Der Lokativ

Autor: Helge Fauskanger - Übs. B. Raßbach

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Der Lokativ 

Blau geschriebene Abschnitte sind abgeändert, um sie an die deutsche Grammatik anzupassen!

In Verbindung mit den Formen mir, minna "in (hinein)" haben wir auf die Quenya-Präposition mi "in" verwiesen, die manchmal mit dem bestimmten Artikel kombiniert wird zu der Form (mi + i =) "in den/die/das". Sie taucht im Namárië auf, in der Wendung mí oromardi, übersetzt mit "in the high halls" (“in den hohen Hallen”, so zumindest in RGEO:66 – der Text in im HdR enthält mi mit einem kurzen Vokal, obwohl das ein einfaches "in" sein sollte ohne Artikel, und tatsächlich lautet die Übersetzung in LotR einfach "in lofty halls", „in hohen Hallen“).

Doch Quenya kommt oft ohne Präpositionen aus und benutzt statt dessen spezielle Fallformen, so wie normalerweise „zu, auf ... zu“ mit der Allativendung -nna ausgedrückt wird, während „von“ normalerweise mit Hilfe der Ablativendung -llo gebildet wird – obwohl Quenya eigenständige Präpositionen hat, die denselben Inhalt ausdrücken könnten. Es sollte also keine Überraschung sein, dass Quenya, statt Präpositionen wie mi zu verwenden, oft eine spezielle Fallform bevorzugt, um die Bedeutung von “in” (oder „auf“) auszudrücken. Der relevante Fall wird Lokativ genannt, gekennzeichnet durch die Endung -ssë (vielleicht angeregt durch die finnische Endung -ssa, -ssä mit ähnlicher Bedeutung). Zum Beispiel kann „in einem Haus“ ausgedrückt werden mit coassë, "in dem Haus“ könnte i coassë heißen, "in meinem Haus" wäre coanyassë etc. (Natürlich wandert die Betonung zu dem Vokal, der der Fallendung unmittelbar vorausgeht, da die Endung mit einer Konsonantenhäufung beginnt.) Der Lokativ kann auf einen „Ort“ in der Zeit verweisen ebenso gut wie im Raum: In einer frühen Version des Grußes „Ein Stern scheint auf die Stunde unserer Begegnung" ließ Tolkien das Hauptwort lúmë "Stunde" im Lokativ erscheinen (lúmessë, RS:324).

ANMERKUNG 1: Studenten sollten beachten, dass die Endung -ssë nicht immer, wo sie auftaucht, einen Lokativ-Marker darstellt, mit der Bedeutung "in" oder "auf". Manchmal fungiert -ssë als abstrakte Endung. Wir haben schon das Hauptwort alassë "Freude, Spaß" eingeführt. Entulessë ist attestiert als Name für ein Schiff, von dem es heißt, es bedeute "Wiederkehr" (UT:171; entul- wäre das Verb "zurück-kommen"). Caimassë könnte der Lokativ sein von caima "Bett", aber caimassë wird auch als Hauptwort "im Bett liegend" = "Krankheit" verwendet, und das ist auch die Basis des Adjektivs caimassëa "bettlägerig, krank" (Etym., Eintrag kay). Manchmal ist -ssë als Hauptwortendung nicht abstrakt, aber man kann beobachten, dass es auch dann den Begriffsinhalt von Lokalität zeigt, den es hat, wenn es als Lokativendung eingesetzt wird: Das Hauptwort aicassë "Bergspitze" ist abgeleitet von dem Adjektiv aica "scharf", damit verweist der Ausdruck aicassë im Grunde auf eine Art 'scharfen Ort'. Die Endung -ssë taucht auch im Namen einer Reihe von Monaten im elbischen Kalender auf, aufgelistet im HdR, Anhang D: Víressë und Lótessë, annähernd April und Mai entsprechend. Die Bedeutung des Wortes Víressë ist unsicher, aber Lótessë hat mit Sicherheit zu tun mit lótë "Blume", und scheint im wesentlichen "In Blumen zu bedeuten", eine passende Beschreibung des Monats Mai. – Ob die Lokativendung -ssë an ein Hauptwort angehängt werden könnte oder sollte, das bereits auf -ssë endet, ist ungewiss. Lótessessë scheint eine ziemlich schwerfällige Art zu sein, um „im Mai“ auszurücken, und aicassessë für "auf einer Bergspitze" ist nicht viel besser. Statt die Lokativendung an Hauptwörter dieser Gestalt anzuhängen, wäre es wohl besser, die Präposition mi "in" zu verwenden: Mi Lótessë, mi aicassë. Aber in der Plotz Deklination scheint Tolkien anzuzeigen, dass lassessë eine akzeptable Lokativform von lassë "Blatt" sei. Die Präposition mi wäre aber in jedem Fall eine gültige Alternative zu der Endung.

ANMERKUNG 2: Wie wir uns erinnern, zeigt der Allativ auf -nna nicht immer Bewegung auf etwas zu an, sondern kann auch die Vorstellung von “auf, über” ausdrücken. In manchen Kontexten wäre es vielleicht zulässig, den Lokativ oder den Allativ zu verwenden, mit dem Ergebnis so ziemlich derselben Bedeutung (caitan caimanyassë = "Ich liege in meinem Bett" / caitan caimanyanna "Ich liege auf meinem Bett"). Doch Tolkien übersetzte manchmal einen Quenya-Lokativ mit der englischen Präposition "upon". Ein Beispiel dafür ist ciryassë "upon a ship" (MC:216, dort kiryasse geschrieben); vgl. auch mahalmassen unten.

Im Plural wird die einfache Lokativendung -ssë mit demselben Pluralelement -n erweitert, das man auch in den Pluralformen der Genitiv- (-on) und Ablativendung (-llon) sieht. Folglich enden die Lokative im Plural auf -ssen. Der Lokativ Plural von mahalma "Thron" taucht in Cirions Eid auf, wo auf die Valar Bezug genommen wird als i hárar mahalmassen mi Númen, "jene, die auf [den] Thronen im Westen sitzen".

 Die duale Lokativendung wird gebildet durch Einsetzen des dualen Elements t für das erste s der Endung -ssë. Die resultierende Endung -tsë ist in keiner wirklichen Quenya-Komposition Tolkiens attestiert, aber er listete sie im Plotz Letter auf, also können wir wohl Formen bilden wie sambetsë "in einem Zwei-Zimmer-Appartement" oder ciryanyatsë "auf meinen [zwei Schwester-] Schiffen". (Man kann diese Wörter ansehen als die einfachsten Dualformen sambet, ciryanyat mit der angehängten Lokativendung -ssë, vereinfacht zu -së, um die unmögliche Kombination **-tssë zu vermeiden).

Natürlich können Endungen wie -ssë, -ssen, -tsë nie direkt an ein Hauptwort angehängt werden, das auf einen Konsonanten endet, ohne unmögliche Konsonantenhäufungen hervorzubringen. In der Originalversion dieses Kurses schrieb ich dazu:

Da uns attestierte Beispiele fehlen, können wir nur annehmen, dass verbindende Vokale eingefügt werden, nach denselben Regeln, die wir bei Allativ und Ablativ erkennen können: -e- wird in der Einzahl als verbindender Vokal verwendet, während die Pluralformen ein -i- aufweisen, also wahrscheinlich elenessë "in einem Stern", elenissen "in Sternen". Der Dual „in einem Sternenpaar” könnte den Vokal -e- (?elenetsë) bevorzugen. Kontrahierte Formen könnten auch auftauchen, z. B. elessë für elen-ssë. Die Himmelsrichtungen Formen, Hyarmen, Númen, Rómen = Norden, Süden, Westen, Osten würden ihr finales -n im Lokativ fast sicher aufgeben, wie sie es auch im Allativ und Ablativ tun. Also heißt wahrscheinlich Formessë "im Norden", usw. Fíriel's Song enthält Númessier für "sie sind im Westen". Diese fremdartige Form scheint die Endung - "ist", Pl. -ier "(sie) sind" zu enthalten, die Tolkien wahrscheinlich später fallen ließ. Auch so muss in jedem Fall ein zugrunde liegender Lokativ Númessë "im Westen" angenommen werden. Da das Hauptwort Númen "Westen" auch in der kürzeren Form Númë auftaucht, können wir nicht sicher sein, dass hier ein finales -n fallen gelassen wurde, doch diese Form des Lokativ könnte dieselbe sein.

(Ende des Zitats.) Seit ich das schrieb, tauchte ein neues, relevantes Zeugnis auf. Cemessë "on earth" (“auf (der) Erde”; VT43:16) als ein Lokativ von cemen "Erde" könnte als sicheres Beispiel dafür betrachtet werden, dass ein finales -n vor der Endung -ssë wegfällt. Doch cemessë könnte auch als aus cemen-së entwickelt betrachtet werden, mit einer kürzeren Version der Lokativendung, ns wird in diesem Fall durch Assimilation zu ss. In verschiedenen Entwürfen für eine Quenya-Version des Vaterunser sieht man Tolkien mit der Frage kämpfen, wie die Lokative von menel "Himmel" und cemen "Erde" aussehen sollten. In einer Version findet man menelzë und cemenzë, mit der Lokativendung -ssë zu - verkürzt und, bedingt durch den Konkakt mit den vorangehenden stimmhaften Konsonanten l, n, stimmhaft gemacht (-) (VT43:9). Formen wie menelzë, cemenzë können aber nicht zu der Art Quenya gehören, wie es in Mittelerde im Dritten Zeitalter Anwendung fand; im Anhang E zum HdR erfahren wir, dass der z-Laut im zeitgenössischen Quenya nicht auftaucht ("the z-sound did not occur in contemporary Quenya"). Tolkien verblieb möglicherweise bei den Formen meneldë and cemendë (VT43:11, 12), wobei er offensichtlich eine Entwicklung von ls > lz > ld und ähnlich ns > nz > nd suggerierte. (Ob damit die Form cemessë als überholt betrachtet werden muss, die stattdessen eine Entwicklung von ns > ss zugrunde legt, ist natürlich unklar.) Hauptwörter, die auf die Konsonanten -l und -n enden, könnten also Lokative auf - bilden (im Plural wahrscheinlich -den, der Singularendung -ssen entsprechend). Hauptwörter auf -s und -t könnten einfach Lokative auf - bilden (vergleichen Sie den dualen Lokativ auf -tsë, der einfach die duale Endung -t + verkürzte Lokativendung - darstellt). Nach der Lautlehre erwarten wir von Wörtern auf -r, dass sie Lokative auf -ssë bilden (z. B. Ambassë als Lokativ von Ambar "Welt"), denn die Gruppe rs wurde geschichtlich zu ss (zum Beispiel heißt es von dem Namen Nessa, er sei abgeleitet von neresâ, offensichtlich über eine Zwischenform nersâ: WJ:416).

Doch scheint es auch ein sehr viel einfacheres System zu geben: man kann die volle Endung -ssë „überall" verwenden und einen verbindenden Vokal -e- davor einfügen, wenn es sonst einem Vokal folgen würde. In einer der Versionen des Vaterunser übersetzte Tolkien in der Wendung „unser Vater im Himmel" „im Himmel" mit der adjektivischen Form menelessëa, die eindeutig auf menelessë als noch einer weiteren Form des Lokativs von menel beruht (VT43:9, 13). Dieser Gebrauch von -e- als verbindenden Vokal vor -ssë entspricht einer meiner Vermutungen in der Originalversion dieses Kurses. So könnte es für den Lokativ eines Hauptworts wie elen "Stern" mindestens drei mehr oder weniger nebeneinander gültige Alternativen geben: elessë (den finalen Vokal vor der Endung -ssë fallenlassend, oder -ssë kann hier betrachtet werden als assimiliert aus -nsë), elenessë (mit einem verbindenden -e- vor der Lokativ-Endung, im Plural wahrscheinlich -i-) oder elendë (mit der Endung - für das ältere -, wiederum aus -). Schreiber mögen ihre Wahl treffen, aber allgemein sollte eine der letzten beiden Alternativen die wahrscheinlich beste Lösung sein. Um der Klarheit willen sollte die Lokativform eines Hauptwortes wie Ambar wahrscheinlich eher Ambaressë heißen als (Ambar-së >) Ambassë, das ebenso gut aus einem Hauptwort **Amba gebildet sein könnte.

Würden Hauptwörter mit Dualformen auf -u ihre dualen Lokative auch auf -tsë bilden, oder taucht diese Endung nur auf, wenn wir es mit Hauptwörten zu tun haben, deren Dual Nominativ auf -t endet? Wir könnten uns sehr gut fragen, wie denn der Lokativ von Aldu "Zwei Bäume" heißen könnte. Aldussë mit der einfachsten Endung -ssë, weil das Duale schon ausreichend mit dem -u ausgedrückt ist? Aldatsë, gebildet aus der ungebeugten Form alda? Aldutsë mit doppeltem Dualmarker, -u und -t-? Ich persönlich neige zu Aldussë, aber ich würde gerne ein von Tolkien stammendes Beispiel sehen.

Die Lokativendungen können natürlich kombiniert werden mit besitzanzeigenden pronominalen Endungen, wie jede andere Fallendung auch, die wir besprochen haben. Das Markirya Poem enthält ringa súmaryassë für "in ihrem kalten Schoß" (ringa "kalt", súma "Schoß, Inneres"; letzteres verweist auf den "Schoß", das „Innere“ eines Schiffes).