weiteren Endungen erhalten, offensichtlich um Verwechslung mit dem "stem of the aorist tense", dem Stamm der Aorist-Zeitform, zu verhindern. Der Infinitiv von car- "machen, tun" wäre carë (cari-), aber wenn wir versuchen, eine Endung wie -s "es" direkt daran anzuhängen, um "es zu tun" auszudrücken, würde die resultierende Form **caris einfach wie der Aorist "es macht", "es tut" aussehen. Die tatsächliche Form caritas ist nicht zweideutig.

Im Fall von "sie machen" gegenüber "sie zu machen" gäbe es auch ohne das zusätzliche -ta- einen Unterschied, da sich die Subjektendung für "sie" (-ntë) von der Objektendung "sie" (-t) unterscheidet. Auch so entschied sich Tolkien offensichtlich, jede mögliche Verwechslung zwischen Aorist-Formen mit Subjektendungen und Infinitiven mit Objektendungen zu vermeiden: Die Infinitive fügen -ta- zwischen dem reinen Infinitiv und dem pronominalen Suffix ein. Deshalb wird der Infinitiv "sehen" ausgeweitet von cenë zu cenita-, wenn er eine Objektendung erhält. "Die Sklaven wagten es, sie anzusehen" muss in Wirklichkeit i mól veryanë cenitat heißen, mit einem zusätzlichen -ta-, das sich zwischen Infinitiv und Objektendung drängt. 

Es ist unklar, ob A-Stämme sich genauso verhalten. Vinyar Tengwar #41 veröffentlichte nur eine kurze Anmerkung von Tolkiens Notizen von 1969 (der Herausgeber brauchte den Platz offensichtlich für wichtigere Dinge, wie einen tiefgründigen Artikel über die optimale Übersetzung des Ringspruchs ins Bulgarische). Das oben wiedergegebene Zitat beschäftigt sich offensichtlich nur mit der Infinitivform von Primärverben - jene, die den Aorist auf bilden oder mit Endungen auf -i-. Einige Schreiber nahmen an, dass A-Stämme, wenn sie als Infinitiv fungieren, auf ähnliche Weise ein -ta anhängen, bevor beliebige pronominale Endungen angehängt werden. Mit Verben wie metya- "enden, beenden" und mapa- "greifen, packen" würde das etwa wie folgt funktionieren:

Merintë metyatas

sie wollen es beenden
I ohtari úvar mapatat die Krieger werden sie nicht packen

Vielleicht sind solche Sätze weitgehend in Ordnung, vielleicht auch nicht. Gegenwärtig können wir das nicht sagen. Man mag bezweifeln, dass die Endung -ta an den Stamm eines Verbes angehängt wird, der bereits auf -ta endet, wie orta- "(er-)heben, aufsteigen". Sollte "ich kann es heben" tatsächlich polin ortatas heißen? Im Allgemeinen mag Quenya zwei aufeinanderfolgende Silben, die ähnlich klingen, nicht besonders, wie hier die beiden ta´s.

Glücklicherweise können wir diese Ungewissheiten umgehen. Wir können es einfach vermeiden, pronominale Objektendungen an Infinitive von A-Stämmen anzuhängen, da wir wenigstens einige unabhängige Objektpronomen kennen (z. B. te "sie" anstelle der Endung -t-; für zum Beispiel "du wolltest sie heben" können wir mernelyë mapa te bilden, anstelle der unsicheren Konstruktion ?mernelyë mapatat). Wir werden die unabhängigen Pronomen in einer späteren Lektion behandeln. In den Übungen unten werden die Infinitive auf -ita + Objekt-Endung nur Primärverben betreffen.

Es ist interessant zu bemerken, dass Tolkien caritas mit "doing it" ("es machend" VT41:17) übersetzte. Das mag nahe legen, dass solche Infinitive auch als das Subjekt eines Satzes fungieren können, z. B. cenitas farya nin "es zu sehen ist genug für mich" (farya- Verb "genug sein, genügen"; nin "für mich").