Relativsätze

Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach

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Relativsätze 

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Im HdR gibt es ein einziges Beispiel für einen Quenya-Lokativ. Die Endung -ssen für den Lokativ Plural erscheint im Namárië, in der Wendung Vardo tellumar..., yassen tintilar i eleni = "Gewölbe Vardas..., in denen die Sterne zittern..."

Das Wort ya "die", hier mit der Lokativendung -ssen, um „in denen“ auszudrücken, ist ein Relativpronomen. Es kann verwendet werden, um Relativsätze zu bilden, das heißt Sätze, die in andere eingebettet sind als eine Art Beschreibung. Zwei Sätze wie „der Schatz ist groß“ und „du fandest ihn“ können kombiniert werden zu „der Schatz, den du fandest, ist groß“. Beachten Sie, dass das Pronomen „ihn“ des Satzes “du fandest ihn” ersetzt wird durch „den“. Dieses Relativpronomen kann zurückverweisen auf die Wörter „der Schatz“, und “den du fandest” wird nun zu einer Beschreibung, die uns zusätzliche Information über „den Schatz“ liefert.

Die wahrscheinlichen Quenya-Äquivalente zu diesen Beispielen:

I harma ná alta "der Schatz ist groß"

+ hirnelyes "du fandest ihn"

= i harma ya hirnelyë ná alta "der Schatz, den du fandest, ist groß"

 

Im Deutschen werden die bestimmten Artikel der, die, das auch als Relativpronomen verwendet. Der Quenya-Artikel i könnte diese Funktion auf ähnliche Weise erfüllen. Das wird klar aus Cirions Eid, dessen letzte Worte i enthalten, zuerst als Artikel, dann als Relativpronomen: ...i Eru i or ilyë mahalmar ëa tennoio, "der Eine, der für immer über allen Thronen ist". In der Originalversion dieses Kurses meinte ich, dass, wenn es irgendeinen Unterschied geben würde in der Bedeutung zwischen i und ya als Relativpronomen, dieser folgender sein könnte: i verweist zurück auf eine Person (das Englische verwendet hier "who"),  während ya auf eine Sache oder eine Situation verweist (englisch "which"). Englischsprachige müssen bei dieser Gelegenheit beachten, dass diese Glossare nichts zu tun haben mit den Fragewörtern "who" and "which": Das Wort i kann man nicht für "who" in einer Frage verwenden, wie "who are you?" Das Quenya-Wort für "wer" ist ein ganz anderes (man). Wir Deutschsprachigen werden hiermit kaum Probleme haben, da unsere Fragewörter ebenfalls anders lauten als die Relativpronomen, und zwar „wer“ und „was“. Ein solches Fragewort kann allerdings auch die Funktion von Relativpronomen übernehmen. („das, was...“, „das Haus, welches...“),

Später wurde Material veröffentlicht, das das Bild etwas trübte. In VT42:33 finden wir den Satz lá caritas i hamil mára alasaila ná, den Tolkien übersetzte mit "not to do what you judge good [is] unwise", “nicht zu tun, was du für gut hältst, [ist] unklug“ (hier haben wir so einen Fall, in dem im Deutschen das Fragewort „was“ die Funktion eines Relativpronomens übernimmt). Während i hamil mára hier übersetzt ist mit "what you judge good", “was du für gut hältst, scheint es, dass diese Wendung eher, wörtlicher meint, „das du für gut hältst". Nach der Theorie, an die ich mich angelehnt hatte, hätte ich hier eher ein ya erwartet denn ein i, aber es scheint, dass auch i auf ein Ding oder eine Situation verweisen kann statt auf eine Person.

Eine weitere Interpretation eines möglichen Bedeutungsunterschieds zwischen i und ya als Relativpronomen lautet wie folgt: i wird verwendet, wenn das Relativpronomen das das Subjekt des Relativsatzes darstellt, während ya eingesetzt wird, wenn es das Objekt darstellt. Mit dieser Interpretation könnten wir Sätze bilden wie Elda i tirë Nauco „ein Elb, der einen Zwerg beobachtet“, aber Elda ya tirë Nauco "ein Elb, den ein Zwerg beobachtet " (im Deutschen wird dabei das Pronomen gebeugt und erscheint im Nominativ bzw. im Akkusativ). Doch wie ich vorsichtshalber warnte in der ersten Version dieses Kurses: „Wir brauchen mehr Beispiele, bevor wir zuversichtlich die richtige Interpretation ausmachen können." Es scheint nun, dass zumindest i als Relativpronomen fungieren kann, egal ob es Subjekt oder Objekt des Relativsatzes darstellt. (Subjekt: i Eru i ëa "der Eine, der ist", Objekt: lá caritas i hamil mára... „nicht zu tun [das] was du gut findest"). Wie es nun scheint, gibt es keinen signifikanten Unterschied in der Bedeutung zwischen i und ya, eingesetzt als Relativpronomen. So, wie wir im Deutschen sowohl „das“ als auch „welches“ als Relativpronomen verwenden können (“das Schiff, das ich sah” = “das Schiff, welches ich sah”), so können wir vielleicht auch in Quenya i oder ya verwenden (i cirya i cennen = i cirya ya cennen???)

In einer Hinsicht jedoch sind i und ya offensichtlich nicht austauschbar. Das Wort i ist in Quenya der "indeclinable article 'the'" („unbeugbare Artikel ‚der/die/das’“, Etymologies, Eintrag i). Das heißt, i = "der, die, das" kann nicht dekliniert (gebeugt) werden; es kann nicht irgendwelche Fallendungen erhalten. Wir müssen annehmen, dass dies auch dann noch gilt, wenn i als Relativpronomen „der, die, das, welcher, welche, welches“ fungiert. Doch ya kann in perfekter Weise Fallendungen erhalten, wie angedeutet in dem Beispiel yassen „in denen" im Namárië (die deutsche Übersetzung von Carroux verwendet hier wieder ein Wort, das auch Fragewort sein kann: „worin...“). Die Lokativendung steht im Plural, weil das Relativpronomen auf ein Wort im Plural zurückverweist, tellumar "Hallen"; im Fall einer einzelnen telluma oder „Halle" wäre das zurückverweisende Relativpronomen zum Beispiel im Singular: yassë. Dasselbe mit anderen Hauptwörtern: coa yassë "ein Haus, in dem...", aber Plural coar yassen... "Häuser, in denen...". Im Deutschen gilt dieselbe Regel.

Neben der Form yassen aus dem Namárië haben wir einige weitere Beispiele von ya mit einer Fallendung. Ein frühes elbisches Gedicht von Tolkien enthält die Wörter tanya wende...yar i vilya anta miqilis, übersetzt "that maiden...to whom the air gives kisses" („dieses Mädchen... dem die Luft Küsse gibt“, MC:215, 216). Das ist nicht eben Quenya im HdR-Stil, deshalb lasse ich die Schreibweise so stehen, aber die Form yar „dem“ ist interessant. Das finale -r, das hier an ya angehängt ist, scheint die alte Allativendung zu sein, wie in mir "in hinein"; folglich yar = "dem-zu", "zu dem" oder einfach nur „dem“. Die Beispiele yassen "in den (in die, in das)" und yar "zu dem (zu der, zu dem)" lassen vermuten, dass solche Endungen immer an ya- angehängt werden, wenn ein Relativpronomen Fallendungen braucht. Wir müssen annehmen, dass ya, gebeugt wie ein Hauptwort auf -a, alle Variationen von Fall- und Numerusendungen erhalten kann, so wie in den folgenden Beispielen:

·         DATIV: i nér yan ánen annanya "der Mann, (zu) dem ich mein Geschenk gab", Plural i neri yain... "die Männer,  (zu) denen..." (Die attestierte Form yar “zu dem” kann offensichtlich auch dativähnliche Funktionen annehmen - aber yar ist eigentlich ein archaischer Allativ, und allgemein glaube ich, dass yan, Pl. yain bevorzugt werden sollte.

·         genitiv: i nís yo yondo cennen "die Frau, deren  Sohn ich sah" (wir müssen annehmen, dass ya + Genitivendung -o zu yo werden würden, mit einem wie üblich ersetzten, finalen -a), Plural i nissi yaron... "die Frauen,  deren..." (im Deutschen dieselbe Form wie in der Einzahl, aber nur beim femininen Relativpronomen; bei dem maskulinen z. B. finden wir „der Mann, dessen...“ und „die Männer, deren...“; hinsichtlich einer Form wie yaron, vgl. aldaron als Genitiv Plural von alda "Baum")

·         possessiv: i aran yava malta mapuvan „der König, dessen Gold ich ergreifen werde", Plural i arani yaiva... „die Könige, deren..."

·         ALLATIV: i coa yanna lenden „das Haus, zu dem ich ging / das Haus, zu welchem ich ging", Plural i coar yannar... „die Häuser, zu denen..."

·         ABLATIV: i coa yallo tullen „das Haus, von dem ich kam / das Haus, von welchem ich kam“, Plural i coar yallon [alternativ yallor]... „die Häuser, von denen..."

·         LOKATIV: i coa yassë marin „das Haus, in dem ich lebe / das Haus, in welchem ich lebe / das Haus, worin ich lebe", Plural i coar yassen... „die Häuser, in denen..."

Im Nominativ Singular wird natürlich einfach die Form ya eingesetzt: i parma ya etécien, „das Buch, das ich geschrieben habe". Es kann sein, dass es zu yar wird (mit der Pluralendung -r), wenn es auf ein Pluralwort zurückverweist: i parmar yar... „die Bücher, die..." (Trennen Sie hier von dem attestierten Relativpronomen yar "zu dem", MC:215, 216; diese Form enthält stattdessen die alte Allativ-Endung -r.) Wo i als Relativpronomen verwendet wird, erhält es keine Pluralendung, da i nicht deklinierbar ist: Eldar i lindar "Ellben, die singen".

Wir haben keine dualen Formen aufgeführt, aber sie wären wahrscheinlich ziemlich regelmäßig: Nominativ yat (z. B.. i peu yat... "die Lippen [Paar], die..."), Dativ yant (z. B. i veru yant... "das [verheiratete] Paar, dem / für das..."), Genitiv yato, Possessiv yatwa (?), Allativ yanta, Ablativ yalto, Lokativ yatsë (z. B. i sambet yanta/yalto/yatsë... "das Zweizimmer-Appartment, zu dem/ von dem / in dem...").

Man sollte beachten, dass in manchen grammatikalischen Zusammenhängen eine Fallendung, die man an ya hätte anhängen können, ohne Verständnisprobleme weggelassen werden kann. Mit einem Wort lómë (lómi-) für “Nacht” können wir wahrscheinlich einen Satz bilden wie lómissë yassë cennenyes „in [der] Nacht in der ich es sah", aber es ist auch zulässig, ya als solches einzusetzen: Lómissë ya cennenyes.

Beachten Sie, dass der Artikel in einem solchen Fall vor dem ersten Hauptwort wohl wegfällt (lómissë in unserem Beispiel); er ist vielleicht ausreichend klargestellt durch den folgenden Relativsatz. Tolkien verwendete ein solches Konstrukt in seiner Quenya-Übersetzung des Ave Maria. Er gab „in der Stunde unseres Todes" frei wieder als „in [der] Stunde, in der wir sterben werden": lúmessë ya firuvammë (VT43:28 – hier ist die Endung für ausschließendes „wir“ immer noch -mmë, später revidiert zu -lmë).

Für gewöhnlich verweist ein Relativpronomen zurück auf ein Hauptwort, so dass der folgende Relativsatz Information über das Hauptwort enthält, siehe die Beispiele oben. Beachten Sie jedoch das Beispiel i carir quettar "jene, die Wörter bilden", zitiert als eine Beschreibung der Elben (WJ:391). I carir quettar für sich genommen ist ein Relativsatz, und wir können ihn sicher einem Hauptwort zuordnen und ihn darauf zurückverweisen lassen, z. B. Eldar i carir quettarElben die Wörter bilden". Aber es sieht so aus, also ob i vor ein Wort gestellt werden kann, um „derjenige, der” auszudrücken (wenn das Verb im Singular steht) oder „jene, die ", „diejenigen, welche " (wenn das Verb im Plural steht, aus der Endung -r ersichtlich). Cirions Eid liefert ein weiteres Beispiel: i hárar mahalmassen mi Númenjene, die auf den Thronen im Westen sitzen". Wir können vielleicht Sätze wie die folgenden bilden:

I túla ná nís „[diejenige,] die gerade kommt ist eine Frau"

I hirner i malta nar alyë „[diejenigen,] die das Gold fanden, sind reich"

Hiruvan i suncer limpenya „Ich werde [diejenigen] finden, die meinen Wein tranken" (Singular ...i suncë limpenya, „[denjenigen,] der meinen Wein trank")

In der ursprünglichen Version dieses Kurses schrieb ich an dieser Stelle:

Wenn ya auch bei solchen Konstrukten verwendet werden kann, und wir richtig liegen mit der Annahme, dass i “der/die/das” den Verweis auf eine Person kennzeichnet, während ya auf eine Sache verweist, dann könnte es einen Unterschied geben in der Bedeutung von z. B. ecénien i túla "Ich habe [den], der kommt, gesehen" zu ecénien ya túla „Ich habe das gesehen, was kommt". Der Satz „Was ich will ist Wein” würde vielleicht übersetzt mit etwas wie ya merin ná limpë ("[das] was ich will ist Wein").

Spätere Veröffentlichungen haben dieses nette kleine Szenario getrübt, denn nun scheint es so, dass i und ya in weiten Bereichen austauschbar sind. In den Übungen unten und den dazugehörigen Lösungen habe ich aber die Unterscheidung aufrecht erhalten, dass ya im unpersönlichen Sinn verwendet wird (für eine Sache), während i sich auf Personen bezieht (außer wenn das Relativpronomen eine Endung erhalten soll; dann muss in jedem Fall ya- eingesetzt werden). Es hätte eine nützliche Unterscheidung sein können, auch wenn Tolkien daran nicht dachte...!

Wortreihenfolge:

Manche Sprachen bevorzugen in Relativsätzen eine bestimmte Wortreihenfolge. Das Deutsche besteht darauf, das Verb an das Ende zu stellen (der Mann, der dort steht). Eine Zeitlang fragte ich mich, ob Quenya ein ähnliches System verwendete; das Verb ëa “ist, existiert" erscheint in Cirions Eid ziemlich am Ende des Relativsatzes: i or ilyë mahalmar ëa tennoio, wörtlich "der über allen Thronen ist für immer". Doch wie wir sehen, ist das Verb nicht ganz am Ende; eine durch und durch „deutsche“ Wortreihenfolge würde „der für immer über allen Thronen ist“ erfordern.

Im Namárië, in dem Relativsatz yassen tintilar i eleni, "worin die Sterne zittern", folgt das Verb in Wirklichkeit unmittelbar nach dem Relativpronomen, wörtlich "in denen zittern die Sterne". Wir könnten davon ausgehen, dass das einfach eine „poetische“ Wortreihenfolge ist, aber Tolkien änderte es für die Prosaversion des Namárië in RGEO:66-67 nicht ab. Macht es irgendeinen Unterschied, weil es ein Relativpronomen mit einer Fallendung ist? Wäre es falsch, yassen i eleni tintilar zu sagen, mit einem dem Verb nicht folgenden, sondern vorangestellten Subjekt? Wir können es nicht sagen. Speziell im Fall von yasse(n), yanna(r), yallo(n) "in/zu/von dem" würde ich unser attestiertes Beispiel imitieren und das Verb unmittelbar dem Relativpronomen folgen lassen: I osto yassë marë i nér „die Stadt, in der der Mann wohnt", i tol yanna círar i ciryar „die Insel, zu der die Schiffe segeln (Verlaufsform)“, i nóri yallon tulir i ohtari „die Länder, aus (von) denen die Krieger kommen ". Darüber hinaus will ich keine handfesten Regeln aufstellen, welche Wortreihenfolge in Quenya-Relativsätzen vorherrschen sollte.