Dritte Person

Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach

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Unklarheiten in der 3. Person

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

Oben haben wir die besitzanzeigende pronominale Endung -rya eingeführt, die “sein” und “ihr” abdeckt. Was ist nun aber die entsprechende Subjektendung, die für „er“ und „sie“ steht?

Da die Endung -lya „dein“ bekanntermaßen mit der Endung -lyë "du" korrespondiert, haben viele, die Nachforschungen betrieben haben, von -rya „ihr“ ausgehend eine nicht attestierte Nachsilbe -ryë für die Subjektendung „sie“ entwickelt. Wenn, wie aus dem Namárië ersichtlich, auf Quenya „du wirst finden“ hiruvalyë heißt, würde „sie wird finden“ dann hiruvaryë lauten. Nancy Martsch verwendet diese extrapolierte Endung -ryë "sie" durchgängig in ihrem Basic Quenya – und es kann gut sein, dass das richtig ist. Nun, wo bekannt ist, dass -rya sowohl „sein“ als auch „ihr“ abdeckt, müssen wir fast annehmen, dass -ryë dann ähnlich sowohl für „er“ als auch  „sie“ steht.

Die Subjektendungen der 3. Person Singular – die Endungen für „er“, „sie“ und „es“ - gehören jedoch zu einem der  Bereiche der Quenya-Pronomentafel, die noch ziemlich im Dunkeln liegen. In Material, das eng verwandt ist mit Fíriel's Song, ist eine Endung für „er“ als -ro zu sehen. Sie erscheint in der Form antaváro "er wird geben", attestiert in der Frage e man antaváro? "was wird er wirklich geben?" (LR:63). Antáva als einfache Zukunftsform „wird geben“ taucht auf derselben Seite auf (und im vollen Text von Fíriel's Song, wie er in LR:72 abgedruckt zu finden ist). Das ist vielleicht nicht gerade Quenya im HdR-Stil; wie wir in Lektion 7 argumentiert haben, sollte die Zukunft von anta- eher antuva lauten an Stelle von antáva, nach dem System, für das sich Tolkien später entschied. Auch so zeigt die Form antaváro sehr schön eine Eigenart der Endung -ro: Aus irgendeinem Grund wird der Vokal, der der Endung unmittelbar vorausgeht, verlängert, antáva wird mit angefügtem -ro zu antaváro (und der ursprünglich lange Vokal von antáva wird verkürzt, um die Form **antáváro zu umgehen: Es könnte sein, dass Quenya unmittelbar vor der Silbe, die die Hauptbetonung erhält, keinen langen Vokal haben kann, außer wenn diese Silbe gleichzeitig die erste Silbe im Wort ist). Sollten wir antaváro aktualisieren zu einer Form wie antuváro, für Quenya im HdR-Stil?

Diese Endung -ro taucht auch in einem Quenya-Gedicht auf, das in MC:220 wiedergegeben ist, dort angehängt an ein paar Verbformen, die die Endung - für die erste Vergangenheit tragen, und wieder ist der Vokal, der -ro vorangeht, verlängert, so dass auf ihn die Betonung fällt. Eines von ihnen ist laustanéro, das ein Verb lausta- "windiges Geräusch machen“ (cf. MC:216) zu sein scheint, + - als Endung für die 1. Vergangenheit + -ro „er" (und „es"?) Die ganze Wendung lautet súru laustanéro, übersetzt mit "the wind rushed" („der Wind rauschte“, wörtlich vielleicht „[der] Wind, der/das [-ro] rauschte"). Da dies eher „Qenya" ist als Quenya im HdR-Stil, sollten wir hier nicht zuviel Gewicht auf Details legen, aber Tolkien scheint eine Endung -ro einzusetzen, die „er" bedeutet (aber auch "es"?), und sie hat die seltsame Kraft, den vorangehenden Vokal zu verlängern. Es wurde vermutet, dass der Vokal in dieser Position eher lang bleibt, da Tolkien ihn sich im Urelbischen lang vorstellte. Wenn ja, sollte der Vokal -i-, der in der Aoristform primitiver Verben zu sehen ist (z. B.. tulin „Ich komme"), nicht verlängert werden, da dieser Vokal niemals lang war (?tuliro statt ?tulíro für „er kommt "). Es ist auch möglich, dass eine solche Verlängerung nur erscheint, wenn -ro an ein Wort angehängt wird, das auf zwei kurzen Silben endet, die für sich alleine aber nicht das ganze Wort darstellen (so dass die neue, lange, vorletzte Silbe die Betonung auf sich ziehen kann: laustanë > laustanéro; ohne die Verlängerung würde die Betonung nach dem Anhängen von -ro auf das -ta- fallen, was zu einer ziemlich unschönen Aussprache führt). Es wäre interessant zu wissen, ob zum Beispiel „er machte“ carnéro wäre oder carnero; Ich tendiere nun zu der Meinung, dass es keine Vokalverlängerung gibt, wenn man -ro an ein Wort dieser Gestalt anhängt.

Woher kommt wohl diese Endung -ro für „er" her, und was ist die Endung für „sie“? Der Eintrag s- in den Etymologies wirft etwas Licht auf das, was Tolkien vorschwebte. Verschiedene elbische Wörter für “er, sie, es” werden dort besprochen. Ein primitives Wort für “er” wird dort zitiert als oder so, „cf. -so inflection of verbs" („vgl. -so Beugung von Verben“) – offensichtlich bedeutet das, dass die urelbische Sprache “er” wohl ausgedrückt hat mit einer an Verben angehängten Endung -so. Dieses -so könnte der Ursprung sein für die Quenya-Endung -ro, denn in Quenya wurde ein -s- zwischen Vokalen normalerweise stimmhaft und damit zu -z-, welches wiederum später zu -r- mutierte (der Laut z ging auf in dem ursprünglichen r). In den Etymologies zitiert Tolkien ein primitives Wort für „sie“ in der Folge mit oder se („vgl. -se Beugung von Verben"). Wenn aus -so eine Quenyaendung -ro für “er” wird, würden wir annehmen, dass -se auf ähnliche Weise zu - (früher -) führte, als eine Endung für „sie“. Dieses - ist vielleicht direkt attestiert in der “Qenya”-Formulierung kirya kalliére, übersetzt „the ship shone" („das Schiff glänzte“, MC:220, 221) – wörtlich „[the] ship, she shone“, „[das] Schiff, sie schien"? Will man aus der Form kalliére ein Quenyawort im HdR-Stil machen, würde das wahrscheinlich mehr erfordern als einfach nur die Schreibweise in calliérë abzuändern, aber man beachte, dass die Endung -, wie -ro, in der vorausgehenden Silbe die Begleitung eines langen Vokals zu bevorzugen scheint. Wieder könnte dies vielleicht nur geschehen, wenn sie angehängt wird an ein Wort, das auf zwei kurze Silben endet (in diesem Fall wahrscheinlich kallië).

Viele Schreiber haben die Endungen -ro = „er“ und - = „sie“ verwendet, somit sollten Quenyastudenten sie sich sicher merken – aber so weit wir eben wissen, sind sie nur attestiert in Material aus der Zeit vor dem Verfassen des HdR. 1994 tauchte schließlich ein winziges Stückchen eines Zeugnisses auf für die Pronomenendungen für „er, sie“, und zwar auf im Hinblick auf Tolkiens Vorstellungen nach dem HdR. In dem Essay Quendi and Eldar notierte Tolkien bei der Behandlung des zeitlosen Verbs equë „sagte, sagt“, dass diese Form, obwohl sie normalerweise keine Endungen erhält, mit bestimmten Pronomenendungen erscheinen kann. Er zitierte zwei Beispiele dafür: equen, übersetzt mit „said I“ („sagte ich“), und auch eques, übersetzt mit „said he / she“ („sagte er / sie“, (WJ:414) oder „said he, said someone“ („sagte er, sagte jemand“, WJ:392). Hier finden wir also eine Endung -s, die beides abdeckt, „er“ und „sie“ (und sogar „jemand“). In der Periode nach dem HdR benutzte Tolkien die Endung -rya nachweislich für sowohl „sein“ als auch „ihr“, es ist also nicht überraschend, dass er sich vielleicht dafür entschied, dass Quenya ebenfalls nur eine Endung sowohl für „er“ als auch „sie“ verwendete (vgl. auch das finnische, geschlechtsneutrale Pronomen hän). Die Endung -s muss also wirklich „es” abdecken, denn sie kann kaum von der Endung -s getrennt gehalten werden, der wir schon an der Position als Objekt begegnet sind - wie in tiruvantes „sie werden es halten" (Cirion's Oath) oder caritalyas „dein es tun“ (VT41:17). Folglich könnte eques wahrscheinlich gleichermaßen „es sagte” und „sie / er sagte” bedeuten. Umgekehrt könnte -s wahrscheinlich auch auf Personen als Objekt verweisen: Vielleicht könnte tiruvantes dann auch „sie werden sie/ihn halten [oder bewachen]“ bedeuten.

Eine Form wie tulis müsste übersetzt werden entweder mit „er kommt“, „sie kommt” oder aber „es kommt“, je nach Kontext. Die Existenz einer solchen Endung widerspricht nicht unbedingt den Verweisen Tolkiens in den  Etymologies auf die primitve „-so Beugung" und „-se Beugung" von Verben: Normalerweise ging das finale kurze -o und -e des Urelbischen in Quenya verloren, folglich könnten primitive Formen wie tuli-so „er kommt“ und tuli-se „sie kommt“ sehr gut verschmelzen zu tulis "er / sie kommt". Wo dabei die längeren, geschlechtsspezifischen Endungen -ro und -aus dem frühen Material bleiben, ist unklar. Tolkien könnte sich vorgestellt haben, dass sie von verschiedenen Endungen mit langen Vokalen abstammen (-und -), finales -ô and -ê wurde in Quenya zu -o und -ë. Vielleicht würden die geschlechtsspezifischen Endungen verwendet, wo die kurze, allgemeine Endung -s „er, sie, es“ für die 3. Person nicht speziell genug ist? Aber es gibt allen Grund anzunehmen, dass Tolkien wiederholt seine Meinung hinsichtlich der Details änderte; wir können nicht einmal die Möglichkeit ausschließen, dass die langen Endungen -ro „er“ und - „sie“ komplett fallengelassen wurden.

Wenn jedenfalls -s die Endung für „er / sie“ ist, wo bleibt dann die nicht attestierte Endung -ryë, die einige Studenten (auf plausible Weise) extrapoliert haben von der besitzanzeigenden Endung -rya „sein, ihr“? Die Endung -ryë könnte nach wie vor gültig sein. Vielleicht wechselt die Endung für „sie, er“ zwischen -s und -ryë, genau wie die Endung für „ich“ erscheinen kann entweder als -n oder als -nyë; die Endung für „du“ wechselt ähnlich zwischen -l (wie in hamil "du urteilst", VT42:33) und -lyë. (Weil die Endungen -s and -ryë einander weniger zu ähneln scheinen als -n vs. -nyë und -l vs. -lyë, sollte man wissen, dass sich -ryë aus dem früheren -sye herleitet: Nach einem Vokal wurde aus der Kombination sy ein zy und dann ry. Vgl. die Etymologies, Eintrag sus; aus dieser Wurzel entwickelte Tolkien das Quenya-Wort surya "Spirans, Reibelaut“, das zu verstehen ist als Herleitung aus susyâ in der Ursprache.) Die längere Endung -ryë würde in erster Linie verwendet, wenn eine zweite pronominale Endung angefügt wird, die das Objekt anzeigt, z. B. tiriryeter / sie beobachtet sie[1]“ – während "er / sie beobachtet“ alleine tiris heißen könnte oder tiriryë, gebräuchlicher aber das erstere. Aber Schreiber, die die nicht belegte Endung -ryë vermeiden wollen, können sich stattdessen für die geschlechtsspezifischen Endungen -ro und - entscheiden, mit einem verbindenden Vokal: tirirot "er beobachtet sie[2]", tiriret "sie beobachtet sie".

In den Übungen unten werden wir aber alle spekulativen Endungen und Konstrukte vermeiden und uns auf die bekannten Fakten konzentrieren, die uns hinsichtlich der 3. Person Singular der Pronomentafel zur Verfügung stehen: In Quenya, wie Tolkien diese Sprache in der Periode nach dem HdR sah, könnte wohl die Endung -s für „er, sie, es“ eingesetzt werden, während -rya „sein“ und „ihr“ abdeckt. (Wir können glaubhaft annehmen, dass -rya auch noch "sein" (sächlich) mit abdeckt: Beachten Sie, dass in der Formulierung ringa súmaryassë „in ihrem kalten Schoß (Inneren)“, die wir weiter oben zitiert haben, tatsächlich auf ein Schiff verwiesen wird, somit scheint „sein Inneres“ eine gleichermaßen saubere Übersetzung. Die langen Endungen -ro und - werden in den Übungen oder Lösungen nicht verwendet, da ihr Status im Quenya im Stil des HdR etwas unsicher ist (was nicht notwendigerweise bedeutet, dass ich Schreiber entmutigen will, sie zu verwenden).


[1] „sie“ als 3. Person Plural

[2] „sie“ als 3. Person Plural